Über das neue Leben

Von Ralph Waldo Emerson, Philosoph (1803-1882)
 

Siehst du den Menschen, - seine besondere Anlage, seinen Geist, sein Emporstreben, - in seiner Art des Haushalts? Nichts Verwirrendes und nichts Herkömmliches sollte in seinem Haushalten sein; sondern der Genius und die Liebe des Menschen sollten in seinem ganzen Besitz deutlich zutage treten. Aber welche Idee herrscht in unseren Häusern vor? Wirtschaftlichkeit zuerst, dann Bequemlichkeit und Genuß. Unsere Häuser sind um niederer Vorteile willen eingerichtet. Die Häuser der Reichen sind Konditoreien, wo man Süßigkeiten und Wein bekommt; die Häuser der Armen sind diesen nachgeahmt. Eine Haushaltung, die zu solchem Ende besteht, ist nichts Schönes, sie erheitert und erhebt weder den Mann, noch die Frau, noch das Kind; weder den Gastgeber noch den Gast.

Wir brauchen die ganze Kraft einer Idee diese Last zu heben. - (Humanismus als ethische Orientierung! R.K.)

Und gibt es überhaupt ein schwereres Unheil (...) als keine Schönheit zu finden, kein zielbewußtes Streben; ein endloses Geschwätz und Getöse zu hören; zum Kritisieren gezwungen zu sein; zu hören nur um abweichender Meinung zu sein und sich angeekelt zu fühlen; keine Einladung zu finden für das, was gut ist in uns, keine Aufnahme für das, was weise ist - das ist ein hoher Preis, ihn für süßes Brot und warmes Wohnen zu bezahlen, - wenn man dabei betrogen ist um die innere Verwandtschaft, um Ruhe, um heitere Ausbildung aller Kräfte und um die innerste Gegenwart der Schönheit.

Unser ganzer Gebrauch von Reichtum bedarf der Revision und Reform. Großmut besteht nicht im Geben voll Geld oder Geldeswert. Diese sogenannten Güter sind nur ein Schatten des Guten. Wir schulden dem Menschen höheren Beistand, als Nahrung und Feuer. Wir schulden dem Menschen den Menschen. Wenn er krank ist, unfähig verzagt und unliebenswürdig, so ist er es darum, weil ihm so viel von seiner Natur unrechtmäßig vorenthalten ist.

Laßt uns denn dafür halten, daß die Kultur den Menschen das Endziel ist, zu dem es erbaut und ausgeschmückt ist. Es steht da unter der Sonne und dem Mond zu Zwecken, die den ihren ähnlich und nicht weniger edel sind (...) um ein Obdach zu bilden, das allen guten und wahren Menschen immer offen steht; eine Halle, von Aufrichtigkeit hell durchleuchtet, wo hehre Aufrichtigkeit auf dem Angesicht der Menschen liegt, und die Klarheit ihres Wesens nicht getrübt werden kann; darinnen Menschen wohnen, die wissen, wessen sie bedürfen.

Sie haben Ziele; sie können nicht bei Kleinigkeiten verweilen. Es ist nicht Essen und Trinken, was die Ordnung des Hauses schafft; sondern Wissen, Charakter, Handlung nehmen so viel Leben in Anspruch und gewähren so viel Unterhaltung, daß der Speisezettel aufgehört hat, so sorgfältig studiert zu werden: Mit dem Ziel ist auch der ganze Maßstab verändert, an dem Menschen und Dinge gemessen zu werden pflegten.

So möge ein Mensch denn sagen: Mein Haus steht hier im Land, um das Land edler zu machen. Gewiß, laß den Tisch gedeckt sein und das Lager für den Wanderer bereitet werden; aber laß den Nachdruck der Gastlichkeit nicht in diesen Dingen liegen. Ehre dem Hause, wo sie einfach sind, wenn nur der Verstand wach und rege ist und die Gesetze des Weltalls liest, die Seele Wahrheit und Liebe verehrt und alles Tun durchströmt ist von freundlicher Rücksicht auf andere.

 

Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe.

 

Texte zum Sinn des Lebens
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen

Humanistische AKTION

5/1999


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Aktualisiert am 05.02.08
 

Johann Gottfried Herder

Text-Auszüge zum Thema Humanität
 

"Ich wünschte, daß ich in das Wort Humanität alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feineren Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für seine Bestimmung, als Er selbst ist, in dem das Bild des Schöpfers unserer Erde, wie es hier sichtbar werden konnte, abgedrückt lebt. (...)

Der größte Teil der Menschen ist Tier; zur Humanität hat er bloß die Fähigkeit auf die Welt gebracht, und sie muß ihn durch Mühe und Fleiß erst angebildet werden. Wie wenigen ist es nun auf die rechte Weise angebildet worden, und auch bei den Besten, wie fein und zart ist die ihnen aufgepflanzte göttliche Blume! Lebenslang will das Tier über den Menschen herrschen, und die meisten lassen es nach gefallen regieren. (...)

Humanität ist der Zweck der Menschennatur, und Gott hat unserem Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben. (...) Betrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen, so kennen wir nichts Höheres, als Humanität im Menschen; denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns nur als idealistische, höhere Menschen. (...) Alle tote Materie, alle Geschlechter der Lebendigen, die der Instinkt führt, sind seit der Schöpfung geblieben, was sie waren; den Menschen machte Gott zu einem Gott auf Erden, er legte das Prinzipium eigener Wirksamkeit in ihn und setzte solches durch innere und äußere Bedürfnisse seiner Natur von Anfange an in Bewegung. Der Mensch konnte nicht leben und sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte; sobald er diese brauchte, war ihm freilich die Pforte zu tausend Irrtümern und Fehlversuchen, eben aber auch und selbst durch diese Irrtümer und Fehlversuche der Weg zum besseren Gebrauch der Vernunft eröffnet. Je schneller er seine Fehler erkennen lernt, mit je rüstigerer Kraft er darauf geht, sie zu bessern, desto weiter kommt er, desto mehr bildet sich seine Humanität; und er muß sie ausbilden oder Jahrhunderte durch unter der Last eigener Schulden ächzen. (...)

