Erziehung - oder Bildung
durch Be-ziehung?

Bedeutung und Wirkung des Begriffs 
 

Als Vater von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und vor allem als ehemaliges Kind, das erst sehr spät seine eigene Kindheit reflektiert hat, möchte ich zum Thema Erziehung aus meiner eigenen Erfahrung heraus einige Gedanken mitteilen. Ich bin also kein Experte der akademischen Erziehungs-Theorien, sondern eher ein Experte des gewöhnlichen aber bewußten Lebens.

Vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als wieder einmal die Erziehung im Blickfeld der Öffentlichkeit stand und ich mich auch mit der Schulproblematik meiner Kinder auseinanderzusetzen hatte, las ich in einer Zeitschrift eine einfache Antwort von psychologisch gebildeten Eltern auf die Frage nach ihrer Erziehungsmethode. Sie sagten:

Wir erziehen unsere Kinder nicht, wir leben mit ihnen zusammen.

Diese Antwort hat mich sehr beeindruckt, zumal mir aus der theoretischen Erkenntnis heraus schon damals klar war, daß die beste Erziehung im Grunde die Selbst-Erziehung ist. Mit dieser Erkenntnis stand ich damals jedoch erst am Beginn, zu spät leider für die Erziehung der eigenen Kinder.

Eigentlich ist in dem Begriff Erziehung bereits das ganze Dilemma der menschlichen Zivilisation enthalten. Der Mensch im allgemeinen sieht und empfindet sich zu wenig als ein Teil der Welt und ist stets geneigt, seine Umwelt zu verändern, noch bevor er sich selbst erkannt, angenommen und mit als Aufgabe gewählt hat. Je weniger er mit sich selbst zurecht kommt, umso mehr möchte er seine Mitwelt beeinflussen. Im Jugendalter mag dieser Zustand durchaus seinen Sinn haben, im Erwachsenenalter ist er gefährlich.

Selbst bei einer wohlwollenden Auslegung enthält der Begriff Erziehung eine grundsätzliche Haltung, die heute von verantwortungsbewußten Menschen nicht mehr bedingungslos akzeptiert werden kann. Er enthält zu viel an Einflußnahme, Manipulation, Selbstüberschätzung, Überheblichkeit seitens der Erwachsenen. Deshalb wird heute sogar hin und wieder von einigen Experten bereits schon der Begriff Kind als diskriminierend angesehen. Dies kann man als übertrieben empfinden, man kann es aber auch als ein Zeichen beginnender, verstärkter Einfühlung werten.

In einer Ausgabe des Brockhaus von 1985 ist zu lesen: Erziehung ist die körperliche, geistige und sittliche Formung des Menschen, besonders der Jugend. Sie beginnt in der Familie ("Kinderstube"), die seit Jahrhunderten mehr und mehr durch die Schule unterstützt wird. Außerdem wirken die Kirchen- und Jugendorganisationen mit. Ziel ist, den jungen Menschen in die bestehende Kultur einzufügen und ihn zur selbständigen Persönlichkeit zu entwickeln. Mittel der Erziehung: Belehrung, Willensbildung, Übung, Gewöhnung, Vorbild.

Zu dieser Definition ist zu sagen, daß die Realität heute größtenteils sehr viel anders aussieht. Weder Elternhaus, noch Schule, noch Kirchen- und Jugendorganisationen sind heute allgemein in der Lage, den jungen Menschen die nötige Zuwendung zu geben, wie dies vor wenigen Jahrzehnten noch möglich war. Es wird jetzt immerhin schon von einer psychischen Obdachlosigkeit gesprochen. Außerdem kann eine Entwicklung zur selbständigen Persönlichkeit weniger durch Formung, als durch Ermöglichung, und weniger durch Einfügung in eine bestehende Kultur, als vielmehr durch Befähigung zur Mitgestaltung, zur Veränderung und damit Belebung erfolgen.

