Gott im Kreuzfeuer

Es tut uns gut, über Religion zu lästern, behauptet Brian McClinton

Als Humanisten werden wir oft beschuldigt, zuviel Zeit damit zu verbringen, Glaube und Religion anzugreifen, wenn wir uns stattdessen auf die positiven Alternativen konzentrieren sollten. Der negative Aspekt des Humanismus wird oft als verletzend und als Vergeudung von geistiger Schaffenskraft angesehen, die man in konstruktivere Bestreben investieren könnte. Schließlich gibt es viel zu tun: der Kampf gegen die Armut, Hilfe für die Schwachen und Bedürftigen, die Entwicklung der Menschenrechte, die Entfaltung all der guten, menschlichen Qualitäten. Und überhaupt, haben die Menschen nicht das Recht auf ihren Glauben und wenn er uns noch so lächerlich vorkommt? Man könnte deshalb mit gutem Recht behaupten, daß auf Gott herumzuhacken eine Art geistige Selbstbefriedigung darstellt, die sich im Grunde genommen nicht lohnt.

Diese Kritik wäre sicherlich angebracht, würde es sich bei der Religion um eine eigene Privatangelegenheit handeln, die nicht die Rechte anderer beeinträchtigt. Es liegt jedoch auf der Hand, daß dies nicht der Fall ist, vor allem in einer theokratischen Gesellschaft wie der unsrigen. Man bedenke dabei nur einige Aspekte im täglichen Leben in Nordirland. Es sind religiöse Organisationen, die maßgeblich an unserem Schulsystem beteiligt sind, und es sind dieselben Organisationen, die Kinder mit ihren eigenen entzweienden, dogmatischen Glaubensbekenntnissen indoktrinieren und den hauptsächlichen Hintergrund für ein einheitliches Schulsystem (im Gegensatz zu den in Nordirland üblichen konfessionsgebundenen Schulen - Anm. d. Übersetzerin) in Nordirland darstellen. Es sind religiöse Formierungen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, die Rechte der Frauen zu blockieren, vor allem bei den Themen Verhütung und Abtreibung. Es sind religiöse Einzelpersonen, die - mehr als andere - das Gift der Homophobie verbreiten. Es sind religiöse Führungskräfte, die durch ihre priviligierte Position in den Medien ethische Werte auf illiberale, unterdrückende Weise für den Rest der Menschheit interpretieren.

Und schließlich ist es doch das religiöse Sippensystem, das den Ansporn zu politischen Konflikten und Spaltungen verleiht. Unsere Gesellschaft liefert doch den eindeutigen Beweis für den Streit zwischen den Konfessionen, der durch Religion hervorgerufen wird. Wir würden uns darum unserer Verantwortung gegenüber den nächsten Generationen entziehen, wenn wir eine dermaßen zerstörerische und reaktionäre Macht nicht als das aufdecken, was sie wirklich ist. Ganz abgesehen von dem sozialen und politischen Schaden, kann Religion auch ernsthaft unsere Gesundheit angreifen. Einmal in ihrem Bann, erfüllt sie den Gläubigen mit einem tiefgreifenden Schuldgefühl, untergräbt sein natürliches Lustgefühl und erzeugt einen ungesunden Kult von Jesusanbeterei. Darüber hinaus nimmt sie dem Einzelnen die Freiheit, für sich selbst zu denken und seine eigenen Wahrheiten für sich selbst zu finden. Der religiöse Glauben ist nichts anderes als die Selbstaufgabe des Einzelnen zur organisierten Gedankenkontrolle.

Um es einmal so auszudrücken: ob wir nun als Kind, als Frau, als Homosexueller, als Katholik, als Protestant oder sogar als Humanist in Nordirland leben, es besteht immer die Gefahr, daß unser Verstand mit mythischen und die Psyche belastenden Unsinn behelligt wird, unsere Rechte werden beeinträchtigt und unser Wunsch, friedlich mit unseren Nachbarn Tür an Tür leben zu können, wird zunichte gemacht. Und es sind die Kirchen, die hauptsächlich für diesen entsetzlichen Zustand die Verantwortung tragen.

Sollten Sie noch Zweifel an der zerstörerischen Kraft der Religion haben, denken Sie an eine andere Gesellschaft mit puritanischer Vergangenheit, wo eine große Anzahl von Protestanten sowie Katholiken leben. Und doch werden hier die Kinder nicht indoktriniert, Frauen und Homosexuelle genießen alle Rechte, Protestanten und Katholiken leben einträchtig miteinander und es ist an der Tagesordnung, die Verschiedenartigkeit der Menschen zu tolerieren.