Allenthalben ist die Menschheit das, was sie aus sich machen konnte, was sie zu werden Lust und Kraft hatte. (...) Vom Anfange des Lebens an scheint unsere Seele nur ein Werk zu haben, inwendige Gestalt, Form der Humanität zu gewinnen und sich in ihr, wie der Körper in der seinigen, gesund und froh zu fühlen. (...) Es wird in uns (ohne Schwärmerei zu reden) ein innerer Mensch gebildet, der seiner eigenen Natur ist und den Körper nur als Werkzeug gebraucht. (...)

Unsere Humanität ist nur Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume. Wir sahen, daß der Zweck unseres jetzigen Daseins auf Bildung der Humanität gerichtet sei, der alle niedrigen Bedürfnisse nur dienen und selbst zu ihr führen sollen. Unsere Vernunftfähigkeit soll zur Vernunft, unsere feineren Sinne zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und Schöne, unsere Bewegungskräfte zur Menschenliebe gebildet werden. Entweder wissen wir nichts von unserer Bestimmung und die Gottheit täuschte uns mit allen ihren Anlagen von innen und außen (welche Lästerung auch nicht einmal einen Sinn hat), oder wir können dieses Zwecks so sicher sein, als Gottes und unseres Daseins. Und wie selten wird dieser ewige, dieser unendliche Zweck hier erreicht. Bei ganzen Völkern liegt die Vernunft unter der Tierheit gefangen, das Wahre wird auf den irresten Wegen gesucht und die Schönheit und Aufrichtigkeit, zu der uns Gott erschuf, durch Vernachlässigung und Ruchlosigkeit verderbt. Bei wenigen Menschen ist die gottähnliche Humanität im reinen und weiten Umfange des Worts eigentliches Studium des Lebens; die meisten fangen zu spät an, daran zu denken, und auch bei den Besten ziehen niedrige Triebe den erhabenen Menschen zum Tier hinunter. Wer unter den Sterblichen kann sagen, daß er das reine Bild der Menschheit, das in ihm liegt, erreiche oder erreicht habe? Es ist befremdend und doch unleugbar, daß unter allen Erdbewohnern das menschliche Geschlecht dem Ziel seiner Bestimmung am meisten fernbleibt. Jedes Tier erreicht, was es in seiner Organisation erreichen soll. Der einzige Mensch erreicht's nicht, eben weil sein Ziel so hoch, so weit, so unendlich ist und er auf unserer Erde so tief, so spät, mit so viel Hindernissen von außen und innen anfängt. (...)

Man würde also (wie es auch viele getan haben) die Vorsehung anklagen müssen, daß sie den Menschen so nah ans Tier grenzen lassen und ihm, da er dennoch nicht Tier sein sollte, den Grad von Licht, Festigkeit und Sicherheit versagt habe, der seiner Vernunft statt des Instinkts hätte dienen können; oder dieser dürftige Anfang ist eben seines unendlichen Fortgangs Zeuge. Der Mensch soll sich nämlich diesen Grad des Lichts und der Sicherheit durch Übung selbst erwerben, damit er unter der Leitung seines Vaters ein edler Freier durch eigene Bemühung werde, und er wird's werden. Auch der Menschenähnliche wird Mensch sein; auch die durch Kälte und Sonnenbrand erstarrte und verdorrte Knospe der Humanität wird aufblühen zu ihrer wahren Gestalt, zu ihrer eigentlichen und ganzen Schönheit. Und so können wir auch leicht ahnen, was aus unserer Menschheit allein in jene Welt übergehen kann; es ist eben diese gottähnliche Humanität, die verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschheit. Alles Notdürftige dieser Erde ist nur für sie; wir lassen den Kalk unserer Gebeine den Steinen und geben den Elementen das Ihrige wieder. Alle sinnlichen Triebe, in denen wir wie die Tiere der irdischen Haushaltung dienten, haben ihr Werk vollbracht. Sie sollten dem Menschen die Veranlassung edlerer Gesinnungen und Bemühungen werden, und damit ist ihr Werk vollendet. Das Bedürfnis zur Nahrung sollte ihn zur Arbeit, zur Gesellschaft, zum Gehorsam gegen Gesetz und Einrichtung erwecken und ihn unter ein heilsames, der Erde unentbehrliches Joch fesseln. Der Trieb der Geschlechter sollte Geselligkeit, väterliche, ehrliche, kindliche Liebe auch in die harte Brust des Unmenschen pflanzen und schwere, langwierige Bemühungen für sein Geschlecht ihm angenehm machen, weil er sie ja für die Seinen, für sein Fleisch und Blut übernehme. Solche Absicht hatte die Natur bei allen Bedürfnissen der Erde, jedes derselben sollte eine Mutterhülle sein, in der ein Keim der Humanität sproßte. Glücklich, wenn er gesproßt ist; er wird unter dem Strahl einer schöneren Sonne Blüte werden. (...)

Hoffe also, o Mensch und weissage nicht; der Preis ist dir vorgesteckt, um den kämpfe! Wirf ab, was unmenschlich ist, strebe nach Wahrheit, Güte und gottesähnlicher Schönheit, so kannst du deines Zieles nicht verfehlen."

