Gedanken zur Lebensqualität

 

Lebens-Qualität ist abhängig von dem Bild, welches man vom Leben hat, vom Lebens-Sinn. Je einfacher umso überschaubarer und klarer. Einfach ist hier nicht als einfältig, als simpel zu verstehen, sondern im Sinne von Albert Schweitzer, der sagte: Alles Tiefe ist zugleich ein Einfaches und läßt sich als solches wiedergeben, wenn nur die Beziehung auf die ganze Wirklichkeit gewahrt ist.

Komplizierte und unüberschaubare Vorstellungen vom "richtigen" Leben haben wir zur Genüge, davon leben die religiösen und materialistischen Ideologien, die Theologen, Philosophen, die Wirtschaftler und schließlich auch die Psychologen, Kriminologen und Ärzte.

Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und die Welt und der Mensch sei? Nein, doch niemand hört's gerne - da bleibt es geheim. So Geheimrat Goethe. Warum hört's niemand gerne? Weil es so einfach, so ernüchternd und unbequem ist. Weil es den Menschen auf sich selbst zurück verweist. Friedrich Schiller sagte: Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend; - das ist's.

Der Mensch hat demnach von der Natur her die Aufgabe - im Prinzip nicht anders als die Pflanze - sich je nach Anlage und Umweltbedingungen zu größtmöglicher Entfaltung zu bringen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Das Problem ist, daß der Mensch ein Wesen mit einem Bewußtsein seiner selbst ist und neben den vielen Gefahren, den bereits von der Natur her gegebenen Ungerechtigkeiten vor allem seine relative Unbedeutsamkeit und Endlichkeit erkennen kann.

Im Gegensatz zu Pflanze und Tier spaltet ihn sein Verstand von seiner Mitwelt ab, löst ihn aus der ganzheitlichen Geborgenheit. Das verunsichert und macht Angst. Um Sicherheit zu gewinnen, ist er auf der Suche, und wenn er es nicht schafft, mit Hilfe seines Verstandes die Realität zu erkennen und auszuhalten und sich damit wieder in die Ganzheit seiner Mitwelt einzubinden, dann sucht er sich möglichst wirksame Heilmittel in Form von materiellen oder geistigen Drogen. Wie bei allen Heilmitteln, so sind auch bei den geistigen, den religiösen und materialistischen Heilslehren oder Ideologien die Gefahren der Nebenwirkungen wie schlimmstenfalls Abhängigkeit, Zerstörung der Persönlichkeit und Umwelt gegeben.

Lebens-Qualität beziehungsweise -Beschaffenheit ist dann am größten beziehungsweise am sinnvollsten, wenn der Sinn des Lebens in seiner einfachsten Form erkannt ist und dann auch zielgerecht angewandt wird. Das bedeutet, daß der Mensch mindestens drei grundlegende Bereiche beachtet, die das Wesentliche für seine Lebensgestaltung enthalten:

  • 1. Beschäftigung mit dem eigenen Selbst zur Persönlichkeitsentwicklung und -stabilisierung, als Grundlage von Mündigkeit;

  • 2. Erwerbstätigkeit zum Lebensunterhalt soweit erforderlich;

  • 3. Dienst an der Mitwelt zur Erhaltung der Lebensgrundlagen und zur Sinnerfüllung.

Die drei Bereiche können sich teilweise überschneiden und in ihrem Ausmaß variieren, keiner sollte aber einen anderen mehr als nötig beeinträchtigen.

Zu 1.: Zur Persönlichkeitsentwicklung gehört Selbsterkenntnis, Lebenserfahrung und Ziel-Orientierung.

  • Selbsterkenntnis erfordert Kenntnis der eigenen Geschichte (Kindheit) und die Fähigkeit zum Hinterfragen
    und Hinterfragenlassen der eigenen Eigenschaften, Verhaltensweisen, Einstellungen und Werte.

  • Lebenserfahrung erfordert praktische Kenntnis gesellschaftlicher Lebensstrukturen Partnerschaft oder Familie, Arbeit, Eigentum etc.).

  • Ziel-Orientierung erfordert ein eigenes Weltbild, eine Vorstellung vom Sinn des eigenen Lebens und eigene Werte.

Zu 2.: Die Erwerbstätigeit ist sinnvoll, wenn sie im Umfang über die persönliche Bedarfsdeckung nicht hinausgeht und vom Inhalt her möglichst ökologisch oder humanitär ausgerichtet ist.

Zu 3.: Der gemeinnnützige Dienst an der Mitwelt ist ein Bedürfnis mündiger Menschen und umfaßt Natur und Mitmenschen, nah und fern.

