Schule als Polis

Ein Muster-Beispiel für alle Schulen!

(nachfolgende Texte sind ein Auszug aus der sehr ansprechend und übersichtlich gestalteten Homepage
der Schule, deren Lektüre unbedingt zu empfehlen ist; blaue Schrift kennzeichnet hier die Links im Original)

 

Die Hauptschule am Gerhart-Hauptmann-Ring als Polis
- ein Schulstaat stellt sich vor

 

Seit dem Schuljahr 1997/98 reifte eine Idee heran, mehr Demokratie an der Schule zu verwirklichen. Inzwischen wird das Schulleben von einer eigenen Regierung geplant und mitgestaltet. Für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt die Rechtsprechung durch Klassengerichte. Schlichter versuchen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Dies alles ist in einer eigenen Schul-Verfassung geregelt. Schülerfirmen stellen Dienstleistungen zur Verfügung oder produzieren für die Polis.
 

Die Polis, eine Idee macht Schule
 

Schon die Griechen im antiken Athen haben es uns vorgemacht: Sie erfanden die Demokratie. Und sie lebten in einer Polis - einem Stadtstaat. Die Polis umfasste das gesamte öffentliche Leben eines kleinen Territoriums. Die Entstehung der Polis wurde begünstigt durch das Aufkommen des Gewerbes und die wachsende Bedeutung des Handels sowie die Intensivierung des politischen Lebens. Kennzeichnend war das Streben nach einer demokratischen Verfassung, weitgehender wirtschaftlicher Selbständigkeit und der Teilnahme des Bürgers an Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung.

War dieses Prinzip auch auf unsere Schule übertragbar? Unser kleines Territorium Schule - ein Stadtstaat? Wir gründeten eine Polis!

In ihr handeln wir nach demokratischen Prinzipien, werden unserem Bildungsauftrag in einem umfassenden Maße gerecht. Viele Aktivitäten und Schwerpunkte praktischen Lernens bekommen einen Rahmen und stehen nicht mehr als Einzelaktion im Raum.

In der Demokratie mitwirken, sie mitgestalten! Soziale Verantwortung übernehmen! Wirtschaftliches Handeln erproben! Recht sprechen! Lernen! In der Polis können wir das.

Wir wollen in der Schule nicht nur für das Leben lernen und lehren!
Die Schule ist für uns das Leben!

Die Demokratie in der Polis
oder
Wie ein Friese das Bergsteigen lernt

Eins unserer wichtigsten Ziele ist, Schüler demokratiefähig zu machen. Aus diesem Grund war es für uns von Bedeutung, die Schule selbst demokratisch zu organisieren. Grundlage einer Demokratie ist die Verfassung. Deshalb haben wir unserer Polis eine Verfassung gegeben, in die wichtige Passagen aus VSO und BayEUG einbezogen sind. Als die drei Grundsäulen der Gewaltenteilung haben wir die Legislative (Schulversammlung), die Exekutive (Schulregierung) und Jurisdiktion (Schulgerichte, Disziplinarausschuss ...) eingeführt.

In der Schulversammlung sitzen Eltern, Lehrer und alle Klassensprecher zu gleichen Teilen. Ebenso sind Amtsmeister und Sozialarbeiter Mitglieder dieses Gremiums. Der Rektor leitet die Sitzungen.

Die Schulregierung besteht aus dem "Regierungschef" (Rektor), den von ihm ernannten Ministern und ihren Schüler-Referenten, die von der SMV gewählt werden. In den monatlichen Kabinettsitzungen werden Vorhaben geplant und ausgeführt.

Die Rechtsprechung besteht aus drei Bereichen: Schlichtung, Klassengericht und Berufungsgericht liegen nach dem Prinzip der Peer-Group-Education in der Verantwortung der Schüler. Der Disziplinarausschuss arbeitet gemäß den gesetzlichen Vorschriften. In der Pubertät wollen und müssen Jugendliche ihre Möglichkeiten und Grenzen ausloten. Die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft ist unabdingbar für die Entwicklung. Wenn Elternhaus und Schule dies nicht ermöglichen, müssen wir mit Verhaltensauffälligkeiten rechnen.

