Texte zum Thema Gewalt      

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Menschenwürdige Verhältnisse verhindern Gewalt - Ein Interview mit Joachim W. Hohl.

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Menschenwürdige Verhältnisse verhindern Gewalt

 
Interview der Zeitschrift BISS mit dem Diplomsoziologen Dr. Joachim W. Hohl über
Erscheinungsformen von Gewalt und wie man sie verhindern kann.

 

Zur Person: Dr. Joachim Hohl ist Psychologe und Soziologe. Der 52-Jährige unterrichtet Sozialpsychologie am Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Außerdem ist er als Psychoanalytiker in freier Praxis tätig.

 
Frage: Was versteht man eigentlich unter Gewalt?

Dr. Joachim W. Hohl: Ich glaube nicht, dass wir in der Literatur eine verbindliche Definition von Gewalt finden werden, auf die sich alle einigen können, die das Phänomen Gewalt auf einen Begriff bringt. Die Juristen verstehen unter Gewalt die zwangsweise Aufnötigung des eigenen Willens bei jemand anderem. Sozialwissenschaftlich ist das natürlich viel schwieriger. Jeder Autor arbeitet mit seiner eigenen Definition. Er kann zum Beispiel einen weit gefassten Gewaltbegriff sinnvoll finden. Dann kann er auch noch Beschuldigungen oder Beschimpfungen unter Gewalt verstehen. Wenn er einen engeren Gewaltbegriff sinnvoll findet, dann würde er sich darauf beschränken, unter Gewalt nur das zu verstehen, was tatsächlich mit einer aggressiven, körperlichen oder psychischen Schädigung des Opfers einhergeht.

Welchem Gewaltbegriff geben Sie persönlich den Vorzug?

Hohl: Ich würde eher einen engeren Gewaltbegriff vorziehen. Gewalt ist für mich der Versuch, einem anderen den eigenen Willen mit aggressiven Mitteln unter Zufügung oder Androhung einer körperlichen Schädigung aufzuzwingen. Alle anderen Verhaltensformen würde ich nicht unter den Gewaltbegriff fassen. Zum Beispiel hat es vor ein paar Jahren ein Urteil gegeben, als Demonstranten Gleise besetzt hatten, um einen Atomtransport zu verhindern. Den Demonstranten wurde vom Gericht ein gewalttätiger Widerstand gegen die Staatsgewalt unterstellt, obwohl sie völlig friedlich auf den Gleisen gesessen haben. Ich finde es äußerst problematisch, das auch noch unter den Gewaltbegriff zu packen. Weil es dann am Ende nichts mehr gibt, was keine Gewalt ist. Sie können ja auch jemanden mit Liebe manipulieren oder durch Schuldgefühle dazu bringen, dass er das tut, was Sie wollen. Das wäre dann auch alles Gewalt. So wird der Gewaltbegriff wissenschaftlich unbrauchbar.

Welche Formen von Gewalt würden Sie unterscheiden?

Hohl: Eine besondere Form von Gewalt ist sicherlich die so genannte strukturelle Gewalt. Der Begriff wurde in den siebziger Jahren von Johan Galtung, einem norwegischen Soziologen, geprägt. Er meint mit "struktureller Gewalt" eine Form von Gewalt, die sich von individuellen Akteuren gelöst hat. Diese Form von Gewalt wird also durch die sozialen Strukturen ausgeübt, nicht von knüppelschwingenden Polizisten oder Soldaten mit Gewehren.

Wenn zum Beispiel die Verteilung von Wohnraum in der Gesellschaft so gelöst ist, dass Wohnraum knapp und teuer ist, wenn man schon zu einer privilegierten Gruppe gehören muss, um überhaupt Zugang dazu zu haben, dann könnte man sagen, dass hier strukturelle Gewalt ausgeübt wird. Dass bestimmte soziale Gruppen von Lebenschancen von vornherein ausgeschlossen sind. Das wäre ein Beispiel für strukturelle Gewalt. Eine Form moderner Gewalt.

