"für uns gestorben?"
Liturgische Schlachtschüssel

 Veranstaltung am Karsamstag 1999 in Nürnberg
des Theologen Ernst Cran (Der Grobe Pope)

Vorwort

zum Text aus dem Presse-Text vom 16.03.99 

In der "Liturgischen Schlachtschüssel" geht es mit um die Infragestellung des auf den ersten Blick so selbstverständlichen Gedankens, daß an Karfreitag Jesus "für uns gestorben" ist. Außerdem um die Bewußtmachung dessen, daß wir mit dieser verhängnisvollen Verknüpfung eines Todes mit unserem Seelenheil allerlei nekrophile Elemente in unsere Religiosität transportiert haben, inklusive des Kreuzzeichens, das ich als Symbol an diesem Abend abschaffen werde (ich werde ein Kreuz absägen und es zu einem anderen, hilfreicheren Symbol "umzimmern"). Zugleich soll die "Schlachtschüssel" (so nennen wir in Franken ein Essen mit Blut- und Leberwürsten, Kesselfleisch und Sauerkraut) deutlich machen, daß das Abendmahl in dieser Deutung nichts anderes ist als kultischer Kannibalismus und seine Geltung in dieser Richtung bestenfalls als Leichenschmaus am Karfreitag oder Karsamstag behalten kann. Andererseits wird aber auch die Realität thematisiert, daß wir natürlich, indem wir überhaupt Fleisch essen, Leben beenden. Insofern wird die Bedeutung des "für uns gestorben" auf einer ganz anderen Ebene, nämlich im Hinblick auf dieses Schwein, das für diese konkrete Schlachtschüssel geschlachtet wurde, ins Bewußtsein gehoben. Unter anderem werde ich deshalb ein Interview mit dem betreffenden Schweinehalter führen, in dem ich die genauere Identität dieses Tieres herausarbeiten werde. Mein Textbeitrag "Erinnerungen einer Leberwurst" wird deutlich machen, daß wir da tatsächlich ein Stück Leben auf dem Teller haben. Es geht mir nicht darum, Vegetarismus zu predigen (das bin ich selbst auch nicht!). Aber ich möchte klarmachen, daß Leben erhalten (=essen) gleichzeitig Leben beenden (=schlachten) bedeutet. Dieser Zusammenhang hat eine spirituelle Dimension, denn alles Leben ist miteinander verbunden. Auf der theologischen Ebene findet diese Verbundenheit Ausdruck in einem neuen Symbol, welches kein Opfer mehr braucht, sondern den Zusammenhang von Leben und Sterben - und darin verwoben das Schicksal Jesu - als gemeinsam zu gestaltende Grundkonstante unseres Daseins sieht. Den Fokus dabei bildet - und das wird dann auch musikalisch deutlich werden - die Umorientierung von einer "religiösen Todesfixiertheit" zu einer "Lebensfixiertheit", die bewußt Sinnlichkeit integriert. Auf diesem Hintergrund schmeckt dann auch die Schlachtplatte!

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"für uns gestorben?"
Die Liturgie zur Schlachtschüssel

Begrüßung

Lied: "Ich bin wieder hier"

Kleine Übung

Text: "Erinnerungen einer Leberwurst"

Interview

Lied: "Wenn ich mal ein Schwein wär"

Passionstexte mit Chor- und Orgelmusik

Kurzvortrag: Jesus, das Schwein und das Sterben

Lied: "Imagine"

Umbau des Kreuzes

Kurzvortrag: Das andere Symbol

Lied: "The river is flowing"

Segenswort zum Essen

Gemeinsame Mahlzeit mit "Liedern vom Leben"
 
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Erinnerungen einer Leberwurst

Ich gebe zu: So unwohl fühle ich mich hier gar nicht. Eigentlich mag ich es so: In einer warmen, weichen, saftigen Umgebung. Wenn ich mich drehen und wenden könnte, ich würde mich suhlen in diesem Bett aus Sauerkraut. Wenn nur das drohende Besteck über mir nicht wäre. Es will mir an die Haut, kein Zweifel. Es will in mich hinein, mich vermengen und vermischen mit Kraut und Brot, mich entreißen meiner darmigen Hülle, um mich schließlich dem anderen Darme zuzuführen.

Wer bin ich? Ich gebe zu: Ich habe ein Identitätsproblem. In mir sind Dinge verbunden, die zusammengehören und auch wieder nicht. So nah war ich mir zu Lebzeiten nie, so eng aneinandergedrängt. Was meine ich, wenn ich "ich" sage? Ich meine mich, die Leber - ohne Gallengänge, versteht sich! Der gallige Saft ist nichts für feine Gaumen der Verzehrer. Ich meine mich, das Hirn - ja, auch eine Leberwurst braucht ein paar graue Zellen, will sie vollkommen sein. Ich meine mich, die Zunge - zu sagen habe ich zwar nichts mehr, aber auf der Zunge zergehe ich doch hoffentlich. Ich meine mich, das Schwartenfett - als Bindemittel tauge ich auch jetzt noch, obwohl mich manche lieber knusprig mögen. Ich meine mich, den Dünndarm - daß ich einmal in meinem eigenen Darm lande; wer hätte das gedacht.

