Interkultureller Humanismus

in Welt(innen)politik, Weltwirtschaft und Weltkultur

vorgelegt von Björn Andres

1. Paradigma

Am 8. März 1998 um 3.59 MEZ Uhr meldet die Nachrichtenagentur Reuters den Vorwurf des türkischen Ministerpräsidenten Mesut Yilmaz der Medienwelt. Während seines Besuchs in Bulgarien wirft Yilmaz der deutschen Bundesregierung vor sie trage zu einer Entwicklung der Europäischen Union (EU) bei, hin zu einem "christlichen Club ..., indem sie die moslemische Türkei ausschließe". - Bereits wenige Stunden darauf rufen die Berichte der Massenmedien bei vielen Deutschen Verärgerung und eine ablehnende Haltung gegenüber der Türkei hervor. -

2. Paradigma

Einen Monat später berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner Titelstory von einem "Boom des Buddhismus" in den westlichen Staaten der Erde, ausgelöst durch den Erfolg des Kinofilms "Sieben Jahre in Tibet". Unternehmer und Schauspieler bekennen sich (sehr medienwirksam!) zur buddhistischen Lehre und Bemühen seine Heiligkeit, den 14. Dalai Lama, wegen einer Privataudienz. -

Die beiden Beispiele zeigen, daß Interkulturalität stattfindet. Nicht irgendwo, nicht irgendwann, sondern hier und jetzt. Die Beispiele zeigen aber auch, wie unbeholfen die Menschen (hier insbesondere der westlichen Kultur) den hohen Anforderungen des Phänomens Interkulturalität gegenüberstehen: Die Ansprüche, die eine fremde Kultur an uns stellt, lehnen wir ab, während wir ihre Annehmlichkeiten dankbar ausschlachten. Beides erinnert an den Umgang mit den afrikanischen Staaten im Kolonialismus.

Jede Bemühung um einen interkulturellen Humanismus hat zum Ziel, das Bedürfnis der Menschen nach menschenwürdigem Umgang zu gewährleisten, unter den Bedingungen einer Welt, in der die Weltkulturen durch weltpolitische, weltwirtschaftliche und besonders auch weltökologische Probleme immer intensiver und extensiver miteinander konfrontiert werden.

Das Bedürfnis der Menschen nach menschenwürdigem Umgang läßt auch den interkulturellen Humanismus notwendig werden, denn ohne ein gemeinsames Ethos droht der von Samuel P. Huntington in seinem gleichnamigen Buch erörterte "Clash of the civilisations".

Das geschilderte Bedürfnis wird auch von Hans Küng im Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Buch "Ja zum Weltethos" formuliert: "Um des friedlichen Zusammenlebens der Menschheit willen, und zwar auf lokaler Ebene (in zahllosen 'multikulturellen' und 'multireligiösen' Städten) wie globaler Ebene (im Zeichen von Weltkommunikation, Weltwirtschaft, Weltökologie und Weltpolitik), ist die Besinnung auf das allen Menschen Gemeinsame im Ethos mehr den je geboten."

Der im Titel dieser Arbeit und in der Einleitung verwendete Begriff des Humanismus wird unter anderem definiert von Frank Geerk, in der Einführung zu seinem Buch "Kongreß der Weltweisen".

Humanismus bedeutet einerseits eine geistesgeschichtliche Bewegung mit Ursprung im Europa des späten Mittelalters, wo der humanistische Gedanke als stetig anwachsende Kraft gegen die Inquisition und die damit einher gehenden Grausamkeiten der Folter sowie der Hexenverbrennung wirkt. Andererseits bedeutet Humanismus eine "Geisteshaltung, das Streben nach echter Menschlichkeit, nach edlem, menschenwürdigen Denken und Handeln".

Frank Geerk stellt in seinem Buch darüber hinaus fest, daß Humanismus im Sinne der obigen Definition in "allen lebendigen Religionen", in "den Grundlagen aller beispielgebenden Philosophien" und auch im "Empfinden und Verhalten der sogenannten Naturvölker" aufzufinden ist.

Ich persönlich finde besonders die daraus induktiv abzuleitende Vermutung interessant, daß humanes Denken und Handeln, ebenso wie die Gefühlsregung, die den Menschen zur Menschlichkeit drängen kann, möglicherweise universell menschlich sind, also unabhängig von Religion, Kultur, Rasse, Zeit oder Volk.