Für mich verbinden sich mit dem Begriff Erziehung die Begriffe ziehen, Zucht und Zögling, alles doch gewissermaßen mit mehr oder weniger Gewalt verbundene Begriffe. Es sei in diesem Zusammenhang auch an die umschreibende Verwendung für sado-masochistische Sexualpraktiken erinnert. Interessant ist auch, daß der Begriff Erziehung im pädagogischen Bereich fast ausschließlich in Bezug auf Kinder verwendet wird, während man für Erwachsene lieber den Begriff Bildung verwendet. Der direkte Vergleich zwischen den Begriffen Erwachsenen-Bildung und Erwachsenen-Erziehung läßt schon vom Klang her einen deutlichen Unterschied spürbar werden. Wer würde sich beispielsweise von der Werbung für eine Veranstaltung der Erwachsenen-Erziehung angesprochen fühlen?

Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr wichtig.
Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann.

(Bertolt Brecht)

Begriffe sind auch Werkzeuge, und für feine Arbeiten sind feine Werkzeuge angebracht. Wenn überhaupt heute im Zusammenhang mit Menschen von Erziehung gesprochen werden soll, dann allenfalls von Selbst-Erziehung. Und auch in diesem Fall wäre Bildung ein viel geeigneterer, weil weniger gewaltsamer Begriff, sind wir doch oftmals uns selbst gegenüber viel zu wenig einfühlsam. Insofern erscheint es mir sinnvoll, künftig statt von Erziehung grundsätzlich von Bildung zu sprechen. Und da das eigene Beispiel, das Vor-leben immer noch die beste Art ist, um Wissen, Einstellungen und Verhalten zu vermitteln, sei auch hier ausdrücklich noch einmal darauf hingewiesen.

Bildung ist bewußte, planmäßige Entwicklung der natürlich vorhandenen geistigen und körperlichen Anlagen des Menschen. Auch der durch diese Entwicklung erreichte Zustand wird Bildung genannt im Gegensatz zu Unbildung, Halb-Bildung. (Brockhaus von 1985)

Bildung hat weniger etwas von Eingreifendem, Manipulierendem, sondern eher von Ermöglichendem, von Angebot und geht bereits vom Wort her von einem mehr oder weniger bewußten Bild aus, von einem Vor-Bild oder Ideal-Bild, von einem Menschen-Bild und Welt-Bild. Optimal wäre es, wenn jeder junge Mensch bereits in seiner Kindheit Gelegenheit hätte, sich seine eigenen, bewußten Leit-Bilder, die ein konstruktives Miteinander mit seiner Mitwelt ermöglichen, frei für seine eigene Bildung zu bilden, ohne durch eine noch so gut gemeinte, letztlich aber doch nur egoistische Einflußnahme auf ein einziges, bestimmtes Leitbild hingeführt zu werden, wie das etwa mit der Taufe geschieht. Kein vernünftiger Mensch käme heute beispielsweise auf die Idee, sein Kind kurz nach der Geburt in eine politische Partei aufnehmen zu lassen, von der es sich erst als Jugendlicher gegen Zahlung einer Gebühr auf dem Standesamt wieder trennen kann.

Man sollte sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kinde nicht zu früh einen Begriff von
Gott beibringen zu wollen. Die Forderung muß von innen heraus geschehen, und jede
Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Das Kind hat vielleicht
seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren.

Friedrich von Schiller

Wie viele Neurosen, innere Unsicherheiten und Spaltungen entstehen durch unterschwellige Zwänge einer zu sehr einflußnehmenden Erziehung, die meist auf beiden Seiten nicht bewußt wird. Selbstzweifel, Unsicherheit, Zerrissenheit, Verweigerung, Haß und Gewalt sind nicht selten die Folge. Eine Erziehung zum Glauben an Anzweifelbares kann sehr leicht zu innerer Gespaltenheit zwischen kritischem Verstand und sehnsüchtigem Gefühl und zur Missionierung Andersgläubiger bis hin zu deren Vernichtung führen, wie wir es fast täglich berichtet bekommen.

Um der Gefahr einer Bildung, die den Menschen zu sehr in eine einseitige, außerhalb desselben liegende Richtung und damit von sich selbst weg führt, schon im Ansatz zu begegnen, möchte ich den Begriff Menschen-Bildung vorschlagen.