Das Land, das ich meine, sind die Niederlande. Der große Unterschied dieses Landes zu Nordirland ist der, daß der Religion sehr viel weniger Macht eingeräumt ist. Hier schreibt die Religion nicht die Werte für eine ganze Nation vor, sondern sie muß für ihre Auffassungen unter gleichen Bedingungen wie der Humanismus kämpfen. Auch bei uns könnte es so sein wie in diesem Land, doch nur, wenn wir dazu bereit sind, die Macht der Kirchen, über uns zu regieren, herauszufordern.

Wie können wir uns jemals zu einer toleranten Gesellschaft entwickeln, wenn wir noch nicht einmal die Umstände, die die Intoleranz verursachen, verstehen? Wie können wir uns jemals zu einer säkularen Gesellschaft entwickeln, wenn wir nicht die Faktoren, die dieser Entwicklung im Weg stehen, analysieren? Kurz, wir können nicht zu etwas Besserem fortschreiten, bevor wir uns nicht bewußt sind, was diesen Fortschritt aufhält. Die Mängel der Gegenwart aufzudecken, ist ein erster und notwendiger Schritt, um eine bessere Zukunft zu schaffen. In diesem Sinne hatte Marx recht, als er sagte, die Kritik an der Religion sei die Grundlage aller Kritiken.

Es ist doch genau dieser Mangel an kritischem Bewußtsein und das Zögern, dieses zu entwickeln, die hauptsächlich daran Schuld sind, Veränderungen in dieser Gesellschaft überhaupt stattfinden zu lassen. Hierbei spielt es keine Rolle ob wir nun Christen oder Humanisten sind. In Gesellschaften wie Großbritannien, Holland, Frankreich und Deutschland, wo das Christentum liberaler, toleranter und kompromißbereiter ist, wurde der status quo zunächst von Christen selbst herausgefordert. Erasmus, Luther, More und viele andere hinterfragten die etablierte Religion von innen und halfen somit, das Christentum in ihren eigenen Gesellschaften auf lange Sicht zu humanisieren. Sie trugen dazu bei, daß ihr Glauben weniger grausam, weniger intolerant wurde und offener gegenüber Änderungen, die im Licht des Wissens und des menschlichen Fortschritts stattfanden.

Im Gegensatz hierzu ist das irische Christentum immer noch in den simplen Wahrheiten des Mittelalters verankert. Unsere eigenen Heiligen und Kirchengelehrten haben nichts hinterfragt, und wir - in unserer Unfähigkeit, unseren Verstand endlich ins 20. Jahrhundert zu befördern und Kompromißbereitschaft sowie Toleranz zur Unterschiedlichkeit zu entwickeln - müssen hierfür teuer bezahlen.

Was für eine Gesellschaft ist es denn, in der Tageszeitungen regelmäßig mit biblischen Argumenten gegen die eine oder andere fortschrittliche Wandlung bombardiert werden? Erst kürzlich ging es um Themen wie Pädagogik gegen Homophobie und das Brook Centre. Im ersten Fall verteidigten zwei Grundschuldirektoren ihre Intoleranz gegenüber Homosexualität, indem sie sich ausgerechnet auf Leviticus bezogen! Wissen diese Dinosaurier etwa nicht, daß uns in demselben Buch angeordnet wird, nicht die Ecken unseres Bartes zu schneiden, sich nie einem blinden Mann zu nähern oder etwa einem mit einer platten Nase? Jede Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, sollte ein Brandopfer eines Lammes oder einer Taube erbringen. Alle männlichen Kinder sollten am achten Tag beschnitten werden. Und es sollten natürlich nicht nur die Homosexuellen, sondern auch alle Ehebrecher hingerichtet werden.

Zum Glück haben wir uns seit den Zeiten des Leviticus weiterentwickelt, doch es stellt sich die Frage, ob diese beiden Direktoren das Buch nur gelesen haben, um daraus die Abschnitte auszuwählen, die ihren eigenen, ungebildeten Vorwürfen am besten entsprachen. Überprüfen sie ihe männlichen Schüler, um herauszufinden, ob diese beschnitten worden sind? Sicherlich nicht, aus dem einfachen Grund, daß die meisten Christen - einschließlich der Fundamentalisten - nicht mehr an den Sinn der Beschneidung glauben. Auf der anderen Seite steht in Nordirland die Homophobie nach wie vor an der Tagesordnung, und dies haben wir in nicht geringem Maße dem vorsintflutlichen Verhalten, das von konservativen Christen wie jene beiden Direktoren an den Tag gelegt wird, zu verdanken.

