Krieg ist Frieden

Essay von Arundhati Roy
 
Die Welt muss sich nicht zwischen dem Taliban und der U.S.-Regierung entscheiden.
All die Schönheit der Welt - Literatur, Musik, Kunst - liegt zwischen diesen zwei fundamentalistischen Polen.

 

Als sich am Sonntag, dem 7. Oktober 2001, die Dunkelheit auf Afghanistan senkte, startete die US-Regierung ihre Luftangriffe auf Afghanistan, unterstützt durch die Internationale Koalition gegen den Terror (den neuen, fügsamen Ersatz für die Vereinten Nationen). Die Fernsehsender brachten computeranimierte Bilder von Marschflugkörpern, Stealth Bombern, "Bunkerbrechern" und MK-82-High-Drag-Bomben. Auf der ganzen Welt schauten kleine Jungen mit großen Augen zu und vergaßen, nach neuen Videospielen zu quengeln.

Die Uno, inzwischen auf ein unwirksames Kürzel reduziert, wurde nicht einmal ersucht, die Luftangriffe zu genehmigen. (Wie denn Madeleine Albright einst bemerkte, handeln die USA "multilateral, wenn wir können, und unilateral, wenn wir müssen".) Die "Beweise" gegen die Terroristen wurden in der "Koalition" unter Freunden herumgereicht. Nach dem Treffen ließ man verlauten, es spiele keine Rolle, ob die "Beweise" vor einem ordentlichen Gericht Bestand hätten oder nicht. Auf diese Weise wurden in einem Augenblick Jahrhunderte der Rechtsprechung fahrlässig zunichte gemacht.

Nichts kann einen terroristischen Akt entschuldigen oder rechtfertigen, ganz gleich, ob er von religiösen Fundamentalisten, von Milizen, von Widerstandsbewegungen begangen wird - oder ob er als Vergeltungskrieg einer anerkannten Regierung daherkommt.Die Bombardierung Afghanistans ist keine Rache für New York und Washington. Sie ist nur ein weiterer terroristischer Akt gegen die Menschen auf der Welt. Jede unschuldige Person, die getötet wird, muss hinzugezählt werden, nicht verrechnet mit der entsetzlichen Zahl der in New York und Washington gestorbenen Zivilisten.

Selten werden Kriege von Menschen gewonnen, selten werden sie von Regierungen verloren. Menschen kommen um, Regierungen häuten und regenerieren sich wie das Haupt der Hydra. Sie verwenden Flaggen, um erst die Hirne der Leute luftdicht einzuwickeln und echtes Nachdenken zu ersticken und dann, um sie als feierliche Leichentücher über die verstümmelten Toten zu breiten. Auf beiden Seiten, in Afghanistan wie in Amerika, dienen Zivilisten heute ihren Regierungen und deren Aktionen als Pfand. Ohne es zu wissen, teilen die Leute in beiden Ländern eine Gemeinsamkeit: Sie müssen mit dem Phänomen des blinden, unvorhersehbaren Terrors leben. Jeder Bombenladung, die auf Afghanistan fällt, entspricht die wachsende Massenhysterie in Amerika angesichts von Milzbrand, Entführungen und anderen terroristischen Untaten.

Es gibt keinen einfachen Weg aus dem brodelnden Morast von Terror und Brutalität, dem die Welt heute gegenübersteht. Es wird Zeit für die Menschen innezuhalten. Was am 11. September geschah, hat die Welt für immer verändert. Freiheit, Fortschritt, Wohlstand, Technik, Krieg - diese Begriffe haben eine neue Bedeutung. Regierungen müssen die Veränderung einsehen und ihre neuen Aufgaben mit einem Körnchen Ehrlichkeit und Demut angehen. Leider fehlt bis heute jedes Zeichen von Einsicht bei den Führern der Internationalen Koalition. Oder den Taliban.

Als Präsident Bush die Luftangriffe ankündigte, sagte er: "Wir sind eine friedliche Nation." Amerikas Lieblingsbotschafter Tony Blair (gleichzeitig Premier von Großbritannien) betete nach: "Wir sind ein friedliches Volk."

Jetzt wissen wir Bescheid. Schweine sind Pferde. Mädchen sind Jungen. Krieg ist Frieden.

Ein paar Tage später sagte Präsident Bush in einer Rede vor dem FBI: "Dies ist unsere Berufung. Die Berufung der Vereinigten Staaten von Amerika. Der freiesten Nation der Welt. Einer Nation, die sich auf fundamentale Werte gründet, gegen Hass, gegen Gewalt, gegen Mörder und gegen das Böse. Wir werden nicht weichen."

Hier folgt eine Liste von Ländern, mit denen Amerika seit dem Zweiten Weltkrieg Krieg geführt hat, die es bombardiert hat oder in denen es zumindest in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war: Korea (1950 bis 1953), Guatemala (1954, 1967 bis 1969), Indonesien (1958), Kuba (1959 bis 1961), Belgisch-Kongo (1965), Laos (1964 bis 1973), Vietnam (1961 bis 1973), Kambodscha (1969 bis 1970), Grenada (1983), Libyen (1986), El Salvador (achtziger Jahre), Nicaragua (achtziger Jahre), Panama (1989), Irak (seit 1991), Bosnien (1995), Sudan (1998), Jugoslawien (1999). Und jetzt Afghanistan.

Bestimmt wird sie nicht weichen - diese freieste Nation der Welt. Doch welche Freiheit hält sie denn aufrecht? Innerhalb der eigenen Grenzen Redefreiheit, Religionsfreiheit, Gedankenfreiheit; die des künstlerischen Ausdrucks, der Essgewohnheiten, der sexuellen Vorlieben (na ja, bis zu einem gewissen Grad) und vieles andere, alles ganz musterhaft und wunderbar. Außerhalb der eigenen Grenzen die Freiheit zu dominieren, zu erniedrigen und zu unterwerfen - gewöhnlich unter die wahre Religion Amerikas, den "freien Markt". Wenn also die US-Regierung einen Krieg Operation "Grenzenlose Gerechtigkeit" tauft oder Operation "Dauerhafte Freiheit", dann spüren wir in der Dritten Welt mehr als leise Furcht. Weil wir wissen, dass Grenzenlose Gerechtigkeit für die einen Grenzenlose Ungerechtigkeit für die anderen bedeutet. Und Dauerhafte Freiheit für die einen Dauerhafte Unterjochung für die anderen.

Die Internationale Koalition gegen den Terror ist vor allem eine Intrige der reichsten und mächtigsten Länder der Welt. Sie produzieren und verkaufen fast alle Waffen der Welt, sie besitzen den größten Bestand an chemischen, biologischen und nuklearen Massenvernichtungswaffen. Sie haben die meisten Kriege geführt, sind die Hauptverantwortlichen der modernen Geschichte für Völkermorde, Unterwerfungen, ethnische Säuberungen und Menschenrechtsverletzungen, haben ungezählte Diktatoren und Despoten gefördert, bewaffnet und finanziert. Sie huldigen einem Kult der Gewalt, sie haben den Krieg förmlich zum Gott erhoben. Bei all ihren abscheulichen Vergehen kommen die Taliban da wirklich nicht mit.

Die Taliban entstanden in den Nachwehen des Kalten Krieges im brüchigen Sammelbecken voll Schutt, Heroin und Landminen. Ihre ältesten Führer sind gerade Anfang vierzig. Viele von ihnen sind entstellt und verkrüppelt, haben ein Auge verloren oder einen Arm, ein Bein. Sie sind aufgewachsen in einer beschädigten und durch den Krieg verwüsteten Gesellschaft. Insgesamt sind aus der Sowjetunion und Amerika seit über 20 Jahren Waffen und Munition im Wert von etwa 45 Milliarden Dollar nach Afghanistan geflossen.

