Texte zum Thema Menschenbild
 

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Menschenbild - Ein Versuch.

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Menschenbild - Entwurf zu einer Kurzfassung.

Denkwerkstatt zum Menschenbild - Umfrage unter Parteien, Kirchen und verschiedenen gesellschaftsrelevanten Verbänden nach dem dezidierten Menschenbild, das die jeweilige Institution gegenüber der Gesellschaft vertritt.

Projekt Identitätsbildende Maßnahmen zur nachhaltigen Stabilisierung von Individuum und Gesellschaft.

Humanistisch orientieren - sinnvoll leben! - Über Intelligenz, Weltanschauung und Identität.

Unternehmens-Philosophie - Ein beispielhaftes Konzept - nicht nur für Unternehmen.

Identität - wie man sie findet und verwirklicht, von Hermann Meyer.

Der Irrtum mit der Seele - allgemeinverständliche Darstellung wissenschaftlicher Grundlagen.
Besprechung des Buches von H.J.Campbell mit Inhaltsverzeichnis (15 Kapitel-Überschriften).
 

 

Menschenbild

Ein Versuch
 

Das Problem des Menschen ist der Mensch - und seine Lösung.

In letzter Zeit ist öfter mal der Begriff vom 'Menschenbild' zu lesen und zu hören. In Wörterbüchern dagegen ist er so gut wie nicht zu finden. Es scheint so, als würde sich das allgemeine Bewußtsein vermehrt den Ursachen von Problemen zuwenden. Dies ist eine erfreuliche Erscheinung, denn die Behandlung von Symptomen ist auf die Dauer nicht nur zu teuer, sondern gewissermaßen auch menschenunwürdig. Nachfolgend soll in verhältnismäßig wenigen und einfachen Worten der Begriff Menschenbild anschaulich und anwendbar gemacht werden.

Der Mensch ist ein Teil der Natur, mit der Einschränkung, daß er mit dieser nicht mehr ganzheitlich verbunden ist. Durch seinen Verstand ist er geistig von der Natur getrennt. Damit hat es als einziges Lebewesen die Möglichkeit, seine natürlichen Lebensgrundlagen und seine eigene Art zu zerstören.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, er wird ohne Mitmenschen nicht zum Menschen. Er ist nicht einmal im Stadium eines Tieres lebensfähig, da ihm die wesentlichen Instinkte fehlen. Die stärksten Triebe des Menschen sind der Selbsterhaltungstrieb und der Fortpflanzungstrieb. Andere Triebe wie Pflegetrieb, Forschungsdrang, Abgrenzung, Rivalität, Aggression, Geltungsdrang usw. gehen auf die beiden Haupttriebe zurück und sind teilweise grundlegend unterschiedlich auf die Geschlechter verteilt. Aus der mangelnden Kenntnis dieser Unterschiedlichkeit sowie aus der allgemeinen Unkenntnis der naturgegebenen Triebe entstehen viele gesellschaftliche Mißverständnisse, Probleme und Konflikte.

Eine weitere wesentliche Ursache für Konflikte sind geistige Lebenseinstellungen, die nicht ganzheitlich und konsequent wahrhaftig ausgerichtet sind und irreale Vorstellungen enthalten. Eine logische Begründung der Lebenseinstellung anhand der erkennbaren Realitäten ermöglicht eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Da ein absoluter Sinn für den Menschen nicht erkennbar ist, bleibt als wahrhaftige Antwort nur die Anerkennung dieses letzten Nichtwissens und die anschauliche Natur als grundsätzliches Vorbild. Das ungefragte Entstehen und Vergehen des Lebendigen mag für viele eine unbequeme Tatsache sein, ein Akzeptieren ist dennoch die sinnvollste Einstellung, weil sie am ehesten einen realistischen Umgang damit ermöglicht.