(aus 'Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit')

*

Ein Auszug aus Herders Abschiedspredigt vom 17. Mai 1769 in Riga, nach welcher er auf die Reise gegangen ist, auf welcher das frühe Manifest des Sturm- und Drang "Journal meiner Reise im Jahr 1769" entstand:

"Ich habe es also für meine erste Pflicht gehalten, den wahren Gesichtspunkt zu finden, in welchem ich das Amt, da mir dasselbe von meiner Obrigkeit aufgetragen wurde, führen wollte: und da hoffe ich mit Freuden sagen zu können: Ich habe nicht Bequemlichkeit, oder gute Tage, oder Rangstellen, oder Goldgruben an meinem Stande begehret, Herr, das weißt Du. Denn m.Z. wenn so niedrige Gesichtspunkte und Triebfehdern jeden Stand entehren können, so entehren sie den Stand, der die reinsten Absichten, der die geläutertsten Grundtriebe zu Handeln haben sollte, doppelt. So angelegentlich die Bestrebung eines Predigers ist, eben solche niedrige Leidenschaften aus der Seele der Menschen wegzuschaffen: so nötig es bei diesem Stande, wie bei keinem ist, die Möglichkeit und Schönheit solcher geläuterten Seelen selbst an seiner eigenen Seele, in seinem eigenen Leben, an seinem eigenen Stande zu zeigen: desto ärgerlicher wird das Verfahren des Gegenteils, und es ist wahrhaftig ein Unglück für einen Ort, ein wahrer Verlust für die Menschheit und ein Schade für die gute Sache der Religion, wo Priester die Ersten sind, ihre Warnungen gegen das Laster des Eigennutzes, des Stolzes und der bequemlichen Unnützigkeit durch ihr Beispiel selbst zu wiederlegen, und eben die Beweggründe zu Grundpfeilern ihres heiligen Amts zu machen, die sie an andren strafen. - Nein! m.Z., keiner von allen diesen Beweggründen war der meinige; sondern ein Wort zu pflanzen, das menschliche Seelen glücklich machen könne. Das ist doch einmal gewiß, daß es eine Reihe von Wahrheiten gibt und geben muß, die für uns Menschen den Grund unserer Glückseeligkeit enthalten. (...) - Meine meisten und liebsten Predigten, m.Z., sind also auch menschlich gewesen. Von dem zu Reden, was unsre wahre Bestimmung hier in diesem und in einem andren Zustande sei: die eigentliche herrliche Natur des Menschen, zu der ihn sein Gott geschaffen, mit allen ihren Vorzügen ins Licht zu setzen: ins Licht zu setzen, wie sehr wir unser Glück bauen, wenn wir den Anlagen unserer Natur treu bleiben, unsre Vernunft und Gewissen herrschend in uns machen, keine unsrer Pflichten und Bestimmungen verkennen, in jeder Tätigkeit der Seele vollkommen werden, und bloß dadurch Anspruch auf Glückseligkeit haben, wenn wir vor Gott und unsrem Gewissen in allem Umfange unsrer Bestimmung und Pflicht, mit aller Redlichkeit des Herzens und aller Wirksamkeit das sind, was wir sein sollen. (...)

Wenn ich mich nicht in dunkle und subtile Fragen, nicht in unbegriffliche Geheimnisse, nicht in geweihte Grübeleien verloren: wenn ich immer die Seiten wählte, die der menschlichen Seite zunächst vorliegen, die das menschliche Herz zuerst, und am stärksten und tiefsten zu treffen pflegten, wenn ich gerne auch eine menschliche Sprache zu reden mich befliß - so hatte dies alles keine anderen Gründe und Absichten, als ein würdiger Lehrer der Menschheit zu werden. Ich weiß, daß diesen Gesichtspunkt nicht alle von meinen Zuhörern, insonderheit die, die mich, wie die Taube Noahs so einmal besuchten, um ein Ölblatt, um ein Wort abzubrechen, um es zu ihren Zwecken anzuwenden, getroffen haben. Ich weiß, daß manche die Güte gehabt, mich für einen Weltweisen in schwarzen Kleidern zu halten, der wohl nicht als Theologe predige, sondern dessen Lehren ganz in ein ander Feld, aus das Katheder, oder in das Cabinett gelehrter Leute, nicht aber auf Vorstadt-Kanzeln gehörten. Allein diese Zuhörer haben zu vorteilhaft von mir geurteilt. Das, was ich auf Kanzeln und von Altären vorgetragen, ist nie etwas weniger, als Gelehrsamkeit, es sind immer wichtige menschliche Lehren und Angelegenheiten gewesen. Ich habe sie nie gelehrt, sondern immer menschlich, mit der ganzen Sprache meines Herzens und meiner Teilnehmung vorgetragen, ich habe immer aus einer gefühlvollen Brust, und wie einer, der für die gute Sache der Menschheit eifert, geredet."

*

Zu Beginn seines "Reisejournals" offenbarte Herder selbstkritisch die Beweggründe seines Abschieds aus Riga:

"Ich gefiel mir nicht, als Gesellschafter, weder in dem Kraise, da ich war; noch in der Ausschließung, die ich mir gegeben hatte. Ich gefiel mir nicht als Schullehrer, die Sphäre war für mich zu enge, zu fremde zu unpassend, und ich für meine Sphäre zu weit, zu fremde, zu beschäftigt. Ich gefiel mir nicht, als Bürger, da meine häusliche Lebensart Einschränkungen, wenig wesentliche Nutzbarkeiten, und eine faule, oft ekle Ruhe hatte. Am wenigsten endlich als Autor, wo ich ein Gerücht erregt hatte, das meinem Stande eben so nachtheilig, als meiner Person empfindlich war. Alles also war mir zuwider. Muth und Kräfte gnug hatte ich nicht, alle diese Mißsituationen zu zerstören, und mich ganz in eine andre Laufbahn hinein zu schwingen. Ich musste also reisen: und da ich an der Möglichkeit hiezu verweilte, so schleunig übertäubend, und fast abentheuerlich reisen, als ich konnte."

