Mondkult

von Manu Pecoraro
 

Seit Urzeiten verband sich die geheimnisvolle Kraft des Mondes mit dem Leben auf der Erde. Eine göttliche Botschaft vom menschlichen Schicksal schien er an den Nachthimmel zu schreiben. Er wurde größer und kleiner und verschwand für drei Tage völlig vom Firmament. Aber sein scheinbarer Tod war nicht von Dauer - stets kehrte der Mond nach drei dunklen Nächten zurück. Und wie der Mond stirbt und zu neuem Leben erwacht, dachte man sich, würden auch die Sterblichen nach ihrem Tod neu leben. Der Mond wurde so zum frühesten Sinnbild göttlicher Macht.

Eine Macht, die weiblich schien - denn nur im weiblichen Körper wiederholte sich Monat für Monat der kosmische Zyklus des Mondes und nur durch ihren Körper wurde neues Leben geboren. Das Urmysterium aller Religionen von Leben, Tod und Wiedergeburt trug in der Frühzeit unserer Kultur die Frau in sich.

Sie verkörperte die Herrin der Schöpfung, des Schicksals und der Zeit. Sie war Mutter des Mondes und der Erde - des Wassers und der Luft. Die frühgeschichtliche Welt kannte keine männlichen Götter. Die Macht über Leben und Tod war weiblich.

Höhlen waren Orte ihrer kultischen Verehrung. Im 15.000 Jahre alten Höhlenheiligtum von Lascaux sind Stiere zu sehen - heilige Tiere der Mondmutter. Ihre Hörner gleichen der zu- und abnehmenden Mondsichel und wurden zum frühesten Symbol göttlicher Unsterblichkeit.

Eine eiszeitliche Göttin hält das Stierhorn in die Höhe. Die 13 Einkerbungen darauf zeigen möglicherweise die 13 Monate eines Mondjahres an. Noch zehntausend Jahre später tragen Göttinnen Mondhörner zum Zeichen ihrer kosmischen Macht.

Wie zum Beispiel Isis, über 4500 Jahre lang wurde sie gleichermaßen von Ägyptern, Griechen und Römern angebetet.

Auch Nut, die ägyptische Himmelskönigin trägt Zuge der alten Mondmutter. Sie gebiert Sonne und Mond täglich neu und wacht über das Leben auf der Erde.

Als in Mesopotamien die ersten kriegerischen Stadtstaaten entstehen, bemächtigt sich allmählich das Patriarchat der weiblich-göttlichen Sphären. Männliche Götter treten in den Vordergrund. Zunächst als Söhne, dann als Brüder, schließlich als alleinherrschende Vatergötter. Die Sonne steigt zum höchsten Weltgott auf und vergöttlicht auch ihre irdischen Vertreter. Monumentale Kultstätten festigen die neue Ordnung. Neben der strahlenden Kraft der männlichen Sonne soll die Macht des weiblichen Mondes verblassen.

Eine Tradition, die die griechisch-römische Antike fortführt. Sonnenkulte konkurrieren mit den alten Mondkulten um Anhänger. Bei Männern sind sie besonders erfolgreich.

Die Macht der Mondmutter ist gebrochen. Eine Aufteilung in mehrere Göttinnen mit beschränkten Herrschaftsbereichen ist der Übergang zur Entwertung der weiblichen Urkräfte.

Die drei hellen, sichtbaren Mondphasen verkörpern mehrere Göttinnen. Ihre religiöse Verehrung die die Abhaltung kultischer Feiern wagt in der Antike zunächst niemand zu unterbinden.

Die dunkle Phase des Mondes personifiziert Hekate. Sie war die Königin der Nacht und Feindin der Sonne. Ihre Macht gilt als todbringend und zerstörerisch.

In der himmlischen Sphäre des christlichen Herrschers hat diese Seite der Mondmutter keinen Platz. Sie gehört von nun an ausschließlich zum Reich des Bösen.

Die geheiligten Zeichen der Vergangenheit: zerschlagen. Die heiligen Mondhörner - Symbole des Lasters. Wer sie weiterhin anbetet, ist dem Tode geweiht. Die göttlich weibliche Urkraft - gezähmt oder tausendfach auf den Scheiterhaufen Europas verbrannt - vollständig ausrotten ließ sie sich dadurch nicht.

Maria, christliche Gottesmutter, thront in manchen Darstellungen auf einer umgedrehten Mondsichel. So, als müßte durch sie demonstriert werden, daß von der einstigen Mondgöttin keine Macht mehr ausgeht. Aber auch so, als könnte man sich dessen nie wirklich sicher sein.

aus der ZDF-Sendung 'Mona Lisa' 04.02.1996

 

Es ist so angenehm, zugleich die Natur und sich selbst zu erforschen,
weder ihr noch dem eigenen Geist Gewalt anzutun, sondern beide
in sanfter Wechselwirkung miteinander ins Gleichgewicht zu bringen.

 
Johann Wolfgang von Goethe

 
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Flucht auf den Mond

von Friedrich Dürrenmatt
 

Am 20. Juli 1969 begann nicht ein neues Zeitalter, sondern der Versuch, sich aus dem unbewältigten 20. Jahrhundert in den Himmel wegzustehlen. Nicht die menschliche Vernunft wurde bestätigt, sondern deren Ohnmacht.

Es ist leichter, auf den Mond zu fliegen, als mit anderen Rassen friedlich zusammenzuleben, leichter als eine wirkliche Demokratie und einen wirklichen Sozialismus durchzuführen, leichter als den Hunger und die Unwissenheit zu besiegen, leichter als den Vietnamkrieg zu vermeiden oder zu beenden, leichter als den wirklichen Mörder eines Präsidenten zu finden, leichter als zwischen den Arabern und den Juden und zwischen den Russen und den Chinesen Frieden zu stiften, leichter als die Sahara zu bewässern, leichter als den von einer kleinen weißen Volksgruppe besiedelten Kontinent Australien auch für andere Rassen zu öffnen, ja, leichter als das Zweistromland des Tigris und des Euphrat wieder zu jener fruchtbaren Ebene zu machen, die es einst war.

Nicht der Mondflug ist das Schlimme, er ist nichts als eines jener technischen Abenteuer, das durch die Anwendung von Wissenschaften immer wieder möglich wird: Schlimm ist die Illusion, die er erweckt. Ein neuer Kolumbus ist unmöglich, denn er entdeckte einen neuen Kontinent, der zu bevölkern war, Apollo 11 jedoch erreichte nichts, was der Erde entsprach, er erreichte bloß die Wüste der Wüsten, den Mond. Wie weit wir auch unser Sonnensystem durchmessen, immer werden die Bedingungen auf den anderen Planeten so schlecht, so jämmerlich, so unmenschlich sein, daß diese Welten von der Erde aus nie besiedelt werden können.

Mag es auch auf dem Mond oder auf dem Mars ein astronomisches Institut geben, mit einer künstlichen Atmosphäre (ich hoffe es), es zählt nichts gegenüber dem, was sich auf der Erde ereignen wird. Daß der Papst im gleichen Jahre, da er vor dem Bildschirm die Mondlandung segnete, die Pille verbot, symbolisiert die Katastrophe, der wir, schneller als zu den Sternen, entgegeneilen.
 

Abenteuer Menschsein


 
Mit freundlichen Epfehlungen
 
Humanistische AKTION

8/1999 - 9/2004
 


 
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Aktualisiert am 22.09.04