Auch das Bestehen des Brook Centre (die einzige Klinik für Familienplanung in Nordirland, in der sich schwangere Frauen in Fragen der Abtreibung etc. beraten lassen können - Anm. d. Übers.) bringt die Querulanten der Fundamentalisten in Gang. Als Mitglieder der Ulster Humanist Association setzten wir uns für die Eröffnung des Zentrums ein, und wir sind der Meining, daß es auch weiterhin bestehen bleiben wird. Vor kurzem wurde die Arbeit des Zentrums von Suzanne Breen in ihrer Kolumne im Belfast Telegraph verteidigt. Die Folge war ein ganzer Schwall von beleidigenden Leserbriefen. Der Reverend David McIlveen bezog sich auf ihr "wahnsinniges" Auftreten, ihren "fanatischen" Beistand und ihre "blinden" Vorurteile. Der Reverend besaß sogar die Frechheit, die Proteste der Free Presbyterians, die vor dem Brook Centre stattfanden, mit denen am Greenham Common (Frauen demonstriertern gegen die Lagerung amerikanischer Atomwaffen in GB in den Achtziger Jahren - Anm. d. Übers.) und vor der Südafrikanischen Botschaft in London gleichzusetzen.

Tatsächlich ist die Analogie des Reverends sehr aufschlußreich. Die Demonstranten in Greenham und London hatten sich für ein anerkennenswertes Unternehmen eingesetzt. Die Fundamentalisten in Nordirland dagegen fechten weiterhin die alten Schlachten im Namen von Zielen aus, die in liberalen Gesellschaften schon längst verloren sind. Hier jedoch sind sie noch nicht ganz verloren, und genau das ist der springende Punkt. Wenn die Leserbriefe des Telegraph repräsentativ sind, haben wir als liberale, säkulare Humanisten in den kommenden Jahren noch einen harten Kampf vor uns, um Nordirland als die tolerante, fortschrittliche Gesellschaft unserer Träume heranzuziehen und zu transformieren.

Diesen Kampf können wir nicht mit Samthandschuhen angehen. Wie J. B. Priestley einst schrieb, nützt es nichts, in sanften, leisen Tönen zu reden, wenn alle anderen brüllen. Als Humanisten glauben wir natürlich an die Kraft der Vernunft und daran, unsere Opponenten mit Argumenten zu schlagen, doch leider ist die Debatte nicht unsere einzige Herausforderung. Der öffentliche Bereich wird von Sprücheklopfern und Leuten mit Gewehren, Bomben, Baseballschlägern oder Schlagringen beherrscht. In einem Meer von Bigottrie, Gewalt und übertriebener Religiosität geht die Stimme der Vernunft leicht unter. Und - wie man bei Sinn Fein nur allzu deutlich gesehen hat - können irrationale Aktionen hinter der Maske der Vernunft gut versteckt werden. Süße Worte verdecken schmutzige Taten.

Im Gegensatz hierzu sitzen die Kirchen an den meisten Hebeln der Macht - sei es im Schulwesen, bei der Arbeit, in der Politik, in den Medien usw. - und so sind die Möglichkeiten, mit welchen wir unsere Argumentationen durchsetzen können, leider sehr begrenzt. Die wenigen Male, die wir unsere Nase hineinstecken dürfen, werden wir als die Vertreter der Ungläubigen angesehen, deren Beitrag streng kontrolliert werden muß. Tatsache bleibt deshalb, daß wir einfach nicht auf gleicher Ebene wirken können. Vernunft allein ist machtlos angesichts dieser irrationalen Einflüsse.