Er ärgerte sich über seine Irrungen während des Studiums: "ei! wenn du die Bibliothek beßer genutzt hättest? wenn du in jedem, das dir oblag, dir zum Vergnügen, ein System entworfen hättest? (...) Gott! was verliert man, in gewissen Jahren, die man nie wieder zurückhaben [kann,] durch gewaltsame Leidenschaften, durch Leichtsinn, durch Hinreißung in die Laufbahn des Hazards." Er träumte sich als "Philosoph auf dem Schiffe (...) unter einem Maste auf dem weiten Ocean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophieren, und die Physik alles dessen, aus sich herausfinden zu können." und zeichnet seine künftigen Aufgaben: "Welche grosse Geschichte, um die Literatur zu studieren, in ihren Ursprüngen, in ihrer Fortpflanzung, in ihrer Revolution, bis jetzt! Alsdenn aus den Sitten Amerika's, Africa's und einer neuen südlichen Welt, beßer als Ihre, den Zustand der künftigen Literatur und Weltgeschichte zu weißsagen! (...) Welch ein Werk über das Menschliche Geschlecht! den Menschlichen Geist! die Cultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religion! und Chronologie und Policei und Philosophie! Aegyptische Kunst und Philosophie und Policei! Phönicische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! Papistische Zeit, Mönche, Gelehrsamkeit! Nordisch asiatische Kreuzzieher, Wallfahrter, Ritter! Christliche Heidnische Aufweckung der Gelehrsamkeit! Jahrhundert Frankreichs! Englische, Holländische, Deutsche Gestalt! Grosses Thema: das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen! Universalgeschichte der Bildung der Welt!"; er beabsichtigte die "Provinz der Barbarei und des Luxus, der Unwißenheit, und eines angemaaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sklaven" zu reformieren, um "Cultur und Freiheit auszubreiten".

Im Oktober 1769 verfasste der Reisende ein Schreiben an seinen Verleger Hartknoch, welchen er bat, einige Urlaubsgrüße zu übermitteln:

"Sagen Sie allen den Leuten, die sich über meinen Aufenthalt in Nantes wundern oder ärgern, nur ein Wort meinetwegen: daß sie nämlich sämtlich Narren sind. Ist's nicht ein alberner Gesichtspunkt, von Riga aus, jeder nach seiner Lage und seinem schiefen Lehnstuhl, einen Menschen am Rande des westlichen Meers beurteilen wollen, der sich die Nase abdrehen würde, wenn er wie alle Welt dächte: wenn er Lust hätte, wie unsere jungen Herren Europa zu durchstreichen, um Paris zu ihrem gelibten Mittelpunkt zu machen, vom Parterre oder vom Theater aus die Logenschönheiten zu lorgnieren, in den Kulissen bei den Opera-Göttinen die schönen Künste zu lernen und vor den Füßen einer Kokette nach der Mode zu schmachten, um sich nur nachher in ihrem geliebten Veterlande gewisser letzter Gunstbeziehungen rühmen zu können, die sie nicht erhalten haben. Wenn ich albern bin, so will ich's wenigstens auf meine Art sein. (...) Ich arbeite fürs Lyzeum so wesentlich und für die Menschheit so würdig, daß, wenn meine Pläne und Absichten einmal eine würdige Stelle finden, wo es auch sei, sie nicht verkannt werden können. Warum sollte die Zeit der Lykurge und Sokraten, der Zwinglis, dieser Schöpfer von kleinen glücklichen Republiken, vorbei sein, und warum sollte es nicht ein mögliches Datum zu einem Establissement geben, das für die Menschheit, für Welt und Nachwelt, Pflanzschule, Bildung, Muster sein könnte? Ich habe nichts auf der Welt, was ich sehe, das andere haben: keine Ader für die Bequemlichkeit, wenig für die Wollust, nichts für den Geiz. Was bleibt mir übrig als Wirksamkeit und Verdienst? Dazu brenne ich und krieche durch die Welt, und mein Herz schlägt mit in den Gedanken der Einsamkeit und in würdigen Anschlägen. (...) Von Voltaire bis zu Fréon und von Fontenelle zu Montesquieu, und von d'Alembert bis zu Rousseau, unter Enzyklopädisten und Journalisten. (...) unter Theaterstücken und Kunstwerken und politischen Schriften und alles, was der Geist der Zeit ist, habe ich mich herumgeworfen und umhergewälzt. (...) O Ihr glücklichen Leute! Ihr gehet durch die Welt! Esset, trinket, schlafet beieinander, sorget ein wenig, um euch desto lieber zu haben, und genießet die Menschheit und das Leben. (...) ich armer Schelm, ein dürftiger Reisender und Pilgrim, wie alle meine Väter."

