Ich, wir und das Netzwerk

Zusammenarbeit neu entdecken, neu erleben
 
Von Margret Hodel
 

Bis vor kurzem waren viele Firmen hierarchisch strukturiert: mehr oder minder linear ausgerichtete Systeme, die sich an der Überzeugung orientierten, dass vor allem einer weiss, wo's lang geht, was richtig ist und was Gültigkeit hat. Jetzt sind wir aber bereit zum nächsten Schritt. Das Hierarchische wird uns zu langsam, es wird uns zu stabil, zu langweilig und zu berechenbar.

Und so haben wir gemeinsam Bedingungen kreiert, die uns zu diesem nächsten Schritt herausfordern, der uns in die Multidimensionalität lockt und uns spielerische Verantwortung und flexible Entschiedenheit lehrt: die Arbeit im Netzwerk, als Netzwerk - als Licht-Netzwerk. Wie bei jedem neuen Spiel- und Tanzschritt, den wir lernen, verheddern wir uns zu Beginn gelegentlich, wir stolpern ab und zu und fallen manchmal gar auf die Nase. Das ist ganz normal - es gehört zum Prozess und sollte uns nicht weiter stören: Wenn wir mit genügend Mut und Ausdauer dabei bleiben, wenn wir genügend spielerische Neugier und schöpferischen Tatendrang entwickeln, wachsen wir Schritt für Schritt in diese für uns neuen Formen der Zusammenarbeit hinein.

Wir finden immer mehr Nischen und Gelegenheiten, wo wir die Arbeit im Netzwerk einüben können. Mit zunehmender Erfahrung wächst unsere Sicherheit und Eleganz im Umgang mit Netzwerken: Wir beginnen, daran zu glauben, dass so etwas funktionieren kann - auch in der Arbeitswelt, auch in grossen Firmen. Und ganz allmählich lassen wir zu, dass das sich das Netzwerk-Muster, von dem wir auf allen Ebenen umgeben und durchdrungen sind, auch in den Organisationen immer mehr manifestieren kann.

Die Vorteile der Netzwerk-Struktur in der Arbeitswelt sind in dieser Zeit des raschen Wandels eklatant: Statt starrer, festgefahrener Hierarchien finden wir im Netzwerk flexible Projektgruppen, die immer wieder neu kombiniert werden können - optimal abgestimmt auf die Erfordernisse des jeweiligen Projekts: die richtige Mischung von Wissen, Fähigkeiten und Talenten, die durch ihr Zusammenspiel das Erreichen des Ziels ermöglicht - und die elegant genug ist, sich sofort wieder aufzulösen und neu zu formieren, wenn die Aufgabe erfüllt ist und weitere Aufgaben eine neue Zusammensetzung erfordern - das Spiel, der Tanz geht weiter...

Fünf Aspekte der Netzwerkarbeit

Wie können wir diese Arbeit im Netzwerk und als Netzwerk effizient umsetzen? Ich möchte mit diesem Text einige Hinweise vermitteln, wie das Zusammenspiel und die Steuerung der Arbeit im Netzwerk funktioniert. Diese Hinweise sind als Anregung zum eigenen Nachforschen, Ausprobieren und Experimentieren gedacht. Ich zeige dazu fünf verschiedene Aspekte der Netzwerk-Arbeit auf, die ihrerseits wieder zusammenwirken, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

Erster Aspekt: Im Fluss sein, in der Gegenwart sein - Innere Führung

Für diesen Aspekt der Netzwerk-Arbeit ist jeder einzelne Teilnehmer eines Netzwerks selbst verantwortlich. Je mehr die einzelnen Netzwerk-Teilnehmer ihrer Inneren Führung folgen, desto flexibler, eleganter und effizienter wird das Netzwerk insgesamt.

Die Innere Führung leitet mich als einzelnen Netzwerk-Teilnehmer an, wie ich mein spezifisches Talent für die vorliegende Situation genau richtig einfliessen lassen kann: Was ist gerade jetzt für das Erreichen des Ziels, für die Manifestation der Absicht dieses Netzwerks der optimale, der eleganteste Weg? Muss ich dazu mein Talent in voller Stärke eingeben? Muss ich neue Aspekte meines Talents entwickeln und entdecken? Oder muss ich mich kurzfristig etwas zurücknehmen, um so die gerade jetzt benötigte Kombination von Energien in der Netzwerk-Gruppe zu ermöglichen?

Die Innere Führung zeigt mir auch an, wann es für mich persönlich an der Zeit ist, ein Netzwerk zu verlassen, um andernorts weiterzuarbeiten - auch wenn das bisherige Netzwerk weiter bestehen bleibt.