Wer bin ich? Wen meine ich mit diesem Wort? Das Lebewesen, das ich einmal war? Der Organismus, dem meine Einzelteile einmal zur Verfügung standen? Das Tier, das ich einst am Leben erhielt mit den ganz speziellen Eigenschaften und Talenten meiner Bestandteile? Ich - die Leberwurst. Nun bin ich ein Lebensmittel geworden. Ein Mittel zum Zweck. Ein Mittel zum Leben. Mittel zum Zweck - das bin ich auch als Tier schon gewesen. Lebensmittel zu werden, das war mein einziger Lebenszweck. Ich hätte mein Hirn auch zu anderen Zwecken gebrauchen können. Ich hätte meine Schwarte auch gerne woanders gerieben als an der Klinge des Metzgers. Ich hätte meinen Haxen auch gerne den wilden Galopp gegönnt, statt sie nur am Grill im Kreis zu drehen. Vielleicht hätte ich gerne Kinder gehabt oder gezeugt. Vielleicht wäre ich gerne in einer Schlammkuhle irgendwann friedlich eingeschlafen nach einem erfüllten Schweineleben. Vielleicht. All das ist nicht passiert. Eine Leberwurst bin ich geworden. Ein ganz neues Lebensgefühl. Ach nein - Leben, das war mal. Aber doch: Auch dieser Zustand hat seine eigenen Reize. Mit all den feinen Düften der Gewürze wäre ich sonst nie in Kontakt gekommen. Als Lebewesen hätte ich die gar nicht vertragen - auch die Bratzwiebeln nicht; die standen nicht auf meinem Speiseplan. Aber nun - diese Mischung gibt mir den Charme einer neuen Existenz. Ein wenig blutleer zwar, aber mein Lebenssaft liegt ja gleich neben mir im anderen Darm auf dem selben Teller.

Wer bin ich? Ich war Leben. Und jetzt erhalte ich Leben für andere. Hoffentlich erinnern die sich wenigstens daran, wenn sie mir später die Haut aufritzen. Hoffentlich kommt ihnen wenigstens ein gedachtes "danke" über die Lippen, bevor sie mich in den Mund nehmen. Hoffentlich reicht ihre Phantasie aus, um sich meine Lebenslust vorzustellen, wenn sie gleich ihre mit mir haben.

Die Lebenslust einer Leberwurst. Die Lebenslust eines Lebewesens. Lassen Sie sich mich schmecken. Mahlzeit.  

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Passionstexte aus dem Gesangbuch:

O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seines Vaters Schoß äußert und kam auf Erden; daß er für uns geopfert würd, trüg unsrer Sünden schwere Bürd wohl an dem Kreuze lange. So laßt uns nun ihm dankbar sein, daß er für uns litt solche Pein, die Lieb erzeigen jedermann, die Christus hat an uns getan mit seinem Leiden, Sterben. (EKG 76)

O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet, allzeit erfunden geduldig, wiewohl du warest verachtet, all Sünd hast du getragen, sonst müßten wir verzagen. (EKG 190.1)

Wir danken dir, Herr Jesu Christ, daß du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut - und bitten dich durch dein heilig fünf Wunden rot: Erlös uns vor dem ewgen Tod. (EKG 79)

O Menschenkind, nur deine Sünd hat dieses angerichtet, da du durch die Missetat warest ganz vernichtet. (EKG 80)

Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet. Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden, und du mußt leiden. (EKG 81)

Laß mich wohl bedenken, wie du gestorben bist und alle meine Schuldenlast am Stamm des heilgen Kreuzes auf dich genommen hast. Laß dein heilig Leiden mich reizen für und für, mit allem Ernst zu meiden die sündliche Begier, daß ich verleugne diese Welt und folge dem Exempel, das du mir vorgestellt. (EKG 82)

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder; es geht und büßet in Geduld die Sünden aller Sünder; ergibt sich auf die Würgebank, entsaget allen Freuden und spricht: "Ich will's gern leiden." Das Lämmlein, den hat Gott zum Sündenfeind und Sühner wollen wählen: "Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten." (EKG 83)

Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund, für deines Todes Schmerzen, da du's so gut gemeint. Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl, wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, mich finden soll. (EKG 85)

Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil. (EKG 87)

Ich grüße dich am Kreuzesstamm, du hochgelobtes Gotteslamm, mit andachtsvollem Herzen; Ich folge dir durch Tod und Leid, o Herzog meiner Seligkeit, nichts soll mich von dir trennen; dein Kreuzestod macht offne Bahn den Seelen, die dich kennen. (EKG 90)

Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet. So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen. Das Ja erscheint im Nein, der Sieg im Unterliegen, der Segen im Versiegen, die Liebe will verborgen sein. (EKG 94)

Was kann mir denn nun schaden der Sünde große Zahl? Ich bin bei Gott in Gnaden, die Schuld ist allzumal bezahlt durch Christi teures Blut. (EKG 82)

Ehre sei dir, Christe, der du littest Not, an dem Stamm des Kreuzes für uns bittern Tod. (EKG 75)  

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Jesus, das Schwein und das Sterben