*

Und hier ein paar Worte, welche Herder in den "Humanitätsbriefen" ("Briefe, die Fortschritte der Humanität betreffend") über das Christentum verlor:

"Überhaupt hätte die Religion der Christen, deren praktische Lehren im Testament für diese so klar sind, den Aufwand von Gelehrsamkeit auch entbehren können. Diese Religion, welche geoffenbarte Vernunft und die reinste Moral ist, würde mit sittlicher Aufklärung zugleich hierher gekommen sein, wenn sie nicht bereits im Süden im Grunde verdorben gewesen wäre, bis sie von da nach dem treuherzigen Norden kam. (...) Die Religion also, welche Schützerin der Menschheit sein sollte, trat diese mit herrschsüchtigen Füßen, sie predigte nicht mehr Würde der Menschen, sondern Erniedrigung. Sie führte Leibeigentum ein und hob jedes andere Eigentum auf, sie herrschte, statt durch Beispiel gehorchen zu lernen. (...) Als der Urheber des Christentums seine Stimme erhob, verbreitete er mit derselben ein Publikum über die Völker. Er kündigte ein ankommendes Reich an, zu dem alle Nationen gehören, und das nicht in äußerlichen Zeremonien, sondern in Übungen des Geistes, in Vollkommenheiten des Gemüts, in Reinheit des Herzens, in Beobachtung der strengsten Billigkeit und einer verzeihenden Liebe unter den Menschen blühe. (...) Kein sklavisches Volk, das sich ewig unter dem Joch krümmt und an Ketten windet, sollte nach ihm das Menschengeschlecht sein, sondern ein freies, fröhliches Geschlecht, das ohne Furcht eines machthabenden Henkergeistes, das Gute des Guten wegen, aus innerer Lust, aus angeborener Art und höherer Natur tue, dessen Gesetz ein königliches Gesetz der Freiheit, da dem eigentlich kein Gesetz gegeben sei, weil die Gottesnatur in uns, die reine Menschheit, das Gesetz nicht bedürfe. (...) Unverkennbar ist dies der Geist des Christentums, seine native Gestalt und Art. Nur dunkle barbarische Zeiten haben den großen Landesherren des Bösen, dessen angeborenes Erbvolk wir seien, von dem uns Gebräuche, Büßungen und Geschenke zwar nicht wirklich, aber gewandsweise befreien könnten, der Stupidität und Brutalität antichristlich wiedergegeben. (...) Wo Böses ist, ist die Ursache des Bösen Unart unseres Geschlechts, nicht seine Natur und Art. Trägheit, Vermessenheit, Stolz, Irrtum, Hartsinn, Leichtsinn, Vorurteile, böse Erziehung, böse Gewohnheit, lauter Übel, die vermeidlich oder heilbar sind, wenn neues Leben, Munterkeit zum Guten, Vernunft, Bescheidenheit, Billigkeit, Wahrheit, eine bessere Erziehung, bessere Gewohnheiten von Jugend auf, einzeln und allgemein, einkehren. Die Menschheit ruft und seufzt, daß dies geschehe, da offenbar jede Untugend und Untauglichkeit sich selbst straft, indem sie keinen wahren Genuß gewährt und eine Menge Übel auf sich und auf andere häuft. (...) Scheinwahrheiten, starres Vorurteil, heuchelnde Lüge, träge Lust, vernunftlose Willkür verwirren unser Geschlecht. (...) Einheit unserer Kräfte also, Vereinigung der Kräfte mehrerer zur Beförderung eines Ganzen im Wohl aller - mich dünkt, dies ist das Problem, das uns am Herzen liegen sollte, weil jedem es sein innerstes Bewusstsein, wie sein Bedürfnis stille und laut sagt. (...) Die Anmaßung, der Geiz, die Weichlichkeit, die alle Weltteile betrügt und verwüstet, haben ihren Sitz bei und in uns, es ist dieselbe Herzlosigkeit, die Europa wie Amerika unter dem Joch hält. Dagegen auch jede gute Empfindung und Übung eines Menschen auf alle Weltteile wirkt. Die Tendenz der Menschennatur faßt ein Universum in sich, dessen Aufschrift ist: 'Keiner für sich allein, jeder für alle, so seid Ihr alle euch wert und glücklich!' Eine unendliche Verschiedenheit, zu einer Einheit strebend, die in allen liegt, die alle fördert. Sie heißt, ich will's immer wieder wiederholen, Verstand, Billigkeit, Güte, Gefühl der Menschheit."

(Herder schrieb auch, dass das Christentum aus römischem Rechtssinn, griechischer Dichtkunst und ägyptischer Wissenschaft offenbart wurde.)

*

aus einem Brief vom 6. Februar 1784 an Jacobi:

"Was Ihr, lieben Leute, mit dem 'außer der Welt existieren' wollt, begreife ich nicht: Existiert Gott nicht in der Welt, überall in der Welt, und zwar überall ungemessen, ganz und unteilbar (...), so existiert er nirgend. Außer der Welt ist kein Raum, der Raum wird nur, indem für uns eine Welt wird, als Abstraktion einer Erscheinung. Eingeschränkte Personalität paßt aufs unendliche ebenso wenig, da Person bei uns nur durch Einschränkung wird, als eine Art modus oder als ein mit einem Wahn der Einheit wirkendes Aggregat von Wesen. In Gott fällt dieser Wahn weg: er ist das höchste, lebendigste, tätigste Eins - nicht in allen Dingen, als ob die was außer ihm wären, sondern durch alle Dinge, die nur als sinnliche Darstellung für sinnliche Geschöpfe erscheinen. Das Bild 'Seele der Welt' ist, wie alle Gleichnisse, mangelhaft; denn für Gott ist die Welt nicht Körper, sondern ganze Seele."

(In seinen Ideen beschreibt er ein Prinzip, welches er überall in der Welt erkannte. Er entdeckte die Vergänglichkeit der Dinge - nein eher den Wandel - und die Harmonie. Da man dieses Prinzip in der Natur erkennen kann, so ist Gott durch alle Dinge.)

Hier noch ein Zitat von Kant, aus dessen "Kritik der reinen Vernunft":

"In der natürlichen Theologie, da man sich einen Gegenstand denkt, der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern der ihm selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung sein kann, ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung (denn dergleichen muß alles sein Erkenntnis sein, und nicht Denken, welches jederzeit Schranken beweiset) die Bedingungen der Zeit und des Raumes wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses tun, wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht hat, und zwar solchen, die, als Bedingungen der Existenz der Dinge a priori, übrig bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte: denn als Bedingungen alles Daseins überhaupt, müßten sie es auch vom Dasein Gottes sein."

