Er war immer dabei

Beten ist selten geworden, beinahe ein Tabu. Unser Autor
erzählt, warum er es früher konnte und jetzt nicht mehr

  Von Christian Nürnberger
 

Als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter, eine einfache Bäuerin, drei Sorten von Geschichten erzählt: unwahre, halb wahre und wahre. Die unwahren, das waren die Märchen. Sagen und Legenden zählten zu den halb wahren, und die biblischen Geschichten, die konnte man glauben, denn das in ihnen Berichtete war wirklich passiert.

Ich habe wirklich geglaubt, dass Jesus übers Wasser laufen konnte. Ich habe geglaubt, dass er den Sturm gestillt, Kranke geheilt, Wasser in Wein verwandelt und Tote auferweckt hat.

Auch mir wurde erzählt: Der liebe Gott sieht alles. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Müttern, die ihren Kindern damit ein Straf- und Aufpasser-Gottesbild einpflanzten, hat meine Mutter gesagt: Er muss alles sehen, damit er dich beschützen kann. Er sieht dann zwar auch, was du alles anstellst. Aber erstens vergibt er dir, wenn du es hinterher bereust, und zweitens kann er bei kleinen Jungs auch mal fünfe gerade sein lassen. Kinder müssen lernen, und am meisten lernt man aus Fehlern. Weil aber Kinder so viele Fehler machen, ja machen sollen, sind sie immer gefährdet, und deshalb muss der liebe Gott besonders gut auf sie aufpassen.

Der liebe Gott war mir daher tatsächlich ein lieber Gott. Er war kein Kontrolleur, kein Angstmacher, sondern ein Beschützer, mit dem ich ständig in Kontakt stand und wortlos betend alles besprach, was es zu besprechen gab. Ich betete nicht nur für mich, sondern für alles: für Hungernde und für Erdbebenopfer, für meinen Freund, der sich in der Schule so schwer tat, für meine Fußballmannschaft, den FSV Schönberg, und einmal betete ich auch, der liebe Gott möge den Dorfmetzger vom Blitz erschlagen lassen, weil dieser immer unsere Schweine und Kälber abholte, um sie zu schlachten. Als der Vater eines Freundes wegen eines Herzinfarktes mit dem Leben rang, betete ich lange und ausdauernd. Erfolgreich. Der Mann blieb noch viele Jahre fröhlich am Leben, und immer, wenn ich ihm begegnete, dachte ich bei mir: Wenn du wüsstest, wem du das zu verdanken hast.

Natürlich bat ich Gott auch, wenn ich etwas ausgefressen hatte, ich möge nicht erwischt werden; verbunden natürlich mit dem Versprechen, es nie wieder zu tun. Meistens war der liebe Gott auf meiner Seite. Dass er es nicht immer sein konnte, dafür hatte ich Verständnis.

Viele Jahre lang war ich mir ganz sicher: Gott kennt jeden Erdenwurm persönlich und darum auch mich. Jesus hat es doch selbst gesagt: Kein Spatz wird von Gott vergessen, und die Haare auf meinem Kopf sind gezählt. Weil ich dieser Zusage glaubte, war ich ein vor Selbstbewusstsein strotzendes Kind. Und weil ich wusste, dass Gott immer dabei ist, kannte ich als Kind keine Angst. Furcht in konkreten Situationen schon, aber auch dann sagte ich mir: Du musst dich jetzt gar nicht besonders fürchten, denn entweder haut dich der liebe Gott hier raus, oder er braucht dich im Himmel, dann musst du halt jetzt sterben, das wird schon so schlimm nicht werden.

Einen Keiler, dem ich einmal allein im Wald begegnet bin und der bedrohlich auf mich zukam, habe ich nach einem kurzen Stoßgebet zum Himmel furchtlos mit einem Prügel vertrieben. Kläffende Hunde, die wütend auf mich zuschossen, brachte ich mit lautem Gebrüll, aber vor allem furchtlosem Auftreten zum Rückzug. Ja, Jesus macht die Kinder stark. Und mutig und selbstbewusst, und manchmal auch ein bisschen übermütig.

Als ich einmal vom Heuboden zwei Meter tief fiel und dicht neben einer senkrecht aufragenden Sense landete, hat mich das nicht sonderlich verwundert. Ich habe mich zwar wortlos betend bedankt, aber eigentlich betrachtete ich es als selbstverständlich, dass Gott zur Stelle war. Die Frage, warum er mich überhaupt hat fallen lassen, stellte sich mir nicht. Viele Fragen stellen sich nicht, wenn man einfach nur auf Gott vertraut.

Später wird das dann alles anders. Die Fragen kommen ganz von selbst, die Antworten leider nicht. Je mehr sich die unbeantworteten Fragen häuften, desto weniger betete ich, und irgendwann gar nicht mehr. Bis heute nicht. Und wohl auch künftig nicht. Ich komme gar nicht mehr auf die Idee. Einmal, als meine Frau zwölf Stunden auf dem Operationstisch lag und alles möglich war, die Heilung, die Querschnittslähmung und der Tod, blitzte der Gedanke ans Beten kurzzeitig auf, aber nur, um sofort verworfen zu werden. Über zwanzig Jahre hatte ich schon nicht mehr gebetet. Mehr als zwei Jahrzehnte lang, in denen es mir gut gegangen war, hatte ich für das Beten keinen Grund gesehen; warum sollte ich es gerade jetzt tun? Weil Not beten lehrt? Ebendeshalb gerade nicht. Ich habe auch meinen Stolz.