Liebe Gäste,
wollte dieses Schwein sterben, das wir heute Abend essen werden? Wollte dieses Tier sein Leben hingeben, damit wir heute Abend satt werden? Hat dieses Tier sich entschieden, auf die Erfüllung seiner Lebensmöglichkeiten zu verzichten, damit wir heute etwas davon haben? - Nach allem, was wir heute Abend über dieses Schwein erfahren haben, und nach allem, was wir über die Dynamik von Leben und Tod wissen, kann die Antwort nur lauten: Nein! Dieses Tier dachte nicht im Traum daran, heute als Schlachtschüssel vor unseren Bestecken zu enden. Es hat sicher nicht von selbst den Weg zum Metzger gesucht, um sich ausbluten und zerstückeln zu lassen. Wahrscheinlich hätte es sehr gerne sein Leben fortgesetzt, hätte in ausgewachsenen Jahren Kinder gezeugt oder bekommen, wäre alt geworden und hätte auf ein erfülltes Schweineleben mit viel Gegrunze und Gesuhle zurückgeblickt. Dieses Leben ist vorzeitig beendet worden, weil wir heute essen wollen. - Vielen von uns ist das Gefühl für diese Tatsache abhanden gekommen, meine ich. Fleisch, das wir zubereiten und essen, bringen wir nur selten in Zusammenhang mit der Identität eines Lebewesens. Ausnahmen bestätigen die Regel: Tiere, die wir persönlich gekannt haben - Kaninchen etwa oder Geflügel - essen wir mit scheueren Gefühlen; Kinder verweigern das oft gänzlich: "Ich kann doch unseren Hansi nicht aufessen!" Und wenn die Frage wäre, selbst zu schlachten, um Fleisch essen zu können, würde mancher von uns augenblicklich zum Vegetarier werden. Nein, so einfach ist das nicht: Fleisch essen bedeutet Leben beenden, das gerne geblieben wäre - auch wenn uns die appetitlich eingeschweißte Portion an der Fleischtheke diesen Gedanken gerne ersparen hilft. - Fleisch essen bedeutet, Leben beenden, das gerne geblieben wäre. Nicht nur uns Heutigen geht es so - zu allen Zeiten mußten Menschen mit diesem Zusammenhang klarkommen. In der Zeit des alten Israel - aus der ein Großteil unserer biblischen Überlieferung stammt - wurde dieser Tatsache wie folgt entsprochen: Beim Schlachten eines Tieres - und das geschah nicht sehr oft und war dann gleichzeitig ein Fest! - wurde das Blut weggeschüttet und der Erde zurückgegeben. Außerdem nahm man vom besten Teil des Fleisches ein Stück, verbrannte es als Opfer und ließ den Rauch in die Lüfte steigen. Gott aß sozusagen mit - wir Franken müßten ihm heute wahrscheinlich ein Schäuferle abgeben! - Aus diesem Brauch schwingt die Ahnung, daß beim Schlachten etwas geschieht, was uns eigentlich nicht zusteht. Ob wir uns dafür bei "Gott" entschuldigen müssen, will ich einmal dahingestellt sein lassen. Zumindest aber sollten wir wissen, was wir tun. Eine Entschuldigung wäre vielleicht eher bei dem geschlachteten Tier angebracht, als bei Gott, zumindest aber nachsinnender Respekt und Achtung diesem Lebewesen gegenüber - und das auch im Hinblick darauf, wie wir dieses Tier heranwachsen lassen und behandeln, bis wir es schließlich töten.- Ich möchte diesem Gedanken später vor dem Essen in der Weise entsprechen, daß ich - statt eines Tischgebetes - für das für uns getötete Tier einen Segen des Dankes spreche.

Liebe Gäste: Wollte Jesus sterben? Wollte Jesus sein Leben loswerden, damit wir heute davon etwas haben? Hat dieser Mensch den Tod gesucht und herbeigewünscht, damit wir Heutigen davon profitieren? Ist er gar eigens dazu geboren worden - biologisch rein noch dazu: Denken sie an seine jungfräuliche Mutter - um diese Aufgabe zu erfüllen? Und hat er diese Aufgabe etwa gar wirklich darin gesehen, sich schlachten zu lassen, um uns vor irgendetwas zu retten? Darin, sich Wunden zufügen zu lassen, damit sein Blut fließt und uns von etwas reinwäscht? Darin, sich als Nahrung zur Verfügung zu stellen, um uns in der Hostie und im - evangelischen! - Wein im Abendmahl zu stärken? Eine menschliche Schlachtschüssel als Seelennahrung? - Der Fachausdruck dafür wäre: "Kultischer Kannibalismus". Ich esse meinen Gott, damit ich werde wie er. Das Gleiche taten übrigens die Menschenfresser auf Neuguinea: Sie aßen ihre Feinde auf, um deren Kraft in sich aufzunehmen. Christliche Missionare haben ihnen das ausgetrieben und die Feinde durch Jesus ersetzt. - Wollte Jesus dies? Eine Schlachtplatte sein zu unserer Seelennahrung? Eine blutige Waschanlage für die Seele? - Die Überlieferungen des Neuen Testamentes und die Texte unserer Gesangbuchlieder sprechen so - seit vielen Jahrhunderten. Genauer muß ich sagen: Sie wollen es uns weismachen! Sie geben vor, daß es so wäre! Demgegenüber kann die einzig aufrichtige, sinnvolle und nachvollziehbare Antwort auf die gestellte Frage nur lauten: Nein! Nach allem, was die Geschichts- und die Geisteswissenschaft über die Ursprünge unserer sogenannten "christlichen" Überlieferungen herausgefunden haben, stellt sich uns ein völlig anderes Bild dieses Mannes Jesus dar, als es aus den vorhin zitierten Texten spricht. Ich möchte Ihnen fünf Gründe nennen, warum ich es für sinnvoll und angebracht halte, das Verständnis des Lebensweges Jesu zu trennen von der Deutung als Sühneopfer für uns:
 

