Selbsthilfe

trägt auch eine politische Hoffnung
 
Ein Gespräch mit Professor Dr. Heiner Keupp über die vielen Formen der Hilfe

 

Heiner Keupp, Jahrgang 1943, ist seit 1978 Professor für Sozial- und Gesundheitspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Spezialgebiete sind die Identitätsforschung und die Bedeutung sozialer Netzwerke. Daneben war und ist er an zahlreichen praktischen Projekten beteiligt wie etwa der Zukunftskommission der Bayerischen und Sächsischen Landesregierung oder dem "Gesundheitsprojekt", das die gesundheitlichen Auswirkungen der erschwerten Identitätssuche in unserer Zeit untersucht. Auch für München hat Keupp einiges in Bewegung gesetzt: Vor Jahren baute er den ambulanten Dienst der sozialen Psychiatrie sowie den gerontopsychiatrischen Dienst für verwirrte alte Menschen auf.

 
Liegt es in der Natur des Menschen, helfen zu wollen?

Professor Dr. Heiner Keupp: Die Frage beschäftigt die Philosophie ja schon seit jeher. Die abendländische Philosophie hat im Grunde ein Bild vom Menschen als eiskalten Egoisten gezeichnet, der erst durch den Staat dazu gezwungen wird, sozial zu werden. Das kennen wir auch vom Christentum, in dem der Egoismus, der "alte Adam" oder der "innere Schweinehund", den eigentlichen Wesenskern des Menschen ausmacht und den es zu überwinden gilt. Die empirische Wirklichkeit sieht anders aus. Natürlich gibt es jeden Tag Beispiele von gnadenlosem Egoismus und der Bereitschaft, Menschen hängen zu lassen und ihnen nicht zu helfen. Aber es gibt auch genügend Gegenbeispiele: Deutsche, die im "Dritten Reich" unter Lebensgefahr Juden versteckt haben, Menschen, die spontan helfen, wenn jemand unmittelbar in Not gerät, zum Beispiel hinfällt oder angegriffen wird, Menschen, die kranke Freunde oder Verwandte pflegen oder sich in Hilfsorganisationen engagieren.

Warum helfen Menschen manchmal nicht?

Keupp: Man sollte sich fragen, in welcher Situation sich diese Menschen befinden. Manchmal hält Angst vom Helfen ab - das ist nur menschlich und kein Ausdruck von Egoismus. Gelegentlich trauen wir uns nicht, weil wir uns nicht kompetent genug fühlen oder Angst haben, etwas falsch zu machen - zum Beispiel bei erster Hilfe von Verletzten. Manchmal ist die Situation so anonym, dass man sich schlicht nicht verantwortlich fühlt für das, was da in nächster Nähe vor sich geht. In der Stadt geht man an so vielen Situationen vorbei, in denen man im Dorf eingreifen würde. In Bereichen, in denen sich Menschen verantwortlich fühlen, wie zum Beispiel der eigenen Familie oder Freunden, sozusagen dem eigenen "Stamm", gegenüber, in diesen Bereichen ist eine sehr, sehr große Hilfsbereitschaft vorhanden. Aber auch diese Hilfe stößt an Grenzen, vor allem dann, wenn dauerhafte Pflege- und Hilfeleistungen gefordert sind. Hier würde dauerhaft unsere Zeit und Flexibilität einschränkt werden, was wir mit beruflichen Anforderungen nicht vereinbaren könnten. Das ist kein Egoismus. Die moderne Gesellschaft fordert eben ein hohes Maß an Flexibilität und Zeitmanagement - da kann man nicht drum herum. Hilfe besteht in solchen Situationen auch darin, eine gute professionelle Hilfe zu organisieren.

Ist Helfen immer so uneigennützig, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint?

Keupp: Hilfe ist auf Dauer für beide Seiten nur akzeptabel, wenn sie auf Wechselseitigkeit beruht. Wenn ich das Gefühl habe, ich werde ständig nur gebraucht und ausgesaugt, bekomme aber nichts zurück, dann ist das schlecht. Das, was im Gegenzug geleistet wird, muss nicht das Gleiche sein. Die Vorstellung: Wenn ich helfe, dann muss es selbstlos sein und ich darf nichts zurückerwarten, diesen Gedanken halte ich für grundlegend falsch. Ich denke, jeder Mensch, der hilft, bekommt etwas zurück, und sei es nur ein positives Gefühl. Wenn Menschen, um sich ein gutes Gefühl zu holen oder um für sich selbst PR zu machen, sich zu den Hilfsbedürftigen geradezu "runterbeugen", dann wird es bedenklich. Hier wird Helfen zum Statusmerkmal. Da können Hilfsbedürftige missbraucht werden.

Erzeugt Helfen Abhängigkeit?