(Natürliche Theologie: Laut Kant ist die Menschliche Vernunft dazu geneigt, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen, da dies an der Form unseres Erkenntnisvermögens liegt - daher natürlich ist. Jedoch sind solche Vernunftschlüsse nicht begrifflich bestimmbar und demzufolge Gott ein bloßes Noumenon (Gedankenwesen).)

 

36 Paragraphen zum Humanitätsideal der menschlichen Gesellschaft

aus Herders "Briefen zur Beförderung der Humanität"

Zweite Sammlung, 25. Brief, 1792/93

Die folgenden Gedanken mögen zwar von einem subjektiv-spekulativen Charakter beseelt sein, weshalb sie jedoch nichts desto weniger tiefsinnig und bahnweisend (waren und) sind (man beachte auch den Mut des damaligen Oberkirchenaufsehers der Grafschaft Weimar einen derart freien Begriff vom Christentum, wie er in einigen Punkten sichtbar wird, öffentlich zu formulieren):

Über den Charakter der Menschheit

1. Vollkommenheit einer Sache kann nichts sein, als daß das Ding sei, was es sein soll und kann.

2. Vollkommenheit eines einzelnen Menschen ist also, daß er im Kontinuum seiner Existenz er selbst sei und werde, daß er die Kräfte brauche, die die Natur ihm als Stammgut gegeben hat, daß er damit für sich und andre wuchere.

3. Erhaltung, Leben und Gesundheit ist der Grund dieser Kräfte; was diesen Grund schwächet oder wegnimmt, was Menschen hinopfert oder verstümmelt, es habe Namen, wie es wolle, ist unmenschlich.

4. Mit dem Leben des Menschen fängt seine Erziehung an; denn Kräfte und Glieder bringt er zwar auf die Welt, aber den Gebrauch dieser Kräfte und Glieder, ihre Anwendung, ihre Entwicklung muß er lernen. Ein Zustand der Gesellschaft also, der die Erziehung vernachlässigt oder auf falsche Wege lenkt oder diese falschen Wege begünstigt oder endlich die Erziehung der Menschen schwer und unmöglich macht, ist insofern ein unmenschlicher Zustand. Er beraubt sich selbst seiner Glieder und des Besten, das an ihnen ist, des Gebrauchs ihrer Kräfte. Wozu hätten sich Menschen vereinigt, als daß sie dadurch vollkommenere, bessere, glücklichere Menschen würden?

5. Unförmliche also oder schiefausgebildete Menschen zeigen mit ihrer traurigen Existenz nichts weiter, als daß sie in einer unglücklichen Gesellschaft von Kindheit auf lebten; denn Mensch zu werden, dazu bringt jeder Anlage gnug mit sich.

6. Sich allein kann kein Mensch leben, wenn er auch wollte. Die Fertigkeiten, die er sich erwirbt, die Tugenden oder Laster, die er ausübt, kommen in einem kleinern oder größeren Kreise andern zu Leid oder zur Freude.

7. Die gegenseitig-wohltätige Einwirkung eines Menschen auf den andern jedem Individuum zu verschaffen und zu erleichtern, nur dies kann der Zweck aller menschlicher Vereinigung sein. Was ihn stört, hindert oder aufhebt, ist unmenschlich. Lebe der Mensch kurz oder lange, in diesem oder jenem Stande, er soll seine Existenz genießen und das Beste davon andern mitteilen; dazu soll ihm die Gesellschaft, zu der er sich vereinigt hat, helfen.

8. Gehet ein Mensch von hinnen, so nimmt er nichts als das Bewußtsein mit sich, seiner Pflicht, Mensch zu sein, mehr oder minder ein Gnüge getan zu haben. Alles andre bleibt hinter ihm, den Menschen. Der Gebrauch seiner Fähigkeiten, alle Zinsen des Kapitals seiner Kräfte, die das ihm geliehene Stammgut oft hoch übersteigen, fallen seinem Geschlecht anheim.

9. An seine Stelle treten junge, rüstige Menschen, die mit diesen Gütern forthandeln; sie treten ab, und es kommen andre an ihre Stelle. Menschen sterben, aber die Menschheit perenniert [bleibt bestehen] unsterblich. Ihr Hauptgut, der Gebrauch ihrer Kräfte, die Ausbildung ihrer Fähigkeiten, ist ein gemeines, bleibendes Gut und muß natürlicherweise im fortgehenden Gebrauch fortwachsen.

10. Durch Übung vermehren sich die Kräfte, nicht nur bei einzelnen, sondern ungeheuer mehr bei vielen nach- und miteinander. Die Menschen schaffen sich immer mehrere und bessere Werkzeuge; sie lernen sich selbst einander immer mehr und besser als Werkzeuge zu gebrauchen. Die physische Gewalt der Menschheit nimmt also zu: der Ball des Fortzutreibenden wird größer; die Maschinen, die es forttreiben sollen, werden ausgearbeiteter, künstlicher, geschickter, feiner.

11. Denn die Natur des Menschen ist Kunst. Alles, wozu eine Anlage in seinem Dasein ist, kann und muß mit der Zeit Kunst werden.

12. Alle Gegenstände, die in seinem Reich liegen (und dies ist so groß als die Erde), laden ihn dazu ein; sie können und werden von ihm, nicht ihrem Wesen nach, sondern nur zu seinem Gebrauch erforscht, gekannt, angewandt werden. Niemand ist, der ihm hierin Grenzen setzen könne, selbst der Tod nicht; denn das Menschengeschlecht verjünget sich mit immer neuen Ansichten der Dinge, mit immer jungen Kräften.