  1. Jesus hat gerne gelebt und in dieser Welt alles andere als ein "Jammertal" gesehen. Ganz im Gegenteil hat er sie als ihm zum Lebensgenuß zur Verfügung stehende Schöpfung seines Vaters angesehen, und dies auch sehr sinnlich. "Fresser und Weinsäufer" waren Vorwürfe seiner asketischen Gegner an ihn, die sogar die Vorzensur der biblischen Überlieferungen überstanden haben. Jesus hat gerne gefeiert und sich einladen lassen!
     

  2. Jesus war Jude und hätte nie von Juden verlangt, Blut zu trinken. Sein eigenes schon gleich gar nicht - und sei es nur "symbolisch". Bei aller seiner Kritik an den religiösen Bräuchen seiner Zeit gibt es kein Anzeichen dafür, daß er sich vom Judentum hätte lösen wollen. Das Tabu des Blutgenusses zu brechen, wäre aber einer Trennung gleichgekommen.  
     

  3. Jesus wollte nie selbst Gegenstand religiöser Verehrung sein und werden. Immer hat er darauf hingewiesen, daß es um die Beziehung zu Gott gehe. Sein Interesse war es, Menschen diesen Weg wieder zu öffnen und ihnen die Freiheit zu vermitteln, die darin liegt. Gott und Mensch - ohne vermittelnde Zwischeninstanz wie Priesterschaft oder Kultus. Er ist diesen Weg gegangen und hat andere damit angesteckt, ihr eigenes Leben in diese Richtung zu entwickeln.
     

  4. Jesus hat für seine Überzeugung sein höchstes Kapital eingesetzt: Sein Leben. Er hat den drohenden Konflikt mit den religiösen und politischen Autoritäten ausgehalten und ist bei seiner Linie geblieben - wogegen hätte er sie auch tauschen sollen? Daß er dabei umkommen könnte, hat er in Kauf genommen. Es war die Konsequenz seines Weges. Ein Profit für andere spielte dabei keine Rolle - es sei denn, daß auch diese Konsequenz ansteckend wirken konnte.
     

  5. Davon, daß Jesus "sterben mußte", kann also keine Rede sein. Insofern ist es auch völlig unwichtig, ob er überhaupt gestorben ist oder seine Kreuzigung überlebt hat und insofern zur Legendenbildung von der "Auferstehung" beigetragen hat. Ein Gott aber, der als Opfer für seine Versöhnung das Blut seines eigenen Sohnes fordert, paßt nicht zu dem Gott, in dessen Beziehung Jesus gelebt hat. Der Gott Jesu war einer, der Leben fördert und vermehrt, und es nicht fordert und verzehrt.

Drei Fragen am Schluß dieser Ausführungen:
  

  1. Was bedeuten diese Überlegungen für das Thema "Abendmahl", das ja gerade in der Passionszeit eine große Rolle spielt? Wenn wir den Karfreitag als den Gedenktag an den vermeintlichen Tod Jesu nehmen, kann es legitimerweise nur als eine Art "Leichenschmaus" verstanden werden. Nicht, daß wir da eine Leiche verzehren - eben nicht! - , sondern wir denken an einen, der nicht mehr leiblich unter uns ist, und treffen uns zu diesem Zweck wie bei einer richtigen Beerdigung zu einer gemeinsamen Mahlzeit. Bei dieser Mahlzeit werden und sollen wir dann auch feststellen: Das Leben geht weiter. Es findet hier und jetzt statt. Wir betrauern einen Tod und freuen uns darüber, daß wir leben. So verstanden ist das Abendmahl ein Fest des Lebens und eben nicht die Einverleibung einer göttlichen Substanz. So und nicht anders hat auch Jesus die Mahlzeiten mit seinen Freunden verstanden.- Unsere heutige Mahlzeit heißt nicht "Abendmahl", und doch erfüllt sie alle diese Kriterien.
     

  2. Was bedeuten diese Überlegungen für das zentrale "christliche" Symbol, das Kreuz? Für mein Verständnis bedeutet es einen notwendigen Abschied von dieser Art des Kreuzes. Es kann nicht länger im Zentrum stehen, was niemals im Sinne des "Erfinders" gewesen ist - schon gleich gar nicht mit einer gemarterten Götterfigur daran! Das Kruzifix - jemand hat auch einmal "Leichentrockner" dazu gesagt - verseucht unsere Seele mit Assoziationen von Gewalt und Leid und hat in dieser Weise eine verhängnisvolle Wirkungsgeschichte in der Tradition des Christentums hinterlassen. Im Namen dieses Kreuzes wurden und werden die schlimmsten Greuel begangen, zu denen Menschen fähig sind. In diesem Moment, in dem ich das sage, massakrieren im Kosovo Christen eine moslemische Bevölkerungsmehrheit! Aber: Dieses Symbol darf umgestaltet und weiterentwickelt werden, in eine Richtung, die dem Leben dient und die Seele und das Auge mit hilfreichen Assoziationen versorgt. - Das werden wir später auch tun.
     