Die neuesten Waffen waren das einzig Moderne, das in diese im Innersten mittelalterliche Gesellschaft vordrang. Die kleinen Jungen - viele von ihnen verwaist -, die damals aufwuchsen, hatten Gewehre als Spielzeug und erlebten nie die Geborgenheit und den Trost einer Familie, nie die Gesellschaft von Frauen. Heute, als Erwachsene und Herrscher, da schlagen, steinigen, vergewaltigen und misshandeln die Taliban Frauen, sie scheinen nicht zu wissen, was sie sonst mit ihnen anfangen sollen. Jahrelanger Krieg hat ihnen ihre Sanftheit genommen, sie gegen Freundlichkeit und Mitgefühl immun gemacht. Sie tanzen zu den stampfenden Rhythmen der Bomben, die um sie herum niederregnen. Jetzt richten sie ihre Grausamkeit gegen das eigene Volk.

Bei allem Präsident Bush geschuldeten Respekt: Die Menschen auf der Welt müssen nicht zwischen den Taliban und der US-Regierung wählen. Alles Schöne der menschlichen Zivilisation - unsere bildende Kunst, unsere Musik, unsere Literatur - befindet sich jenseits dieser beiden fundamentalistischen, ideologischen Pole. Die Aussicht, dass alle Menschen auf der Welt zu mittelständischen Verbrauchern werden können, ist ebenso unrealistisch wie die, dass alle einer einzigen Religion folgen werden.

Es geht ja nicht um Gut gegen Böse oder um Islam gegen Christentum, sondern um Raum. Darum, dass man Unterschiede miteinander in Einklang bringt, dass man den Drang nach Hegemonie zügelt - jeder Art von Hegemonie, sei sie ökonomisch, militärisch, sprachlich, religiös oder kulturell. Jeder Ökologe wird Ihnen sagen, wie gefährlich und empfindlich eine Monokultur ist. Eine hegemoniale Welt lässt sich mit einer Regierung ohne gesunde Opposition vergleichen. Sie wird zu einer Art Diktatur. Als stülpte man eine Plastiktüte über die Welt und hinderte sie am Atmen. Doch diese Tüte wird schließlich aufgerissen.

Eineinhalb Millionen Afghanen haben ihr Leben verloren in den mehr als 20 Jahren des Konfliktes, der diesem neuen Krieg vorausging. Afghanistan wurde in Trümmer gelegt, jetzt werden diese Trümmer zu feinem Staub zerrieben. Am zweiten Tag des Luftangriffs kehrten die US-Piloten zu ihren Basen zurück, ohne die ihnen zugeteilte Nutzlast an Bomben abgeworfen zu haben. Einem der Piloten zufolge ist Afghanistan "kein an Zielen reiches Territorium". Donald Rumsfeld, US-Verteidigungsminister, wurde auf einer Pressekonferenz im Pentagon gefragt, ob Amerika die Ziele abhanden gekommen seien.

"Erstens werden wir Ziele zum zweiten Mal treffen", sagte er, "und zweitens, nicht uns kommen die Ziele abhanden, sondern Afghanistan." Was im Konferenzsaal mit einer Lachsalve begrüßt wurde.

Regierungen verwenden Flaggen erst, um die Hirne der Leute luftdicht einzuwickeln - und dann, um sie als feierliche Leichentücher über die Toten zu breiten.

Am dritten Tag des Luftschlages prahlte das US-Verteidigungsministerium, man habe die "Lufthoheit über Afghanistan erlangt". (Wollten sie damit sagen, dass sie beide - oder sind es gar 16? - afghanischen Flugzeuge zerstört hätten?)

In Afghanistan gewinnt die Nordallianz - der alte Feind der Taliban und damit der neueste Freund der Internationalen Koalition - an Boden beim Vorstoß auf die Eroberung Kabuls. (Für die Archive soll noch erwähnt sein, dass die Taten der Nordallianz sich von denen der Taliban nicht sonderlich unterscheiden. Doch wird dieses störende Detail vorerst vertuscht.) Der sichtbare, moderate, "akzeptable" Führer der Allianz, Ahmed Schah Massud, starb Anfang September durch ein Selbstmord-Attentat. Der Rest der Nordallianz ist ein brüchiger Verband brutaler Kriegsherren, Ex-Kommunisten und unbeugsamer Kleriker. Eine in verschiedene ethnische Fraktionen zerrissene Gruppe, deren Mitglieder früher die Wonnen der Macht in Afghanistan gekostet haben.

Bis zu den US-Luftschlägen kontrollierte die Nordallianz etwa zehn Prozent Afghanistans. Heute, mit Hilfe der Koalition und "Unterstützung aus der Luft", ist sie bereit, die Taliban zu stürzen. Mittlerweile laufen die Soldaten der Taliban zur Nordallianz über, aus Angst vor einer unmittelbar drohenden Niederlage. Die kämpfenden Truppen sind also damit beschäftigt, die Seiten und die Uniformen zu wechseln. Doch bei einem zynischen Unterfangen wie diesem hat das wohl wenig zu bedeuten. Liebe ist Hass, Nord ist Süd, Frieden ist Krieg.

Die globalen Mächte reden davon, eine "repräsentative Regierung einzusetzen". Oder aber den 87-jährigen ehemaligen König von Afghanistan wieder "einzusetzen", Zahir Schah, der seit 1973 im römischen Exil lebt. So läuft das Spiel. Erst heißt es: Unterstützt Saddam Hussein, dann: Schafft ihn beiseite; erst: Finanziert die Mudschahidin, dann: Zerbombt sie in tausend Stücke; jetzt also: Setzt Zahir Schah ein und wartet ab, ob er artig ist. (Kann man eine repräsentative Regierung "einsetzen"? Kann man sich eine Portion Demokratie bestellen - mit Extra-Käse und Jalapeño-Chilis?)

Langsam sickern Berichte über die Opfer in der Zivilbevölkerung durch, über sich leerende Städte, weil die afghanischen Landeskinder an die Grenzen drängen, die geschlossen sind. Wichtige Durchgangsstraßen wurden in die Luft gejagt oder gesperrt. Sachkundige, die in Afghanistan gearbeitet haben, sagen, dass bis Anfang November keine Lebensmitteltransporte bei den Millionen Afghanen (7,5 Millionen laut Uno) eintreffen können, die unmittelbar davon bedroht sind, im kommenden Winter zu verhungern. Sie sagen, dass es in den wenigen Tagen bis Winteranbruch entweder den Krieg oder den Versuch geben kann, Lebensmittel zu den Hungernden zu bringen. Nicht beides.

Als Geste der Menschlichkeit hat die US-Regierung zu Beginn der Luftangriffe 37 000 Notrationen über Afghanistan abgeworfen. Sie sagt, sie plane, insgesamt 500 000 Päckchen abzuwerfen. Auch das bedeutet nur eine einzige Mahlzeit für 500 000 der Millionen von Menschen, die dringend Nahrung brauchen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen verdammen dies als eine zynische, gefährliche PR-Maßnahme. Sie halten Lebensmittelrationen aus der Luft für mehr als sinnlos. Erstens, weil die Päckchen nie bei denen landen, die sie wirklich nötig haben, zweitens und schlimmer, weil alle, die hinlaufen, um sie einzusammeln, riskieren, von Landminen zerrissen zu werden. Ein tragisches Rennen um Almosen.

Immerhin bekamen die Notpäckchen ihren exklusiven Fototermin. Ihr Inhalt wurde in den großen Zeitungen aufgelistet. Sie waren vegetarisch, erfuhren wir, gemäß den muslimischen Ess-Regeln(!). Die gelben, mit der amerikanischen Flagge verzierten Päckchen enthalten: Reis, Erdnussbutter, Bohnensalat, Erdbeermarmelade, Kekse, Fladenbrot, einen Apfel-Müsli-Riegel, Gewürze, Streichhölzer, Plastikbesteck, eine Serviette und eine illustrierte Gebrauchsanweisung.