Die Polis schafft jedem Platz und Raum, seine Ideen und Interessen gestaltend in die Gemeinschaft einzubringen. Nur so können Jugendliche erfahren, wie Demokratie funktioniert, und ihren Wert erkennen.

Und so werden Schüler in der Polis aktiv:

In der Schulversammlung sind sie als gewählte Schülervertreter an der allgemeinen Gesetzgebung beteiligt.
In der Schulregierung gestalten die gewählten Schüler-Referenten die Tagespolitik mit.
Durch die Rechtsprechung lernen sie, bei Konflikten demokratische Formen der Auseinandersetzung anzuwenden.
Sie erfahren von Gleichaltrigen, welches Verhalten richtig oder falsch ist, und lernen eine gerechte Strafe zu akzeptieren.

Ein Friese lernt Bergsteigen nur durch Bergsteigen.

Das Regieren in der Polis
oder
Wie weniger Macht reicher macht

Die Polis im antiken Griechenland kannte schon Formen der Gewaltenteilung. Aristoteles forderte: "Es gibt in jeder Verfassung drei Teile, bei denen der tüchtige Gesetzgeber jeweils das Zuträgliche zu prüfen hat... Von diesen dreien ist das eine die über die öffentlichen Dinge beratende Instanz, das zweite die Beamten (...), das dritte die Rechtsprechung."

Was bei Aristoteles als `die Beamten´ bezeichnet wurde, nennen wir die `Ausführende Gewalt´, sprich `die Schulregierung´. Die Schulregierung ist in unserer Verfassung (Art. 16) verankert. Ihre Mitglieder sind der Regierungschef (Rektor), Minister (Lehrer) und Referenten (Schüler).

Es gibt folgende Ministerien:

  • Inneres

  • Äußeres

  • Wirtschaft

  • Soziales, Gesundheit und Sport

  • Finanzen

  • Unterricht, Bildung und Kultur

  • Öffentlichkeitsarbeit

Der Bereich Justiz ist aus praktischen Gründen bei der Schulleitung angesiedelt.

Minister und Referent(en) führen selbständig ihren Geschäftsbereich. Das Schulforum schlägt Minister und Referenten vor, der Regierungschef ernennt die Minister, die SMV wählt mindestens einen Referenten pro Ministerium. Die Minister sind dem Regierungschef gegenüber verantwortlich.

In den monatlichen Kabinettsitzungen werden aktuelle Probleme erörtert, Ideen entwickelt und Vorhaben geplant.

Verfassung! Minister! Regierung... Sind wir noch zu retten?

Erst durch die Arbeit in den Ministerien wurde uns klar, dass man viel mehr für die Schule tun kann: Rahmenbedingungen für Schülerfirmen wurden geschaffen, Fortbildungen für Lehrer und Schüler durchgeführt, immer mehr Schüler beteiligen sich aktiv am Schulleben...

Unsere Schulleitung war bereit und fähig, wichtige Teilbereiche ihrer Aufgaben, das heißt einen Teil ihrer Macht zu delegieren.

Der Schulleiter hat Macht abgegeben und die Schule dadurch reicher gemacht.

 *

Die Rechtsprechung
oder
Nicht immer muß der Lehrer Recht haben

Wir haben die Rechtsprechnung so weit wie möglich in die Hände der Schüler gelegt. Denn diese wissen, egal ob als Schlichter oder Richter, oft besser als die Lehrer das Verhalten ihrer Mitschüler zu ergründen. Schnell haben sie herausgefunden, was wirklich "gelaufen" ist. Und sie fällen in der Regel erstaunlich passende Urteile. Aber auch Lehrern wie Lehrerinnen kommt die Schülergerichtsbarkeit entgegen: Sind sie doch nicht länger die Buh-Männer und Buh-Frauen, die immer die "ungerechten" Verweise und andere Maßnahmen aussprechen.

Doch was sicher ebenso wichtig ist: Endlich wird eine demokratische Form der Rechtsprechung gepflegt: Der Lehrer, der einen Verweis ausspricht, ist in der Regel Ermittler, Ankläger, Richter und Justizbeamter im Strafvollzug in einer Person, manchmal sogar der Betroffene. Dieser Umstand widerspricht dem Selbstverständnis von Demokratie.