  3. Jesus, das Schwein und das Sterben? Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Gewiß, beide wollten sie nicht sterben, Jesus nicht und auch nicht dieses Tier. Das Tier haben wir töten lassen, um uns zu ernähren. Dieses Schwein ist wirklich "für uns" gestorben. - Und Jesus? Für den, der ein Opfer braucht, um seine Seele zu retten, eignet er sich dafür. Er ist sogar das größtmögliche Opfer - wer will den "Sohn Gottes" da übertreffen? Die Frage ist nur, ob wir wirklich einen Gott wollen, der Opfer will. Folge ich der Stimme Jesu, dann geht es diesem Gott mehr um Liebe und Barmherzigkeit, als um Opfer und Vergeltung. Wenn ich mir diese Freiheit leiste, mich diesem Gott zu nähern, brauche ich den Opfertod Jesu nicht mehr. Die Frage ist dann: Was bedeutet es "für mich", daß es den Weg der Verbundenheit mit Gott gibt, den der Mensch Jesus gelebt hat? Diesen Weg zu entdecken, wird dann meine Aufgabe.

Im folgenden Lied, zudem ich Sie einladen möchte, hat jemand - der ebenfalls gewaltsam ums Leben kam - seine Vision und Vorstellung von einem solchen Weg zum Ausdruck gebracht: John Lennon: "Imagine".

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Umbau des Kreuzes 

Liebe Gäste,
vor vielen Jahrhunderten wurde von den ersten christlichen Missionaren das zentrale religiöse Symbol unserer Vorfahren zerstört und vernichtet: die Donar-Eiche. Heilige Bäume wurden systematisch gefällt und an den alten heidnischen Plätzen Kirchen errichtet.

Vor verhältnismäßig wenigen Jahren wurden in unserem damaligen deutschen Nachbarstaat unter Berufung auf ein biblisches Zitat Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet - eine Veränderung von Symbolen, die auf eine Veränderung der inneren Einstellung schließen ließ.

Wenn wir jetzt dieses Kreuz umgestalten, so soll damit ebenfalls zum Ausdruck gebracht werden, daß ein Symbol seine Zeit überlebt haben kann. Daß es veränderbar ist, in diesem Fall vielleicht sogar rück-veränderbar. Daß in dieser Veränderung uns neue Aspekte und Einsichten begegnen, die unser Verständnis dieses Symboles bereichern können.

Auch für diesen Vorgang jetzt gilt: Veränderung tut weh. Nicht nur, daß hier tatsächlich beim Sägen Späne fallen werden; es besteht auch die Möglichkeit, daß das Ergebnis weniger "schön" und vertraut aussieht als der Ursprungszustand. Das macht nichts. Jede Veränderung beginnt mit einer "Baustelle". Laßt uns also bauen!

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Das andere Symbol

Liebe Gäste,
das Weltenkreuz, das kosmische Kreuz, das "Keltenkreuz" - Bezeichnungen für dieses Symbol, das wir eben aus dem Kruzifix gebaut haben. Bezeichnungen, die darauf hinweisen, daß dieses Symbol älter ist als das Kruzifix. Daß es schon vor der "christlichen Religion" bestanden hat. Daß es universaler ist und nicht auf eine einzige religiöse Richtung beschränkt. Gleichzeitig wird es das "Rad des Lebens" genannt und kann uns in seiner Struktur wichtige und weiterführende Impulse geben: über meine persönliche Existenz, über meine Zuordnung zu den anderen persönlichen Existenzen, über grundlegende Felder unserer gemeinsamen Realität.

Vier Schenkel hat dieses Kreuz, vier gleich lange; keine Dominanz des in den Boden gerammten Pfahles. Vier Richtungen deutet es an, vier Bereiche stellt es dar. Jeder dieser Bereiche hat seine eigene Qualität, unterscheidet sich von den anderen. Alle sind sie gleichberechtigt, obwohl nicht gleich. Verbunden sind sie durch ein Band der universalen Harmonie aller Realität. Alles ist miteinander verbunden, alles aufeinander bezogen, in aller Verschiedenheit schwingt dieselbe - göttliche - Energie.

Ein paar Gedanken zur Vierzahl - aufgehängt an den vier Himmelsrichtungen:

Der Norden - oben. Er symbolisiert das Element der Luft und des Windes. Die Kraft von Logik, Wissen und Weisheit sitzt hier. Ein Verstehen, dem konkrete Erfahrungen und Einsichten zugrunde liegen. Eine klare Wahrnehmung davon - wie klare Luft - das wahr ist. Der Verstand, offen wie ein Gefäß, so flexibel wie möglich, damit er alle Bereiche auf dem Rad des Lebens erfassen kann. "Auf Empfang sein", offen sein für alle Impulse dieses großen Rades, denn alle Impulse sind wichtig. Welch eine Qualität: Empfangen können, sich beschenken lassen von der Fülle des Lebens, die sich im Bruchteil von Zeit und in einer Winzigkeit entfalten kann: in einem Augen-Blick genauso wie in einem Gedankenblitz.