Mit einem Be-kenntnis zu einer Lebenseinstellung gibt der Mensch sein Selbst-verständnis und seine Lebens-orientierung zu er-kennen. Das Bekenntnis ist eine Bekanntgabe und Einladung zu entsprechendem uneingeschränktem oder eingeschränktem Austausch. Aus einem christlichen Bekenntnis läßt sich beispielsweise ableiten: Hier besteht eine Orientierung an einem Christus, an einer teils geschichtlichen, teils ideellen Führer-Persönlichkeit. Aus einem humanistischen Bekenntnis läßt sich ableiten: Hier besteht eine Orientierung an verantwortlicher Menschlichkeit. Der Unterschied liegt in einer indirekten und einer direkten Form der Orientierung. Ein christliches oder sonstiges Bekenntnis oder eines zur Bekenntnislosigkeit läßt nicht schon die Bereitschaft zum Hinterfragen und der Arbeit an der eigenen Person erkennen, bei einem humanistischen Bekenntnis hingegen kann dies vorausgesetzt und nötigenfalls auch angemahnt werden. Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt in den Gegensätzen von Abgrenzung und Universalität. Die Zunahme an Globalisierung einerseits und damit an Konflikten und Gewalt andererseits lassen ein universales Menschenbild als not-wendig erscheinen.

 

»Behauptungen zur Psychogenese«

Herbert James Campbell
 

  1. Zur Zeit der Geburt existiert der Geist noch nicht.
     
  2. Ohne sensorische Einwirkung kann der Geist nicht erscheinen.
     
  3. Persönlichkeit und individuelles Verhalten sind keine Eigenschaften des Gehirns, die sich automatisch durch Ausreifen der Nervenzellen entfalten. Es sind vielmehr erworbene Funktionen, die gelernt werden müssen.
    Deshalb hängen sie wesentlich von aufgenommenen sensorischen Reizen ab.
     
  4. Sinn der Erziehung ist nicht das Enthüllen individueller Geistesfunktionen, sondern ihre Schöpfung, ihre Entfaltung.
     
  5. Symbole aus der Umwelt werden physikalisch so innerhalb des Gehirns eingegliedert wie molekulare Veränderungen in der Struktur der Nervenzellen.
     
  6. Der Mensch ist nicht frei geboren, sondern ist Erbanlagen und Erziehung untertan.
     
  7. Persönliche Freiheit wird weder vererbt noch von der Natur geschenkt. Sie ist eine der höchsten zivilisatorischen Errungenschaften, die Bewußtsein, intellektuelle und gefühlsmäßige Schulung erfordert, um Alternativen, die die Umwelt bietet, zu verarbeiten sowie vernünftig und bewußt zwischen ihnen zu unterscheiden.
     
  8. Erziehung sollte nicht autoritär sein, weil dadurch die geistige Beweglichkeit eingeengt und schöpferisches Tun behindert wird. Konformes Verhalten oder übermäßige Ablehnung und offener Widerstand sind die Folge. Erziehung sollte aber auch nicht antiautoritär sein, weil sich dann andere Automatismen entwickeln, die durch bestimmte rein zufällige Umwelteinflüsse zustande kommen.

Herbert James Campbell: Der Irrtum mit der Seele, Scherz-Verlag

 

Lebensgestaltung

Eine verantwortliche und sinnvolle Lebensgestaltung enthält drei grundlegende Bereiche:
 

  1. Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst zur Persönlichkeitsentwicklung und -stabilisierung
     

  2. Erwerbstätigkeit zum Lebensunterhalt soweit erforderlich
     

  3. Dienst an der Mitwelt zur Erhaltung der Lebensgrundlagen und zur Sinnerfüllung
     

Diese drei Bereiche können sich teilweise überschneiden und in ihrem Ausmaß variieren, keiner soll aber einen anderen mehr als nötig beeinträchtigen.
 

Zu 1.: Zur Persönlichkeitsentwicklung gehört Selbsterkenntnis, Lebenserfahrung und Ziel-Orientierung.

Selbsterkenntnis erfordert Kenntnis der eigenen Geschichte (Kindheit) und die Fähigkeit zum Hinterfragen und Hinterfragenlassen der eigenen Eigenschaften, Verhaltensweisen, Einstellungen und Werte.

Lebenserfahrung erfordert praktische Kenntnis gesellschaftlicher Lebensstrukturen (Partnerschaft oder Familie, Arbeit, Eigentum etc.).