Angesichts der Tatsache, daß die Probleme unserer Welt ihre Ursachen fast ausschließlich im Menschen und den von ihm mitgetragenen Strukturen haben, er selbst aber das schwächste Glied in der Kette der lebendigen Ereignisse ist, liegt es nahe, daß die Stabilisierung des Einzelnen heute die wichtigste Aufgabe zur Stabilisierung von Gesellschaft und Umwelt sein müßte. Nach den enormen Entwicklungen und Veränderungen auf technischen und wirtschaftlichen Gebieten wäre es jetzt dringend geboten, dem Wirtschaftswachstum ein Wachstum an Menschlichkeit folgen zu lassen. Daß der gern zitierte Wohlstand, der immer wieder beschworen wird, lediglich ein materieller ist, und daß dieser auf Kosten von Menschlichkeit und Natur erreicht wurde, wird gern verdrängt. Was die Menschlichkeit betrifft, so kann Deutschland durchaus als ein Entwicklungsland angesehen werden, das von manchen sogenannten unterentwickelten Ländern der "dritten Welt" lernen könnte.

Zu viel Er-ziehung geht meist zu Lasten der Be-ziehung. Jede aktive Erziehung ist fast immer auf Unsicherheit und Angst oder Egoismus, auf jeden Fall auf Defiziten des Erziehenden selbst oder auf Zeitmangel begründet. Ein gutes Beispiel für die Problematik der Erziehung ist das christliche vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden. Solch ein Gebot kann nur in einer menschlich wenig entwickelten Gesellschaft entstanden sein, in der Kinder vernachlässigt, zu viel oder falsch erzogen wurden. Besser wäre eine Empfehlung wie:

Achte die Kinder als eigenständige Menschen, sei ihnen mündiges Vorbild
mit eigenen Bedürfnissen, gib ihnen so viel an Zuwendung und Liebe wie möglich,
fördere und fordere sie und zeige ihnen ihre Grenzen so oft wie nötig.

 

Wenn Kinder von ihren Eltern nicht genügend geachtet wurden, dann nützt ein Gebot wie das vierte auch mit seinem Tantieme-Versprechen wenig. Um eine solide Grundlage für menschliche Erziehung, Bildung oder Beziehung zu bekommen wäre es erforderlich, das eigene Welt- und Menschenbild zu überprüfen und wenn nötig, den heutigen Erkenntnissen entsprechend zu korrigieren. Genauso wie wir vernünftigerweise technische Hilfsmittel regelmäßig einer Sicherheitsprüfung unterziehen, wäre dies auch für unsere geistigen Hilfsmittel erforderlich.

Die Wurzel für innere, das heißt im Menschen selbst befindliche Sicherheit, und damit für humanes und konstruktives Verhalten, liegt in der Religion oder Weltanschauung. Eine Orientierung an zweitausend Jahre unverändert beibehaltenen Vorstellungen, die einen Hitler und Auschwitz ermöglicht beziehungsweise nicht verhindert haben, und die heute noch immer Ungerechtigkeit und Gewalt gegenüber Mensch und Natur ermöglichen, zumindest nicht verhindern, bedarf dringend einer Überprüfung und Erneuerung. Nicht der tabuisierte Glaube an angenehme aber irreale Vorstellungen und das Verdrängen der unangenehmen Realität bringt wirkliche innere Sicherheit, sondern der hinterfragbare Glaube an die diesseitigen Möglichkeiten und die mutige Auseinandersetzung mit der Realität.

Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und die Welt und der Mensch sei?
 Nein, doch niemand hört's gerne - da bleibt es geheim.
Johann Wolfgang von Goethe

Warum mag es niemand gerne hören? Vermutlich deshalb, weil es sehr ernüchternd ist und den Menschen zur Arbeit an sich selbst zurückverweist. Erich Fromm sagte: Der Mensch echt religiöser Kulturen könnte vielleicht mit einem Kind von acht Jahren verglichen werden, das einen Vater als Retter braucht, das jedoch angefangen hat, die Lehren und Prinzipien des Vaters in sein Leben zu übernehmen. Der zeitgenössische Mensch ähnelt jedoch einem Kind von drei Jahren, das nach dem Vater ruft, wenn es ihn braucht, und sonst zufrieden ist, wenn es spielen kann.