Nach drei Jahren anhaltender Dürre ein Airline-Mahl vom Himmel hoch in Dschalalabad! Das Niveau der kulturellen Dummheit, das fehlende Verständnis dafür, was monatelanger, erbarmungsloser Hunger und bittere Armut wirklich bedeuten, der Versuch der US-Regierung, noch durch das äußerste Elend das eigene Selbstverständnis aufzubessern, lässt sich nicht in Worte fassen.

Drehen Sie doch dieses Szenario einmal um. Stellen Sie sich vor, die Taliban-Regierung bombardierte New York und redete unentwegt davon, ihr wahres Ziel sei die US-Regierung und deren Politik. Und angenommen, in den Bombenpausen würfen die Taliban ein paar tausend Päckchen mit Nan und Kebab ab, aufgespießt auf kleine afghanische Flaggen. Hätten die guten Leute von New York je die Größe, der afghanischen Regierung zu vergeben? Selbst wenn sie hungrig wären, wenn sie das Essen brauchten und wenn sie es äßen, wie könnten sie je diese Beleidigung vergessen, diese Herablassung? Der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani schickte das Geschenk eines saudischen Prinzen über 10 Millionen Dollar zurück, weil ein kleiner freundlichen Rat zur amerikanischen Nahost-Politik beilag. Ist Stolz ein Luxus, der nur den Reichen zusteht?

Weit davon entfernt, den Terrorismus auszumerzen, lässt eine solche Wut ihn erst entstehen. Hass und Vergeltung können nicht mehr rückgängig gemacht werden, sind sie einmal entstanden. Für jeden "Terroristen", jeden "Handlanger" der getötet wird, werden auch Hunderte unschuldiger Menschen getötet. Und an die Stelle von hundert Unschuldigen, die sterben mussten, treten wahrscheinlich ein paar künftige Terroristen.

Wo wird das alles enden?

Vergessen Sie einmal die Rhetorik und überlegen Sie, dass die Welt bisher keine vernünftige Definition von "Terrorismus" kennt. Des einen Terrorist ist nur allzu oft des anderen Freiheitskämpfer. Im Kern der Sache steckt eine weltweit tief sitzende Ambivalenz gegenüber der Gewalt. Ist Gewalt erst einmal als legitimes Instrument der Politik akzeptiert, wird aus der Moral und der politischen Akzeptanz von Terroristen (Aufständische oder Freiheitskämpfer) umstrittenes, unwegsames Terrain.

Weltweit hat auch die US-Regierung zahlreiche Rebellen und Aufständische finanziert, bewaffnet und beherbergt. Die CIA und Pakistans ISI haben die Mudschahidin instruiert und bewaffnet - in den achtziger Jahren Terroristen für die Regierung im sowjetisch besetzten Afghanistan. Während der damalige Präsident Reagan mit ihnen für ein Gruppenfoto posierte und sie als moralisches Ebenbild der amerikanischen Gründungsväter hinstellte.

Heute fördert Pakistan - Amerikas Verbündeter in diesem neuen Krieg - Aufständische, die ins indische Kaschmir gehen. Pakistan rühmt sie als "Freiheitskämpfer". Indien nennt sie "Terroristen". Indien wiederum brandmarkt Länder, die Terrorismus fördern und begünstigen, doch Indiens Armee hat früher separatistische tamilische Rebellen ausgebildet, die eine Heimat für sich in Sri Lanka forderten - sie sind verantwortlich für zahllose blutige Terroranschläge. (So, wie die CIA die Mudschahidin fallen ließ, als sie ihren Zweck erfüllt hatten, kehrte Indien den tamilischen Rebellen aus vielerlei politischen Gründen abrupt den Rücken. Es war eine aufgebrachte tamilische Selbstmordattentäterin, die 1991 den ehemaligen indischen Premier Rajiv Gandhi ermordete.)

Regierungen und Politiker müssen begreifen, dass es zwar kurzfristige Resultate bringen kann, diese enormen, blindwütigen Gefühle der Menschen für eigene, engstirnige Zwecke zu manipulieren, dass dergleichen aber unerbittlich katastrophale Folgen hat. Religiöse Gefühle aus Gründen der politischen Nutzbarkeit zu entfachen und auszunutzen ist das gefährlichste Vermächtnis, das Regierungen oder Politiker einem Volk hinterlassen können - auch ihrem eigenen. Menschen, die in einer durch religiöse oder kommunale Bigotterie zerrütteten Gesellschaft leben, wissen, dass jeder religiöse Text - von der Bibel bis zur Bhagawadgita - untergraben und fehlinterpretiert werden kann, um alles vom Atomkrieg über Völkermord bis zur kollektiven Globalisierung zu rechtfertigen.

Für jeden Terroristen sterben Hunderte unschuldiger Zivilisten. Und an deren Stelle treten ein paar künftige Terroristen. Wie soll das enden?

Dies soll nicht heißen, dass die Terroristen, die am 11. September das Entsetzliche getan haben, nicht verfolgt und zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Das müssen sie. Ist aber ein Krieg der beste Weg, um sie aufzuspüren? Wird man die Nadel finden, wenn man den Heuhaufen niederbrennt? Oder wird es den Zorn schüren und die Welt zur wahren Hölle für uns alle machen?

Wie viele Leute kann man denn schließlich ausspionieren, wie viele Bankkonten einfrieren, wie viele Gespräche belauschen, wie viele E-Mails abfangen, wie viele Briefe öffnen, wie viele Telefone abhören? Schon vor dem 11. September hatte die CIA mehr Informationen zusammengetragen, als sich in einem Menschleben auswerten lassen. Das schiere Ausmaß der Überwachung wird zum logistischen, ethischen und bürgerrechtlichen Alptraum. Es wird uns glatt um den Verstand bringen. Und die Freiheit - dieses kostbare Gut - wird ihr erstes Opfer. Sie ist jetzt schon schwer verletzt und blutig geschlagen.

Regierungen in der ganzen Welt verwerten die herrschende Paranoia zynisch für ihre eigenen Interessen. Alles Mögliche an unvorhersehbaren

politischen Kräften wird freigesetzt. In Indien, zum Beispiel, sind Mitglieder des "All India People's Resistance Forum" im Gefängnis, weil sie in Delhi Antikriegs- und Anti-US-Pamphlete verteilten. Sogar der Drucker dieser Streitschriften wurde verhaftet. Die rechtsgerichtete Regierung (die gleichzeitig extremistische hinduistische Gruppen wie die "Vishna Hindu Parishad" und die "Bajrang Dal" schützt) hat das "Students Islamistic Movement of India" verboten und versucht, ein Antiterror-Gesetz neu aufzulegen, das kassiert wurde, nachdem die Menschenrechtskommission berichtete, es werde mehr missbraucht als gebraucht. Millionen indischer Bürger sind Muslime. Bringt es irgendeinen Nutzen, wenn man sie ausgrenzt?

Mit jedem Tag, den der Krieg dauert, überschwemmen blindwütige Emotionen die Welt. Die internationale Presse hat wenig oder gar keinen freien Zugang zum Kriegsgebiet. Die Mainstream-Medien, besonders die amerikanischen, sind jedenfalls mehr oder weniger umgefallen und lassen sich gern den Bauch pinseln durch Pressemappen von Militärs und Regierungsbeamten. Afghanische Radiosender sind ausgebombt. Die Taliban hatten für die Presse schon immer nur tiefes Misstrauen übrig. In einem Propagandakrieg gibt es keine genaue Einschätzung darüber, wie viele Menschen getötet wurden oder wie groß die Zerstörung war. Ohne verlässliche Informationen wuchern die Gerüchte.

