Humanismus - Weg der Mitte

Ein Vorschlag zur Neu-Orientierung    

Seit Jahrhunderten suchen Menschen nach Vorbildern, Werten, Maßstäben, nach einer übergeordneten Zielsetzung, nach dem Sinn des Lebens. Sie wollen - mehr oder weniger bewußt - ein möglichst sinnerfülltes Leben führen. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurde immer deutlicher sichtbar, daß die bisherigen religiösen und materialistischen Ideologien dem Menschen und seiner Umwelt mehr schaden als nützen.

Immer deutlicher wird auch, daß die Ursachen all der Probleme zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur vorwiegend im Menschen begründet sind. Sollte deshalb nicht hier - beim Menschen - angesetzt werden bei der Überwindung dieser Problematik? Denn bisher lagen sowohl Ziele als auch Wege außerhalb des Menschen, sie führten ihn von sich selbst weg.

Die Idee des Humanismus enthält in idealer Weise Ziel und Weg zugleich. Sie bezeichnet besser als alles andere das, worum es letztlich geht, und veranlaßt deshalb auch am ehesten den Menschen, sich selbst mit in die Pflicht zu nehmen. Der Begriff Humanismus ist zwar nicht neu, doch wurde er bisher meist nur als Beiwerk gesehen und nicht als umfassende Vorstellung von einer ziel- und wegweisenden Orientierung. Bisher bezeichnete sich meist nur als Humanist, wer eine humanistisch orientierte Schulbildung hatte.

Seit einigen Jahren sammeln sich nun auch in Deutschland geistig und konfessionell freie Menschen unter dem Begriff Humanisten zur Bezeichnung ihrer ethischen Orientierung, nachdem dies im westlichen Ausland schon länger geschieht.

Humanismus - die neue Religion?

Ja - wenn Religion, wie heute allgemein üblich, fälschlich als Konfession, als Bekenntnis zu einer festgelegten Glaubensrichtung verstanden wird. Nein, wenn Religion im ursprünglichen Sinn, nämlich als freie, als un-mittelbare Rückbindung an das Weltganze gesehen wird. Dann ist Humanismus eher eine neue Antwort auf die alte religiöse Frage nach dem Sinn.

Humanismus - die neue Konfession?

Ja - als Bekenntnis zum Mensch-Sein, zum Menschentum, das alle Menschen dieser einen Welt vereint, denn es ist im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig, daß in einer desorientierten und orientierungslosen Zeit zeitgemäße und zukunftsweisende Werte benannt werden, zu denen sich auch aufgeklärte, mündige Menschen uneingeschränkt bekennen können. Die Ablehnung von überholten Traditionen reicht nicht mehr, auch nicht allein die Forderung nach Recht und Toleranz.

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein;
sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Der Humanist ist ganzheitlich orientiert und versucht, über die Toleranz hinaus Verbundenheit und Solidarität zu üben, auch gegenüber denen, die noch den alten Traditionen verbunden sind. Aus Feinden Gegner, aus Gegnern Partner, aus Partnern Freunde werden zu lassen, das ist das Motto von Humanisten. Mensch und Menschlichkeit stehen für ihn im Mittelpunkt, nicht nur ein Prinzip, ein Weg oder eine Autorität. Mensch werden, Mensch sein und Mensch bleiben, das ist seine Hauptaufgabe. Zum Menschsein gehört Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit. Menschsein-Wollen verpflichtet zur Mündigkeit, was einen unkritischen Glauben an Autoritäten und an Übersinnliches ausschließt. Humanismus verpflichtet zum Streben nach größtmöglicher Selbständigkeit, Echtheit, Verbundenheit und Ganzheit.

Humanismus als Menschlichkeit im umfassenden Sinn verstanden, kann zu einem besseren Lebenskonzept werden, zu einem neuen Weg. Humanismus ist dann eine sachliche Antwort auf die uralte religiöse Frage nach dem Sinn des Lebens, er ist der dritte Weg, der Weg der jeweiligen Mitte zwischen gegensätzlichen Extremen wie Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Gottgläubigkeit und Ungläubigkeit, zwischen Rationalismus und Emotionalismus und anderen Polaritäten.

Humanismus als eine allem übergeordnete Zielsetzung für menschliches Handeln ist Weg und Ziel in einem. Humanismus kann von jedem praktiziert werden: durch die Überprüfung der eigenen Weltanschauung und Lebensweise und nötigigenfalls ihre Änderung; durch Mitarbeit an einem humanistischen Leitbild, durch Mitarbeit in einer humanistischen Vereinigung.

Rudolf Kuhr

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Humanistische AKTION
8/1995,4
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Aktualisiert am 03.02.09

 

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Aktualisiert am 29.10.10