Das dritte philosophische Gastmahl im Hause von Saraswati Albano-Müller, unter der Leitung von Prof. Vittorio Hösle, habe ich nutzen können um zumindest zwei ausführliche Lösungsansätze zu dieser philosophischen Fragestellung zu bekommen.

1. Lösungsansatz

Prof. Vittorio Hösle sieht den menschlichen Geist als Konsequenz eines Sittengesetzes, aus welchem demnach auch der Humanismus des Menschen erst hervor geht. Ein solches Sittengesetz müsse also vom ontologischen Zustand eines Naturgesetzes sein. Gesetze, die den Humanismus beschreiben, wie Immanuel Kants kategorischer Imperativ sind demzufolge entdeckt und nicht vom Menschen, mehr oder weniger willkürlich, formuliert worden. Insbesondere betont Hösle, daß er sich dagegen wehrt, Sittengesetze als bloße Entscheidungen des vernünftigen Menschen anzusehen, die sich dieser als Regeln selbst auferlegt um sie zu befolgen.

2. Lösungsansatz

Dr. Rolf Elberfeld, wie auch Dr. Arnold Ibing gehen demgegenüber von einem fundamentalen Status des Wertesystems jedes Menschen aus. Das sittliche, moralische, also mit anderen Worten das humane Handeln des Menschen ist demnach eine Verhaltensweise, die von Normen (Regeln) bestimmt ist, die ihre Begründung in den Werten des Menschen finden und nicht auf einem universellen Gesetz beruhen. Als Beispiel mag ein Mensch dienen, der den Wert des menschlichen Lebens hegt. Daraus resultiert für ihn eine Norm, nämlich: "Du sollst nicht töten!". Die wiederum ist Grundlage für seine Verhaltensweise, daß er sein Geld tatsächlich eher als Diplomat als als Söldner verdienen wird.

Über die Werte, die Grundlage für humanistische Normen sind, scheint weitgehend Konsens zu herrschen, weil ein beträchtlicher Anteil der Menschengruppen auf der Erde im Grunde eine Situation anstrebt, die dem Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Dennoch besteht kein vollständiger Konsens bezüglich des Ziels Humanismus. Die Medien präsentieren tagtäglich konträre Verhaltensweisen von Menschengruppen, wie Massaker, Unterwerfungskriege oder Versuche systematisch Menschengruppen auszurotten oder zu verdrängen (Kurdenproblem). Trotzdem also nur von einem weitgehenden Konsens ausgegangen werden kann, ist es dennoch erstaunlich, daß überhaupt ein weltumspannender (weitgehender) Konsens herrscht! Im Grunde sehnt sich der Mensch nach einer humanistischen Welt. Sucht man nach einer Erklärung, so spielen die Hochkulturen und Weltreligionen eine gewichtige Rolle, weil sie dem Menschen stets Wertevermittler waren und sind.

Welcher Erklärung man sich auch anschließt oder ob man eine eigene entwickelt, ist letztendlich weniger bedeutsam als die Tatsache, daß im Humanismus die Chance liegt, zu einem friedlichen Miteinander und Nebeneinander der Weltkulturen zu gelangen. Der Humanismus ist der Gegenpol zu Kriegen, im Namen fundamentalistischer Ideologien, in denen die Krieg führenden Parteien den absoluten Wahrheitsanspruch in zweierlei Auslegung stellen: 1. Die eigene Ideologie ist die einzig wahre und 2. Die andere ist also falsch und muß bekämpft werden. Die praktische Bedeutung des Humanismus betont auch Prof. Hassan Hanafi in seinem Vortrag im Rahmen des philosophischen Gastmals zum Thema "Theorie und Praxis eines interkulturellen Humanismus".

Im Rahmen des Philosophieunterrichtes beschäftigten wir uns mit zwei Ansätzen zur Verankerung eines interkulturellen Humanismus, nämlich mit der Weltethoserklärung, initiiert von Hans Küng sowie der Menschenpflichtserklärung, den vereinigten Nationen als Vorschlag vorgelegt vom InterAction Council.

Beide Erklärungen gehen von einer sehr kritischen Weltlage aus, die geprägt ist vom unerhörten Mißbrauch der Ökosysteme, von Armut und Hunger, wirtschaftlicher Ungleichheit im Nord-Süd-Vergleich, sozialer Unordnung, Mißachtung der Gerechtigkeit, Anarchie, Gewalt, Aggression und Hass. Das exklusive Bestehen auf Recht und die Vernachlässigung der Pflichten haben Konflikt, Spaltung und endlosen Streit zur Folge und führen zur Gesetzlosigkeit und Chaos.