Zweiter Aspekt: Commitment: Ja sagen, sich innerlich verpflichten

Unsere Erfahrung bewegt sich gelegentlich zwischen Extremen. Wer lange Zeit in starren Hierarchien verbracht hat, erlebt die Arbeit in flexiblen Netzwerken möglicherweise als total Befreiung. Dabei kann es leicht zu einem Missverständnis kommen:

War in der Hierarchie alles festgelegt, gilt jetzt im Netzwerk vermeintlicherweise gar nichts mehr, verbindliche Zusagen gibt keine, nur noch das, was "jetzt gerade für mich stimmt". Es ist ein wichtiger Aspekt der Netzwerkarbeit, zu erkennen, dass sich Flexibilität (entstanden durch die Leitung der Inneren Stimme) und Zuverlässigkeit (ich sage JA zu etwas und ich stehe zu dieser Entscheidung) nicht gegenseitig ausschliessen. Das JA sagen ist ein zweiter wesentlicher Beitrag jedes einzelnen Netzwerk-Mitarbeiters. JA sagen beinhaltet eine Entscheidung: Wo gehöre ich jetzt hin? Wo will ich mich eingeben?

JA sagen als Commitment, als innere Verpflichtung drückt sich aus im Denken, Fühlen und Handeln: Ich bin bereit, die Absicht eines bestimmten Netzwerks mitzutragen; ich bin bereit mich gefühlsmässig für diese Aufgabe zu engagieren und damit schöpferisch tätig zu werden; ich bin bereit, dieses Engagement in konkretes, aktives Handeln umzusetzen. Das Commitment des einzelnen Netzwerk-Teilnehmers ist eine grosse Quelle der Kraft, die - verwoben mit dem Commitment der anderen - das Netzwerk tragfähig macht. Zu welchen Netzwerken gehörst du? Zu welchen Visionen und Absichten sagst du "JA!"? Und was bist du bereit, dafür zu tun?

Dritter Aspekt: Vision, Absicht, Ausrichtung

Die Vision, die Absicht und damit auch die gemeinsame Ausrichtung ist das, was das Netzwerk zusammenhält. Ohne Vision, ohne Absicht fällt das Netzwerk auseinander: es hat keinen Zweck mehr - wozu sollte es existieren?

Wenn wir Gruppen und Organisationen, die keine echte Vision mehr haben, aufrecht erhalten wollen, erleben wir einen mühseligen, aufreibenden und letztlich sinnlosen Kampf. - Hör auf, diesen äusseren Kampf zu kämpfen! Erinnere dich statt dessen wieder an die Vision - und du erlebst den Zauber, der durch die Anziehung der Kräfte entsteht.

Eine starke, klare, hochschwingende Vision ist wie ein riesiger Magnet, der alles zum Netzwerk zieht, was für die Verwirklichung dieser Absicht notwendig ist: die richtigen Personen, die richtigen Ideen, die bestmöglichen Chancen.

Es gibt in jedem Netzwerk "Hüter der Vision", deren Hauptaufgabe es ist, die Erinnerung an die Vision, an die Absicht des Netzwerks wach und lebendig zu halten - in der notwendigen Klarheit, Entschiedenheit und Nachdrücklichkeit. Gehörst du in deinem Netzwerk zu den Hütern der Vision? Wenn ja, dann werde ruhig, geh nach innen. Verbinde dich mit deinem inneren Feuer und schau in den riesigen Kristall, der dein Netzwerk symbolisiert. Tu nichts - schau einfach ruhig, konzentriert und hingebungsvoll hin. Nimm wahr, wie das Feuer alle Verunreinigungen und Trübungen des Kristalls verbrennt und verwandelt. Du hältst den Fokus - und die Essenz des Netzwerks tritt immer klarer und klarer hervor.

Ein guter Hüter der Vision errichtet so ein Leuchtfeuer, an dem sich die anderen Mitarbeiter des Netzwerks immer wieder orientieren und neu ausrichten können. Durch diese gemeinsame Ausrichtung entsteht eine grosse Kraft. Je konsequenter die gemeinsame Ausrichtung ist, desto kraftvoller kann ein Netzwerk agieren. Und weil sich die gemeinsame Ausrichtung an der Essenz orientiert (und nicht an irgendwelchen Details) entsteht der notwendige Freiraum, der Flexibilität in der äusseren Form möglich macht und damit zulässt, dass wir den jeweils bestmöglichen, elegantesten Weg gehen können.

Vierter Aspekt: Zusammenarbeit, Gleichwertigkeit

Ein gut funktionierendes Netzwerk besteht aus der genau richtigen Mischung von Teilnehmern, die zur Erfüllung der Absicht dieses Netzwerks gerade jetzt notwendig ist. Keiner ist zu viel, keiner ist zu wenig.