Darüber hinaus akzeptieren Schüler erstaunlicherweise die Strafen, die die Peer-Group ausspricht, eher, auch wenn sie sogar härter ausfallen. Und die Schüler, die anfangs das System der Schüler-Gerichtsbarkeit belächeln, merken sehr bald, dass sie in der Gemeinschaft schnell ihre früher so wertvollen Trümpfe verspielt haben: Jetzt richtet die Klassengemeinschaft ihr Fehl-Verhalten anstatt wie früher dankbares Publikum zu sein.

Das System der Rechtsprechung

Die Rechtsprechung gliedert sich in zwei Bereiche:

1. Bereich: die Schlichtung (Mediation)

Geeignete Schüler werden von Fachleuten in Lehrgängen zu Schlichtern ausgebildet. Bei einer Schlichtung werden Streitfälle behandelt, die eher privater Natur sind. Eine Schlichtung muss von beiden Streitparteien gewollt werden. Die Schlichtung ist nur dann wirksam, wenn sie von beiden Seiten akzeptiert wird. Der Schlichter führt ein Protokoll und achtet darauf, dass die Schlichtung eingehalten wird. Wichtig: Schlichter können nicht auch Richter sein!

2. Bereich: die Gerichte

Klassengericht: Hier werden Fälle, bei denen es zu einer Klage kommt, verhandelt (Stören des Unterrichts, Verspätungen, Beleidigungen, Bedrohung von Mitschülern etc.). Eine Berufung ist möglich. Sie findet vor einem aus Richtern verschiedener Klassen zusammengesetzten Gericht statt, das an einem bestimmten Wochentag zusammentritt, dem Berufungsgericht: Hier werden Fälle noch einmal aufgerollt, wenn Ankläger und/oder Beklagter/Angeklagter mit dem Verfahren/Urteil des Klassengerichts nicht einverstanden sind.

Disziplinarausschuss: Bei besonders schwerwiegenden Fällen (z.B. schwere Gefährdung anderer Personen) oder bei wiederholtem Scheitern anderer Gerichtsverhandlungen wird vom gesetzlich vorgeschriebenen Disziplinarausschuss (siehe VSO und BayEUG) verhandelt.

Auch bei Schülern liegt das Recht in guten Händen!

 *

Konfliktbewältigung in der Polis
oder
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Schlichter...

Geeignete Schüler werden von Fachleuten in Lehrgängen zu Schlichtern ausgebildet. Bei einer Schlichtung werden Streitfälle behandelt, die eher privater Natur sind. Eine Schlichtung muss von beiden Streitparteien gewollt werden. Die Schlichtung ist nur dann wirksam, wenn sie von beiden Seiten akzeptiert wird. Der Schlichter führt ein Protokoll und achtet darauf, dass die Schlichtung eingehalten wird. Wichtig: Schlichter können nicht auch Richter sein!

 

Die Verfassung der Gerhart-Hauptmann-Polis
oder
Auch der kleinste Staat braucht sein Grundgesetz

Zu Beginn des Schuljahres1998/99 hat eine Gruppe von Lehrern einen Verfassungsentwurf ausgearbeitet, der als Grundlage für unsere Polis dienen sollte. Dieser Entwurf wurde zunächst der Klassensprecherversammlung, dem Elternbeirat und der Lehrerkonferenz zur Beratung vorgelegt. Jeder konnte noch Ergänzungen oder Änderungswünsche einbringen. Danach wurde das Schulforum beauftragt, über die Verfassung abzustimmen. Sie wurde einstimmig angenommen.

Am 8. Mai 1999 wurde die Verfassung am Tag der offenen Tür feierlich von der Schulsprecherin, von der Elternbeiratsvorsitzenden und vom Schulleiter unterzeichnet und war damit ab diesem Moment gültig. Inzwischen wurde sie durch Beschluss der Schulversammlung schon einmal geändert, um die Polis noch wirksamer werden zu lassen.

*

Wirtschaften in der Polis
oder
"Ohne Moos nix los"

Durch die Gerhart-Hauptmann-Schulverfassung wird dem wirtschaftlichen Handeln in der Schulpolis ein wichtiger pädagogischer Stellenwert zugewiesen. Unter anderem ist die Einrichtung eines Wirtschaftsministeriums vorgesehen. Weitergehende Regelungen enthält die Verfassung nicht. Also besteht eine weitgehende Gestaltungsfreiheit für das wirtschaftliche Handeln und Leben in unserer Schulpolis.