Ziel-Orientierung erfordert ein eigenes Weltbild, eine Vorstellung vom Sinn des eigenen Lebens eigene Werte und Ideale.

Zu 2.: Die Erwerbstätigkeit ist sinnvoll, wenn sie im Umfang über die persönliche Bedarfsdeckung nicht hinausgeht und vom Inhalt her möglichst ökologisch oder humanitär ausgerichtet ist.

Zu 3.: Der gemeinnnützige Dienst an der Mitwelt ist ein Bedürfnis mündiger Menschen und umfaßt Natur und Mitmenschen, nah und fern.

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Mündigkeit

Wesentliche Kriterien der Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Selbstbestimmtheit

Mündigkeit bedeutet
 

  • mehr als nur Volljährigkeit. Mündigkeit heißt, eine kritische Distanz nicht nur zu
    seiner Mitwelt, sondern vor allem auch zu sich selbst zu haben, für sich selbst voll-
    und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen.

  • seine Identität in sich selbst und in der Verbundenheit zur Mitwelt zu haben und
    nicht durch Identifizierung mit Objekten außerhalb der eigenen Person zu suchen

  • sich selbst zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen

  • Kritik nicht nur zu ertragen, sondern auch zu wünschen

  • einen veränderbaren, nichtresignativen Agnostizismus zu vertreten

  • Irrtümer, Fehler, Ängste, Unfähigkeiten, sich selbst und anderen eingestehen zu können

  • sich seiner Fähigkeiten, Grenzen und Motivationen bewußt zu sein

  • konstruktiv, vorbildlich, verbindlich zu sein

  • die ichbezogenen und selbstlosen Anteile meines Strebens zu unterscheiden

  • Risiken einzuschätzen und die Realität nicht zu verdrängen

  • nicht mehr auf der Suche nach dem großen Glück zu sein, es von außen zu erwarten

  • offen und kritisch gegenüber neuen Erkenntnissen zu sein

  • zu versuchen, sich selbst zu erkennen, zu akzeptieren, und den eigenen
    ständigen Wandlungsprozeß bewußt und aktiv mitzugestalten

  • Gefahren von sich und anderen entschlossen abzuwehren

  • sich keiner persönlichen oder ideellen Autorität unterzuordnen außer
    der einer verantwortlichen Menschlichkeit

  • Möglichkeiten zu konstruktivem Handeln zu suchen und zu nutzen

  • aus Feinden Gegner, aus Gegnern Partner, aus Partnern Freunde werden zu lassen

  • den Sinn des Lebens zu erkennen, und das eigene Leben sinnvoll zu gestalten.

 

Kriterien der Unmündigkeit

Unmündigkeit ist

  • das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen (Immanuel Kant).

  • Glaube an Übersinnliches, Okkultismus, Anbetung von Göttern und Fetischen

  • Personenkult Identifikation mit Film-, Sportstars, erfolgreichen Personen,
    mit Gruppierungen, abgrenzenden Ideologien

  • Unterwerfung gegenüber Doktrinen, Organisationen, Personen

  • politisches Desinteresse, Ablehnung der Demokratie,

  • Neid, Mißgunst, Haß, Feindbild, Rassismus

  • Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Gewalt gegen Schwächere

  • Kritiksucht, Destruktivität, allgemeine Antihaltung, Nihilismus

  • Festhalten an überholten Traditionen

  • Mitleid, mitzuleiden anstatt Mitgefühl zu empfinden

  • Abhängigkeit von materiellen und geistigen Drogen

  • Angst vor Psychologie, vor dem Unbewußten und Verdrängten

 

Über das Wesen des Menschen
nach Ruth C. Cohn (TZI)

Jeder Mensch hat einen einmaligen Platz in der Welt. Er ist ein autonomes Wesen, nimmt diese Autonomie aber nur unvollständig wahr. Wird er dazu fähiger, empfinden viele Menschen das als Gesundung.

Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen, das in seiner Leiblichkeit. im Denken, Fühlen und Handeln eine Einheit ist. Oft sind die Bereiche voneinander getrennt, aber viele erleben es als Gesundung, wenn sie ihren Leib wieder besser wahrnehmen können, und wenn alle geistig-seelischen Fähigkeiten im Einklang miteinander stehen.

Der Mensch ist ein Wesen, das in ununterbrochener Beziehung zu anderen steht, auch wenn er sich zeitweilig zurückgezogen hat. Er empfindet es als Gesundheit, wenn er diese Beziehung - als autonomer und zugleich interdependenter (voneinander abhängiger) Partner - voll leben kann.

Der Mensch ist ein verantwortliches Wesen, das auch zu verzichten bereit ist, sofern seine Bedürfnisse von den anderen wahrgenommen und anerkannt werden. Diese Verantwortung richtet sich auf die Selbstverwirklichung, auf andere Menschen und schließlich auf die Aufgabe, die der Mensch in der Welt zu erfüllen hat. Verantwortliches Denken berücksichtigt somit das "Ich", das "Wir" und das "Es". Viele empfinden es als Stärkung ihrer seelischen Gesundheit, wenn sie fähiger zu dieser Verantwortung werden.

Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen. Er lebt in der Spannung von Vergangenheit und Zukunft und hat sich in der Gegenwart zu bewähren. Gesund ist er, wenn er seine Vergangenheit integrieren, seine Erfahrung in die Gegenwart herein nehmen kann; wenn er zugleich den Blick in die Zukunft richtet und daraus Impulse empfängt; wenn er so ausgewogen die Gegenwart lebendig und sinnvoll erlebt.

Der Mensch fühlt sich gesund, wenn er zwischen diesen verschiedensten Polaritäten die Balance immer neu herstellen kann.

 
Identität    

Ein wichtiger Teil des Menschenbildes ist die Beschaffenheit der Identität, hier als Wesens-Einheit verstanden, sie ist Grundlage der inneren Sicherheit, der individuellen und der des Staates. Identität ist eine Frage des Alters und der Bildung. Kinder beziehen ihre Identität aus der nächsten Umgebung wie: Bezugspersonen, Elternhaus, Wohngegend, Stadtbezirk usw. Jugendliche aus Musik-, Film- und Sport-Stars und anderen Idolen, aus Stadt, Sportclub, Bundesland, Nationalität usw. Je mehr sich der Horizont erweitert, um so übergeordneter werden sowohl die Bezugspunkte, als auch der Wunsch nach Unabhängigkeit davon.

Es besteht die Möglichkeit, daß nicht nur erwachsene Menschen eine Identität erreichen, die sich nicht mehr auf abgrenzende Bezugspunkte ethnischer oder konfessioneller Art stützt, sondern auf eine universelle Rückbindung an verantwortlicher Menschlichkeit und an der Natur. Und es ist möglich, daß diese auch Kindern schon genügt, wenn eine solche unmittelbar begründete Identität von Erwachsenen glaubwürdig vorgelebt wird. Ein Kriterium der Identität ist die Authentizität, die Echtheit und Wahrhaftigkeit. Identität die sich auf einen Glauben bezieht, der Unwahrhaftigkeiten und Tabus enthält wird immer konfliktanfällig sein. Ein solider Glaube dagegen wird durch Zweifel und Angriffe eher gefestigt als erschüttert. Ebenso kann eine solide Identität nicht durch Angriffe auf ethnische Merkmale verletzt werden.

Motivation  

Als Beweggrund, als treibende Kraft spielt neben den naturgegebenen Antrieben zur Befriedigung der Grundbedürfnisse die innere Einstellung zum Leben, die ethische Orientierung eine große Rolle, ob selbst- oder fremdbestimmt. Selbst bei noch so sachlichen Entscheidungen sind es Lust- und Unlustgefühle, die letztlich den Ausschlag geben, und die sind von dieser verinnerlichten Einstellung bestimmt. Die ethische Orientierung trägt letztlich zur Entscheidung bei, ob es z.B. - im Extremfall - verantwortbar ist, einen Menschen zu töten oder nicht.

