Gedanken zum Stolz

Stolz, ein Deutscher zu sein?
 

Dieses Thema war lange Gegenstand von Diskussionen in den Medien. Das zeigt die Bedeutung von Begriffen wie Stolz für das Gefühl und die Identität und von den Zusammenhängen, gegenseitigen Abhängigkeiten und Wirkungen.

Es erhöht meist das Selbstwertgefühl, wenn das Bekenntnis zu einer größeren, allgemein anerkannten Gruppe angesprochen wird. Zumindest bei denjenigen, die noch nicht ausreichend ihren eigenständigen, selbstbestimmten Selbstwert gebildet haben und vielleicht außerdem noch diskriminiert werden. Der schnelle und bequeme Zugewinn an individuellem Selbstwert durch die Anleihe an einen fremden, kollektiven Wert hat nicht selten seine unangenehmen Nebenwirkungen, vor allem dann, wenn der kollektive Wert ein abgrenzender und der individuelle Selbstwert zu gering ist sowie Bedrohung und Manipulation im Spiel sind.

Stolz ein Deutscher zu sein, das kann in manchen Ländern noch immer oder bereits wieder auf Ablehnung stoßen. - Im Baskenland kann es vermutlich gefährlich werden, stolz wie ein Spanier zu sein. - Wie wenig Sinn es macht, auf etwas stolz zu sein, das einem ohne eigenes Verdienst zugefallen ist, das zeigen Beispiele wie: stolz, ein Mann, eine Frau, ein Mensch zu sein.

Es gibt Wörter, deren Bedeutung sich gewandelt hat, oder die heute nicht mehr angebracht sind und mitunter sogar peinlich wirken. Auch die Zusammenhänge spielen da eine Rolle. Wenn beispielsweise von Helden die Rede ist, dann mag dies bei griechischen oder germanischen Mythen keine Schwierigkeiten machen, anders ist das schon bei der Verwendung für Zeitgenossen.

Bei der Anwendung des Wortes höflich denkt sich noch kaum jemand etwas in Bezug auf die Herkunft, obwohl heute das Wort freundlich sinnvoller wäre.

Ein Groß-Deutschland beispielsweise wird bei uns heute kein vernünftiger Mensch mehr fordern, und auch ein Groß-Serbien nur noch wenige Serben, anders ist es bei Groß-Britannien, dem allgemeinen Ansehen dieses Begriffes hat seltsamerweise auch die wenig rühmliche Kolonialgeschichte des - gern als Mutterland der Demokratie angeführten - Vereinigten Königreich Englands wenig geschadet.

Selbst der Begriff Gott für den höchsten Wert vieler Menschen ist für nicht wenige durch Mißbrauch und beliebige Auslegung und Benutzung zum Unwort geworden und könnte durch 'verantwortliche Menschlichkeit' ersetzt werden, wenn es um einen umsetzbaren höchsten Wert geht. Stolz sein könnte dann jeder, der sich selbst und anderen gegenüber eingestehen kann, nicht alles erkennen und glauben zu müssen und trotzdem eine praktikable Orientierung für eine sinnvolle Lebensgestaltung zu haben.

Rudolf Kuhr

 

Zitate zum Stolz

 
Je dicker die Bretter, je tiefer der Bolz;
je dümmer der Bengel,
je größer der Stolz.

Sprichwort

*

Die Demut ehre du, und zu der Demut Ehren sei gegen Stolz, um Demut sie zu lehren.

Friedrich Rückert (Weisheit des Brahmanen)

*

Bei sich zu Hause ist der Hund am stolzesten.

Sprichwort

*

Den Stolz hat man umsonst, das Brot muß man kaufen.

Sprichwort

*

Die Unglücklichen und die Schlaflosen sind immer ein bißchen stolz auf ihr Malheur.

Bertrand Russell

*

Ein Mensch sagt und ist stolz darauf, ich geh' in meiner Arbeit auf!
Doch bald darauf - nicht ganz so munter - geht er in seiner Arbeit unter.

Eugen Roth

*

Im Glück sei niemals stolz, im Unglück edelmütig.

Sprichwort

*

Je größer der Mann, um so geringer der Stolz.

Christian Friedrich Hebbel

*

Was du erhältst, nimm ohne Stolz an! Was du verlierst, gib ohne Trauer auf!

Marcus Aurelius

*

Was wir bei uns Stolz nennen, nennen wir bei anderen Aufgeblasenheit.

Heinz Hilpert

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Wird Stolz sich seiner bewußt, so ist es Eitelkeit.

Walther Rathenau

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Wer den höchsten Gipfel erstieg, ist zu stolz, auf dem zweiten sich zu zeigen.

Friedrich Gottlieb Klopstock

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Gott höhet alle Güte,
Erniedrigt stolz Gemüte.

Vridankes Bescheidenheit

*

Nicht gierig, stolz, gewaltsam sei auf Erden,
Aus Staub bist du, darfst nicht zu Feuer werden.

persisch

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Wer stolz ist, verzehrt sich selbst; Stolz ist sein eigner Spiegel,
seine eigne Trompete, seine eigne Chronik!

Shakespeare (Troilus u. Cressida)

*

Setzt dem stolzen Manne Gleichgültigkeit entgegen, und ihr nehmt seiner Macht den Stachel!

F. M. v. Klinger

*

Wer stolz auf Vorzüg' ist, fühlt irgend ein Gebrechen;
Und wer sich brüsten mag, ist sich bewußt der Schwächen.