Zur Zeit gibt es an unserer Schule vierzehn Schülerfirmen (Stand: Februar 2000). Ziel der Arbeit in Schülerfirmen ist es u.a., Verantwortung für ein funktionierendes Zusammenleben in der Schulpolis an die Schüler/-innen zu übertragen. Deshalb werden diese Schülerfirmen von Schülern oder Schülerinnen geleitet und von einer Lehrkraft betreut. Das Wirtschaftsministerium der Schulpolis fördert die Gründung von Schülerfirmen. So werden Seminare, z. B. für Firmengründer, angeboten, zinslose Darlehen für die Firmengründung oder für Investitionen (durch den schulischen Förderverein oder auch fallweise durch die rührige Initiative Praktisches Lernen Bayern e.V.) vermittelt, Experten von außerhalb zur Unterstützung der Schülerfirmen gewonnen und es werden Sponsoren angesprochen.

Mittlerweile gibt es bereits erste Anzeichen eines entstehenden Arbeitsmarktes, da immer wieder Schülerfirmen "Stellenanzeigen" an der Litfaßsäule der Schule veröffentlichen, um geeignete neue Mitarbeiter zu finden. Pädagogisch wertvoll ist dabei, dass Schüler/-innen unterschiedlichen Leistungsvermögens in unseren Schülerfirmen zusammenarbeiten.

Schülerfirmen unterstützen mit den erwirtschafteten Gewinnen auch nichtkommerzielle Arbeitsgeeinschaften der Schule und den Förderverein. Der Schuletat, aber auch der Sachaufwandsträger (Schulreferat LH München) erfahren durch die Schülerfirmen, die sich finanziell meist bald selbst tragen, eine erhebliche Entlastung.

*

Der Staat bin ich - wir sind das Volk
oder
Was macht eine Polis ohne Bürger?

Die schönste Idee, die beste Verfassung ist sinnlos, wenn sie nicht von Bürgern getragen wird. Auch die Schulpolis lebt nur von ihren Bürgern und deren Engagement.
Bürger der Polis Gerhart-Hauptmann-Schule sind Schüler, deren Eltern bzw. Erziehungsberechtigte, alle Lehrkräfte, das Amtsmeisterehepaar, die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit und alle Mitarbeiter rund um die Schule (Sekretärin, Badefrau usw.).
Daneben gibt es auch Ehrenbürger. Die Schulregierung kann dazu "verdiente Förderer und Gönner" der Schulgemeinschaft ernennen.

Visionen

Ziel aller Bemühungen ist es, eine Schule zu gestalten, in der sich alle Beteiligten wohl fühlen. Als Bausteine auf diesen Weg sehen wir:

  • Mitverantwortung und Selbstbestimmung für Schüler, Eltern und Lehrer einfordern

  • Erfolgserlebnisse ermöglichen, um das Selbstwertgefühl zu stärken

  • Heimatgefühl schaffen, auch durch Kooperation mit außerschulischen Partnern

  • Sicherheitsgefühl stärken durch präventives Arbeiten in Zusammenarbeit mit sozialpädagogischen Einrichtungen und konsequente Ahndung von Regelverstößen

  • Lernbereitschaft und Lernfreude steigern durch verstärkten Einsatz von projektorientierten Unterricht, Freiarbeit und praktisches Lernen

  • Wir-Gefühl stärken und Identifikation mit der Schule entwickeln

Schüler, die erfahren dürfen, dass sie etwas leisten können, sind bereit, mehr zu leisten!

*

Glossar
(auf der Schul-Homepage als Links)

B Berufungsgericht * Bürger
D Demokratie * Disziplinarausschuss
E Ehrenbürger * Eltern * Elternbeirat
F Förderverein
G Gerichte
K Kabinett * Klassengericht * Klassensprecher
L Lehrer
M
Minister
P Peer-Group-Education * Polis (Idee)
R Rechtsprechung * Regierung * Richter
SCH Schlichter/Schlichtung * Schüler * Schülerfirmen *
  Schulsprecher * Schulsozialarbeit * Schulversammlung
S SMV * Sponsoren
V Verfassung

Schul-Infos

Auf den folgenden Seiten informieren wir Sie/Dich über unsere Schule. Ein Foto zeigt die Ansicht unseres Schulgebäudes. Kontakte mit uns sind auf vielen Wegen möglich.