Wenn Sie in diesem Teil der Welt Ihr Ohr auf die Erde legen, dann können Sie das Dröhnen hören, den tödlichen Trommelwirbel des aufwallenden Zorns. Bitte, bitte stoppen Sie den Krieg jetzt! Genug Menschen sind gestorben. Die schlauen Raketen sind einfach nicht schlau genug. Sie bringen endlose, unterdrückte Wut zum Explodieren.

Präsident George Bush prahlte neulich, es sei ja wohl Unsinn, "mit einer Zwei-Millionen-Dollar-Rakete auf ein leeres Zelt oder einen Kamelhintern zu schießen". Präsident Bush sollte wissen, dass es in Afghanistan keine Ziele gibt, die den Preis seiner Raketen wert sind. Vielleicht sollte er ein paar billigere Raketen für billigere Ziele und billigere Leute in den armen Ländern der Welt bauen, und wäre es nur für den Etatausgleich. Doch das erschiene am Ende den Waffenherstellern der Koalition als nicht sehr vernünftig, geschäftlich gesehen.

Nach drei Jahren anhaltender Dürre ein Airline-Mahl vom Himmel hoch in Dschalalabad. Wer hinläuft, riskiert, von Landminen zerrissen zu werden.

Und vergessen Sie nicht, dass Präsident George Bush junior und Vize-Präsident Dick Cheney beide ihr Vermögen der Ölindustrie verdanken. Allein Turkmenistan, das an den Nordwesten Afghanistans grenzt, verfügt über gewaltige Gasvorkommen und geschätzte drei Milliarden Barrel Ölreserven. Amerika hat Öl immer als Sicherheitsfrage betrachtet und mit allen Mitteln geschützt, die es für nötig erachtete. Wenige von uns bezweifeln, dass seine militärische Präsenz im Golf weniger mit seinen Sorgen um die Menschenrechte als mit seinem strategischen Interesse am Öl zusammenhängt.

Öl und Gas aus der Kaspischen Region fließen gegenwärtig nordwärts auf die europäischen Märkte zu. Geografisch wie politisch bilden Iran und Russland große Hindernisse für die amerikanischen Interessen. 1998 sagte Dick Cheney - damals Chef von Halliburton, einem wichtigen Player in der Ölindustrie: "Ich kann mich an keinen Zeitpunkt erinnern, wo für uns eine Region so plötzlich strategisch so wichtig wurde wie die kaspische. Fast scheint es, als wären die Gelegenheiten über Nacht entstanden." Wie wahr.

Seit einigen Jahren nun verhandelt ein amerikanischer Ölgigant namens Unocal mit den Taliban über die Genehmigung, eine Ölpipeline durch

Afghanistan nach Pakistan bis ins Arabische Meer zu bauen, weil Unocal sich einen Zugang zu den lukrativen "Emerging Markets" in Süd- und Südost-Asien erhofft. 1997 reiste eine Abordnung der Taliban nach Amerika und traf in Houston sogar mit Beamten des US-Außenministeriums und mit Unocal-Führungskräften zusammen.

Anders als heute galten damals die Vorliebe der Taliban für öffentliche Hinrichtungen und ihre Behandlung afghanischer Frauen nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Während der folgenden Monate übten Hunderte erzürnter amerikanischer Feministinnen-Gruppen Druck auf die Clinton-Regierung aus. Erfreulicherweise schafften sie es, den Handel platzen zu lassen. Und jetzt kommt die große Chance der US-Ölindustrie.

In Amerika werden die Waffenindustrie, die Ölindustrie, die großen Medien-Konglomerate und selbst die US-Außenpolitik sämtlich von den gleichen Kartellen kontrolliert. Daher kann man kaum erwarten, dass ein Diskurs über Gewehre und Öl und Verteidigungsabkommen ernsthaft in den Medien behandelt wird. Jedenfalls trifft das Geschwätz über den "Kampf der Kulturen", das Gerede von "Gut gegen Böse" genau auf ein ratloses Volk, dessen Stolz gerade verwundet wurde, dessen Angehörige tragisch ums Leben kamen, dessen Zorn frisch und heftig ist. Es wird von Regierungssprechern zynisch verbreitet, als handelte es sich um die tägliche Dosis Vitamine oder Antidepressiva. Diese regelmäßige Arznei garantiert, dass Amerika weiterhin das Rätsel bleibt, das es immer war - ein merkwürdiges Inselvolk, verwaltet von einer krankhaft aufdringlichen, verworrenen Regierung.

Und was ist mit dem Rest von uns, den betäubten Empfängern all dessen, das wir als groteske Propaganda wahrnehmen? Den täglichen Konsumenten von Lügen und Brutalitäten, die mit Erdnussbutter und Erdbeermarmelade beschmiert aus der Luft in unsere Köpfe abgeworfen werden, ganz wie diese gelben Lebensmittelpäckchen? Sollen wir wegschauen und schlucken, was man uns zuwirft? Sollen wir das grimmige Theater ungerührt mit ansehen, das sich in Afghanistan abspielt, bis wir im Kollektiv röcheln und mit einer Stimme rufen, dass wir genug haben?

Während das erste Jahr des neuen Millenniums dem Ende entgegeneilt, fragt man sich: Haben wir das Recht zu träumen verwirkt?

Werden wir uns je wieder Schönheit vorstellen können? Wird es je wieder möglich sein, den langsamen, erstaunten Lidschlag eines neugeborenen Geckos in der Sonne zu beobachten oder einem Murmeltier leise zu antworten, das uns etwas ins Ohr gewispert hat - ohne dass wir an das World Trade Center denken müssen oder an Afghanistan?

ÜBERSETZUNG: ILSE LANGE-HENCKEL

Als die Dunkelheit sich am Sonntag dem 7. Oktober 2001 über Afghanistan verdichtete, begann die U.S. Regierung, unterstützt von der Internationalen Koalition gegen Terror (dieser neue, lenkbare Ersatz für die Vereinten Nationen), die Luftangriffe auf Afghanistan. TV-Kanäle verharrten auf computeranimierten Bilder von Cruise Missiles, Stealth Bombern, Tomahawks, 'bunkerknackende' Raketen, und Mar 82 Bomben. Auf der ganzen Welt sahen kleine Jungs mit grossaufgerissene Augen zu, und hörten auf nach neuen Videospielen zu quengeln.

Die UN, nun auf einer ineffektiven Abkürzung herabreduziert, wurde noch nicht einmal danach gefragt, die Luftangriffe anzuordnen. (Wie Madeline Albright einst sagte, "Die U.S. handeln multilateral wenn sie es können, und unilateral wenn sie es müssen.") Die 'Beweise' gegen die Terroristen wurden unter Freunden in der 'Koalition' geteilt. Nach einer Beratung, verkündeten sie, dass es keine Rolle spielte, ob die 'Beweise' vor einem Gericht glaubhaft wären oder nicht. Und so wurden Jahrhunderte der Rechtswissenschaften in einem einzigen Augenblick, sorglos zerschmettert.

Nichts kann einen Akt des Terrorismus entschuldigen oder rechtfertigen, ob er nun von religiösen Fundamentalisten verübt wird, von privaten Milizen, völkischen Widerstandsbewegungen - oder von einer anerkannten Regierung als Vergeltungskrieg verkleidet wird. Die Bombardierung Afghanistans ist keine Rache für New York und Washington. Sie ist nur ein weiterer Akt des Terrors gegen die Menschen dieser Welt. Jede unschuldige Person die darin getötet wird, muss der entsetzlichen Todeszahl der Zivilisten die in New York und Washington gestorben sind, hinzugezählt, nicht entgegengehalten werden.