13. Unendlich sind die Verbindungen, in welche die Gegenstände der Natur gebracht werden können; der Geist der Erfindungen zum Gebrauch derselben ist also unbeschränkt und fortschreitend. Eine Erfindung weckt die andre auf; eine Tätigkeit erweckt die andre. Oft sind mit einer Entdeckung tausend andre und zehntausend auf sie gegründete neue Tätigkeiten gegeben.

14. Nur stelle man sich die Linie dieses Fortganges nicht gerade, sondern nach allen Richtungen, in allen möglichen Wendungen und Winkeln vor. Weder eine Asymptote noch die Ellipse und Zykloide mögen den Lauf der Natur uns vormalen. Jetzt fallen die Menschen begierig über einen Gegenstand her; jetzt verlassen sie ihn mitten im Werk, entweder seiner müde oder weil ein andrer, neuerer Gegenstand sie zu sich hinreißt. Wenn dieser ihnen alt geworden ist, werden sie zu jenem zurückkehren, oder dieser wird sie gar auf jenen zurückleiten. Denn für den Menschen ist alles in der Natur verbunden, eben weil der Mensch nur Mensch ist und allein mir seinen Organen die Natur siehet und gebrauchet.

15. Hieraus entspringt ein Wettkampf menschlicher Kräfte, der immer vermehrt werden muß, je mehr die Sphäre des Erkenntnisses und der Übung zunimmt. Elemente und Nationen kommen in Verbindung, die sich sonst nicht zu kennen schienen; je härter sie in den Kampf geraten, desto mehr reiben sich ihre Seiten allmählich gegeneinander ab, und es entstehen endlich gemeinschaftliche Produktionen mehrerer Völker.

16. Ein Konflikt aller Völker unsrer Erde ist gar wohl zu gedenken; der Grund dazu ist sogar schon geleget.

17. Daß zu diesen Operationen die Natur viel Zeit, mancherlei Umwandlungen bedarf, ist nicht zu verwundern; ihr ist keine Zeit zu lang, keine Bewegung zu verflochten. Alles, was geschehen kann und soll, mag nur in aller Zeit wie im ganzen Raum der Dinge zustande gebracht werden; was heute nicht wird, weil es nicht geschehen kann, erfolgt morgen.

18. Der Mensch ist zwar das erste, aber nicht das einzige Geschöpf der Erde; er beherrscht die Welt, ist aber nicht das Universum. Also stehen ihm oft die Elemente der Natur entgegen, daher er mit ihnen kämpfet. Das Feuer zerstört seine Werke; Überschwemmungen bedecken sein Land; Stürme zertrümmern seine Schiffe, und Krankheiten morden sein Geschlecht. Alles dies ist ihm in den Weg gelegt, damit er's überwinde.

19. Er hat dazu die Waffen in sich. Seine Klugheit hat Tiere bezwungen und gebraucht sie zu seiner Absicht; seine Vorsicht setzt dem Feuer Grenzen und zwingt den Sturm, ihm zu dienen. Den Fluten setzt er Wälle entgegen und geht auf ihren Wogen daher; den Krankheiten und dem verheerenden Tode selbst sucht und weiß er zu steuren. Zu seinen besten Gütern ist der Mensch durch Unfälle gelangt, und tausend Entdeckungen wären ihm verborgen geblieben, hätte sie die Not nicht erfunden. Sie ist das Gewicht an der Uhr, das alle Räder derselben treibet.

20. Ein gleiches ist's mit den Stürmen in unsrer Brust, den Leidenschaften der Menschen. Die Natur hat die Charaktere unseres Geschlechts so verschieden gemacht, als diese irgend nur sein konnten; denn alles Innere soll in der Menschheit herausgekehrt, alle ihre Kräfte sollen entwickelt werden.

21. Wie es unter den Tieren zerstörende und erhaltende Gattungen gibt, so unter den Menschen. Nur unter jenen und diesen sind die zerstörenden Leidenschaften die wenigern; sie können und müssen von den erhaltenden Neigungen unsrer Natur eingeschränkt und bezwungen, zwar nicht ausgetilgt, aber unter eine Regel gebracht werden.

22. Diese Regel ist Vernunft, bei Handlungen Billigkeit und Güte. Eine vernunftlose, blinde Macht ist zuletzt immer eine ohnmächtige Macht; entweder zerstört sie sich selbst oder muß; am Ende dem Verstande dienen.

23. Desgleichen ist der wahre Verstand immer auch mit Billigkeit und Güte verbunden; sie führet auf ihn, er führet auf sie. Verstand und Güte sind die beiden Pole, um deren Achse sich die Kugel der Humanität beweget.

24. Wo sie einander entgegengesetzt scheinen, ist's mit einer oder dem andern nicht richtig; eben diese Divergenz aber macht Fehler sichtbar und bringt den Kalkül des Interesse unsres Geschlechts immer mehr zur Richtigkeit und Bestimmtheit. Jeder feinere Fehler gibt eine neue, höhere Regel der reinen allumfassenden Güte und Wahrheit.

25. Alle Laster und Fehler unsres Geschlechts müssen also den Ganzen endlich zum Besten gereichen. Alles Elend, das aus Vorurteilen, Trägheit und Unwissenheit entspringt, kann den Menschen seine Sphäre nur mehr kennen lernen; alle Ausschweifungen rechts und links stoßen ihn am Ende auf seinen Mittelpunkt zurück.

26. Je unwilliger, hartnäckiger, träger das Menschengeschlecht ist, desto mehr tut es sich selbst Schaden; diesen Schaden muß es tragen, büßen und entgelten; desto später kommt's zum Ziele.

