Einleitung

Die Welt ist nicht heil, aber sie ist heilbar. Heil bedeutet soviel wie gesund, ganz, nicht gespalten, nicht getrennt. Das Tier ist durch seinen Instinkt untrennbar mit der Natur verbunden. Im Gegensatz dazu ist der Mensch durch seinen Verstand von der Natur getrennt. Er braucht deshalb zu einer individuellen, sinnvollen Lebensgestaltung und zum langfristigen Überleben seiner Art ein Mittel, das ihn mit der Natur, seiner Lebensgrundlage, in einer gesunden Verbindung hält. Ein solches Mittel ist Religion, die ursprünglich nicht mehr bedeutet als Rückbindung des Individuums an das Ganze. Religion spricht in ihrer eigentlichen Bedeutung den ganzen Menschen an, das heißt, sie spricht sowohl sein Gefühl, als auch seinen Verstand an, im Gegensatz zur verstandesbetonten Philosophie, die das Gefühl weitgehend beiseite läßt.

Wenn Religion einen Sinn haben soll, dann muß sie der Menschlichkeit dienen, sie soll ja den - nicht nur von der Natur abgespaltenen, sondern meist auch in sich selbst durch Gefühl und Verstand gespaltenen - Menschen Heil bringen. So wie Religion heute verstanden und praktiziert wird, tut sie dies insgesamt gesehen eher am Rande, wenn sie nicht gar im Gegeneinander der Kulturen zu unmenschlichen Handlungen mißbraucht wird. Zu oft bedienen sich Menschen der Religion wie einer geistigen Droge, um ihre egoistischen Interessen durchzusetzen oder um sich zu betäuben. Zunehmend wird deshalb Religion von immer mehr denkenden Menschen gänzlich abgelehnt und gar bekämpft, was ebenso bedauerlich ist wie der Mißbrauch. Denn diese Haltung einer pauschalen Ablehnung zeugt auf andere Art von Unkenntnis und Unsicherheit.

Noch immer wird in unserer Gesellschaft in der Regel durch Eltern, Schule und Medien sehr einseitig und meist falsch über Religion informiert und mit Kritik daran, aus welchen Gründen auch immer, zurückgehalten, mit der Folge, daß eine derart tabuisierte Religion die menschliche Weiterentwicklung der Gesamt-Gellschaft mehr behindert als fördert. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß die allgemein verbreitete Scheu vor Veränderungen in anderen Bereichen der Gesellschaft ihre Ursache in der Verkümmerung der Religion, in ihrer Reduzierung auf konfessionelle Anpassung hat. Glaubende Kinder sind nun einmal bequemer als fragende, zumindest für überforderte Erwachsene, deren Überforderung meist aufgrund einer Fehlorientierung mangels Kenntnis vom Sinn des Lebens besteht. Der Erziehungswissenschaftler Helmut Schreier sagte: Coles hat sich mit Kindern ausführlich über deren religiöse Vorstellungen unterhalten (Robert Coles: Wenn es regnet, wird Gott naß?). Am interessantesten erscheinen mir die Überlegungen der Kinder aus sogenannten agnostischen Familien: Sie sind die tiefsinnigsten.

Eigentlich ist Religion ein Bereich, in dem durch geistige Rückbindung Sinnfindung möglich wird. Durch Gefühl und Verstand geschieht eine Rückbindung zum Weltganzen, was innere Sicherheit und Identität fördern kann. Oft wird aber der Verstand dabei als störend erlebt. Auf einem Gebiet wie dem der Religion kann erst die kritische Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Ansichten zur Festigung des eigenen Standpunktes und eines realistischen Glaubens beitragen. Hier ist also ein ständiges Trainieren durch kritisches Auseinandersetzen mit der Mitwelt und auch mit sich selbst nötig.

Da der Mensch zur Bequemlichkeit neigt, nimmt er lieber etwas Unfreiheit in Kauf als seine Sicherheit durch unbequemes Training zu erhalten. Dies gilt im Bereich des Körperlichen wie auch im geistigen Bereich. So hat es sich ergeben, daß Religion, die eigentlich ein stetes Hinterfragen erfordern würde, zur Konfession verkümmerte, das heißt, in Gehorsam und Unterordnung unter eine bestimmte, festgelegte Glaubensrichtung mündete. Deshalb sagte vielleicht der Dichter Friedrich Schiller:

Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die du mir nennst. - Und warum keine? - Aus Religion!

Die heute leider übliche Reduzierung der Religion auf Konfession beziehungsweise Kirchlichkeit ist wahrscheinlich durch die Konservierung sehr alter Vorstellungen und Rituale aus vordemokratischen Zeiten entstanden, die oftmals dem heutigen Wissensstand nicht mehr entsprechen. Dies hat bei vielen zur Verinnerlichung von Unwahrhaftigkeit und Spaltung geführt mit schwerwiegenden Folgen für Mensch und Gesellschaft sowie schließlich auch für die Natur.