Menschen gewinnen nur selten Kriege, Regierungen verlieren sie nur selten. Menschen werden getötet. Regierungen mausern und regruppieren sich, wie eine geköpfte Hydra. Zuerst benutzen sie Flaggen, um den Verstand der Menschen zu umwickeln und echtes Denken zu ersticken, und dann als Leichentücher um die verstümmelten Körper der willigen Toten zu verdecken. Auf beiden Seiten, in Afghanistan wie in Amerika, sind die Zivilisten nun Geiseln der Handlungen ihrer eigenen Regierungen. Ohne es zu wissen, haben die einfachen Menschen beider Länder eins gemeinsam - sie müssen mit dem Phänomen des blinden, unberechenbaren Terrors leben. Jeder Bombensalve, die auf Afghanistan abgeworfen wird, folgt eine entsprechenden Eskalation der Massenhysterie in Amerika, über Anthrax, noch mehr Flugzeugentführungen und andere terroristische Anschläge.

Es gibt keinen leichten Ausweg aus diesem spiralartigen Morast des Terrors und der Brutalität, mit der die Welt heute konfrontiert wird. Es ist Zeit für die menschliche Rasse innezuhalten, und sich in die tiefen Brunnen des kollektiven Wissens zu vertiefen, sowohl altes auch als neues. Das, was am 11. September passiert ist, hat die Welt für immer verändert. Freiheit, Fortschritt, Wohlstand, Technologie, Krieg - diese Worte haben eine neue Bedeutung angenommen. Regierungen müssen diese Verwandlung anerkennen, und ihre neuen Aufgaben mit einem Mindestmass an Ehrlichkeit und Demut angehen. Bedauerlicherweise, hat es bis jetzt kein Anzeichen irgendeiner inneren Selbstbetrachtung von den Anführern der Internationalen Koalition gegeben. Oder vom Taliban.

Als er die Luftangriffe ankündigte, sagte Präsident George Bush, "Wir sind eine friedliche Nation." Amerikas Lieblingsbotschafter, Tony Blair, (auch als Erster Minister von Grossbritannien bekannt), klang wie ein Echo: "Wir sind ein friedliches Volk."

Jetzt wissen wir es also. Schweine sind Pferde. Mädchen sind Jungen. Krieg ist Frieden.

Bei einer Ansprache aus dem FBI Hauptquartier einige Tage später, sagte Präsident Bush: "Dies ist unsere Berufung. Dies ist die Berufung der Vereinigten Staaten von Amerika. Die freieste Nation der Welt. Eine Nation, die auf fundamentale Werte erbaut ist, die Gewalt ablehnen, Mörder ablehnt, und das Böse ablehnt. Wir werden nicht ermüden."

Hier ist eine Liste der Länder, gegen die Amerika seit dem 2. Weltkrieg, Krieg geführt und bombardiert hat: China (1945-46, 1950-53); Korea (1950-53); Guatemala (1954, 1967-69); Indonesien (1958); Kuba (1959-60); der Belgische Congo (1964); Peru (1965); Laos (1964-73); Vietnam (1961- 73); Kambodscha (1969-70); Grenada (1983); Libyien (1986); El Salvador (1980-er); Nicaragua (1980.er); Panama (1989), Irak (1991-99), Bosnien (1995), Sudan (1998); Jugoslawien (1999). Und nun Afghanistan.

Ermüden tut sie ganz sicher nicht, diese Freieste Nation der Welt. Welche Freiheiten hält sie aufrecht? Innerhalb ihrer Grenzen, die Freiheit der Meinungsäusserung, der Religion, des Denkens, des künstlerischen Ausdrucks, der Essgewohnheiten, der sexuellen Orientierung (nun, bis zu einem gewissen Grad), und viele andere beispielhafte, wunderbare Dinge. Ausserhalb ihrer Grenzen, die Freiheit zu dominieren, zu erniedrigen und zu unterwerfen - gewöhnlich im Dienste der wahren Religion Amerikas, dem 'freien Markt'. Wenn also die U.S. Regierung ein Krieg auf den Namen 'Operation Unendliche Gerechtigkeit', oder 'Operation Andauernde Freiheit', fühlen wir in der Dritten Welt mehr als nur ein Zittern der Furcht. Wir wissen nämlich, dass die Unendliche Gerechtigkeit einiger, Unendliche Ungerechtigkeit für andere bedeutet. Und Andauernder Frieden für einige, bedeutet Aushalten der Unterwerfung für andere.

Die Internationale Koalition gegen Terror, ist zum grössten Teil eine Kabale der reichsten Länder dieser Erde. Unter sich, produzieren und verkaufen sie fast die ganzen Waffen der Welt, sie besitzen den grössten Vorrat an Massenvernichtungswaffen - chemische, biologische und nukleare. Sie haben die meisten Kriege geführt, sind für die meisten Völkermordem Unterwerfungen, ethnische Säuberungen und Menschenrechtsverletzungen der modernen Geschichte verantwortlich, und haben unzählige Diktatoren und Despoten gesponsert, bewaffnet und finanziert. Unter sich, haben sie den Kult der Gewalttätigkeit und des Krieges angebetet und fast vergöttlicht. Trotz all seiner entsetzlichen Sünden, spielt der Taliban einfach nicht in die selbe Liga.

Der Taliban erhob sich aus den zerfallenden Überreste aus Geröll, Heroin und Landminen, nach dem Ende des Kalten Krieges. Seine ältesten Anführer sind Anfang 40. Viele von ihnen sind entstellt oder verstümmelt, ihnen fehlt ein Auge, ein Arm oder ein Bein. Sie wuchsen in einer von Krieg vernarbten und verwüsteteten Gesellschaft auf. Zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten, flossen in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahre, mehr als 45 Milliarden Dollar an Waffen und Munition in den Afghanistan. Die neuesten Waffen, waren der einzige Fetzen an Modernität, der in einer durch und durch mittelalterliche Gesellschaft eindrang. Kleine Jungen - viele von ihnen Waisenkinder - die in dieser Zeit aufwuchsen, hatten Kanonen zum Spielzeug, haben niemals die Sicherheit und den Schutz des Familienlebens kennengelernt, niemals die Gesellschaft von Frauen erfahren. Nun, als Erwachsene und Herrscher, schlägt, steinigt, vergewaltigt und brutalisiert der Taliban Frauen; sie scheinen nicht zu wissen, was man sonst mit ihnen machen könnte. Jahre des Krieges, haben sie von jeder Sanftheit entkleidet, Güte und menschlichem Mitgefühl gegenüber unempfindlich gemacht. Sie tanzen zum Rhythmus der fallenden Bomben, die um sie herum herabregnen. Nun haben sie ihre Monströsität gegen ihre eigene Leute gerichtet.Bei allem Respekt für Präsident Bush, die Menschen dieser Welt müssen sich nicht zwischen dem Taliban und der U.S. Regierung entscheiden. All die Schönheit der menschlichen Zivilisation - unsere Kunst, unsere Musik, unsere Literatur - liegt zwischen diesen zwei fundamentalistischen, ideologischen Polen. Die Chance, dass alle Menschen dieser Welt Mittelklassenkonsumenten werden können, ist genau so klein wie die, dass sie alle ein und dieselbe Religion annehmen werden. Es geht hier nicht so sehr um das Gute gegen das Böse, oder um den Islam gegen das Christentum, als vielmehr um Raum. Darüber wie man Diversität unterbringen kann, wie man den Impuls zur Hegemonie unterdrücken kann - jede Art von Hegemonie, wirtschaftliche, militärische, linguistische, religiöse und kulturelle. Jeder Ökologe kann einem sagen, wie gefährlich und verletzlich eine Monokultur ist. Eine hegemonische Welt ist genau wie eine Regierung ohne eine gesunde Opposition. Sie entwickelt sich zu einer Art Diktatur. Das ist so, wie der Welt eine Plastiktüte überzustülpen und sie am Atmen hindern. Irgendwann, wird sie aufgerissen werden.