Friedrich Rückert (Weisheit des Brahmanen)

*

... mache dich nicht stolz, wenn man deiner bedarf!

Jes. Sir., K. 10, V. 29

*

Wer stolz ist, ist auch grob.

Sprichwort

*

Den Stolz des erhabenen Herzens
Bändige du in der Brust; denn freundlicher Sinn ist besser.

Homer (Ilias)

*

Stolz ist die Maske der eignen Fehler.

Talmud

*

Der höchste Stolz und der höchste Kleinmut ist die höchste Unkenntnis seiner selbst.

Baruch Spinoza (Ethik)

*

Der Stolz frühstückt mit dem Überfluß, speist zu Mittag
mit der Armut und ißt zu Abend mit der Schande.

Benjamin Franklin

*

Was ist mein Stand, mein Glück und jede gute Gabe?
Ein unverdientes Gut.
Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe,
Vor Stolz und Übermut.

C. F. Gellert

*

... so beruhet unser Stolz meistens auf unsrer Unwissenheit.

G. E. Lessing

*

Je weniger jemand ist, je mehr Stolz wird er haben, und je geneigter wird er sein,
an anderen Fehler, gute Eigenschaften aber nicht zu bemerken.

E. C. von Kleist

*

Aller Stolz ist defensiv, der Verteidiger der Stelle, die leer ist.

K. L. von Knebel

*

Dem verblendeten Stolz fehlt es nie an Worten.

G. C. Lichtenberg

*

Es ist leichter, einen Berg mit einer Nadelspitze aus seiner
Wurzel zu heben, als Stolz aus dem Herzen zu reuten.

G. E. Lessing

*

Stolz ist das Gefühl seines bestimmten Werts und durchaus lobenswert.

J. G. Seume

*

Der Stolz, den man wirklich nicht aufgeben soll, bleibt jedem rechtlich Gesinnten dennoch.
Diesen sollte man aber nicht Stolz, sondern richtig abgewägtes Selbstgefühl nennen.

W. von Humboldt

*

Adelstolt sitzt auf hölzernem Pferde,
Bauernstolz wälzt sich auf der Erde,
Bürgerstolz geht auf hohen Hacken,
Geldstolz steht auf gelben Schlacken,
Dichterstolz fliegt in den Himmel hinein;
Wo mag der stolzeste Stolz wohl sein?

Wilhelm Müller

*

Den Stolz hat Gott noch stets vernichtet
Und Demut immer aufgerichtet.

Karl Immermann

*

Aller Stolz zerrinnt wieder am Stolz oder - an einem demütigen Herzen.

Bilder ohne Rahmen

*

... je größer den Mann, um so geringer der Stolz.

Friedrich Hebbel

*

Der wahre Stolz ergreift für sich nicht selbst das Wort.

Karl Gutzkow

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Wo Stolz ist, da ist auch Schmach.

Spr. Sal., K. 11, V. 2

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Bei seinem Stolz den Narren man kennt,
Denn Stolz von stultus wird genennt;
Wir Teutschen han verstanden wohl,
Wie man den Stolz benennen soll.

Alter Spruch

*

Je gewaltiger du immer bist,
Desto weniger stolz dir ehrlich ist.

Alter Spruch

*

Stultus ein Narr heißt zu Latein;
das trifft mit dem Worte Stolz recht ein,
Nam stultus Stolz und Narr ein Tor,
Eins gibt dem andern wenig vor;
Allein Herr Stolz, der ist ein Held,
Dem Stultus Pferd und Wagen hält.

Alter Spruch

*

Die Stolzen sind der Welt zur Pein.

Euripides (Hippolytos)

*

Demütigung beschleicht die Stolzen oft.

Goethe

*

Ach, daß die Stolzen müßten zuschanden werden!

Ps. 119, V. 78

*

Der dümmste Stolz ist der Nationalstolz

Arthur Schopenhauer

*

Torheit und Stolz
Wachsen auf einem Holz.

Alter Spruch

*

Stolz ist die Maske der eigenen Fehler.

Talmud

*

Die Wissenschaft, richtig verstanden, heilt den Menschen
von seinem Stolz; denn sie zeigt ihm seine Grenzen.

Albert Schweitzer

 
 

Erklärung

stolz mh. ah. stolz, pl. stolt, kaum von lt. stultus töricht, eher z. Stelze urspr. steif aufgerichtet;
entl. afz. estout (woher eng. stout); ~ieren (mit fremder Endung); ~enfels zum steilen Berge.

(aus 'Wasserzieher: Woher? - Ableitendes Wörterbuch der deutschen Sprache')

 

Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich über die zu erheben,
die noch genau so unwissend sind, wie du vor ein paar Jahren.

humanistisch

*

Begriffe

Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr wichtig.
Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann.

Bertolt Brecht

*

Begriffe sind geistige Werkzeuge, man muß sie hin und
wieder nachschärfen um genaue Werke zu erzeugen.

*

Unklarheit der Begriffe ist von größter Schädlichkeit.

Goethe

*

Texte zum Thema Identität
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION

5/2001

Kritik, Anregungen zu Form und Inhalt Dialog sowie unveränderter Nachdruck bei Quellenangabe
und Belegexemplar erwünscht. Kürzungen und Änderungen nach Absprache möglich.
 
 
 


 
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Aktualisiert am 08.04.04