Kann man sagen, dass Gewalt gechlechtsspezifisch ist?

Hohl: Wenn man vom Phänomen ausgeht, dann ist Gewalt ganz stark geschlechtsspezifisch. Wenn man die Ausübung von körperlicher Aggression zu Grunde legt, dann ist eine extreme geschlechtsspezifische Ungleichverteilung von Gewalttaten da. Frauen sind laut Kriminalstatistik bei Gewaltverbrechen nur zu einem geringen Prozentsatz vertreten. Solange wir unter Gewalt die brachiale, körperliche, mit Waffen ausgeübte Gewalt verstehen, ist dass eine reine Männerdomäne.

Und warum ist das so?

Hohl: Weil unsere Gesellschaft immer noch beide Geschlechter durch Erziehung in bestimmte so genannte Geschlechtsstereotype drängt. Das fängt schon im Säuglingsalter an. Stichwort Sozialisation im Unterschied zu Erziehung - also nicht nur das, was Eltern bewusst mit ihrem Kind machen, sondern auch, was sie unbewusst mit dem Kind machen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass Eltern bereits Säuglinge je nach Geschlecht unterschiedlich behandeln. Das heisst, wir haben ein soziales System, in dem nach wie vor bestimmte geschlechtstypische Persönlichkeiten sozialisiert werden.

Spielen Hormone bei der Gewaltbereitschaft eine Rolle?

Hohl: Das ist eine Glaubensfrage. In der Wissenschaft findet man das ganze Spektrum. Biologen und Humangenetiker neigen zu der Auffassung, dass Hormone der entscheidende Faktor für Gewalt sind. Wir Sozialwissenschaftler glauben nicht daran. Wir messen dem Einfluss der Hormone einen untergeordneten Stellenwert zu. Natürlich finden Sie bei einzelnen Individuen extreme Hormonstörungen, und man kann feststellen, dass der Betroffene dann auch extrem gewalttätig ist. Aber für die große Zahl der Menschen, die nicht an extremen Hormonstörungen leiden, ist diese Erklärung allein nicht plausibel. Letzten Endes ist dies aber eine Frage des persönlichen Denkmusters, dem Sie sich verpflichtet fühlen.

Hat sich Gewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte verändert? Und wenn ja, inwiefern?

Hohl: Wenn wir von unseren Gesellschaften in Westeuropa ausgehen, dann ist im Laufe der letzten tausend Jahre ein extremer Wandel von Gewalt feststellbar. Gewalt ist historisch gesehen monopolisiert worden und wird von einer gesellschaftlichen, politischen Zentralinstanz ausgeübt. Früher war das der Kaiser oder der König, heute ist das der Staat Es ist also im Laufe der Zeit zu einer Befriedung von großen Räumen gekommen, die es im frühen Mittelalter so nicht gegeben hat.

Der permanente Kleinkrieg untereinander hat aufgehört, weil es die Zentralinstanz verboten hat. Das war ein politischer Prozess, bei dem die Zentralgewalt allen anderen Machthabern im Land die Ausübung von Gewalt verboten hat. Deswegen leben wir heute in einer relativ friedlichen Gesellschaft, verglichen mit den Zuständen im frühen Mittelalter.

Am Ausmaß der Gewalttätigkeit im Leben der Menschen hat sich extrem viel verändert. Was aber nicht heißen soll, dass die Menschheit friedlicher geworden wäre. Die modernen Kriege im 20. Jahrhundert haben ja unendlich mehr Opfer gefordert als zum Beispiel Kriege im 12. Jahrhundert. Kriege sind durch die Waffentechnologie insgesamt destruktiver geworden.

Wie beurteilen Sie das Phänomen Gewalt an Schulen?