Keupp: Nicht notwendigerweise, aber es ist oft so. Wenn die Bilanz zwischen Geben und Nehmen nicht stimmt, gar nicht stimmen kann, dann bedeutet das zumindest psychische Abhängigkeit. Manchmal ist Hilfe auch ein missverstandenes Engagement, mit dem Hilfsbedürftige fast vergewaltigt werden. Die "Hilfeopfer" werden nur instrumentalisiert, um den Helfern ein bestimmtes Gefühl zu geben - sei es Macht oder sei es Lebenssinn. Man kennt das vor allem von Betreuungsverhältnissen gegenüber älteren Menschen. Zumeist Frauen entwickeln da mitunter ein regelrechtes "Helfersyndrom". Diese Frauen sehen sich nur selbstverwirklicht, wenn sie sich für andere aufopfern. Meistens ist das auch nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Im Verhältnis zwischen Helfer und Bedürftigem erzeugt es jedoch latente und wachsende Aggressionen.

Welche Rolle spielt die Familie?

Keupp: Das primare Netzwerk von Mutter und Vater gibt uns in den ersten Lebensjahren ein Übermaß an Unterstützung und Lebenshilfe. Ohne das wären wir gar nicht lebensfähig. Später verändern sich die Relationen, und gerade bei älter und pflegebedürftig werdenden Eltern zeigen Kinder dann eine große und selbstverständliche Hilfsbereitschaft. Familie ist auch der Rahmen, in dem man die "saubersten" Formen der Hilfe, des Gebens und Nehmens, beobachten kann, weil es sich hier um keine zweckorientierte Hilfe handelt.

Was steckt hinter dem Gedanken der Selbsthilfe?

Keupp: Das uralte Prinzip, dass Menschen aus eigener Kraft und mit wechselseitiger Unterstützung ihren Alltag bewältigen. Doch erst seit 20 Jahren kann man von einer richtigen Selbsthilfebewegung sprechen. Sie ging vor allem aus den Bereichen Gesundheit, Frauen und Senioren hervor. Der heutige Medizinbetrieb weist, wie wir wissen, einige Defizite auf. Er bietet häufig nur rein medizinisch-technische Lösungen für Krankheiten an, doch gibt er meistens keine Bewältigungsangebote für Patienten und ihre Angehörige und deren teilweise dramatischen Alltagsprobleme. Deswegen haben sich unterhalb, neben oder gegen diese durchrationalisierten Systeme Selbsthilfebewegungen entwickelt, die je nachdem mit dem System zusammenarbeiten, es ergänzen, oder sich bewusst davon distanzieren oder politisch dagegen arbeiten. Da wäre zum Beispiel die Berliner "Irrenoffensive" zu nennen, die zur Flucht aus der Anstaltspsychiatrie aufruft und ein "Weglaufhaus" eingerichtet hat. Hinter dem ungeheuren Anklang der Selbsthilfebewegung bei den Bürgern steckt aber wohl auch das Bedürfnis des Menschen, sich nicht nur verwalten zu lassen, wie das unsere staatlichen Systeme oft genug tun.

Es ist unstrittig, dass es oft viel effektiver ist, wenn Betroffene Lösungen für ihren Alltag entwickeln, als wenn sie von professionellen Helfern vorgeschlagen würden.

Wie funktioniert angemessene "Hilfe zur Selbsthilfe"?

Keupp: Hilfe zur Selbsthilfe" bedeutet, dass Menschen durch fremde Hilfestellung wieder auf eigene Beine kommen. Das ist letztlich die Idee, die hinter allen professionellen Helferberufen steht. Doch nicht selten verstehen sieh Helfer im Sinne einer "fürsorglichen Belagerung". Dagegen steht die Empowerment-Idee. Ihr zufolge geht es nicht darum, die eigene Stärke auszuspielen - so wie das letztlich die Schulmedizin tut, indem sie erwartet, dass der Patient sich dem Arzt unterwirft, sondern man muss die Stärken des anderen wecken und fördern. Viele professionelle Helfer sind durch die Selbsthilfebewegung in diesem Punkt herausgefordert worden und müssen über ihr Selbstverständnis nachdenken.

Sie waren Mitglied des ersten Selbsthilfebeirats der Stadt München. Warum wurde damals die Notwendigkeit für eine solche Institution gesehen?

Keupp: In München ist die erste Selbsthilfe-Initiative aus dem "Gesundheitsladen" herausgewachsen. Wie gesagt, bestand vor allem im durchverwalteten Medizinbereich ein großer Bedarf für eine Stärkung der Konsumentenseite. Anfangs stand ich dieser Entwicklung sogar noch etwas skeptisch gegenüber. Ich hatte die Sorge, dass sich der Sozialstaat damit aus der Verantwortung stehlen würde und so eine gute Ausrede hätte, sich zurückzuziehen. Wir forderten zu der Zeit einen Staat, der eine möglichst umfassende sozialpolitische Versorgung gewährleisten sollte. Trotzdem hatten wir aber auch das Gefühl, dass etwas fehlt in unserem Wohlfahrtssystem, dass es nicht alle Bedürfnisse abdeckt. Vielleicht hatte unsere 68-Generation auch ein latentes Misstrauen, der Obrigkeit die Sozialpolitik ganz alleine zu überlassen. Der basisdemokratische Impuls hat zumindest eine Rolle gespielt. Selbsthilfe trägt also auch eine politische Hoffnung.