Die Erklärungen sind Instanzen des angewandten Humanismus, sie haben ein weltweites, menschenwürdiges Leben zum Ziel, fordern daher aber gleichzeitig von jedem einzelnen, daß er seine eigene unabweisbare Verantwortung für das was er tut und nicht tut wahrnehme. Vergleichbares findet sich bei Erich Fromm, der hier als Vertreter einer humanistischen Psychologie angeführt werden mag, in seinem Bestseller "Die Kunst des Liebens". Er nennt die Verantwortung als eine unabdingbare Tugend, die dem Liebenden abverlangt wird, wenn er die Verbundenheit mit seinem Partner erlangen will. Fromm meint damit, meiner Meinung nach, mehr als die Verantwortung für das eigene Handeln. Die Verantwortung des Liebenden geht insofern über das eigene Tun hinaus, als dass er auch für die ihm gewahr werdenden Umstände einer Beziehung Verantwortung trägt. Es ist ihm geboten Schande stets abzuwenden und Glück zu fördern, dort, wo es in seiner Macht steht. Im Vergleich dazu formuliert die Menschenpflichtserklärung diese Form der Verantwortung auf interkultureller Ebene: Es heißt, daß es die Pflicht jedes Menschen sei, Gutes zu Fördern und Böses zu meiden, dort wo es in seiner Macht steht.

In den Erklärungen werden übereinstimmende Werte, die jederzeit für alle Menschen und Institutionen gelten, als Grundlage für einen interkulturellen Humanismus genannt. Der Verweis auf die Erörterungen von Dr. Rolf Elberfeld und Dr. Arnold Ibing bezüglich des grundlegenden Charakters des menschlichen Wertesystems im Humanismus ist offensichtlich. Das Weltethos baut auf der Tatsache, daß in den Lehren der Weltreligionen der erforderliche gemeinsame Konsens von Kernwerten besteht. Auch das spricht für die Plausibilität der Ausführungen der beiden genannten Denker.

In der Einleitung der Weltethoserklärung sowie in der Präambel der Menschenpflichtserklärung werden Aussagen über die praktische interkulturelle Humanisierung des menschlichen Wertesystems gemacht: Eine Veränderung auf globaler Ebene sei nicht machbar, wenn nicht die innere Einstellung, die ganze Mentalität, eben das Herz eines Menschen verändert werde um ihn zu einer Umkehr von einem falschen Weg zu einer neuen Lebenseinstellung zu bewegen. Ein solcher Bewußtseinswandel wird beispielsweise auch von den Verfassern der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" für eine ökologische Reform gefordert. Alle Menschen haben nach bestem Wissen und Vermögen eine Verantwortung, sowohl vor Ort als auch global eine bessere Gesellschaftsordnung zu fördern. Dies kann mit Gesetzen, Vorschriften und Konventionen allein nicht erreicht werden.

Weltethoserklärung und Menschenpflichtserklärung sind keine direkten Lösungen für all die immensen Weltprobleme, wohl aber die moralische Grundlage für eine bessere individuelle und globale Ordnung. Die allgemeine Erklärung der Menschenpflichten ist ein gemeinsamer Maßstab für alle Völker und Nationen mit dem Ziel, daß jedes Individuum und jede gesellschaftliche Einrichtung dieser Erklärung nachkommt.

In den beiden Erklärungen ist das humanistisches Selbstverständnis einer zukünftigen Weltordnung verankert. Jede Nation, jedes Individuum, wird (das ist zu hoffen) nach den Maßstäben einer aus den Erklärungen zu entwickelnden Weltordnung beurteilt, verurteilt und gerichtet werden. Die Anpassung an die Gebote der Weltordnung gilt dann als selbstverständlich, ihre Verletzung wird geächtet.

Auf nationaler Ebene gibt es Indizien, die belegen, daß eine Weltordnung durchaus funktionieren kann: Im Rahmen des Unterricht in Sozialwissenschaft bei Frau Künzel habe ich kennen gelernt, daß das "unanfechtbare Selbstverständnis der Verfassung der BRD" in den Artikeln 1 und 20 des Grundgesetzes zu der "freiheitlich demokratischen Grundordnung" (FdGo) verankert ist. Generalisiert man die Elemente der FdGo so gelangt man zu folgenden darin gesicherten Prinzipien:

Menschenrechte, Verantwortlichkeit der Regierung, Pluralismusprinzip, Demokratieprinzip, Rechtsstaatsprinzip, Oppositionsrecht.