Lehrer/Schulleitung, Schülermitverwaltung, Elternbeirat - die drei wichtigsten Gruppen des Schullebens.

Schulsozialarbeit und Mittagsbetreuung unterstützen uns bei der außerunterrichtlichen Betreuung. Eine Schülerzeitung haben wir auch, die "G-H-R-News". Die haben sogar eine eigene Homepage. Der Förderverein kümmert sich um die Finanzierung unserer Projekte.

Weitere Themen: Zahlen * Kooperationspartner * Sponsoren * Termine/Veranstaltungen * Links

 

Die Adresse der Schul-Homepage: http://www.shuttle.schule.de/m/g-h-r

 
 

Der Schulleiter hat Macht abgegeben und die Schule dadurch reicher gemacht.

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Wir wollen in der Schule nicht nur für das Leben lernen und lehren!
Die Schule ist für uns das Leben!

 

siehe auch die Texte 'Gewalt? Ohne mich!' sowie weitere Seiten zum Thema Schule
 


Ethik- statt Islamunterricht

Privatgymnasium in Köln lebt Integration von Migrantenkindern vor

Bericht von Tilman Billing

 
Leben wir in Parallelgesellschaften? Diese Frage taucht immer dann auf, wenn das Problem der fehlgeschlagenen Integration von Deutschtürken diskutiert wird. Noch nie war der Auftrieb so groß, die Einmischung türkischer Politiker so massiv. Und natürlich provozieren die Forderungen des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan umso mehr. Er will in Deutschland türkische Lehrer, mehr türkisch an deutschen Schulen und türkische Unis. Dabei gibt es in vielen deutschen Städten bereits Schulen für Migrantenkinder - zum Beispiel in Köln.

An einem neu gegründeten Privatgymnasium in Köln wird Integration bereits groß geschrieben. Die Schule heißt bezeichnenderweise "Dialog". Und der Name ist Programm. "Was symbolisiert die Jungfrau?", wird da zum Beispiel gefragt. doch dabei geht es nicht um die muslimischen Jungfrauen im Paradies oder die Jungrau Maria, sondern um die Kölner Karnevalsfigur - deutsche Heimatkunde. Ethik- statt Islamunterricht. Die säkulare Ausrichtung ist konsequenter als an jeder deutschen Staatsschule. Die zehnjährige Fatma hat bereits Gemeinsamkeiten der Religionen kennengelernt und auch einige Unterschiede ausgemacht - zum Beispiel beim Fasten von Muslimen und Christen. Die Muslime, so sagt sie, "fangen morgens an und fasten den ganzen Tag bis abends und danach dürfen sie wieder essen. Bei den Deutschen ist das so: Was sie gern mögen, dürfen sie nicht essen."

Die zehnjährige Kölnerin Fatma ist in ihrem Denken bereits weiter als der türkische Premier. Für Tayyip Erdogan ist Assimilierung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Heilmittel dagegen türkische Schulen mit in der Türkei ausgebildeten türkischen Lehrern, mitten in Deutschland. Prominente Deutschtürkinnen sind entsetzt. "Die Empörung auf die Forderung Erdogans kann ich sehr, sehr gut verstehen", sagt etwa die Bürgerrechtlerin Seyran Ates, "weil es sie im Grund genommen zeigt, dass er sehr wenig Kenntnis hat über die Lage in Deutschland. Und wenn das tatsächlich erfolgen sollte, was er sich vorstellt, würde es die Parallelgesellschaft und all die Probleme, die wir hier haben, zementieren." Die Bildungsexpertin Sanem Kleff ergänzt: "Wenn der türkische Staat Gelder in die Bildung investieren möchte, dann soll er es bitte erst einmal in der Türkei tun, damit jedes Kind dort beschult werden kann."