Der Osten - rechts. Sein Element ist das Feuer, sein Stern die Sonne. Im Osten geht sie auf, bringt das Licht, die Erleuchtung, gebärt neues Leben und schafft Visionen und Begeisterung. Das Feuer in uns, der Geist, ist der Ansprechpartner dieser Energie. Der Geist, der unseren Verstand dirigiert und unseren Körper ausbildet. Hier weiß ich, wofür ich wirklich hierher auf diese Erde gekommen bin. Hier pulsiert meine Kreativität, hier schaffe ich das, was nur ich schaffen kann auf diesem Planeten. Hier finde und empfinde ich meine Bestimmung.

Der Süden - unten. Das Element des Wassers und die Kraft von Vertrauen und Unschuld. Sich ins Wasser fallen lassen. Davon ausgehen, daß es trägt. Sich dem Wissen anvertrauen, daß es etwas gibt, das größer ist als wir oder als das, was wir kennen. Die Unschuld, die Angst für unmöglich hält. Das Fließen und Mitgenommenwerden vom Strom des Lebens, der aus jeder Richtung zum selben Ziel führt. Geben und Hingabe. Sich hingeben. Sich er-geben diesem großen Strom, in dem wir alle verbunden sind, weil wir alle darin schwimmen.

Der Westen - links. Das Element der Erde, der Bereich der Materie, der Körper, des Körpers. Nahrung und Einsicht - und das ist so etwas wie "geistige Nahrung" - sind hier die Kraftquellen. Energie wird gewonnen und gehalten, gespeichert. Unser Körper ist ein solcher Energiespeicher. Er will genährt und gepflegt werden, damit er sich stabilisieren kann und die Energie dann abgeben kann, wenn sie gebraucht wird. Der Westen ist auch der Bereich des Todes, der uns wieder mit der Erde in innige Verbindung bringt und uns zeigt, wie nahe verwandt wir ihr sind.

Vier Richtungen und Elemente, vier Energien und Daseinsebenen. Jede erschließt einen Raum unserer Existenz, der uns zur Verfügung steht. Jede hat ihre Eigenart und findet gleichzeitig ihren Platz in der harmonischen Zuordnung aller. Es besteht ein Gleichgewicht. Keine der Richtungen ist dominant. Alle sind sie ausgewogen aufeinander bezogen, so wie ein Tag sich vom Morgen zum Mittag hin in den Abend und die Nacht neigt. Ein Spiegelbild meines Lebens. Ein Symbol für das Werden, Sein und Wiederwerden aller Realität.

Im Zentrum: Die eine Kraft, der eine Atem. "Ruach" genannt in den biblischen Schöpfungsberichten. "Chi", "Prana" oder "Ki" in anderen Traditionen. Die reine Lebensenergie, die alles Leben und alle Kraft möglich macht. Ei und Samen aller Schöpfung. Der göttliche Hauch. Aus Nichts wird ein Universum, aus einer Zelle ein Organismus. Die Lust, zu werden. Der Wille, zu sein. Dieses Zentrum finde ich immer, egal, aus welcher Richtung ich mich nähere. Es gibt nur die eine zentrale Energie, die alles hier zusammenhält. Sie ist auch das, was alles miteinander verbindet. "Wenn ein Grashalm abgeschnitten wird, erzittert das Universum", sagen die Taoisten. Wenn ein Gedanke gedacht ist, zieht er hinaus ins Universum und ist ein neuer Bestandteil dieses großen Konzertes. Und wenn Sie einen Stein in den Bodensee werfen, dann verändern Sie dadurch den Wasserpegel - glauben Sie's mir! - Alles ist miteinander verbunden, "alle sind wir Schwestern und Brüder", sagen die Romantiker oder die frommen Herzensbrecher. "Gott läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte", sagt der nicht studierte Theologe Jesus aus Nazareth in Palästina.

Das Weltenkreuz. Dieses Symbol gibt der Lebenskraft Raum statt der Leidenssucht. Es zeigt die Verbundenheit statt der Trennung. Es eröffnet Bereiche, statt sie zu verschließen. Und es ist beweglich statt starr. Es ist nicht eingehämmert wie ein fester Standpunkt, sondern es ist in harmonischer Bewegung - ein Rad. Es lädt mich ein, meine Wurzeln zu spüren, die sich ganz tief unten mit den Wurzeln aller anderen verbinden. Es beflügelt mich, meine Rolle im Universum zu finden, die meine ganz ureigenste ist. Und es ermöglicht mir, nach rechts und nach links zu schauen und überall Verwandte zu sehen. Feinde werden überflüssig, Haß und Angst ebenfalls.

Das Rad des Lebens - ein Impuls für mich, mir klarzuwerden, daß wir alle auf derselben Reise sind: Auf dem Weg zu unserem Ursprung. Dieser Weg ist da. Er braucht nicht erkauft zu werden oder mit Blut gewaschen. Er ist in jeder Sekunde und an jedem Ort möglich. Ich denke, Jesus trug dieses Weltenkreuz im Herzen. Er hat so gelebt und diese Bereiche durchschritten. Sein Gott war ihm Vater und Mutter zugleich, Ursprung und Ziel, Boden unter den Füßen und Luft zum Atmen. Jesus war auf dem Weg, diese Gottesbezogenheit abzubilden in einer Art, miteinander zu leben. Daß man ihn mit Gewalt daran gehindert hat, ändert nichts an der gewaltigen Dynamik seines Weges. Diese Dynamik findet sich im Symbol des Weltenkreuzes wieder, ihre versuchte Verhinderung im Symbol des Kruzifixes. Welches Symbol hätte Jesus wohl gewählt?