Eine Orientierung an verantwortlicher Menschlichkeit wird es eher ermöglichen die egoistischen Anteile des Handelns mit den altruistischen in ein verantwortbares Verhältnis zu bringen. Von Politikern ist z.B. bekannt, daß sie einen großen Bedarf an Beachtung und Anerkennung, ja Bewunderung haben, der es ihnen ermöglicht, sich ein- und durchzusetzen. Dies muß ihnen zugestanden werden, solange sie gebraucht werden. Wichtig wäre nur, daß diese selber ihre Grenzen erkennen, wo Verantwortung und Glaubwürdigkeit beeinträchtigt werden, damit sie einerseits ihrer Aufgabe und andererseits ihrer Menschenwürde nicht schaden.

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Ein klares und verinnerlichtes Menschenbild ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes und sinnerfülltes Leben. Ein deutliches Bekenntnis zu einem Menschenbild, das auf verantwortlicher Menschlichkeit beruht, ist eine wesentliche Voraussetzung zur konstruktiven Mitgestaltung der Gesellschaft. Ein Menschenbild darzustellen ist nicht leicht, weil es sehr vielfältig ist. Es könnten leicht Bücher damit gefüllt werden. Um es aber verinnerlichen zu können, damit es stets abrufbar und anwendbar ist, muß es möglichst kurz gefaßt werden und trotzdem das Wesentliche enthalten. Am besten eignet sich hierzu eine Art Formel, ähnlich der berühmten Weltformel, nach der einige Denker seit langem suchen, um das Rätsel der Welt zu lösen. Womit jedoch die Antwort auf die Frage nach einer sinnvollen Lebensgestaltung des Menschen noch nicht gefunden wäre. Die Formel für ein sinnvolles Menschenbild könnte lauten:

Ziel + Weg = Tat.     

Das Ziel ist der verantwortliche Mensch.
Der Weg ist ein ständiges Streben nach Wahrhaftigkeit.
Die Tat ist das Beschreiten dieses Weges zum Ziel.

Das sinnvolle Menschenbild ist der wahrhaftige,
verantwortliche, sich dazu bekennende
und entsprechend handelnde Mensch.

Eine optimale zusammenfassende Bezeichnung wäre

Humanist        

Ein Humanist orientiert sein Denken und Handeln
an der Würde des Menschen und dient dem Ziel
menschenwürdiger Lebensverhältnisse.

Der verantwortliche Mensch fühlt sich für sich selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich. Das Streben nach Wahrhaftigkeit ist ihm wichtiger als das nach absoluter Wahrheit, da diese stets nur ein jeweiliger Erkenntnisstand sein kann. Das Beschreiten dieses Weges mit diesem Ziel erfordert als ersten Schritt das deutliche Bekenntnis zu beiden. Das Bekenntnis zum verantwortlichen Menschsein, das ein ständiges Streben nach Wahrhaftigkeit enthält, läßt sich am deutlichsten in dem Begriff 'Humanist' ausdrücken. Das Bekenntnis, ein Humanist zu sein bedeutet - selbstverständlich - nicht schon Vollkommenheit, sondern das Streben nach größtmöglicher Entfaltung der im Menschen angelegten positiven Möglichkeiten bei gleichzeitiger Beachtung der Grenzen, um ein Umschlagen der Bestrebungen in Unmenschlichkeit sich selbst und Anderen gegenüber zu vermeiden.

Humanismus ist unter den Religionen, Konfessionen, Weltanschauungen und sonstigen geistigen Rückbindungen diejenige ethische Orientierung, deren Name bereits den direkten Weg und das eigentliche Ziel sinnvollen Handelns enthält und deren Maßstäbe real, plausibel und wissenschaftlich haltbar begründet sind. Humanismus ist im Gegensatz zu anderen ethischen Orientierungen nicht ab- und ausgrenzend, sondern universell und alle Menschen dieser einen Welt vereinend.

Rudolf Kuhr

 

 

So besitzen wir denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine theologische Anthropologie, die sich nicht umeinander kümmern - eine einheitliche Idee vom Menschen aber besitzen wir nicht. Die immer wachsende Vielheit der Spezialwissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verdeckt, so wertvoll diese sein mögen, überdies weit mehr das Wesen des Menschen, als daß sie es erleuchtet ..., so kann man sagen, daß zu keiner Zeit der Geschichte der Mensch sich so problematisch geworden ist wie in der Gegenwart.