Wie bewerten Sie die Arbeit der Münchner Selbsthilfe-Initiative heute?

Keupp: Die Selbsthilfebewegung hat sich in München sehr positiv entwickelt und sucht in der Bundesrepublik ihresgleichen. Das liegt zum einen daran, dass die reiche Stadt München viel in die Selbsthilfe-Initiativen investiert hat, zum anderen, dass das Sozialreferat den einzelnen Initiativen sehr offen gegenüberstand. Es hat sie nicht wie Bittsteller behandelt, sondern intensiv beraten und damit gefördert. Da muss man wirklich ein großes Lob aussprechen: Daß so genannte Fördermilieu der Stadt München ist ausgezeichnet. Natürlich hat sich diese Investition auch gelohnt. Eine Studie ergab vor einigen Jahren, dass jede in den Selbsthilfebereich investierte Mark sich für die Stadt vierfach ausgezahlt hat, weil die Menschen eben wieder auf die eigenen Beine kommen und keine kommunalen Hilfeleistungen in Anspruch nehmen müssen. Das sollte anderen Gemeinden und Städten, die der Selbsthilfe immer noch skeptisch gegenüberstehen, vielleicht ein Ansporn sein.

Das Gespräch führte Cécile Prinzbach

BISS 12/2000 - BISS ist ein Zeitungsprojekt, das Bürgerinnen und Bürgern in sozialen Schwierigkeiten hilft, sich selbst zu helfen.

 
BISS-INTERN

Das Rad nicht neu erfinden

Vermutlich habe ich schon so manchen wohlmeinenden Menschen verärgert, als ich gebrauchte Kleidung nicht annahm, sondern auf andere Einrichtungen verwies. Aber ich halte nichts davon, aus "geschäftspolitischen" Gründen so zu tun, als wären wir dankbare Abnehmer, um die Sachen dann selbst zum Container zu bringen.

Es ist Teil unseres Konzepts, keine Hilfe anzubieten, die bereits von Wohlfahrtsverbänden oder privaten Initiativen offeriert wird. Wir möchten uns nicht verzetteln, stattdessen unsere ganze Kraft für die Wiedereingliederung obdachloser und armer Menschen einsetzen. Das heißt, dass wir erstens dafür sorgen, dass unsere Verkäufer eine gute Zeitschrift verkaufen können, die es ihnen ermöglicht, Kontakte zu ihren Kunden zu knüpfen. Und zweitens, dass wir unseren Verkäufern zu Wohnung und Arbeit verhelfen und dazu beitragen, dass ihr Neubeginn nicht durch alte Schulden beeinträchtigt wird. Das allein ist "unser Ding". Und wann immer wir das erreichen, lösen sich die meisten sozialen Schwierigkeiten unserer Verkäufer wie von selbst.

Wir geben keine Almosen, verteilen keine selbst gestrickten Pullover. Das heißt nicht, dass die Arbeit von Projekten, die dies tun, nicht wichtig ist, sondern, dass wir uns auf unsere ureigenste Sache, die nur eine Straßenzeitung leisten kann, konzentrieren. Wir möchten das Rad nicht neu erfinden, sondern sind dankbare Nutzer des guten Münchner Hilfesystems, ohne das Selbsthilfe gar nicht funktionieren würde.

Um unsere Ziele zu erreichen, brauchen wir mehr Geld, als wir selbst erwirtschaften können. Deshalb bitten wir Sie immer wieder um Hilfe. Aber wir betteln nicht, wie kürzlich der Vorsitzende des Stiftungsrates der "Deutschen Bank Stiftung" Alfred Herrhausen in einem ansonsten sehr gelungenen Workshop mit sozialen Projekten meinte. Wir möchten Sie mit unserer Zeitschrift und unserer Arbeit überzeugen und möchten, dass Sie stolz darauf sind, eine der tragenden Säulen von BISS zu sein. Wir freuen uns über jeden Käufer der Zeitschrift und über jede Spende, ob klein oder groß, denn wir haben noch viel vor, das wir nur gemeinsam mit Ihnen realisieren können Doch wir sind keine Spendenjäger und Bettler. Es gibt viele andere soziale Projekte, die ebenfalls Unterstützung verdienen, und Sie entscheiden, wen Sie unterstützen.

Für die Hilfe, die Sie BISS im vergangenen Jahr so großzügig angedeihen ließen, danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Und wenn ich bei unserer Weihnachtsfeier in die heiteren Gesichter unserer Verkäufer sehe, dann hoffe ich immer, dass Sie etwas von dieser Freude, die Sie schenken, zurückbekommen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde und Gönner, frohe Weihnachten und ein gesundes und friedliches neues Jahr.

Ihre dankbare Hildegard Denninger

BISS 12/2000 - BISS-Redaktion: info (at) biss-magazin.de - www.biss-magazin.de
 

 

Die beste Hilfe ist die zur Selbsthilfe

 

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.: www.dag-selbsthilfegruppen.de

 
Texte zum Thema Kommunikation
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
12/2000
 


 
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Aktualisiert am 15.12.03