Trennung von Staat und Kirche?

Gründe - Widersprüche - Denkanstöße
 

Laut Grundgesetz sind Staat und Kirche getrennt. Die Realität sieht anders aus. Das Problem ist, die Forderung nach Trennung ist in der Praxis nicht nur eine Frage des Rechtes. Es ist ein Machtkampf. Recht haben und Recht bekommen sind bekanntlich zweierlei. Auf der einen Seite stehen die Gefühle im Vordergrund, auf der anderen Seite der Verstand. Bei diesen unterschiedlichen Positionen wird es keine befriedigende Lösung geben können. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so, wie es scheint. Vielleicht sind es auch auf der Seite derer, die sich auf das Recht berufen, lediglich die Gefühle, die sie antreiben? Vielleicht würde es zur Klärung und zum gegenseitigen Verständnis beitragen, wenn die Gefühle beider Seiten deutlich genannt würden.

Die eine Seite fühlt sich besser, wenn alles so bleibt wie bisher, die andere fühlt sich offensichtlich nicht wohl, darum will sie die bestehenden Verhältnisse nicht tolerieren. Warum nicht? Geht es letzteren nur um das Recht aus Prinzip, oder geht den Befürwortern der Trennung tatsächlich persönlich etwas verloren, wenn es so bleibt, wie es ist? Wenn es nur um die Durchsetzung des Rechts aus Prinzip ginge und eine Volksabstimmung hier möglich wäre, dann würde nach Meinungsumfragen die Mehrheit dafür stimmen, daß alles so bleibt. Damit wären die sich im Recht Wissenden vermutlich auch nicht einverstanden, obwohl sie als Demokraten ja das Recht der Mehrheit im Prinzip befürworten.

Die Befürworter der Trennung sind also - wenn sie nicht nur aus zwanghafter Streitlust aktiv sind - aufgefordert, sich über ihre eigenen Gefühle Gedanken zu machen, auch wenn ihnen das als überwiegend kopflastige Menschen nicht leicht fallen dürfte. Ist es doch gerade der Gefühlsbereich, den sie so erfolgreich verdrängen, und der sie daran hindert, die Gegenseite in ihren Bedürfnissen zu verstehen und anzuerkennen. Wenn sie sich vorwiegend verstandesmäßig gegen die Verletzung des Rechts-Prinzips wehren, dann stellen sie sich auf die gleiche Stufe mit den Abtreibungs-Gegnern, denen die Gefühle und das Schicksal der Frau ziemlich gleichgültig sind. Wehren sie sich unter Zuhilfenahme des Rechts aber vorwiegend gefühlsmäßig gegen eine eigene Zurücksetzung als Minderheit, dann sind sie schlechte Demokraten, denen die Bedürfnisse der Mehrheit gleichgültig sind.

Es sind also stärkere Argumente als nur die juristischen und die persönlichen einzusetzen, wenn Glaubwürdigkeit und wirklich Erfolg angestrebt werden. Im Rahmen dieser Abhandlung soll nur kurz angerissen werden, was gemeint ist. Der Fantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Es müßten Argumente sein, die schnell einsichtig im Interesse beider Seiten liegen. Trennung von Staat und Kirche ist erforderlich, wenn unsere Demokratie stabilisiert und mehr als bisher verwirklicht werden soll, denn Demokratie braucht mündige Menschen, und die Kirche behindert bzw. verhindert diese Mündigkeit. Die Weimarer Republik ist vor allem daran gescheitert, daß die Bürger hierarchische Strukturen verinnerlicht hatten, die auch heute noch durch Kirche und Schule vermittelt werden. Die Kirche lehnt die Demokratie in ihrer Institution offen ab, weil diese ihre Kirche von Gott gestiftet sei.

Hier an diesem Punkt des entmündigenden Vorbildes von einem Führerprinzip - Christus, der Messias, der Gesalbte, der König, Erlöser, Heiland, Hirte, Retter, also Führer - wäre mit der Kritik anzusetzen, wobei nicht einmal dem Atheismus das Wort geredet werden müßte, sondern einer viel einfacheren, bescheideneren und ehrlicheren Haltung, dem Agnostizismus. Wer heute noch behauptet, er wisse, was Gott für andere will, der ist mindestens unredlich. Kaum weniger redlich ist der, der allgemein behauptet, es gäbe keinen Gott. Solange es Politiker gibt, die öffentlich ihren Amtseid ergänzen mit der Formel "so wahr mir Gott helfe", solange gibt es Gott, zumindest in deren Vorstellung, und ein toleranter Realist muß das akzeptieren, ohne damit einen solchen Politiker wählen zu müssen.

Nicht akzeptiert werden sollte aus Gründen des Menschenrechts und der Menschenpflicht, daß bereits Kinder an geistige Drogen herangeführt werden. Nichts anderes ist eine Heilslehre, die zur Abhängigkeit von einer beliebig interpretierbaren, imaginären Autorität, anstatt zur Eigenverantwortung und in Notlagen zum Hilfeersuchen an die menschliche Gemeinschaft führt. Der 1995 in Gottes Namen verübte Mord an dem israelischen Politiker Rabin, der von seinen Gegnern als Gottesgericht begrüßt wurde, sollte endlich alle Menschen guten Willens dazu veranlassen, den Begriff Gott zu meiden und Kinder ihre eigenen religiösen Vorstellungen entwickeln zu lassen. Die Kinder-Taufe mit der damit einhergehenden Indoktrinierung und rechtlichen sowie psychischen, oft lebenslangen Bindung an die Kirche verstößt gegen die der Menschenwürde entsprechenden freien Entfaltung der Persönlichkeit und muß von verantwortungsbewußten Menschen entschieden abgelehnt werden.

Man sollte sich zur heiligsten Pflicht machen, dem Kinde nicht zu früh einen Begriff von Gott beibringen zu wollen. Die Forderung muß von innen heraus geschehen, und jede Frage, die man beantwortet, ehe sie aufgeworfen ist, ist verwerflich. Das Kind hat vielleicht seine ganze Lebenszeit daran zu wenden, um jene irrigen Vorstellungen wieder zu verlieren.  Friedrich von Schiller

Aufgabe der Befürworter einer Trennung von Staat und Kirche wäre es, ein detailliertes Welt- und Menschenbild als geistige Lebensgrundlage zu entwerfen und zu verbreiten, das auch denen einen Sinn und Halt gibt, die noch fähig sind, eine ganzheitliche - auch gefühlsmäßige - Verbundenheit zu ihrer Mitwelt zu erleben. Ebenso wäre es eine wichtige Aufgabe für die Befürworter, durch praktische Beispiele unter Beweis zu stellen, daß auch ohne die Kirche karitative Einrichtungen und menschliche Gemeinschaften möglich sind. Mit Konfessionslosigkeit, Liberalismus, mit Bürgerrechten und Wirtschaftswachstum allein ist eine menschliche Gesellschaft langfristig kaum zu stabilisieren. Ein Bekenntnis zum universellen Humanismus dagegen, zu einem alle Menschen vereinenden Menschentum, könnte uns vielleicht eher weiterhelfen und nicht nur zu einer Trennung von Staat und Kirche, sondern vielleicht auch eher zu einer Trennung der Zweifelnden von ihrer Kirche oder sogar zu einer humanistischen und agnostischen Kirche führen.

Humanismus als ethische Orientierung mündiger Menschen, was spricht dagegen?

Rudolf Kuhr

 

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11/1995,2

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Aktualisiert am 08.07.02