Vielleicht ist global gesehen nicht nur der zunehmende religiöse Fanatismus in manchen Weltteilen, sondern auch die Unfähigkeit der Eliten zu kritischer Selbstwahrnehmung, zu Einfühlung, Zusammenarbeit, zu Erneuerung und Weiterentwicklung in wirtschaftlichen und sozialen Bereichen eine Folge des Verkümmerns echter, das heißt kritischer Religiosität. Während in allen Kulturen ein Teil der Gesellschaft seine innere Sicherheit aus dem Glauben an gefühlsmäßig angenehme Vorstellungen auf Kosten der Realität bezieht, erhält ein anderer Teil seine innere Sicherheit im Glauben an die Wissenschaft auf Kosten abgetrennter bzw. unterdrückter Gefühle. Beide Richtungen sind einseitig, nicht ganzheitlich, nicht heilsam, sondern mehr oder weniger Un-Heil bringend.

Ein sinnvoller Glaube wird nicht dadurch gefestigt, daß Zweifel vermieden, sondern daß sie zugelassen werden. Bei einem vernünftigen Glauben wird sowohl der Verstand zur Kontrolle des Gefühls als auch das Gefühl zur Kontrolle des Verstandes herangezogen. Vernunft - das sollte öfter in Erinnerung gerufen werden - bedeutet nicht nur Verstand, sie ist vielmehr das Ergebnis des Zusammenwirkens von Verstand und Gefühl. Wirkliche innere Sicherheit und Menschlichkeit kann nur bestehen, wenn Verstand und Gefühl in Verbindung bleiben. Der Theologe und Arzt Albert Schweitzer (1875-1965) sagte:

Jede tiefere Religiosität wird denkend, jedes wahrhaft tiefe Denken wird religiös.

Und er sagte auch:

Alles Tiefe ist zugleich ein Einfaches und läßt sich als solches wiedergeben,
wenn nur die Beziehung auf die ganze Wirklichkeit gewahrt ist.

Deshalb soll in diesem Sinne auch mit der vorliegenden Sammlung von Zitaten versucht werden, Wesentliches zu vereinfachen, damit es leichter zu einer Anwendung führt. Bücher über Religion und Philosophie sind ausreichend vorhanden, an der Umsetzung des niedergeschriebenen Wissens jedoch fehlt es allenthalben. Der Arzt Werner Kollath (1892-1970) bemerkte:

Das Problem ist noch nicht gelöst: Viel zu wissen, und doch praktisch zu handeln.
Viel leichter handelt Einer, der weniger Wissen hat, aber dieses geordnet.

 In unserer Zeit neigen denkende Menschen trotz beginnender Erkenntnis von der Notwendigkeit ganzheitlichen Denkens noch immer zum analytischen Aufspalten der Probleme in Teilbereiche und zu einem Sich-darin-verlieren. Wissenschaftsgläubigkeit, Bequemlichkeit und Identitätssuche führen zu oft zur Verselbständigung von Teilbereichen, die schließlich sogar ihre eigenen Sprachen bilden und somit für andere nur noch schwer zugänglich sind. Geforscht wird viel, angewandt dagegen wenig. Der Mensch bleibt auf diese Weise in seiner menschlichen Entwicklung hinter der Entwicklung der Technik unverhältnismäßig weit zurück. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen. ... Das Verhängnis unserer Kultur ist, daß sie sich materiell viel stärker entwickelt hat als geistig. so Albert Schweitzer. Der Mensch als "Krone der Schöpfung" ist schließlich dabei, diese zu zerstören.

So wie sich die Menschheit untereinander und gegenüber der Natur verhält, kann sie sich kaum als erwachsen und mündig bezeichnen. Sie verhält sich im Grunde wie ein Bakterienstamm, der sich solange vermehrt, bis seine Lebensgrundlagen aufgebraucht sind. Derzeit hat es den Anschein, daß unsere Führungskräfte im Vertrauen auf Wirtschaftswachstum und auf Gott ("...so wahr mir Gott helfe") unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generationen in unverantwortlicher Weise aufs Spiel setzen. Ein Wachstum an Menschlichkeit, wie es den Anlagen und Möglichkeiten des Menschen entsprechen würde - und wie es not-wendig wäre - ist insgesamt leider nicht zu beobachten, eher das Gegenteil.

Es ist deshalb wohl an der Zeit, Abschied zu nehmen von angenehmen, weil gewohnten und damit bequemen, letztlich aber doch kindhaften Vorstellungen von jenseitiger Hilfe, um dafür in ganzheitlicher Weise erwachsen zu werden und selbst die Verantwortung für das Tun im Hier und Jetzt zu übernehmen und nichtverantwortbares Tun zu unterlassen.

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, hinterließ uns Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Es ist beispielsweise an der Zeit, bewußt zu machen, daß es gegen die Menschen-Rechte und -Würde verstößt, wenn Kinder durch Taufe und jenseitsorientierte Indoktrination in der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit grundlegend und nachhaltig behindert werden.