Anderthalb Millionen Afghaner, haben in den 20 Jahren des Konfliktes, der diesem neuen Krieg vorausging, ihr Leben verloren. Afghanistan wurde zu Geröll reduziert, und nun wird das Geröll weiter zu Staub zerstampft. Bereits am zweiten Tag der Luftangriffe, kehrten U.S. Piloten zu ihren Basen zurück, ohne ihre festgesetzte Bombenlast abgeworfen zu haben. Wie ein Pilot es ausdrückte, bietet Afghanistan "kein zielreiches Umfeld". Bei einer Pressekonferenz im Pentagon, wurde U.S. Verteidigungssekretär Donald Rumsfeld gefragt, ob Amerika die Ziele ausgegangen wären.

"Erstens werden wir Ziele wiederholt treffen," sagte er, "und zweitens gehen uns die Ziele nicht aus, Afghanistan ist..." Dies wurde mit schallendem Gelächter im Konferenzraum begrüsst.

Am dritten Tag der Luftangriffe, brüstete sich das U.S. Verteidigungsministerium damit "die Luftoberhoheit über Afghanistan erreicht zu haben". (Meinten sie damit sie hätten damit beide, oder vielleicht alle 16 afghanische Flugzeuge zerstört?)

Am Boden in Afghanistan, bereitet sich die Nördliche Allianz - der alte Feind des Talibans, und daher der neueste Freund der Internationalen Koalition - darauf vor Kabul einzunahmen. (Für die Akten sei es gesagt, dass das Verbrechensberzeichnis der Nördlichen Allianz sich von der des Talibans nicht sehr unterscheidet. Aber einstweilen, und weil es unbequem ist, wir dieses kleine Detail übergangen.) Der sichtbare, gemässigte "akzeptable" Anführer der Allianz, Ahmed Shah Masood, wurde in einem selbstmörderischen Bombenanschlag anfang September getötet. Der Rest der Nördlichen Allianz, ist eine brüchige Konföderation brutaler Kriegsherren, Ex-Kommunisten und unbeugsame Geistliche. Es ist eine ungleiche, ethnisch gespaltene Gruppe, von denen einige bereits in der Vergangenheit von der Macht in Afghanistan gekostet haben.

Vor den U.S. Luftangriffen, kontrollierte die Nördliche Allianz etwa 5% des geographischen Gebietes von Afghanistan. Nun, mit der Hilfe und den "Luftschutz" der Koalition, ist sie bereit den Taliban zu stürzen. Währenddessen haben Talibansoldaten, die unmittelbare Niederlage wahrnehmend, damit angefangen zur Allianz überzulaufen. So sind die Kampfmächte damit beschäftigt, Seiten und Uniformen zu wechseln. Aber bei einem derartig zynischen Unternehmen wie dieses, scheint das kaum etwas auszumachen. Liebe ist Hass, Norden ist Süden, Frieden ist Krieg.

Unter den globalen Mächten, ist von der "Einsetzung einer repräsentativen Regierung" die Rede. Oder, andererseits von der "Wiedereinsetzung" des 89-jährigen, ehemaligen Königs von Afghanistan, Zahir Shah, der seit 1973 in Rom im Exil gelebt hat. So läuft das Spiel - Saddam Hussein unterstützen, dann ihn "aus dem Verkehr ziehen"; die Mujaheddin finanzieren, dann sie zu Staub bombardieren; Zahir Shah einsetzen und sehen ob er ein guter Junge sein wird (Ist es möglich eine repräsentative Regierung "einzusetzen"? Kann man eine Bestellung für Demokratie aufgeben - mit extra Käse und Peperoni?)

Berichte über zivile Verluste fangen an durchzusickern, über sich leerende Städte, während die afghanischen Zivilisten zu den Grenzen strömen, die verschlossen worden sind. Hauptstrassen sind in die Luft gesprengt und dichtgemacht worden. Jene die mit der Arbeit in Afghanistan Erfahrung haben, sagen dass ab Anfang November, Nahrungskonvois nicht mehr in der Lage sein werden die Millionen von Afghaner zu erreichen (7.5. Millionen nach Angaben der U.N), die unmittelbar davon bedroht sind, im Laufe dieses Winter zu verhungern. Sie sagen, in den wenigen Tage, die bis zum Einbruch des Winter noch übrig sind, entweder ein Krieg stattfinden kann, oder ein Versuch Nahrung zu den Hungrigen zu bringen. Nicht beides.

Als eine Geste der humanitären Hilfe, warf die U.S.-Regierung 37.000 Pakete mit Notrationen über Afghanistan ab. Sie sagt, sie plane einen Abwurf von insgesamt 5.000.000 Pakette. Das wird trotzdem nicht mehr als eine einzige Mahlzeit für eine Halbe Million Menschen von den mehreren Millionen die dringend Nahrung benötigen ausmachen. Hilfsarbeiter haben dies als eine zynische, gefährliches, public-relations Veranstaltung verurteilt. Sie sagen, der Abwurf von Nahrungspaketen ist schlimmer als nutzlos. Erstens, weil die Nahrung niemals jene erreichen wird, die sie wirklich brauchen. Gefährlicherer ist, dass jene die den Paketen nachrennen Gefahr laufen von Landminen zerrissen zu werden. Ein tragisches Wettrennen um Almosen.

Nichtsdestotrotz bekamen die Nahrungspakete alleine schon eine Fotoaktion. Ihre Inhalt wurde in den wichtigen Tageszeitungen aufgelistet. Sie waren vegetarisch Their contents were listed in major newspapers. They were vegetarian, wurde uns mitgeteilt, gemäss des muslimischen Diätgesetzes (!). Jede gelbe, mit einer amerikanischen Flagge dekorierte Packung, enthielt: Reis, Erdnussbutter, Bohnensalat, Erdbeermarmelade, Kekse, Rosinen, Fladenbrot, eine Apfelfruchtriegel, Gewürze, Streichhölzer, ein Plastikbesteck, eine Serviette und eine illustrierte Anweisung zur Benutzung.

Nach drei Jahren ständiger Dürre, eine abgeworfene Fluglinienmahlzeit in Jalalabad! Der Ausmass an kultureller Ignoranz, die Unfähigkeit zu verstehen was Monate des unaufhörlichen Hungers und erdrückender Armut wirklich bedeuten, der Versuch der U.S.-Regierung sogar diesen Elend zu benutzen um ihr Image aufzubessern, spottet jeder Beschreibung.

Drehen wir dieses Szenario für einen Moment mal um. Stellen wir uns vor wie es wäre, wenn die Taliban Regierung New York City bombardieren würde, während sie die ganze Zeit über sagen würde, ihr eigentliches Ziel sei die U.S. Regierung und ihre Politik. Und stellen wir uns vor, dass der Taliban in den Pausen zwischen den Bombenangriffen, ein paar Tausend Pakete, mit Fladenbrot und Kebab und einer aufgesteckten afghanischen Flagge abwerfen würde. Könnten es die guten Menschen von New York jemals über sich bringen der afghanischen Regierung zu verzeihen? Auch wenn sie hungrig wären, auch wenn sie die Nahrung bräuchten, auch wenn sie sie essen würden, wie könnten sie jemals die Beleidigung, die Herablassung vergessen? Rudy Giuliani, der Bürgermeister von New York City, lehnte ein Geschenk von 10 Millionen Dollar von einem Saudi-Arabischen Prinzen ab, weil es von einigen freundlichen Worten des Ratschlages über die amerikanische Politik im Mittleren Osten begleitet wurde. Ist Stolz ein Luxus auf den nur die Reichen Anspruch haben?

