Lebensliebe

bis heute vielfach nur gesellschaftliche Doppelmoral
 
von Wolfgang Fischer

 
Das niederländische Modell der aktiven Sterbehilfe bringt die Hüter der Moral auf den Plan. Anstatt aber den längst überfälligen Akt der Einfühlung gegenüber sinnlosem menschlichen Leiden angesichts eines nahenden Todes zu begrüßen und darüber hinaus ein medizinfreies und humanes Sterben zu kultivieren, polemisieren die modernen Pharisäer lauthals und wütend.

Ein Gnadenakt, der gegenüber Tieren und Haustieren längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, wird unter sehr fadenscheinigen Argumenten für den Menschen als unannehmbar, gar als kulturgefährdend hingestellt.

Die aktuellen Kommentare reichen von "unerhörte Anmaßung" und "Kulturbruch" bis zu "Bruch mit unserer christlichen und humanistischen Tradition". Aktive Sterbehilfe sei nicht mit dem hippokratischen Eid vereinbar, "Gott hielte seine Hand über Leben und Tod" - so z.B. die Evangelische Kirche Deutschlands. 

Die Verlogenheit und Falschheit der praktizierten Doppelmoral dieser heuchlerischen Reaktionen sind kaum zu überbieten:

Waffensegnungen der Kirchen, Militärseelsorge als institutionelle Einrichtung, Waffenindustrie als allgemein akzeptierter Wirtschaftszweig, die Wiedereinführung einer Politik der bewaffneten Auseinandersetzung durch die Bundesregierung entgegen den Vorgaben des Deutschen Grundgesetzes, die fehlende Ächtung des Krieges auf internationaler Ebene, die industriefreundlichen und gegen die Unversehrtheit des Lebens gerichteten Regelungen im Umgang mit Schadstoffen physikalischer und chemischer Art, der Umgang mit dem werdenden menschlichen Leben im Zusammenhang mit der Diskussion um die Gentechnik, die Gentechnik mit ihren falschen Verheißungen als solche - all diese Gegebenheiten der Zivilisation zeugen neben weiteren alltäglichen Grausamkeiten und systematischen Ungerechtigkeiten von einer zivilisationsbedingten Tötungskultur - egal wie laut die Vertreter gesellschaftlicher Institutionen auch schreien mögen. Solange diese Vetreter auf der lebensverachtenden und kapitalbegünstigenden Seite stehen und naturentwertende Verhalten allein des materiellen Gewinns wegen dulden und fördern, solange erweisen sie sich als den Menschen versklavend und die Natur ausbeutend. Ihre noch so blendend formulierte Lebensliebe erweist sich als nur vorgetäuscht. 

Die Liebe zum Leben erfordert eine einfache Moral. Ein wahrer Kulturbruch wäre der klare Bruch mit dem lebensminimierenden status quo der gesellschaftspolitischen Realitäten. Es ist an der Zeit, selbst die Hand über Leben und Tod zu halten, um den Geschäftemachern das Handwerk zu legen. Die aktuellen neoliberalen Vorgaben mit ihrer Vernachlässigung und Vernichtung ökologisch-sozialer Grundlagen lassen diese Notwendigkeit in beschleunigtem Tempo deutlich werden.

Die Diskussion zu diesem Thema sollte die tatsächlichen Fundamente modernen Lebens infrage stellen. Es ist an der Zeit, ein "nach-zivilisatorisches Zeitalter" einzuleiten, eine Epoche der tatsächlichen Achtung unserer natürlichen Gegebenheiten, Bedingtheiten und Abhängigkeiten. Ein Zeitalter der Ächtung historisch gewachsener lebensfeindlicher Verhalten und Gewohnheiten. Ein Zeitalter der Partnerschaft mit der Natur, der Freundschaft mit den Mitmenschen. Ein Zeitalter einer zur Selbstverständlichkeit gewordenen sozialen Gerechtigkeit und individuell fördernden Chancengleichheit. Ein Zeitalter der Liebe zum Leben auf unserem Planeten.


© Wolfgang Fischer, Version 4. 2001, Kritik, Anregungen zu Form und Inhalt, Dialog sowie unveränderter Nachdruck bei Quellenangabe und Belegexemplar erwünscht. Übersetzung in andere Sprachen erwünscht. Kürzungen und Änderungen nach Absprache möglich.  


  
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
5/2001
 


 
nach oben   -   Service   -   Menue   -   Texte-Verzeichnis   -   Stichwörter

www.humanistische-aktion.de/lelieb.htm

Aktualisiert am 03.07.02