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Vor dem Segenswort:

"Ich bin wieder hier" habe ich zu Beginn dieses Abends gesungen. Am 26.Juli letzten Jahres war ich schon einmal in diesem Gewölbekeller. Damals, an meinem letzten "Kneipengottesdienst" vor meinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst habe ich hier meinen Talar versteigern lassen. Ich habe mittlerweile erfahren, daß dieser Talar von einem beauftragten "Kollegen" für die bayerische Landeskirche quasi "zurückersteigert" wurde.

Nun bin ich wieder hier - in einem neuen Talar. Nicht mehr ein Arbeitsgewand eines Kirchenbediensteten, nein, vielmehr eine angemessene und passende Ausstattung für spirituelle Dienstleistungen, die ich weiterhin tun und anbieten werde. Lebensprägende Situationen, sei es ein Todesfall, eine Trauung oder eine Scheidung, mit unterstützenden, zuwendenden und nährenden Ritualen und Räumen zu gestalten, ist kein kirchliches Monopol. Die Sehnsucht nach dogmatikfreier und konfessionsentbundener Begleitung in diesen Situationen wächst. Sie läßt sich nur in einem Rahmen beantworten, der sich die Freiräume und Energien des "Rades des Lebens" zu eigen macht und wirken läßt. Nichts anderes habe ich auch heute Abend zusammen mit Ihnen versucht. Ich hoffe tatsächlich, Sie haben "Nahrung" für Ihre Seele bekommen, so wie Sie auch gleich Nahrung für Ihre Mägen bekommen werden.

Statt eines Tischgebetes möchte ich für uns zum Essen ein Segenswort für die Tiere sprechen, die für dieses Essen gestorben sind. In Zeiten, in denen Waffen gesegnet wurden, möge es auch erlaubt sein, nachträglich an geschlachtete Tiere zu denken. Ich werde dazu diese grüne Stola, die von mexikanischen Mayas hergestellt wurde, tauschen gegen eine schwarze, die schon viele "Pfarrjahre" hinter sich hat und nun ganz neu mit dem Lebenskreuz geschmückt wurde. - (Schlachtschüssel reichen lassen!)

Tiere, Schweine, die ihr Leben ließen, damit wir essen können: Wir denken an euch. Wir empfinden, daß wir euch ähnlich sind. Auch wir spüren Schmerz und haben Lust am Leben. Wir ahnen, daß ihr uns ähnlich seid. Ihr besteht aus den gleichen Molekülen, aus den gleichen Bausteinen des Lebens - beseelte Materie wie wir. Wir wissen, daß wir zusammengehören. Eingebunden und hineingewoben in den großen Kreis und Fluß der einen universalen Energie, die wir Menschen "Gott" nennen.

Tiere, die ihr für uns gestorben seid: Eure Lebenskraft erhält und schafft nun die unsere. Dies anerkennen wir und beantworten wir mit dem Wunsch für uns zusammen:

(Weltenkreuzzeichen!)

Friede und Harmonie in unserer großen göttlichen Verbundenheit. Amen

Ich wünsche guten Appetit.

Während Sie essen, möchte ich Sie als kleinen musikalischen Appetitanreger im Hintergrund mit einigen "Liedern vom Leben" unterhalten.

Oben stehende und weitere Texte von Ernst Cran sind in 'Des Groben Popen Predigt-Büchlein' enthalten und für DM 28,-- erhältlich bei

© 1999 Ernst Cran - DER GROBE POPE
D-90491 Nürnberg, Hardenbergstr. 32
( +49 911 59 95 27 - fax +49 911 5978804 - e-mail: ecran (at) t-online.de 



Mit freundlichen Empfehlungen

Humanistische AKTION

4/1999

weitere Texte zum Thema Kreuz, Kruzifix 


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Thema Kreuz, Kruzifix      
 

Seelische Vergewaltigung - durch Gewöhnung von Kindern an den Anblick eines Symbols der Grausamkeit

"... für uns gestorben?" - Liturgische Schlachtschüssel - Texte zu einer Veranstaltung

Umbau des Kreuzes - Eine Rückverwandlung vom Symbol des Todes zum Symbol des Lebens

Das Kreuz in Schulen - Bundesverwaltungsgericht weist religiöse Bevormundung durch den Staat zurück - Musterbrief für Eltern

Kreuze oder Geweihe? - Gedanken zum Kruzifix, nach einem Vortrag des Kabarettisten Jürgen Becker

Literaturhinweis: Konrad Riggenmann, Kruzifix und Holocaust - Über die erfolgreichste Gewaltdarstellung der Weltgeschichte;
 
Jammerbild

Das leidige Marterholz,
das Widerwärtigste unter der Sonne,
sollte kein vernünftiger Mensch
auszugraben
und aufzupflanzen bemüht sein.
Das war ein Werk
für eine bigotte Kaiserin-Mutter
wir sollten uns schämen,
ihre Schleppe zu tragen.