Weit davon entfernt sie auszulöschen, ist es die Anfachung dieser Art von Wut, die Terrorismus kreiert. Hass und Vergeltung gehen nicht zurück in die Ecke, nachdem man sie einmal herausgelassen hat. Für jeden 'Terroristen', oder 'Unterstützer' der getötet wird, werden hunderte unschuldiger Menschen ebenfalls getötet. Und für jede hundert Unschuldige die getötet werden, stehen die Chancen gut, das mehrere künftige Terroristen geschaffen werden.

Wohin wird das alles führen?

Die Rhetorik für einen Augenblick beiseitelassend, bedenken wir, dass die Welt noch keine akzeptable Definition dafür gefunden hat, was 'Terrorismus' eigentlich ist. Die Terroristen eines Landes sind zu oft die Friedenskämpfer eines anderen. Am Wurzel des Problems liegt die tiefsitzende Ambivalenz der Welt gegenüber Gewalt. Sobald Gewalt als ein legitimes politisches Instrument akzeptiert wird, wird die Moralität und die politische Akzeptanz von Terroristen (Aufständische oder Friedenskämpfer) zu strittigem, holprigem Terrain. Die U.S. Regierung selbst hat zahlreiche Rebellen und Aufständische rund um die Welt finanziert, bewaffnet und beschützt. Die CIA und die pakistanische ISI, trainierten und bewaffneten die Mujaheddin, die in den 80 er Jahren von der Regierung des sowjetisch besetzten Afghanistans als Terroristen angesehen wurden. Während Präsident Reagen mit ihnen für ein Gruppenfoto posierte, und sie als das moralische Äquivalent zu den amerikanischen Gründungsvätern bezeichnete. Heute sponsort Pakistan - Amerikas Verbündeter in diesem neuen Krieg - Aufständische, die die Grenze nach Kashmir in Indien überschreiten. Pakistan lobt sie als 'Friedenskämpfer', Indien nennt sie 'Terroristen'. Indien selbst denunziert Länder die Terrorismus sponsern und begünstigen, aber die indische Armee hat in der Vergangenheit separatistische tamilische Rebellen ausgebildet, die ein Heimatland in Sri Lanka forderten - die LTTE, die für unzählige blutige Akte des Terrorismus verantwortlich sind. (Genau wie die CIA die Mujaheddin aufgegeben hat, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten, kehrte Indien der LTTE aus hunderten politischen Gründen, abrupt den Rücken zu. Es war ein zorniger LTTE Selbstmordbomber, der den ehemaligen indischen Ersten Minister Rajiv Gandhi in 1991 ermordete.)

Regierungen und Politiker müssen begreifen, dass die Manipulation dieser gewaltigen, rasenden menschlichen Empfindungen für ihre eigene engstirnige Ziele, zwar unmittelbare Resultate erzielen kann, die aber letztendlich und unvermeidlich, verheerende Konsequenzen haben. Das Schüren und die Ausbeutung religiöser Gefühle aus politischen Gründen, ist das gefährlichste Vermächtnis, das Regierungen oder Politiker irgendeinem Volk hinterlassen können - einschliesslich ihres eigenen. Menschen, die in von religiöser oder kommunaler Bigotterie verwüsteten Gesellschaften leben, wissen, dass alle religiöse Texte - von der Bibel bis zur Bhagwad Gita - so zurechtgemünzt und missinterpretiert werden können, um alles zu rechtfertigen, vom nuklearen Krieg zum Völkermord und Wirtschaftsglobalisierung.

Das hier soll nicht andeuten, dass die Terroristen, die die Greueltaten des 11. Septembers verübt haben nicht gejagt und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden müssen. Das müssen sie. Aber ist Krieg der beste Weg um sie zu fassen? Wird das Verbrennen des Heuhaufens dabei helfen die Nadel zu finden? Oder wird es den Zorn zur Eskalation bringen und die Welt für uns alle in eine Hölle verwandeln?

Wie viele Menschen kann man letzten Endes ausspionieren, wie viele Bankkontos einfrieren, wie viele Unterhaltungen belauschen, wie viele E-mails abfangen, wie viele Briefe öffnen, wie viele Telefone anzapfen? Sogar noch vor dem 11. September, hatte die CIA mehr Informationen zusammengesammelt als auszuarbeiten möglich wäre. (Manchmal können zu viele Daten den Nachrichtendienst behindern - kein Wunder, dass die U.S. Spionagesatelliten die Vorbereitungen, die den indischen Nukleartests in 1998 vorangingen, vollkommen übersehen haben.)

Das blosse Ausmass der Überwachung wird zu einem logistischen, ethischen und zivilrechtlichen Alptraum werden. Es wird alle schlichtweg in den Wahnsinn treiben. Und Freiheit - dieses kostbarste aller Dinge - wird das erste Opfer sein. Sie ist bereits verwundet worden und ist gefährlich nahe am Verbluten.

Regierungen rund um die Welt benutzen auf zynischer Weise das vorherrschende Paranoia, um ihre eigenen Interessen zu fördern. Alle Arten von unberechenbaren politischen Kräften werden entfesselt. In Indien wurden zum Beispiel Angehörige des Indischen Volkswiderstandsforum, die Antikriegs- und Anti-U.S. Pamphlete verteilten, eingesperrt. Sogar der Drucker der Flugbläter wurde verhaftet. Die rechtsgerichtete Regierung (die hinduistische Extremistengruppen wie die Vishwa Hindu Parishad und die Bajrang Dal beschützt) hat die Indische Islamische Studentenbewegung verboten, und versucht ein Antiterrorgesetz zu reaktivieren, das zurückgezogen worden war, nachdem die Menschenrechtskommission berichtet hatte, dass es mehr missbraucht als gebraucht worden ist. Millionen indischer Bürger sind Muslime. Ist man durch ihre Entfremdung irgendetwas zu gewinnen?

Jeden Tag an dem dieser Krieg weitergeht, werden tobende Emotionen in die Welt freigesetzt. Die internationale Presse hat wenig bis gar kein unabhängiger Zugang zum Kriegsgebiet. Auf jeden Fall, haben sich die Massenmedien, besonders in den Vereinigten Staaten, mehr oder weniger auf den Rücken gewälzt, und lassen sich mit Presseverlautbarungen von Militärs und Regierungsbeamten am Bauch kraulen. Afghanische Radiostationen wurden in den Bombardierungen zerstört. Der Taliban war der Presse gegenüber schon immer zutiefst misstrauisch. Im Propagandakrieg gibt es keine akkuraten Schätzungen darüber wie viele Menschen getötet worden sind, oder wieviel Zerstörung stattgefunden hat. Mangels verlässlicher Informationen, verbreiten sich wilde Gerüchte.

Legt euer Ohr in diesen Teil der Welt am Boden, und ihr könnt das Hämmern, das tödliche Trommeln der knospenden Wut hören. Bitte, bitte, beendet diesen Krieg jetzt. Es sind genug Menschen gestorben. Die Smart Missiles sind einfach nicht smart genug. Sie sprengen ganze Warenhäuser an unterdrücktem Zorn in die Luft. Präsident George Bush prahlte kürzlich: "Wenn ich Massnahmen ergreife, werde ich keine 2. Millionen Dollar Rakete auf ein leeres 10 Dollar Zelt abfeuern und ein Kamel am Hintern treffen. Sie werden entscheidend sein." Präsident Bush sollte wissen, dass es in Afghanistan keine Ziele gibt, die das Geld seiner Raketten wert sein werden. Vielleicht sollte er nur um seine Ausgabenbücher zu balancieren, ein paar billigere Raketen entwicklen, um sie auf billigere Ziele und billigere Leben in den verarmten Länder der Welt zu verwenden. Aber das würde wohl für die Waffenhersteller der Koalition geschäftlich nicht viel Sinn machen. Es würde zum Beispiel für die Carlyle Gruppe überhaupt keinen Sinn machen - die von dem Industry Standard als 'das weltgrösste private Billigkeitsunternehmen' mit einem Budget von 12 Milliarden Dollar beschrieben wurde. Carlyle investiert im Verteidigungssektor, und verdient sein Geld mit militärischen Konflikten und Waffenausgaben.