"Kinder sollen dieses Deutsch lernen"

"Wir sind hier in Deutschland. Ich möchte keine türkische Universität und keine türkische Schule", sagt die Schriftstellerin Renan Demirkan. "Wir sind hier in Deutschland und dieses Deutsch ist eine unglaublich schöne Sprache, die Kinder sollen dieses Deutsch lernen." Zigtausende von Migrantenkindern schaffen es nur auf die Hauptschule oder bleiben ganz ohne Abschluss. Der zentrale Grund sind mangelhafte Deutschkenntnisse. "Wir brauchen hier unbedingt neue Schritte, die von der Lehrerausbildung, über die Materialien, über die Strukturen und die Ressourcen an den Schulen gehen", fordert Sanem Kleff. "Das ist überfällig."

"Die Kinder sind nicht schlechter, haben nicht schlechtere Sprachfähigkeiten als andere Kinder, sie lernen nur häufig auf einmal zwei Sprachen", weiß Gregor Hohmann-van Haaren, Schulleiter des Privatgymnasiums "Dialog". "Wenn ich zwei Dinge auf einmal lerne, brauche ich dazu einfach länger Zeit, um beide perfekt zu beherrschen." Deshalb setzt man bei "Dialog" auf die Ganztagsschule, von 8 bis 18 Uhr, inklusive Hausaufgabenbetreuung. An keinem staatlichen Gymnasium in NRW geht das, an der Privatschule "Dialog" ist es möglich. Besonders intensiv wird die Sprachkompetenz gefördert. Vor allem Deutsch, aber auch Englisch als erste und Türkisch als zweite Fremdsprache - auf Wunsch kommt eine dritte hinzu.

Keine türkische Schule

"Ich spreche gerne verschiedene Fremdsprachen", sagt die Schülerin Fatma. "Ich möchte auch noch ein paar lernen, wir kriegen ja auch noch Französisch dazu. Ich möchte die lernen, damit ich die auch in anderen Ländern benutzen kann." Ist das Privatgymnasium nun eine türkische Schule, wie die Tageszeitung "Die Welt" nach dem Erdogan-Auftritt behauptete? "Das Türkische an dieser Schule sind quasi die Vorurteile, mit denen wir erst einmal kämpfen müssen", so der Schulleiter. "Wir müssen uns erst einmal hier behaupten und zeigen, dass es eben genau keine türkische Schule ist. Wir sind hier eine sehr deutsche Schule." Sieben der acht Lehrer in Köln sind deutschstämmig, türkischstämmig ist nur die in Deutschland ausgebildete Lehrerin für Türkisch. In allen anderen Fächern und in der Pause gilt: Man spricht Deutsch.

Nur ein knappes Drittel der Mädchen trägt ein Kopftuch, seit Schulbeginn sind es weniger geworden. Ab nächstem Schuljahr gilt: Alle sollen am Schwimmunterricht und am Kölner Karnevalsumzug teilnehmen. Statt einem grausamen Ehrbegriff wird hier Toleranz gelehrt. "Wir müssen eine Koalition derer bilden, die für die positiven Werte, die wir stark machen wollen stehen", so die Bildungsexpertin Sanem Kleff: "Freiheit des Individuums, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Selbstbestimmung in sexuellen Fragen. Wir müssen gemeinsam gegen die Feinde einer solchen Leitkultur in Deutschland kämpfen. Gleiche Rechte für Mann und Frau, Respekt gegenüber Minderheiten wie Homosexuellen - das sind Werte, die den Kindern hier vorgelebt werden."

URL dieses Artikels: http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/119219/index.html
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.3sat.de/kulturzeit/kuz-titel.html (Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr)
[2] http://forum.3sat.de/ubb/Forum2/HTML/000029.html (Was bringt die Integration von Türken in Deutschland voran? Sagen Sie uns Ihre Meinung)
[3] http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/91859/index.html (Wie lebt es sich in Deutschland? -Das Problem mit der Integration)
[4] http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/94421/index.html (Mit oder ohne? - Kulturzeit-Schwerpunkt zum Kopftuchstreit)
[5] http://www.3sat.de/webtv/?kuz_080208_kelek.rm ( Das Kulturzeit-Gespräch mit Necla Kelek (08.02.2008))
[6] http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/118746/index.html (Deutschland am Pranger - Erdogan appelliert erfolgreich ans türkische Wir-Gefühl)

Quelle: 3sat-Kulturzeit 25.02.08

www.privatgymnasiumdialog.de

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Humanistische AKTION
 
7/2000 - 2/2008
 


 
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Aktualisiert am 29.02.08