Nicht das frühzeitige Heranführen und Gewöhnen an geistige Heilmittel bringt einer heilen Welt näher, sondern das achtsam und einfühlend begleitete Sich-Entfaltenlassen und Hinführen zu sich selbst. Nicht das Abhängigmachen von einem Gott, Messias, Gesalbten, König, Erlöser, Heiland, Hirte, Retter, Führer, Idol, sondern das Bewußtmachen der ganzheitlichen und mitverantwortlichen Verbundenheit zur Mitwelt, zur Natur und der Kraft der solidarischen Gemeinschaft mit einem realistischen, mit einem humanistischen Ideal bringt einer Heilung näher. Das Problem des Menschen, gleichzeitig aber auch seine Lösung ist der Mensch. Mündigkeit und Menschlichkeit durch eine ganzheitliche Bildung des Menschen wären Ziel und Aufgabe, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Anstatt einseitig die gewünschte innere Sicherheit fast ausschließlich durch den Rückgriff auf die zweitausend Jahre alten Traditionen eines Glaubens aus vordemokratischen Zeiten zu suchen, wie dies allgemein immer noch weitgehend geschieht, wäre es heute dringend geboten, das bewährte Prinzip zur Erkenntnis und Meinungsbildung der alten Griechen 'These - Antithese - Synthese' wieder mehr zu gebrauchen, um Religion im echten Sinne zu betreiben und damit einen Glauben zu kultivieren, der zur Arbeit am Menschen und dadurch zu seiner inneren Stabilisierung und zu mehr Menschlichkeit führt. Der Mensch neigt jedoch nun mal dazu, lieber seine Mitwelt als sich selbst zu verändern. Aber: Wer weiterlebt wie bisher, hat nicht begriffen, was droht; es nur intellektuell zu denken, bedeutet nicht, es auch in die Wirklichkeit seines Lebens aufzunehmen, sagte der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969). Und:

Wir müssen unseren Teil der Verantwortung für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt, aus der öffentlichen Hand in die eigenen Hände zurücknehmen, so der Schriftsteller Erich Kästner (1899-1974).

Das gilt auch für die Hand Gottes, auch hier müssen wir unseren Teil der Verantwortung in die eigenen Hände zurücknehmen, um endlich mündig und wirklich erwachsen zu werden und Menschlichkeit zu kultivieren und zu praktizieren. Ein ethischer Zirkel öffnet sich:

Menschlichkeit braucht und ermöglicht Verbundenheit,
Verbundenheit braucht und ermöglicht Frieden,
Frieden braucht und ermöglicht Gerechtigkeit,
Gerechtigkeit braucht und ermöglicht Demokratie,
Demokratie braucht und ermöglicht Mündigkeit,
Mündigkeit braucht und ermöglicht Aufklärung,
Aufklärung braucht und ermöglicht Freiheit,
Freiheit braucht und ermöglicht Menschlichkeit.

In diesem Kreis von Grund-Werten sind wesentliche Ansatzpunkte genannt, die einen mehr oder weniger mündigen Menschen, der eine sinnvolle Lebensgestaltung anstrebt, befähigen zu überprüfen, wo er derzeit steht und wo er sich hinbewegen möchte und sollte.

Verbessere ein Stück Welt - dich selbst!

Dieses Motto wird künftig mehr berücksichtigt werden müssen, wenn es um die Heilung der Welt geht. Es wird not-wendig sein, die innere Sicherheit, die Identität nicht länger in kindlicher oder beinahe pubertärer Weise in religiösen, ethnischen oder materialistischen Abgrenzungen und Trennungen wie Christentum, Judentum, Deutschtum, Wirtschaftswachstum usw. zu suchen, sondern in mündiger Weise im alle Menschen dieser einen Welt vereinenden Menschentum zu sehen, im Ideal des Humanismus als einer allem anderen übergeordneten geistigen Orientierung.

Humanismus erschiene damit wieder einmal als der alte neue Weg. Wie wäre er zu definieren? Versuchen wir es: Humanismus heißt Menschlichkeit im umfassenden Sinn. Humanismus ist eine sachliche Antwort auf die uralte religiöse Frage nach dem Sinn des Lebens. Humanismus ist der Weg der Mitte zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Rationalismus und Triebhaftigkeit. Humanismus ist eine allem übergeordnete Zielsetzung für menschliches Handeln. Humanismus ist Weg und Ziel in einem. Humanismus kann jeder praktizieren durch Überprüfung und evtl. Änderung seiner Weltanschauung, durch Überprüfung und evtl. Änderung seiner Lebensweise, durch Mitarbeit an einem humanistischen Leitbild, durch Mitarbeit an bzw. in einer humanistischen Vereinigung. Humanismus, heißt: 

Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.
Mahatma Gandhi, Politiker (1869-1948)

Und:

Humanismus ist unter den Religionen, Konfessionen,
Weltanschauungen und sonstigen geistigen Rückbindungen
diejenige Orientierung, deren Name bereits den direkten
Weg und das eigentliche Ziel sinnvollen Handelns enthält
und deren Maßstäbe real, plausibel und wissenschaftlich
haltbar zu begründen sind.

 



 
Humanistische AKTION

10/2000
 
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Aktualisiert am 27.10.07