Die zerstörerischen Auswirkungen der bisherigen technischen und geistigen, auch wissenschaftlichen Spielereien der Menschheit machen jetzt eine Entscheidung zwingend notwendig, ob der pubertäre Zustand beibehalten oder zugunsten einer umfassenden, echten Mündigkeit überwunden werden soll. Mündigkeit bedeutet nämlich mehr als nur Volljährigkeit.

Mündigkeit heißt, eine kritische Distanz nicht nur zu seiner Mitwelt,
sondern auch zu sich selbst zu haben, für sich selbst voll- und
für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen.

Mündigkeit ermöglicht und erfordert Arbeit am Menschen, an seiner Innenwelt. Menschsein ist schließlich nicht nur ein Zustand, sondern eine permanente Aufgabe, ebenso wie die Demokratie.

In unserer Gesellschaft ist allgemein ein gewisses Defizit an psychischer Stabilität des Einzelnen festzustellen, entstanden durch eine nicht genügend stabilisierende religiöse bzw. weltanschauliche Orientierung und einen mengenmäßigen und inhaltlichen Mangel an Zuwendung und liebevoller Auseinandersetzung in Kindheit und Jugend. Dieses Defizit hindert einerseits daran, die Schwächen der eigenen Person wahrzunehmen und daran zu arbeiten, und es treibt andererseits an zu Aktivitäten, die nach außen gerichtet sind, um durch äußere Erfolge das Defizit zu kompensieren. Auch Destruktivität, gegen die Mitwelt oder gegen sich selbst gerichtet, kann daraus entstehen.

 

In den Herzen der folgsamen Kinder nistet knisternd und raschelnd die Rache
H. C. Flemming

 
Sowohl bei Jugendlichen, als auch bei Erwachsenen ist mitunter ein exzessiver Erlebnishunger zu beobachten, der auch mit diesen inneren Defiziten zu tun hat. Oftmals werden Abenteuer gesucht, bei denen sowohl Gesundheit, als auch das eigene Leben und nicht selten auch das anderer aufs Spiel gesetzt wird. Die ganze Palette der Süchte wie Drogen, Spielen, Essen, Arbeiten und dergleichen mehr, sie alle resultieren mehr oder weniger aus dem inneren Defizit der Menschen und sind im Grunde eine Suche nach sich selbst, nur in der entgegengesetzten Richtung, nämlich außerhalb der eigenen Person. Persönliche Energie ist genügend vorhanden, es fehlt jedoch an der Orientierung am Menschlichen.

Es gäbe im menschlichen Bereich genügend spannende Abenteuer zu erleben, in der ehrlichen und konstruktiven Auseinandersetzung mit sich selbst und mit den Mitmenschen. Aber die Weichen der Sinn-Orientierung werden meist schon in der frühen Kindheit von defizitären und deshalb instabilen Erwachsenen in eine Richtung gestellt, die nicht hin zum Menschen führt, sondern von ihm fort, entweder materiellen oder jenseitigen Zielen entgegen oder auch zu beiden gleichzeitig. Eine festgeschriebene, religiöse Glaubensrichtung aus vordemokratischen Zeiten behindert die Entwicklung zur Identitätsfindung in sich selbst und damit zu einem Mindestmaß an Mündigkeit, die Voraussetzung für ein sowohl eigenverantwortliches, als auch mitverantwortliches Leben in einer funktionsfähigen, stabilen Demokratie und Umwelt wäre.

Selbst ansonsten sehr realitätsbezogene Menschen wie Politiker, die von ihren Wählern und Steuerzahlern eine lebenslange Lernbereitschaft fordern, halten ihrerseits jedoch fest an diesem anerzogenen, traditionellen Glauben und verwenden ihn wie einen Talisman, wie einen Joker oder wie eine geistige Droge und bekennen sich auch noch öffentlich dazu, indem sie überwiegend ihrem Amtseid den Zusatz "so wahr mir Gott helfe" anfügen *). Obwohl es realistischer und sinnvoller wäre, die Hilfe der Mitmenschen in Anspruch zu nehmen. Hier wird mittels einer individualisierenden, jenseitigen Autorität ein hierarchisches System aufrecht erhalten und damit die Verwirklichung der Demokratie behindert.