Hohl: Bei dem Phänomen Gewalt an Schulen ist interessant, dass sie quantitativ zurückgeht. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Schülern nehmen eher ab. Aber wenn Gewalt ausgeübt wird, ist sie brutaler. Es wird also weniger geprügelt, aber wenn, wesentlich brutaler. Dass man ein Schlagwerkzeug in die Schule mitbringt, ist ein neueres Phänomen. Bei den Kids scheinen bestimmte Hemmschwellen nicht mehr da zu sein, die bei früheren Generationen noch vorhanden waren.

Wenn wir uns damals geprügelt haben, haben wir uns an bestimmte Regeln gehalten. Und wenn einer am Boden lag, haben wir aufgehört. Da wurde nicht auch noch draufgetreten. Kinder setzen sich heute viel destruktiver und viel weniger nach Regeln auseinander.

Wie könnte Gewalt wirkungsvoll verhindert werden?

Hohl: Ich denke, es gibt vier Faktoren, die gegeben sein müssen, damit Gewalt entweder verhindert oder eingedämmt werden kann. Erstens braucht es menschenwürdige Verhältnisse. Solange Menschen hungern oder Not leiden, werden sie übereinander herfallen und sich das besorgen, was sie entbehren.

Zweitens brauchen Menschen ein gesellschaftliches System, das Gewalt monopolisiert. Ein Gewaltmonopol, das auch durchgesetzt wird. Ohne das wären wir heute nicht da, wo wir sind.

Drittens muss eine Norm in den Köpfen der Menschen vorhanden sein, dass Gewalt etwas ist, was nicht sein soll, dass Gewalt etwas Schlechtes ist, dass Gewalt kein Mittel der Problemlösung ist.

Der vierte Faktor besteht in bestimmten sozialen Fähigkeiten, die es weniger wahrscheinlich machen, dass Einzelne gewalttätig werden. Ich meine die kommunikative Kompetenz. Dass Kinder früh lernen, sich in Konflikten im Gespräch auseinander zu setzen. Die Norm der Gewaltlosigkeit muss mit Konfliktlösungsfähigkeiten unterstützt werden, die es im Idealfall gar nicht mehr nötig machen, sich gewalttätig zu verhalten.

Das Gespräch führte Caroline Lehmann - aus BISS 4/2000
 
 

Anmerkung

Aus ganzheitlicher Sicht ist es weniger eine Glaubensfrage, ob Hormone eine Rolle spielen bei der Gewaltbereitschaft, als vielmehr eine naturgegebene Tatsache. Allgemein bekannt ist, daß bereits als Säugling der männliche Mensch sich aggressiver verhält. Von der Natur her hat der Mann die Aufgabe, den Rivalen zu verdrängen, damit möglichst der Stärkste sich fortpflanzt. "Das Tier im Menschen kann nicht ausgerottet werden. Daher muß diesem Tier ins Auge gesehen und mit ihm gelebt werden." (Sigmund Freud, Arzt, 1856-1939) Es kommt auf die Entwicklung der Kultur an, ob die geschlechtsspezifischen Unterschiede verstärkt oder ausgeglichen werden. Unsere derzeitige Kultur richtet sich auf Äußerlichkeiten und verdrängt das Tier im Menschen, anstatt den Menschen in seiner Ganzheit zu kultivieren. Lesen Sie hierzu auch den Text 'Das Tier im Global Player'. Unsere Kultur ist noch immer christlich-abendländisch orientiert nicht humanistisch-ganzheitlich.

 
BISS ist ein Zeitungsprojekt, das Bürgerinnen und Bürgern in sozialen Schwierigkeiten hilft, sich selbst zu helfen. Das Blatt wird hauptsächlich von Personen verkauft, die obdachlos sind oder es waren. Vom Verkaufspreis, derzeit 2,50 Mark, behalten sie 1,30 Mark. Bitte kaufen Sie die Zeitschrift nur bei Verkäufern, die ihren Ausweis deutlich sichtbar tragen. BISS wird nur auf der Straße, nicht an der Haustür verkauft.

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(aus humanistischer Sicht verkürzt)


 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
5/2000
 


 
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Aktualisiert am 26.01.08