27. Dies Ziel ausschließend jenseits des Grabes setzen, ist den Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schändlich. Dort kann nur wachsen, was hier gepflanzt ist, und einem Menschen sein hiesiges Dasein rauben, um ihn mit einem andern außer unsrer Welt zu belohnen, heißt, den Menschen um sein Dasein betrügen.

28. Ja, dem ganzen menschlichen Geschlecht, das also verführt wird, seinen Endpunkt der Wirkung verrücken, heißt, ihm den Stachel seiner Wirksamkeit aus der Hand drehn und es im Schwindel erhalten.

29. Je reiner eine Religion war, desto mehr mußte und wollte sie die Humanität befördern. Dies ist der Prüfstein selbst der Mythologie der verschiedenen Religionen.

30. Die Religion Christi, die er selbst hatte, lehrte und übte, war die Humanität selbst. Nichts anders als sie; sie aber auch im weitsten Inbegriff, in der reinsten Quelle, in der wirksamsten Anwendung. Christus kannte für sich keinen edleren Namen, als daß er sich den Menschensohn, d.i. einen Menschen, nannte.

31. Je besser ein Staat ist, desto angelegentlicher und glücklicher wird in ihm die Humanität gepflegt; je inhumaner, desto unglücklicher und ärger. Dies geht durch alle Glieder und Verbindungen desselben von der Hütte an bis zum Throne.

32. Der Politik ist der Mensch Mittel; der Moral ist er Zweck. Beide Wissenschaften müssen eins werden, oder sie sind schädlich widereinander. Alle dabei erscheinende Disparaten indes müssen die Menschen belehren, damit sie wenigstens durch eigenen Schaden klug werden.

33. Wie jeden aufmerksamen einzelnen Menschen das Gesetz der Natur zur Humanität führet - seine rauhen Ecken werden ihm abgestoßen, er muß sich überwinden, an dern nachgeben und seine Kräfte zum Besten andrer gebrauchen lernen -, so wirken die verschiedenen Charaktere und Sinnesarten zum Wohl des größeren Ganzen. Jeder fühlt die Übel der Welt nach seiner eigenen Lage; er hat also die Pflicht auf sich, sich ihrer von dieser Seite anzunehmen, dem Mangelhaften, Schwachen, Gedrückten an dem Teil zu Hülfe zu kommen, da es ihm sein Verstand und sein Herz gebietet. Gelingt's, so hat er dabei in ihm selbst die eigenste Freude; gelingt's jetzt und ihm nicht, so wird's zu anderer Zeit einem andern gelingen. Er aber hat getan, was er tun sollte und konnte.

34. Ist der Staat das, was er sein soll, das Auge der allgemeinen Vernunft, das Ohr und Herz der allgemeinen Billigkeit und Güte, so wird er jede dieser Stimmen hören und die Tätigkeit der Menschen nach ihren verschiedenen Neigungen, Empfindbarkeiten, Schwächen und Bedürfnissen aufwecken und ermuntern.

35. Es ist nur ein Bau, der fortgeführt werden soll, der simpelste, größeste; er erstreckt sich über alle Jahrhunderte und Nationen; wie physisch, so ist auch moralisch und politisch die Menschheit im ewigen Fortgange und Streben.

36. Die Perfektibilität ist also keine Täuschung; sie ist Mittel und Endzweck zu Ausbildung alles dessen, was der Charakter unsres Geschlechts, Humanität, verlangt und gewähret.
Hebet eure Augen auf und sehet. Allenthalben ist die Saat gesäet; hier verweset und keimt, dort wächset sie und reift zu einer neuen Aussaat. Dort liegt sie unter Schnee und Eise; getrost das Eis schmilzt, der Schnee wärmt und decket die Saat. Kein Übel, das der Menschheit begegnet, kann und soll ihr anders als ersprießlich werden. Es läge ja selbst an ihr, wenn es ihr nicht ersprießlich würde; denn auch Laster, Fehler und Schwachheiten der Menschen stehen als Naturbegebenheiten unter Regeln und sind oder sie können berechnet werden. Das ist mein Credo, Seremus atque agamus [lat.: Laßt uns hoffen und handeln]."

 
 

Die Tendenz der Menschennatur faßt ein Universum in sich, dessen Aufschrift ist:
'Keiner für sich allein, jeder für alle, so seid Ihr alle euch wert und glücklich!' Eine
unendliche Verschiedenheit, zu einer Einheit strebend, die in allen liegt, die alle fördert.
Sie heißt, ich will's immer wieder wiederholen, Verstand, Billigkeit, Güte, Gefühl der Menschheit.

Johann Gottfried Herder

 
 

"Er bleibt in seinen Schriften ein wesentlicher Ratgeber für uns Deutsche, uns selbst als Nation zu definieren. [...] Wenn wir Deutsche uns als europäisch gewachsene Kulturnation definieren, fügen wir uns ein in das Herdersche Weltbürgertum und in einen aufgeklärten Patriotismus. Für Herder bestand Europa aus der Kultur der Sprachen; die Stimmen der Völker sollten aufgehen in eine universelle Poesie. In der Philosophie Herders liegt die Konzeption für ein humanistisches Europa der Nationen und Kulturen."

Dr. Christina Weiss, Bundesministerin für Kultur
anlässlich von Herders zweihundertsten Todestages am 18. Dezember 2003 in einer Pressemitteilung

 
Herder-Gedenkseite

zur Erinnerung an seinen zweihundertsten Todestag mit Biografie, Bildern, Links, von Robert Matthees
 


 Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
1/2004
 


 
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Aktualisiert am 10.09.04