Und außerdem: Die Theologen haben doch längst die Bibel und den ganzen Volks- und Aberglauben entmythologisiert, auch das Gebet. Danach kann man die Wirkung des Gebets auf den Nenner bringen: Nützt nichts, aber schaden tut es auch nicht. Kein Theologe sagt es so platt, aber auf diese Plattheit laufen all ihre Erklärungen hinaus, wenn man sie von den theologieüblichen Verschleierungen und wissenschaftsüblichen Verzierungen befreit; wenn man sie des sprachlichen Pomps entkleidet, die künstlichen Komplizierungen weglässt und über die Rücksichten auf die Kirche hinweggeht.

Das christliche Gebet wird sorgfältig unterschieden von magischen Sprüchen, abergläubischen Beschwörungsformeln und der Vorstellung, der Beter könnte Gottes Willen beeinflussen. Dass sie eben dies können, glauben aber die meisten Menschen, die beten.

Und wenn sie es könnten, wie sollte man sich den weiteren Vorgang vorstellen? Würde Gott wegen meines Gebets die Hand des Chirurgen lenken? Warum wohl ließe er sich ausdrücklich darum bitten, warum täte er es nicht von selbst? Und wenn er's von selbst täte: warum hat er es dann überhaupt so weit kommen lassen, dass er jetzt eingreifen muss? Er hätte doch sich und meiner Frau das ganze Theater ersparen und einfach die Entstehung des Tumors verhindern können. Warum tut er ihr so etwas überhaupt an? Will er sie bestrafen für ihren Unglauben? Ist es ihre Schuld, dass sie nicht an ihn glauben kann? Sollte er die Schuld nicht besser bei jenen Pröpsten und Prälaten suchen, die ihr während der Schulzeit so viel Unsinn ins Ohr geblasen haben? Und wenn er meint, sie strafen zu müssen: warum meinte er das nicht bei Hitler, Stalin, Goebbels und all den anderen ungeschoren davongekommenen Großverbrechern?

Nein, das ist alles ziemlich abwegig.

In der Not sei Gott den Menschen besonders nah, sagen die Frommen. Ich spürte nichts davon, und das war auch gut so, denn ich hätte diese Nähe, wenn es sie denn gegeben hätte, nicht besonders gut ertragen. So etwas wie den Hauch einer Nähe zu Gott hatte ich immer nur in besonders intensiven Glücksmomenten gespürt. Im Unglück nie.

Aber dann hatten wir ja wieder Glück. Die Operation gelang. Die Ärzte hatten nicht danebengeschnitten. Ich war wirklich glücklich. Hätte ich Gott jetzt danken sollen? Ich dankte vor allem den Ärzten und den Krankenschwestern.

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Die Anregung für diese Geschichte erreichte die Redaktion in Form eines kleinen Buches namens »Beten«. Es stammt aus der »Fabrica« von Oliviero Toscani, einem Büro, das im Klappentext voluminös als »Forschungszentrum für Kommunikation« vorgestellt wird. Finanziert jedenfalls wird das Büro von Benetton. In dem rund 140 Seiten starken Büchlein aus dem Pattloch Verlag sind Gebete von Jugendlichen abgedruckt; sie waren einem Aufruf gefolgt, den Toscani via Internet und in Magazinen verbreitet hatte. In dem Bändchen findet sich beispielsweise das Foto eines langsam sich auflösenden Seifenkreuzes; in der Bildzeile heißt es: »Paolo Palma, 26, Italy«. Ihm steht der Text eines gewissen »Andreas Grotz, Deutschland« gegenüber: »Schweigen, fühlen, wenig denken.« Sein Sinn hat sich uns nicht unbedingt erschlossen.
 
© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 25
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Von der rechten Art und Weise zu beten

5. Und wenn du betest, sollst du nicht seyn
wie die Heuchler, die da gerne stehen und
beten in den Schulen, und an den Ecken
auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten
gesehen werden. Wahrlich, ich sage
euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

6. Wenn aber Du betest, so gehe in dein
Kämmerlein, und schließe die Thür zu, und
bete zu deinem Vater im Verborgenen;
und dein Vater, der in das Verborgene
siehet, wird dirs vergelten öffentlich.

7. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht
viel plappern, wie die Heiden; denn sie
meinen, sie werden erhöret, wenn sie viele
Worte machen.

Bergpredigt, Evangelium Matthäi 5-7, Luther-Bibel, Dresden 1866

 

Nec tempora perde precando! - Verliere keine Zeit durch Beten!

Ovid, Dichter 43 v.u.Z - 17 n.u.Z.

 
Texte zum Thema Kirche
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
7/2000
 


 
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Aktualisiert am 08.07.02