Gewalt? Ohne mich!

Schüler als Schlichter bei Gewalt

Ein Projekt an der Gerhart-Hauptmann-Hauptschule in München
 

Seriöse Studien besagen: Jugendliche sind nicht gewalttätiger
als früher; doch wenn sie sich prügeln, dann hemmungsloser.

 

Die Gewalt an bayerischen Schulen hat in den letzten fünf Jahren nicht zugenommen. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Langzeitstudie der Universitat Eichstätt. Mittels einer Befragung von 4205 Schülern und 940 Lehrern an 205 Schulen stellen Wissenschaftler am Lehrstuhl für Soziologie fest, dass die körperliche und seelische Gewaltanwendung durch Schüler sogar geringfügig abgenommen habe. Der Studie zufolge wurden auch weniger Delikte mit Sachbeschädigung begangen als noch vor fünf Jahren. Auf die Frage, warum viele Menschen trotzdem der Meinung seien, dass die Gewalt an Schulen zunehme, hat Siegfried Lamnek, Soziologieprofessor an der Universität Eichstätt und Verfasser der Studie "Gewalttätige Schüler 1994-1999" eine Erklärung: "Die wenigsten Bürger haben eigene Erfahrungen mit Kriminalität im Allgemeinen und mit Gewalt an Schulen im Speziellen. Trotzdem entwickeln sie eine Vorstellung von diesen Phänomenen, die mangels eigener Betroffenheit überwiegend über die Massenmedien vermittelt wird. Es entstehen Bilder von der Realität, die zumeist nicht deckungsgleich mit der Wirklichkeit sind."

Nach Ergebnissen der Umfrage sind drei Prozent aller Schüler auffällig gewalttätig. Siegfried Lamnek möchte seine Studie nicht als Medienschelte ausgelegt haben, doch die Ereignisse werden "wegen des Konkurrenzdrucks sensationalistisch verschärft dargestellt".

Auch Thomas Krug, Jugendbeauftragter des Landkreises München, weiß, dass von einem "Krieg im Klassenzimmer" nicht die Rede sein kann, doch "die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen an Schulen hat zugenommen. Besorgnis erregend ist dabei, dass besonders schwere Formen von Gewalt, wie Körperverletzung, häufiger geworden sind."

Das bestätigt auch Peter Schillinger, zuständig für jugendtypische Gewaltdelikte bei der Kriminalpolizei München: "Wir von der Dienststelle müssen feststellen, dass immer mehr Kämpfe an der Schule mit Hilfe von Waffen ausgetragen werden. Das fängt beim Holzknüppel an, geht vom Messer bis hin zur Gaspistole. Häufig reicht es den Gewalttätern auch nicht mehr, ihre Kontrahenten zu besiegen. Immer öfter fängt die richtige Schlägerei erst an, wenn einer bereits am Boden liegt und der andere auf ihn eintritt."

In einem Punkt sind sich jedoch alle Experten einig: dass Gewalt oder die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, ein ernst zu nehmendes Problem darstellt. "Unsere Gesellschaft stellt den Anspruch an die Schule, dass sie Kinder zu einem gewaltfreien Miteinander erzieht. Dorthin ist es allerdings noch ein weiter Weg." Wie dieser Weg aussehen kann, weiß Thomas Krug, der mit seinem Projekt "Gewalt?! Ohne mich" seit Jahren eine präventive Arbeit an Schulen leistet. "Der Beginn von Gewalt liegt häufig im täglichen Umgang miteinander."

In Norwegen gibt es deshalb das Fach "Höflichkeit", in dem Schüler bereits an der Grundschule lernen, respektvoll miteinander umzugehen. Das allein reicht aber nicht aus. Thomas Krug stellt an alle Schulen die Forderung, ihren täglichen Freiraum zu erkennen und zu nutzen. "Die Schulen müssen weg vom Frontalunterricht. Das bedeutet zum Beispiel, den Schülern mehr Freiraum zu lassen. Warum ist es verboten, während des Unterrichts etwas zu trinken? Später im Berufsleben ist das ganz normal. Solche starren Elemente fördern nur den Druck und damit auch die Gewaltbereitschaft."

Wie man durch das Aufgreifen solcher Ideen die Atmosphäre an einer Schule erfolgreich verbessern kann, zeigt die Gerhart-Hauptmann-Hauptschule in Neuperlach. Sie wirbt mit einer eigenen Broschüre für ihr Konzept. "Der Mensch weiß erst, was Demokratie wirklich bedeutet, wenn er sie aktiv gelebt hat", heißt es dort. Lothar Mayer ist der "Außenminister" der Polis, wie sich der Schulstaat nach griechischem Vorbild nennt. Der Lehrer ist stolz auf das Projekt. "Seitdem die Schüler mehr Verantwortung an unserer Schule übernehmen, hat sich die Gewalt sowohl gegen Personen als auch gegen Sachen deutlich vermindert." Früher hatte die Schule, die auch der als "Serientäter" bekannt gewordene Mehmet besuchte, einen äußerst fragwürdigen Ruf. Seitdem der Erfolg des Projektes bekannt wurde, kann sich die Schulleitung kaum noch vor Interviewanfragen retten, auch das Interesse von anderen Schulen ist groß.

Das Erfolgskonzept ist einfach: Mitbestimmung, Eigenverantwortung und Demokratie. Lothar Mayer verweist immer wieder gern auf die dritte Säule der Polis, die seiner Meinung nach am erfolgreichsten gegen Gewalt an der Schule ist: die Rechtsprechung. "Wir haben Schüler in einem einwöchigen Seminar dazu ausbilden lassen, dass sie in Streitfällen zwischen ihren Kameraden als Schlichter vermitteln können." Obwohl das eine sehr zeitaufwändige Arbeit ist, haben sie gelernt, sich ihre Zeit einzuteilen. Wenn es Probleme zwischen Schülern gibt, die die Schlichter nicht lösen können, wird das Klassengericht angerufen. Dort entscheiden von den Schülern gewählte Richter über den Fall. Sie hören Zeugen an, erwägen Für und Wider und sprechen Recht. Damit sich die ganze Klasse einbringen kann, hat Lothar Mayer sich angewöhnt, das Klassengericht während des Unterrichts tagen zu lassen. "Freiraum im Lehrplan gibt es genügend, gerade an der Hauptschule", meint er. "Besser kann man Unterricht nicht lebendig gestalten. Die Schüler lernen, sich zu artikulieren, Protokoll zu führen, und vor allem lernen sie, wie Demokratie funktioniert."

Maximilian Strnad

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift BISS 4/2000 unter dem Titel 'Das Phantom der Schulen'.
 

 

Der Mensch weiß erst, was Demokratie wirklich bedeutet, wenn er sie aktiv gelebt hat.

 

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Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
5/2000
 


 
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Aktualisiert am 29.02.08