Max Scheler, Philosoph (1874-1928)
'Die Stellung des Menschen im Kosmos' (Heraushebungen im Original 1928)

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Die Zukunft steht nicht mehr im Zeichen der umfassenden Gewissheit - höchstens in dem der begrenzten Hoffnung (...) Der Fortschrittler glaubt, der Mensch brauche nur einmal den Himalaja zu bezwingen, um dann ewig auf Bergesgipfeln verweilen zu dürfen; der Konservative findet sich damit ab, dass der Mensch ständig im Tal bleiben müsse. Der Humanist weiß, dass der Mensch immer wieder mühsam neue Höhen ersteigen muss - nur um zu erkennen, dass er doch immer wieder erst ein Vorgebirge erklommen hat, hinter dem sich steilere Gipfel auftürmen. Die letzte Spitze erreicht der Mensch nie. Aber wenn er auch nur als Mensch leben und überleben will, muss er das Tal verlassen und die Höhenwanderung wagen.

Ossip K. Flechtheim, Zukunftsforscher

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Es besteht sehr wenig Hoffnung, die Mängel unserer Gesellschaft rasch zu beseitigen, wenn nicht jeder einzelne seine eigenen Motive, seine Lebensweise und seine gesellschaftsorientierte Mitarbeit einer gründlichen Kritik unterzieht. Selbsterkenntnis ist (jedoch), wenn sie offen und ehrlich geschieht, eines der stärksten Mittel um Unlust hervorzurufen. Solange diese Selbsterkenntnis nicht als Mittel eingesetzt wird, die Lebensweise zu ändern, was an sich bereits lustvoll ist, kann sich niemand als »reif« betrachten, weder in geistiger noch in sozialer noch in neurophysiologischer Hinsicht.

Herbert James Campbell, Neurologe

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Es ist so angenehm, zugleich die Natur und sich selbst zu erforschen,
weder ihr noch dem eigenen Geist Gewalt anzutun, sondern beide
in sanfter Wechselwirkung miteinander ins Gleichgewicht zu bringen.

Johann Wolfgang von Goethe

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Die Menschen moralischer zu machen, ist und soll so sehr unsre Hauptabsicht sein, daß wir unserer
Neigung zu gefallen nur insofern folgen dürfen, als sie uns zu diesem letzten Endzwecke führt.
Wir erniedrigen uns, und wir sind nicht mehr schön, wenn uns die moralische Schönheit fehlt.

Friedrich Gottlieb Klopstock, Dichter 1724-1803

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Ein freier Mensch

Ich will unter keinen Umständen ein
Allerweltsmensch sein. Ich habe ein Recht darauf,
aus dem Rahmen zu fallen - wenn ich es kann.
Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten.
Ich will kein ausgehaltener Bürger sein, gedemütigt
und abgestumpft, weil der Staat für mich sorgt.
Ich will dem Risiko begegnen, mich nach etwas
sehnen und es verwirklichen, Schiffbruch erleiden
und Erfolg haben. Ich lehne es ab, mir den eigenen
Antrieb mit Trinkgeld abkaufen zu lassen.
Lieber will ich den Schwierigkeiten des Lebens
entgegentreten, als ein gesichertes Dasein führen;
lieber die gespannte Erregung des eigenen Erfolgs,
als die dumpfe Ruhe Utopiens. Ich will weder
meine Freiheit gegen Wohltaten hergeben
noch meine Menschenwürde gegen milde Gaben.
Ich habe gelernt, selbst für mich zu denken und
zu handeln, der Welt gerade ins Gesicht zu sehen
und zu bekennen, dies ist mein Werk.
Das alles ist gemeint, wenn wir sagen:
Ich bin ein freier Mensch.

Albert Schweitzer, 1875-1965
 

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Humanistische AKTION

2/2000,8
 
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Aktualisiert am 10.04.07