Hilfe aus dem Jenseits zu erhoffen, mag der Masse der weniger gebildeten Menschen, die vor Jahrhunderten in noch vordemokratischen Systemen wenig Chancen hatten, ein sinnvolles, weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen, gut getan haben. Heute ist es im wahren Sinne des Wortes not-wendig, den Sinn unseres Lebens - in aller Bescheidenheit und gleichzeitig mit aller Anforderung an uns selbst - in der Vervollkommnung unserer Persönlichkeit mit dem Ziel der Mündigkeit zu sehen, hier und jetzt in gnostischer Weise das Wesentliche zu erkennen, zu tun und uns darauf zu beschränken, und das Jenseitige in agnostischer Gelassenheit auf uns zukommen zu lassen.

Orientierung an einem neuen, ganzheitlich verstandenen Humanismus wäre jetzt sinnvoll und erforderlich. Im Gegensatz zu allen anderen Religionen bzw. Konfessionen und Ideologien, die schon von ihren Namen her andere Menschen und Bereiche ab- und ausgrenzen, schließt der Humanismus als die Geisteshaltung vom verantwortlichen Menschentum alle Menschen dieser einen Welt mit ein. Der ganzheitliche Humanismus ist Weg und Ziel in einem und enthält in konsequentem Verständnis sowohl die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit, als auch die Mitverantwortlichkeit für die Mitwelt, bestehend aus Mensch und Natur.

Erziehung oder besser Bildung zur Selbst-Erziehung, vor allem durch das eigene Vorbild, unter der übergeordneten Orientierung an einem ganzheitlich verstandenen Humanismus mit dem Ziel des mündigen Menschen, der in bewußter Verbundenheit zur Mitwelt lebt, das könnte eine Grundhaltung für Eltern und Schule sein, eine Haltung, die sowohl für die Schüler, als auch für die Lehrer erlebnisreich und sinnvoll wäre. Nicht mehr Schulbildung zur Anpassung der Schüler an das Wirtschafts-System, sondern Menschenbildung zur Humanisierung der Gesellschaft und damit zur Stabilisierung von Demokratie und Mitwelt, das wäre heute dringend geboten.

Rudolf Kuhr

________________________
*) Siehe hierzu unter "...so wahr mir Gott helfe!" - Antworten von 37 Spitzen-Politikern des Bundes und der
    Länder auf eine Umfrage nach ihrer persönlichen Auslegung dieses religiösen Zusatzes zur Eidesformel.

 

Obigen Text gibt es jetzt - zusammen mit weiteren 43 wesentlichen Seiten dieser Homepage -
in dem Handbuch 'Wachstum an Menschlichkeit - Humanismus als Grundlage' siehe Info.

 
 

Viele Kinder haben
schwererziehbare Eltern.

Jean-Jacques Rousseau (1712-78)

Das Wort Erziehung sollte man ausstreichen!
Das Wort Vorbild sollte man dafür hinsetzen.

Peter Rosegger, Schriftsteller (1843-1918)

Die Eltern möchten den Kindern meistenteils nur
gewähren, was sie selbst in früherer Zeit genossen.
- - -
Man könnt' erzogene Kinder gebären,
wenn die Eltern erzogen wären!

- - -
Zwei Dinge sollten Kinder
von ihren Eltern bekommen:
Wurzeln und Flügel.

Goethe

 

Das Beste

In unserer Seele ist etwas, daß wir Interesse nehmen 1. an unserem Selbst, 2. an anderen, mit denen wir aufgewachsen sind, und dann  m u ß  3. noch ein Interesse am Weltbesten statt finden. Man muß Kinder mit diesem Interesse bekannt machen, damit sie ihre Seelen daran erwärmen mögen. Sie müssen sich freuen über das Weltbeste, wenn es auch nicht der Vorteil ihres Vaterlandes oder ihr eigener Gewinn ist.