Wenn in Deutschland eine Partei gegen die FdGo agiert oder in ihrer inneren Ordnung undemokratisch ist, kann sie verboten werden, weil sie Verfassungswidrig ist.

Analog dazu ist auch eine "humanistisch interkulturelle Weltordnung" denkbar, die das humanistisch interkulturelle Selbstverständnis der Weltordnung beschreibt. Anhand der Menschenpflichtserklärung und der Weltethoserklärung lassen sich auch die unanfechtbaren Prinzipien einer zukünftigen Weltordnung herausstellen: Die Menschenrechte können direkt aus der FdGo übernommen werden. Die Verantwortlichkeit der Regierung wird ersetzt durch die Verantwortlichkeit der Regierungen der Einzelnationen, das Pluralismusprinzip durch den Pluralismus der Ideologien und Staatsformen (Interkulturalitätsaspekt). Das Demokratieprinzip wird auf internationaler Ebene ersetzt durch das Föderationsprinzip. Mitglieder der Weltföderation sind die einzelnen Staaten. Das Rechtsstaatsprinzip kann ebenfalls in der Form übernommen werden, daß die Verfassung jeder Einzelnation im Sinne einer Weltordnung gesetzmäßig sein muß. Ein Oppositionsrecht auf internationaler Ebene ist ebenfalls vorstellbar.

Wenn auf der Welt eine Nation gegen die humanistisch interkulturelle Weltordnung agiert oder wenn sie selbst inhuman oder fundamentalistisch strukturiert ist, könne von der Weltgemeinschaft gegen sie Sanktionen erhoben werden.

Ich wünsche mir sehr, daß, aufgrund einer so positiven Aussicht, die Menschenpflichtserklärung, trotz der Bedingungen des Vetorechtes von fünf Nationen, von der UN verabschiedet wird. Darüber hinaus möge die Weltethoserklärung dazu beitragen, daß besonders auch religiöse Menschen in den Werten ihrer Religionen den Humanismus erkennen, den die meisten Menschen sich wünschen. Geschieht dies, so wird in meinen Augen die Erkenntnis dazu beitragen, daß religiöse Fundamentalisten von ihrem Fundamentalismus abtreten, ohne auch von ihrem Glauben abzutreten. So kann das Weltethos zu einer toleranteren Haltung der Menschen im Zeitalter der Annäherung der Kulturen beitragen.

Es ist mehr als eine theoretische Frage, die Frage: "Warum soll ich mich überhaupt zum interkulturellem Humanismus bekennen?". Sie ist deshalb eine besonders wichtige Frage, weil sie von höchst zukunftskritischer Bedeutung ist, denn viele einflußreiche Menschen werden sich diese Frage stellen und deren Entscheidungen wiederum prägen das zukünftige Bild der Erde. Was passiert, wenn ein einflußreicher Politiker sich mit all seiner Macht für einen interkulturellen Humanismus einsetzt, präsentiert die Geschichte anhand des ehemaligen russischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow. Er selbst beschreibt seine Geisteshaltung, die zum Ende des kalten Krieges führte, in seinem Buch "Das neue Denken".

Ich selbst habe im Gespräch mit Dr. Rolf Elberfeld, im Rahmen des philosophischen Gastmals zum Thema "Die Begründung ethischer Normen", einen philosophischen Ansatz kennen gelernt, der meine Position zu der Frage sehr gut theoretisch beschreibt. Es handelt sich dabei um das ästhetische Argument. Das ästhetische Argument ist ein in der westlichen Kultur ungebräuchlicher Weg zur Begründung einer These. Salopp bedeutet das ästhetische Argument: Das und das ist richtig, weil es schön ist. Schön bedeutet einen ästhetischen Wert.

Ich ordne einem Leben, das auch in einer Welt mit intensiver und extensiver Interkulturalität humanistische Bedingungen ermöglicht einen ästhetischen Wert zu. Ich stelle mir ein solches Leben eben schöner vor als eines in einer monoideologisierten Welt, deren Ideologie im gewaltsamen Kampf der Kulturen bestehen konnte.

Deshalb bekenne ich mich zum interkulturellen Humanismus.

 

Humanismus ist unter den Religionen,
Konfessionen, Weltanschauungen und
sonstigen geistigen Rückbindungen
diejenige ethische Orientierung, deren
Name bereits den direkten Weg und das
eigentliche Ziel sinnvollen Handelns enthält,
deren Maßstäbe real, plausibel und
wissenschaftlich haltbar zu begründen sind.

 
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Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
12/1999
 


 
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Aktualisiert am 08.07.02