Christentum und Verfassungsbruch

Die dubiose Klausel
 

Wie hält es eigentlich ein Mensch aus damit zu leben, gegen mehrfach geleistete Eide, das Grundgesetz und die Gesetze zu achten, gegen eben diese Verfassung und Gesetze verstoßen zu haben ohne Einsicht in das Rechtswidrige seines Tuns zu zeigen? Wie hält es ein Mensch aus, Geldwäsche in Millionenhöhe begangen zu haben und anschließend dies Verhalten bei anderen für strafbar zu erklären? Diese Fragen stellen sich einem Humanisten, wenn er die menschliche Seite des Verfassungsbruchs und Eidesverstoßes des Bundestagsabgeordneten Dr. Helmut Kohl oder des Bundesministers a.D. Manfred Kanther betrachtet. Wie hält es ein solcher Mensch aus, vor dem Deutschen Bundestag feierlich zu schwören, "dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen ..., das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen ... werde"?

Die Antwort liegt im Zusatz der Eidesformel: "So wahr mir Gott helfe". Dieser Bezug auf einen Gott bekräftigt nicht etwa, wie die herrschende Meinung glaubt, die Bedeutung des Eides, sondern relativiert ihn. Das ist eine der Erkenntnisse aus dem Verhalten der beiden.

Während wir konfessionsfreien Humanisten die Verantwortung für unser Handeln allein vor unserem Gewissen prüfen müssen und zu verantworten haben, leitet der Gotteszusatz der Eidesklausel Verantwortung auf das unbekannte Wesen Gott ab, dem man schuldbefreiend alles beichten kann.

Dass dieses Wissen nicht einem gottlosen Gehirn entwachsen ist, verdanken wir dem langjährigen Beichtvater des Altbundeskanzlers, dem Dominikaner-Pater Basilius Streithofen.

Streithofen verteidigte im Rundfunkinterview am 21. Januar 2000 das rechtlich bedeutungslose und umgangssprachlich nur noch in Verbindung mit der Mafia gebrauchte "Ehrenwort" seines Schützlings. In den ARD-"Tagesthemen" setzte er die morgens begonnene Verteidigung Kohls verstärkt fort: Das Wort des Christenmenschen stehe über der Verfassung und über den Gesetzen und könne durch beides nicht eingeschränkt oder aufgehoben werden. Sein Klient müsse schweigen, weil er sein Wort gegeben habe.

Erläuternd fügte er hinzu, wo er den wirklich Schuldigen und Verantwortlichen sieht: in Wolfgang Schäuble, der sich um Aufklärung der Wahrheit bemüht. Dieser müsse zurücktreten, forderte Streithofen und zur Begründung fügte er an: "Der Satan ist ein Wahrheitsfanatiker."

Den satanischen Versen der Aufklärungsbemühungen der redlichen CDU-Politiker und der Staatsanwälte erteilte er eine klare christliche Absage. Kein Bischof wies ihn zurück oder relativierte wenigstens dieses unverantwortliche Verhalten des Priesters, der jenem Orden angehört, dem der Papst im Mittelalter die Inquisition übertragen hatte, jener Institution, die Gelehrte aburteilte, die die Wahrheit über Glaubensdogmen stellten. Dieses Mittelalter lebt im Beichtvater Helmut Kohls fort, ohne Widerspruch von katholischer Seite.

Wolfgang Lüder

Wolfgang Lüder war Berliner Bürgermeister, gehörte für die FDP dem Bundestag
an und ist jetzt Mitglied im Bundesvorstand des Humanistischen Verbandes.

aus 'diesseits' 1/00

 

... Niemand vermag grausamer zu sein als jene, die im Namen der Wahrheit handeln. ... Nicht nur Gott, auch der Glaube an sich ist unbeweisbar. Nicht einmal der Papst kann beweisen, daß er glaubt, woran zu glauben er vorgibt. Darum gibt es für mich nichts Unanständigeres als christliche Parteien: Mit dem, was man nicht beweisen kann, daß man es ist, darf nicht politisch operiert werden. ...

Friedrich Dürrenmatt, Schriftsteller

 

siehe auch  -  'König Kohl'  -  'Chance für Neuorientierung'  und  '...so wahr mir Gott helfe'
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
3/2000
 


 
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Aktualisiert am 27.01.03