Immanuel Kant, Philosoph (1724-1804) über Pädagogik

 

... Kommunikation geht über Gefühle. Kommunikation geht über Liebe, und das muss jeder Lehrer und jede Lehrerin dieser Welt wissen. Sie haben einen schwierigen Job, aber Kommunikation ist nicht Technik, nicht System, sondern die Frage: Wie verstehen sich unsere Augen? Wie fühlen wir zusammen? Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder. Wenn man diese Angst vor Gefühlen weglässt und sich richtig verausgabt - auch auf die Gefahr hin, dass man ausgenutzt wird, das spielt keine Rolle -, dann ist das, was man zurückbekommt, enorm, besonders von Kindern. ...

Daniel Goeudevert, Internationaler Berater, im Gespräch mit Werner Reuß BR-Alpha-Forum 31.01.2002

  

 

 

Immer dasselbe?

Väter und Söhne, Mütter und Töchter - So war es schon bei Plato

Wohlan mein Freund, wie steht es mit der Diktatur? Ist es nicht so, daß sich die Demokratie selber auflöst durch eine gewisse Unersättlichkeit in der Freiheit? Wenn sich die Väter daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren und laufen zu lassen, wie sie wollen, und sich vor ihren erwachsenen Kindern geradezu fürchten, ein Wort zu reden, oder wenn die Söhne schon so sein wollen, wie die Väter, also ihre Eltern weder scheuen, noch sich um ihre Worte kümmern, sich nichts mehr sagen lassen wollen, um ja recht erwachsen und selbständig zu erscheinen.

Auch die Lehrer zittern bei solchen Verhältnissen vor ihren Schülern und schmeicheln ihnen lieber, statt sie sicher und mit starker Hand auf einen geraden Weg zu führen, so daß die Schüler sich nichts mehr aus ihren Lehrern machen.

Überhaupt sind wir schon so weit, daß sich die Jüngeren den Älteren gleichstellen, ja gegen sie auftreten in Wort und Tat, die Alten aber setzen sich unter die Jungen, um sich ihnen gefällig zu machen, indem sie ihre Albernheiten und Ungehörigkeiten übersehen oder gar daran teilnehmen, damit sie nicht den Anschein erwecken, als seien sie Spielverderber oder gar auf Autorität versessen.

Auf diese Weise werden die Seele und die Widerstandskraft aller Jungen allmählich mürbe. Sie werden aufsässig und können es schließlich nicht mehr ertragen, wenn man nur ein klein wenig Unterordnung von ihnen verlangt. Am Ende verachten sie dann auch die Gesetze, weil sie niemand und nichts mehr als Herr über sich anerkennen wollen, und das ist der schöne jugendfrohe Anfang der Tyrannei. !

"Politeia", Platon (427-348 v.u.Z.)

(Merke: Erziehung ist Selbst-Erziehung!)

 

 

 

Jean-Jacques Rousseau
(1712-78)

Großen Einfluß auf die Pädagogik übte der zunächst heftig kritisierte Erziehungsroman Émile ou de l'éducation (1762, Émile oder über die Erziehung) aus. Rousseau stellt hier - als Gegenbild zu der in den beiden Discours angeprangerten Entfremdung, die die moderne Zivilisation prägt - die gelungene Sozialisierung eines einzelnen dar. Ziel der gelungenen Erziehung ist Emiles Liebes- und Toleranzfähigkeit sowie seine soziale und familiäre Bindung in kritischer Loyalität. Der Erzieher hat in Rousseaus Konzept mehr die Aufgabe, die Anlagen und Fähigkeiten des Individuums den verschiedenen Kindes- und Jugendaltern gemäß zu wecken und sich entwickeln zu lassen, als selbst aktiv diese zu bilden - in der Anlage ist der einzelne gut, erst durch die verdorbene Gesellschaft kommt das Böse in und über ihn.

Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema 1994
Jean-Jacques Rousseau: Émile oder Über die Erziehung
'Uni-Taschenbücher S' ISBN 3825201155; 13,90 EUR u. 'Reclams Universal - Bibliothek' ISBN 3150009014; 14,60 EUR

 
Erziehung macht Spaß - der Erziehungsführerschein
Grundkurs in allgemeinen Erziehungsfragen für Mütter und Väter. (www.erziehungsführerschein.de)

Weitere Texte zum Thema Kinder / Erziehung
 


Zitate zu Bildung

Der Bildungsbegriff entwickelt sich im Laufe des 18. Jahrhunderts allmählich aus dem Aufklärungsgedanken. Die Aufklärung bemühte sich in erster Linie um die Ausbildung von Verstand und Vernunft, während die Bildungsbewegung dies hingegen als eine unerlaubte Verkürzung und damit Verkümmerung des Menschen ansieht und eine allseitige Ausbildung des Menschen unter Einbeziehung der Leidenschaften, Gefühle und auch des Körpers zum Ziel hat. Bildung ist daher immer gleich auch Geschmacks- und Herzensbildung. Dabei ging es sowohl um die Bildung einer einzelnen - sozial verantwortlichen - Persönlichkeit; als auch um die Bildung der Gesellschaft und des Staates, ja dem Anspruch nach gar des gesamtes Menschengeschlechts. Mensch und Bürger sollten so gleichermaßen zu einem wahren Weltbürgertum gebildet werden. Aufklärung und Bildung waren folglich schon im 18. Jahrhundert außerordentlich soziale, ja politische Anliegen, auch wenn das Bürgertum selbst damals politisch weitestgehend bedeutungslos blieb.

Quelle: Veranstaltungs-Programm 'Aufklärung durch Bildung - Kulturelles Themenjahr in Sachsen-Anhalt 2004', Franckesche Stiftung, Halle/Saale

*

Die Welt ist nicht dazu da, um von uns erkannt zu werden, sondern uns in ihr zu bilden.

Georg Christoph Lichtenberg

*

...Sonne, Bäume, Blumen, Wasser und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des Beschauers, so mag das Ganze wohl einen schlechten Anblick gewähren, und die Sonne hat dann bloß so und so viele Meilen im Durchmesser, und die Bäume sind gut zum Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfäden klassifiziert, und das Wasser ist naß.

Heinrich Heine, "Die Harzreise" (1824)

*

Nur durch Bildung wird der Mensch, der er ganz ist, überall menschlich und von der Menschheit durchdrungen.

Friedrich Schlegel

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Gebildet ist, wer für sich allein sein kann, ohne sich zu langweilen.

Otto von Bismarck

(Zusatz: ... und gleichzeitig Verbindung hält zu seiner Mitwelt.)

*

Es gibt verschiedene Formen und Arten der Bildung: z.B. Ausbildung, Einbildung, Verbildung, Schulbildung, Berufsbildung, Geschmacksbildung, Herzensbildung und schließlich - Menschenbildung.

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Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird.

Friedrich Nietzsche

*

Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn wir alles vergessen, was wir gelernt haben.

Albert Einstein

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Menschen bilden bedeutet nicht ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.

Aristophanes 445-385 v.u.Z

*
 


 
Humanistische AKTION

5/1995,2

Kritik, Anregungen zu Form und Inhalt Dialog sowie unveränderter Nachdruck bei Quellenangabe
und Belegexemplar erwünscht. Kürzungen und Änderungen nach Absprache möglich.

 

  


 
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Aktualisiert am 13.06.07

 

Bildung    
 

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Erziehung - oder Bildung durch Be-ziehung? Eine Abhandlung über den Sinn von Erziehung unter besonderer Berücksichtigung von Religion und Weltanschauung.

Zitate zu Bildung

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Spielregeln für Drogenfamilien und solche, die es nicht werden wollen. Von Christoph Wagner.

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Jugendfeiern - Zwei Anregungen zu gesellschaftlicher Erneuerung.

Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. - bestärkt Eltern, demokratische und humanistische Werte im Erziehungsalltag zu praktizieren.

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Buch-Empfehlung: Thomas Gordon, Familienkonferenz.

Erziehung macht Spaß - der Erziehungsführerschein - Grundkurs in allgemeinen Erziehungsfragen für Mütter und Väter. (www.erziehungsführerschein.de)

Kindergartenprojekt Papilio lehrt Umgang mit Gefühlen - Soziale Kompetenz schon im Vorschulalter vermitteln. (www.papilio.de)  


 
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