Weltbürgertum und Mündigkeit

Ein Beitrag zum neuen Weltbürger-Bewußtsein

 
Ziel des neuen Weltbürger-Bewußtseins ist es, in der gesamten Menschheit eine politische Einheit zu sehen, um ein friedliches Miteinander zu erreichen. Um diese Vorstellung verwirklichen zu können, müssen genügend einzelne Menschen ihre innere Stabilität, ihre Identität aus sich selbst heraus in individueller Verbundenheit zum Weltganzen gebildet haben und nicht durch Bekenntnisse zu religiösen oder ethnischen Gruppierungen, die sich von anderen Menschen abgrenzen. Das heißt, sie müssen in der Lage, also innerlich so stabil sein, ihre Verbundenheit zum universellen Menschentum über ihre Verbundenheit zu einem religiösen oder ethnischen Bekenntnis zu stellen, wenn sie ein Weltbürgertum nachhaltig praktizieren wollen.

Wie die Realität zeigt, entstehen in unserer Zeit immer wieder gewaltsame Konflikte, in denen religiöse oder ethnische Gründe eine übergeordnete Rolle spielen. Zu viele Menschen gründen ihre Identität noch in diesen abgrenzenden Bereichen, sie haben die Grenzen zum freien, zum eigen- und mitverantwortlichen universellen Menschentum noch nicht überschritten.

Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch?
Gotthold Ephraim Lessing

Ein Maßstab für die Fähigkeit zum Überschreiten der Grenzen könnte der erweiterte Begriff der Mündigkeit sein. Mündigkeit nicht nur in dem bisher hauptsächlich verwendeten rechtlichen Sinn von Volljährigkeit und Geschäftsfähigkeit, sondern erweitert im Sinn der Fähigkeit, sich selbst kritisch wahrnehmen und sich in eine bewußte Beziehung zum Weltganzen bringen zu können.

 

Kriterien der Mündigkeit

Mündigkeit bedeutet

  • mehr als nur Volljährigkeit. Mündigkeit heißt, eine kritische Distanz nicht nur zu seiner Mitwelt, sondern vor allem auch zu sich selbst zu haben, für sich selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen;

  • seine Identität in sich selbst und in der Verbundenheit zur Mitwelt zu haben und nicht durch Identifizierung mit Objekten außerhalb der eigenen Person zu suchen;

  • sich selbst zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen;

  • Kritik nicht nur zu ertragen, sondern auch zu wünschen;

  • einen veränderbaren, nichtresignativen Agnostizismus zu vertreten;

  • Irrtümer, Fehler, Ängste, Unfähigkeiten, sich selbst und anderen eingestehen zu können;

  • sich seiner Fähigkeiten und Grenzen bewußt zu sein;

  • konstruktiv, vorbildlich, verbindlich zu sein;

  • die ichbezogenen und selbstlosen Anteile seines Strebens zu unterscheiden;

  • Risiken einzuschätzen und die Realität nicht zu verdrängen;

  • nicht mehr auf der Suche nach dem großen Glück zu sein, es von außen zu erwarten;

  • offen und kritisch gegenüber neuen Erkenntnissen zu sein;

  • zu versuchen, sich selbst zu erkennen, zu akzeptieren und den eigenen ständigen Wandlungsprozeß
    bewußt und aktiv mitzugestalten;

  • Gefahren von sich und anderen entschlossen abzuwehren;

  • Möglichkeiten zu konstruktivem Handeln zu suchen und zu nutzen;

  • aus Feinden Gegner, aus Gegnern Partner, aus Partnern Freunde werden zu lassen;

  • den Sinn des Lebens zu erkennen und das eigene Leben sinnvoll und menschenwürdig zu gestalten.

 

Kriterien der Unmündigkeit

Unmündigkeit ist

  • das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen (Immanuel Kant);

  • unkritischer Glaube an Übersinnliches, Okkultismus, Anbetung von Göttern und Fetischen;

  • Personenkult; Identifikation mit Film-, Sportstars, erfolgreichen Personen, mit Gruppierungen, abgrenzenden Ideologien;

  • Unterwerfung gegenüber Doktrinen, Organisationen, Personen;

  • politisches Desinteresse, Ablehnung der Demokratie, Anarchie;

  • Neid, Mißgunst, Haß, Feindbild, Rassismus;

  • Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Gewalt gegen Schwächere;

  • Kritiksucht, Destruktivität, allgemeine Antihaltung, Nihilismus;

  • Festhalten an überholten Traditionen;

  • Mitleid, mitzuleiden anstatt Mitgefühl zu empfinden;

  • Abhängigkeit von materiellen und geistigen Drogen;

  • Angst vor Psychologie, vor dem Unbewußten und Verdrängten.

Mündigkeit in einem erweiterten, umfassenden Sinn verstanden wäre ein wichtiger Maßstab zur Verwirklichung des Menschen, gemäß seiner von der Natur her gegebenen Anlagen, zu einem stabilisierenden Faktor der Evolution. Die übergeordnete Orientierung könnte das Ideal von einem universellen Humanismus, vom verantwortlichen Menschentum sein, das alle Menschen unserer einen Welt vereint und zu sozial und ökologisch handelnden Gemeinschaftswesen führt, die zu einem friedlichen Miteinander mit ihren Mitmenschen und mit der Natur fähig und willens sind. Eine friedliche Welt braucht ein Weltbürgertum, und dieses Weltbürgertum braucht friedensfähige, das heißt mündige Menschen.

Rudolf Kuhr

 

Mündigkeit bedeutet mehr als nur Volljährigkeit. Mündigkeit heißt, eine kritische Distanz
nicht nur zu seiner Mitwelt, sondern vor allem auch zu sich selbst zu haben, für sich selbst
voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen.

 
 

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Texte zum Thema Menschenbild
 


 
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2/1995,3
 
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Aktualisiert am 13.07.04