Jeder hat seinen Beitrag, seine Aufgabe. Das Zusammenwirken dieser Energien ist entscheidend. Wenn wir das Funktionieren von Netzwerken verstanden haben, erkennen wir, dass es immer nur um das Ganze geht - um die gemeinsame Ausrichtung auf die Absicht des Netzwerks. Jeder Mitarbeiter des Netzwerks ist aufgerufen, seinen Teil beizusteuern, damit dieses Ganze entstehen kann. Dabei gibt es weder gross noch klein, wichtig oder unwichtig: Ein von aussen betrachtet unscheinbarer Beitrag kann ein entscheidender Katalysator sein, der eine ganze Kaskade von Ereignissen nach sich zieht und viele Tore öffnet. Diese grundsätzliche Gleichwertigkeit aller Beiträge zu erkennen ist wichtig für das reibungslose Funktionieren der Netzwerke. Nur wenn wir die Gleichwertigkeit verstehen und verinnerlichen, sind wir fähig, in verschiedenen Netzwerken ganz verschiedene Rollen zu übernehmen - je nachdem, was die Absicht gerade erfordert. Wer sich an Hierarchien und Statussymbole klammert, blockiert statt dessen die Möglichkeit des "elegantesten Wegs". Das grösste Geschenk, das sich die Mitarbeiter eines Netzwerks machen können, besteht darin, dass sie sich gegenseitig in der Entfaltung ihrer Talente unterstützen. Das beginnt damit, dass wir alle Erwartungen, aber auch alle alten Bilder und Vorstellungen, die wir voneinander haben, loslassen und statt dessen immer wieder bereit sind, den anderen freizugeben, ihn neu zu sehen, so wie er jetzt gerade ist. Wir hören auf, all die alten, festgefahrenen Spiele zu wiederholen und können statt dessen neue, unbekannte Seiten unseres Daseins erforschen. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen und bei der Begegnung mit unseren Netzwerk-Gefährten auf das Licht im anderen, auf sein Potential und seine Möglichkeiten in diesem Netzwerk fokussieren, beschleunigen wir die Entwicklung enorm - und zwar auf allen Ebenen: die Entwicklung des Netzwerks, die Entwicklung des anderen, aber auch die Entwicklung von uns selbst.

Fünfter Aspekt: Verantwortung, Dienen, Handeln

Der letzte Aspekt der Netzwerk-Arbeit, den ich beschreiben möchte, besteht im Übernehmen von Verantwortung, im Dienen und im Handeln. Manche Netzwerke bestehen lediglich auf der Ebene von Ideen und Möglichkeiten und werden damit leicht zu einer Illusion.

Erst das konkrete Handeln, die Bereitschaft, auf der Grundlage dessen, was wir erkannt und gelernt haben auch wirklich etwas zu tun, stabilisiert und verankert das Netzwerk auf dieser Erde und ermöglicht damit einen steten Fluss des Lichts. Wenn du immer nur Projekte planst und nie etwas Konkretes daraus entsteht: Prüfe, wie es um deine Bereitschaft steht, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen, dein Talent in den Dienst des Ganzen zu stellen und etwas zu tun. Der Alltag, das tatsächliche Handeln, ist der Prüfstein, der uns illusionäre Ideen erkennen lässt. Erhabene Visionen, die nichts mit unserem Alltag zu tun haben, können uns leicht in die Irre führen.

Manchmal blockieren wir diesen Aspekt der Netzwerk-Arbeit auch, indem wir unseren eigenen möglichen Beitrag zum Netzwerk unterschätzen, ihn als gering und unwichtig erachten und ihn dadurch zurückhalten, anstatt ihn voller Kraft und Freude ins Netzwerk einfliessen zu lassen. Gefühle der Minderwertigkeit können die Arbeit eines Netzwerks genauso behindern wie übertriebener Egoismus und Stolz...

Lass dich von deiner Vision inspirieren - und frage dann, bescheiden und mutig, nach dem nächsten Schritt, zu dem dich diese Vision und deine Arbeit im Netzwerk aufruft. Du kannst immer nur den nächsten Schritt tun... du kannst den nächsten Schritt tun!

Wie entscheidest du dich?

 

Licht-Netzwerk-Arbeit: Fünf Mal JA!

JA! zur Inneren Führung
JA! zum Projekt
JA! zur Vision, zur gemeinsamen Ausrichtung
JA! zur Zusammenarbeit - zur Mitarbeit und zu den Mitarbeitern
JA! zum eigenen Beitrag

 

Margret Hodel, Talbodenstrasse 15, CH-3098 Schliern, email: mhodel (at) pingnet.ch, www.whirlweaver.ch

Der Text ist die bearbeitete Fassung eines 1998 in Bern gehaltenen Vortrags und wurde erstmals in der Zeitschrift "Lichtwelle" (Nr.3/98) des Forums für Spiritualität und Bewusstsein veröffentlicht.

 

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Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
2/2000
 


 
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Aktualisiert am 27.07.03