Carlyle wird von Männer mit makellosen Zeugnisse geleitet. Der ehemalige U.S. Verteidigunsminister Frank Carlucci ist Vorsitzender und leitender Direktor von Carlyle (er war im College ein Zimmergenosse von Donald Rumfeld). Zu den anderen Partner von Carlyle gehören der ehemalige U.S. Innensekretär James A. Baker III, George Soros und Fred Malek (Der Wahlkampagnenleiter von George Bush Senior). Wie eine amerikanische Zeitung - die Baltimore Chronicle and Sentinel - schreibt, strebt der frühere Präsident George Bush Senior Investitonen für die Carlyle Gruppe aus dem asiatischen Markt an. Er hat Berichten zufolge keine geringen Summen für 'Präsentationen' für potentielle Regierungskunden ausgegeben.

Hm, hm. Wie man so schön sagt, es liegt alles in der Familie.

Dann gibt es da diesen anderen Zweig des traditionellen Familiengeschäfts - Erdöl. Erinnern wir uns, dass sowohl Präsident George Bush (Jr) als auch Vizepräsident Dick Cheney ihr Vermögen in der U.S. Erdölindustrie gemacht haben.

Turkmenistan, das im Nordwesten Afghanistans angrenzt, besitzt das drittgrösste Erdgasvorkommen der Welt, und Erdölreserven von schätzungsweise sechs Milliarden Barrels. Genug, um Experten zufolge die Energiebedürfnisse der Vereinigten Staaten für die nächsten 20 Jahren (oder die Energieanforderungen eines Entwicklungslandes für einige Jahrehunderte) abzudecken. Die U.S. haben Erdöl schon immer als eine Frage der Sicherheit betrachtet, und es mit allen ihnen notwendig erscheinenden Mitteln beschützt. Wenige von uns bezweifeln, dass ihre militärische Präsenz am Golf wenig mit ihrer Sorge für die Menschenrechte zusammenhängt, als mit ihrem strategischen Interesse am Erdöl.

Das Erdöl und das Gas aus der Kaspischen Region fliesst gegenwärtig nach Norden auf dem europäischen Markt. Geographisch und politisch, stellen Russland und der Iran grosse Hindernisse für amerikanische Interessen dar. 1998 sagte Dick Cheney - damaliger CEO von Halliburton, einer der wichtigsten Spieler in der Erdölindustrie: "Ich kann mich keiner Zeit entsinnen, in der sich eine Region so plötzlich als strategisch signifikant herausgestellt hat, wie der Kaspische Raum. Es ist als ob die Möglichkeiten über Nacht erschienen wären." Wie wahr.

Seit nunmehr einigen Jahren, hat ein amerikanischer Ölgigant namens Unocal mit dem Taliban über die Erlaubnis zum Bau einer Ölpipeline durch Afghanistan nach Pakistan und runter zum Arabischen Meer Verhandlungen geführt. Von hier aus hofft Unocal zu den lukrativen 'aufkommenden Märkte' in Süd- und Südostasien Zugang zu erlangen.

In Dezember 1997, reiste eine Delegation talibanischer Mullahs nach Amerika, und traf sich sogar mit Beamten des U.S. State Departments und Geschäftsführer von Unocal in Houston. Zu dieser Zeit wurde die Neigungen des Talibans zu öffentliche Hinrichtungen und seine Behandlung der afghanischen Frauen noch nicht als die Verbrechen gegen die Menschheit hingestellt die sie heute sind.

Für die nächsten sechs Monate prasselte der Druck hunderter empörten amerikanischen Frauengruppen auf die Clinton Regierung nieder. Glücklicherweise schafften sie es, das Geschäft zu verhindern. Und nun kommt die grosse Chance der U.S. Erdölindustrie.

In Amerika werden die Waffenindustrie, die Erdölindustrie, die wichtigsten Mediennetzwerke, und auch die U.S.-Aussenpolitik von denselben Geschäftskonzernen kontrolliert. Deshalb wäre es naiv zu erwarten, dass Fragen zu Waffen, Erdöl und Geschäfte der Verteidigungsindustrie von den Medien je wirklich angesprochen werden würden. Auf jeden Fall, kommen diese leere Phrasen über den 'Krieg der Zivilisationen' und 'Gut gegen Böse' Diskurs, bei einem besorgten verwirrten Volk, dessen Stolz gerade verletzt worden ist, dessen Lieben auf tragische Weise getötet worden sind, dessen Wut frisch und scharf ist, unweigerlich gut an. Sie werden auf zynische Weise von Regierungssprechern wie eine täglich Dosis Vitamine oder Antidepressiva ausgeteilt. Regelmässige Medikamenteneinnahme sorgt dafür, dass Amerika weiterhin das Geheimnis bleibt, das es schon immer gewesen ist - ein seltsam insulares Volk, verwaltet von einer pathologisch zudringlichen, zügellosen Regierung.

Und was ist mit dem Rest von uns, die stummen Empfänger dieses Sturmangriffes dessen, was wir als groteske Propaganda erkennen? Die täglichen Verbraucher der Lügen und der Brutalität, die auf Erdnussbutter und Erdbeermarmelade geschmiert, genau wie diese gelben Nahrungspakete auf unseren Verstand abgeworfen werden. Sollen wir wegsehen und essen, weil wir hungrig sind, oder sollen wir die grimmige Vorstellung, die in Afghanistan stattfindet, unverwandt anstarren, bis wir kollektiven Brechreiz kriegen und mit einer Stimme sagen, dass wir genug hatten?

Während das erste Jahr des neuen Jahrtausends sich dem Ende naht, fragt man sich - haben wir unser Recht zu träumen verwirkt? Werden wir jemals wieder in der Lage sein uns wieder Schönheit vorzustellen? Wird es je wieder möglich sein, sich das langsame, verwunderte Blinzeln eines neugeborenen Gecko in der Sonne anzusehen, oder dem Murmeltier, das gerade in unser Ohr geraunt hat hat eine Antwort zuraunen - ohne an das World Trade Center und Afghanistan zu denken?

Outlook 18. Oktober 2001 (übs. von Dana) http://www.zmag.org/ZNET.htm

ARUNDHATI ROY wurde 1960 im südindischen Bundesstaat Kerala in einer Familie syrischer Christen geboren. Ihr Vater war ein Hindu aus Bengalen. Heute lebt sie in Neu Delhi. 1996 erschien ihr Roman "Der Gott der kleinen Dinge" (Blessing Verlag), der zu einem Welterfolg wurde. Die indischen Behörden zensierten das Buch aus "moralischen" Gründen: Roy beschrieb die verbotene Liebe zu einem Unberührbaren. Als politische Aktivistin hat sie sich mehrfach massiv mit der indischen Regierung angelegt. Was sie soziologisch zur repräsentativen Stimme macht, ist die Tatsache, daß sie die Globalisierung wie einen wirklichen Schmerz, den man ihr zufügt, zu erleben scheint. "In Indien", so hat sie einmal erklärt, "erlebe ich das entsetzliche Schuldgefühl privilegiert zu sein."
 

 

Der Mensch muß dem Krieg ein Ende setzen,
oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.

John F. Kennedy

*

Das Gute, das der Mensch in dieser Welt schafft, ist sein wirklicher Reichtum.

Mohammed

 

Entwurf und Einladung zur Mitwirkung an der 'Stiftung Verantwortliche Menschlichkeit'

 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
11/2001
 


 
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www.humanistische-aktion.de/roy.htm

Aktualisiert am 06.07.02