*

Mir willst du zum Gotte machen
Solch ein Jammerbild am Holze!

*

Dummes Zeug kann man viel reden,
Kann es auch schreiben,
Wird weder Leib noch Seele töten,
Es wird alles beim alten bleiben.

Dummes aber vors Auge gestellt
Hat magisches Recht:
Weil es die Sinne gefesselt hält,
Bleibt der Geist ein Knecht.

J. W. v. Goethe  

Neuer Glaube

Größer werden die Menschen nicht,
doch unter den Menschen
größer und größer wächst
die Welt des Gedankens.
Strengeres fordert jeglicher Tag
von den Lebenden.
Und so sehen es alle,
die zu sehen verstehen:
Aus dem Glauben des Kreuzes
bricht ein andrer hervor,
selbstloser und größer;
dessen Gebot wird sein:
Edel lebe und schön,
ohne Hoffnung künftigen Seins
und ohne Vergeltung,
nur um der Schönheit des Lebens willen.

Theodor Storm

(Dieses Gedicht fehlt in fast allen
Ausgaben seiner Werke!)

 

 

   

 Bild 'Wenn Jesus am Galgen gestorben wäre' (Kruzufix.jpg 14 KB)

*

Die Kreuzesverehrung stammt aus einer Zeit, die bereits
vom Verfall unseres Glaubens geprägt war!

Konstantin (später dann "der Große", um 285 - 337), beileibe kein Christ, "testete" - sozusagen nach dem Verfahren "Versuch und Irrtum" - vor der Schlacht bei der Milvischen Brücke im Jahr 312, ob der Christengott (der im römischen Reich bereits weitgehend in Mode gekommen war) nicht doch der bessere Gott ist, der ihm zum Sieg verhelfen könnte. Und so ließ er auf den Feldzeichen seiner Soldaten ein Kreuz mit der Beschriftung ("hoc signo vinces" = durch dieses Zeichen wirst du siegen) anbringen nach dem Motto: "Wenn meine Truppen gewinnen, so ist das der Beweis für den Christengott!". Und siehe, seine Truppen gewannen tatsächlich die Schlacht - und er selbst wurde römischer Kaiser, also war der Christengott der bessere Gott! Die Bekehrung Konstantins kann also nicht als wirkliche Wandlung im christlichen Sinn angesehen werden, sondern als Einstieg in eine neue Magie. Und so paßt auch, das Konstantin sich erst auf dem Sterbebett taufen ließ, es ging jetzt nur noch ums Jenseits, das Christentum war zu einer typischen Religion geworden.

Ob das Kreuz, das doch unter so fragwürdigen Umständen ins Christentum Eingang gefunden hat, für wirklichen christlichen Glauben dienen kann? Vor Konstantin hatte es nämlich keine Bedeutung, als Kennzeichen der Christen untereinander diente etwa die Form eines Fisches mit den Fingern als Symbol. Man kann gewiss darüber diskutieren. Immerhin sollte bedacht werden, dass die Kreuzigung die Strafe für Systemveränderer war; wenn wir also in wirklicher Nachfolge Jesu Systeme verändern wollen (und uns natürlich auch!) und uns durch den Anblick des Kreuzes an diese Aufgabe erinnern wollen, dann bitte!

Quelle: Wörterbuch des Konzepts Basisreligion, Stichwort 'Kreuz'.
 


... Ich war im ehemaligen KZ Buchenwald, und ich habe die authentischen Bilder des Schreckens aufmerksam und erschüttert angeschaut. Es gibt keinen Anlaß, irgend etwas zu verdrängen, zu beschönigen oder gar besserwisserisch zu verleugnen. Aber ich sehe auch keinen Grund, mir diese Scheußlichkeiten immer wieder anzusehen und mich damit zu beschäftigen. Das hat für mich mit seelischer Hygiene, d.h. mit Selbstschutz zu tun. Ich weiß, wie solche Bilder wirken können und ich möchte nicht, daß sie von mir Besitz ergreifen. Ich halte mich deshalb auch von Horrorfilmen fern.

Die Crux mit dem Kreuz

Aus demselben Grund halte ich übrigens auch die erst seit dem 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Heimsuchung durch die Pest aufgekommene allgegenwärtige Darstellung des Gekreuzigten - womöglich noch im Wohn- oder Schlafzimmer für problematisch. Daß wir uns in unserer "christlichen Kultur" von Kindesbeinen daran gewöhnt haben und den Schrecken gar nicht mehr wahrnehmen vor lauter wohlverstandener Theologie, entschuldigt in meinen Augen nichts, aber es beunruhigt mich und weckt Gedanken an christliche Kreuzzüge in offener und versteckter Form. Ist der Gekreuzigte vielleicht "realer" als der Auferstandene? Dann sollte diese Bildertheologie vielleicht besser einpacken. (Natürlich ist auch die entsprechende Wort-Theologie "Für unsere Sünden gestorben" problematisch. Aber sie bleibt eher im intellektuellen Rahmen und hat nicht die Tiefenwirkung der Bilder.) mehr:

Dieter Dieterich

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Aktualisiert am 06.11.10