Es gibt so viel an unserer Gesellschaft zu bemängeln, und viele Menschen hier sind sich dessen bewußt. Als Humanisten liegt es an uns, den "ungezähmten Unmut" wie Swift es nennt, urbar zu machen. Oder, wie Shelley es in einem Brief ausdrückte, nachdem er von dem Peterloo Massaker im Jahre 1819 (Proteste gegen die Konditionen der Arbeiterklasse in den neuen Industriestädten von England - Anm. d. Übers.) gehört hatte: "Der Schwall an Entrüstung hat den Siedepunkt in meinen Adern noch nicht erreicht." Wir müssen die Wut der Tausenden von Menschen anfeuern, die sich dieser Ungerechtigkeiten voll bewußt sind, sich jedoch zu hilflos fühlen, um dagegen anzukämpfen. Wenn wir diese Gesellschaft bis auf ihre Grundsteine erschüttern wollten, müssen wir jede Gelegenheit ergreifen, um etwas zu bewirken. Wir müssen den Mut haben, "Unerhörtes" anzusprechen sowie den status quo direkt anzugreifen.

Der Humanismus hat in der Tat viel Positives anzubieten. Man denke z.B. an die geradezu skandalöse Armut in Nordirland. Zwei von fünf Kindern hier sind arm. Doch welche Maßnahmen werden ergriffen, um diese Armut abzuschaffen? Wo wird dieses Problem diskutiert? Die öffentliche Diskussion wird so sehr von bigotten, theokratischen, engstirnigen oder faschistischen Werten beherrscht, daß die wirklich wichtigen sozialen, politischen und moralischen Fragen des Tages dabei auf der Strecke bleiben.

Diese Situation kann nur dadurch geändert werden, indem man ihre Ausweglosigkeit aufdeckt. Und dies ist nicht einfach nur destruktiv. Jede negative Seite hat auch eine positive Seite. Der Atheist, der die Religion angreift, tut dies, weil er der Meinung ist, Religion sei sowohl unwahr als auch schädlich. Er steht somit dafür ein, daß Wahrheit eine Rolle spielt und daß wir Dinge, die uns schaden, abschaffen sollten. Wenn man Religion als eine Fessel betrachtet, so steht der Atheist oder Humanist dafür ein, daß es eine positive and befreiende Erfahrung ist, sich von dieser Fessel zu lösen. Er drückt damit aus, daß die Befreiung von der klerikalen Gedankenkontrolle einen Sieg des Einzelnen über dass "System" darstellt. Es ist ein Schritt auf dem Weg, unser eigenes Selbst zu entdecken und den Herausforderungen der Welt gegenüberzutreten, ohne dabei auf mythische Stützen oder Geistliche, die das Denken für uns übernehmen, zurückzugreifen. Man kann Humanismus auf zwei Arten definieren: mit dem, was wir nicht wollen und mit dem, was wir wollen. Wir wollen eine weltliche Politik für Nordirland - d.h. wir wollen, daß Politik OHNE religiöse Identifizierung praktiziert wird. Wir wollen weltliche Schulen in Nordirland - d.h. OHNE religiöse Indoktrination. Wir wollen eine liberale Gesellschaft in Nordirland - d.h. OHNE die unterdrückenden, konservativen Moralvorstellungen, die uns durch veralteten, religiösen Glauben aufgezwängt werden. Humanismus steht für den Sieg der humanen Werte. Wenn wir jedoch die Welt, in der diese Werte fehlen, nicht verstehen und kritisieren, werden wir diese Ziele nie erreichen. Angesichts einer Gesellschaft, in welcher eine inhumane, entzweiende, bigotte und unterdrückende religiöse Ideologie die Vorherrschaft hat, können wir es nicht vermeiden, kritisch zu sein. Und wir sollten es auch nicht. Denn ohne Kritik gibt es auch keinen Fortschritt. Ohne Kritik verdummt eine Gesellschaft. Es fehlt ihr die Einsicht einer besseren Gesellschaft, um aus ihrer Apathie herausgerissen zu werden.

Gott unter Beschuß zu nehmen, tut gut. Es tut der geistigen Gesundheit des Einzelnen gut; es tut der Wahrheitsfindung gut; es tut sogar den Christen selbst gut; und es tut der ganzen Gesellschaft gut. Darum laßt uns weiter über Gott lästern. Schließlich hat er es verdient.

Brian McClinton
Geschäftsführer der nordirischen humanistischen Organisation "The Ulster Humanist Association"
in deren Zeitschrift The Humanist (Nr. 12/96) Übersetzt von Michaela Sommer.

 

 

Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine wahre Freiheit.
 
Voltaire, Philosoph (1694-1778)

 
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Humanistische AKTION

6/1999
 


 
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Aktualisiert am 23.01.03