Lebens-Qualität wird verbessert, je mehr der von der Natur vorgegebene Sinn des eigenen Lebens erkannt, verinnerlicht und immer wieder angestrebt wird. Wer weiterlebt wie bisher, hat nicht begriffen, was droht; es nur intellektuell zu denken, bedeutet nicht, es auch in die Wirklichkeit seines Lebens aufzunehmen. So Karl Jaspers. Erhöhung der Lebens-Qualität bedeutet, die derzeitige Lage zu erkennen und zu versuchen, in Übereinstimmung mit dem Sinn zu bringen, ohne zu resignieren oder sich dabei zu überfordern.

Lebens-Qualität zu verbessern, wird immer wieder ein Hin und Her zwischen dem Sich-selbst-Fordern und dem Geduldigsein bedeuten. Es wird auch bedeuten zu erkennen, daß wir in unserer Gesellschaft eine äußerliche Sicherheit und Bequemlichkeit geschaffen haben, die in mancherlei Hinsicht auf Kosten der Menschlichkeit erreicht wurde, und an der wir leiden. Unser Wohlstand ist lediglich ein materieller, der durch Ausbeutung von Mensch und Natur geschaffen wurde. Lebens-Qualität erhöhen erfordert Menschenbildung. Bildung der Menschlichkeit durch Orientierung am ganzheitlich verstandenen Humanismus, am Menschentum, dem von der Natur vorgebenen Sinn des menschlichen Lebens.

 
Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.
Mahatma Gandhi 
 

Lebens-Qualität erhöhen bedeutet Arbeit an der eigenen Person als dem uns am nächsten erreichbaren Teil unserer mitzugestaltenden Mitwelt. Wie gehe ich mit mir selbst und mit meinen Mitmenschen um und warum so und nicht anders? Wie kann ich konstruktiver denken und handeln? Wie kann ich der von der Gesellschaftsstruktur geprägten Tendenz zur Individualisierung und Isolierung entgegenwirken und zu mehr Zusammenarbeit mit anderen kommen. Wie kann ich als Kopfmensch mit Hilfe von aufrichtigen Mitmenschen mögliche Abspaltungen von meinen Gefühlen erkennen und überwinden, um ganzheitlicher zu werden und zu leben?

Rudolf Kuhr

 

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Gebrauchsanweisungen

Als mir auffiel
daß meine Eltern
mir zwar das Leben geschenkt hatten
dabei aber die Gebrauchsanweisungen
vergessen hatten
war ich echt sauer

ich geriet aber in Panik
als ich etwas später merkte
daß das Leben
das einzige Produkt ohne
Gebrauchsanweisungen ist!

Und seitdem drücke ich Knöpfe
drehe Knöpfe ziehe Knöpfe
und versuche
Leben zu spielen

soizic p. - 9.4.81

taz 26.06.81
 

 
Die Bedeutung der Sinnfrage an einem Beispiel aus dem realen Leben

Wie sehr auch junge Menschen der Hilfestellung bedürfen, wurde mir schmerzlich erlebbar, als ich während der frühen sechziger Jahre Abiturientenklassen auf die Reifeprüfung vorzubereiten hatte. Unter anderem sprach ich mit ihnen über philosophische Fragen, insbesondere über die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens, also des Sinns des gemeinschaftlichen Lebens der Menschheit in Wechselbeziehung mit der individuellen Lebensgestaltung. Ein sich durch große Diskutierfreude und kluge Fragestellungen auszeichnender Schüler stellte in diesen Zusammenhängen, gewissermaßen für sich resümierend, fest, und das kann ich auch heute noch beinahe wörtlich genau wiedergeben: "Wissen Sie, die Masse der Menschen lebt glücklich dumm dahin. Wer aber ein wenig tiefer eindringt in die Frage nach dem Sinn des Lebens, für den gibt es eigentlich nur eine Alternative: entweder ein Leben in Genusssucht, ein exzessives Leben also oder Selbstmord." Meine betroffen-spontane Gegenfrage, wozu er sich angesichts dieser Erkenntnis entschieden habe, beantwortete er mit dem Bemerken, er sei noch am Nachdenken. Einer seiner engsten Freunde sekundierte ihm. Wir debattierten weiter, insbesondere darüber. Wenige Wochen später hatte er sich in der elterlichen Wohnung mit Gas vergiftet. Sein Grabstein trägt neben den persönlichen Daten die Inschrift: "Wer denkt stirbt." Viele Einzelheiten sind mir inzwischen in Vergessenheit geraten, das Ereignis selbst hat mich jedoch tief bewegt, es berührt mich auch heute noch. Seither messe ich dieser Fragestellung nach dem Lebenssinn große Bedeutung zu und bemühe mich stetig um klärendes Bedenken und Sprechen.

Quelle: Wolfgang Kaul: 'Freies Denken als Inhalt weltlicher Bestattungskultur' in KRISTALL 3/01
 

 

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Humanistische AKTION

11/1995,2

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Aktualisiert am 03.07.02