Contra Sloterdijk & gegen den modischen Anti-Humanismus

 

Humanismus und kritische Theorie

Nach ihrer jüngsten Verabschiedung

Von Christoph Türcke

 
Das Wort Humanismus gibt es erst seit 1808. Friedrich Immanuel Niethammer hat es als pädagogischen Kampfbegriff geprägt: für das altsprachliche Gymnasium als Ort umfassender Menschenbildung, gegen die Realschule und ihr Konzept, für Berufsbedarf auszubilden. Humanismus wurde freilich bald mehr: das Kennwort für ein ganzes Kulturprogramm. Und all die deutschen Bildungsbürger, die sich durch dies Wort repräsentiert fühlten, waren sich einig, daß es seine Berechtigung, seine Seele, seinen Adel allein durch etwas weit Zurückliegendes empfange: die alten Griechen. Homer und Hesiod, die attischen Tragödien- und Komödiendichter, die Philosophen von Thales bis Aristoteles, (die Architekten und Bildhauer der Akropolis, die Rats- und Gerichtsversammlungen der Polis, der freie Austausch von Waren und Gedanken auf der Agora, die Gymnasien, die Olympischen Spiele: Sie alle sollten die Beweisstücke dafür sein, daß zwischen dem 8. und 4. vorchristlichen Jahrhundert im Mittelmeerraum ein Menschenschlag existiert hat, dem derart günstige Bedingungen und Anlagen beschieden waren, daß er sein sinnliches, sittliches und geistiges Potential aufs schönste zu entfalten vermochte.

Ein kongenialer historischer Nachhall wurde ihm noch zuteil: im Rom der späten Republik und beginnenden Kaiserzeit. Dort wurde, durch Cicero, auch erst das Wort gefunden, das ihn, seine spezifische Haltung und Würde, seine Umgänglichkeit und Bildung, seinen Sinn für Geschmack, Takt und Schicklichkeit umfassend charakterisierte: humanitas. Dann ist er untergegangen und - mit ihm die ganze Antike.

Als aber im Oberitalien des 15. Jahrhunderts ein neuer, bürgerlicher Gelehrtentypus Kontur gewann, der sogenannte humanista, den eher ästhetische Reize erregten als metaphysischer Scharfsinn, eher die Kuriositäten der Natur und die Ruinen der Antike als die Kirchenväter, eher die studia humanitatis, als die studiadivinitatis, da schien der alte untergegangene Menschenschlag in neuer Gestalt, in neuen Verhältnissen wieder aufzuleben. Das Wort dafür (erst ab Mitte des 19.Jahrhunderts übrigens!): Renaissance. Und wenn das Italien des 15. und 16. Jahrhunderts aufs glänzendste bewies, daß eine Renaissance antiker humanitas möglich war, warum sollte sie nicht ein zweites Mal möglich sein? Der Begriff Humanismus spekuliert, sei's insgeheim, sei's offen, von vornherein auf eine zweite Renaissance, und zwar eine, die nicht wieder untergehen soll wie ihre historischen Vorbilder.

Im Begriff des Humanismus steckt eine ganze Geschichtsphilosophie: die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter und die Vision, man könne es in verwandelter Gestalt wieder einholen. Ob Niethammer oder Humboldt, Winckelmann, Schiller oder Goethe - irgendwie haben alle Vorläufer und Vorkämpfer des Humanismusbegriffs teil an der Vorstellung, die uns überlieferten Prachtstücke griechischen Altertums repräsentierten das Leben der alten Griechen. Weit gefehlt; sie sind bloß eine hauchdünne Firnisschicht darauf. Die große Menge von Sklaven, Frauen, Heloten und fahrendem Volk hat davon nichts oder nur Minimales zu spüren bekommen. Ähnliches gilt für die italienische Renaissance. Den Tuchwebern etwa, die sich in Florenz zum Aufstand gegen ihre unerträglichen Arbeitsbedingungen zusammenrotteten, hätte die Rede von der Wiedergeburt der humanitas nur als zynische Fremdsprache erscheinen können - kaum anders als den vielen ständig von Intrigen, Gift und Dolch bedrohten Höflingen und Bürgern, deren zermürbender Unsicherheitszustand den Cantusfirmus von Machiavellis politischen Schriften bildet.

Aber nicht nur ein trügerisches Geschichtsbild birgt der Humanismus - auch ein problematisches Menschenbild. Der sein eigenes sinnliches, sittliches und geistiges Potential voll entfaltende Mensch: Wie ist der denn eigentlich vorgestellt worden? Vorwiegend als Mann, Europäer, Bürger. Das nötige Privateigentum, eine zartfühlende Gattin samt Kindern und Hausgesinde, Sitz und Stimme im Rat sind dabei immer schon mitimaginiert als der wohlsituierte Hintergrund einer bürgerlichen Gesellschaft, ohne den es mit der ganzen schönen Entfaltung nichts wäre. Das Bild dieses Menschen ist vorab das Bild eines Privilegierten, das deshalb Halt an einem historischen Vorbild sucht, weil ihm der Verlust seiner Privilegien droht. Denn wann greift der Begriff des Humanismus um sich? Am Vorabend der industriellen Revolution, als sich abzuzeichnen beginnt, daß in Kürze Menschen massenweise zu "Anhängseln der Maschine" werden, wie Marx das genannt hat. Nichts bringt diese Vorabendstimmung besser zum Ausdruck als Goethes Zauberlehrling, der Kräfte entfesselt, die er nicht mehr zu bändigen weiß. Und die rettende Wiederkehr des Meisters, der mit einem einfachen »In die Ecke, Besen« den Spuk bannt, klingt im Gedicht bereits so, als werde die moderne industrielle Welt einen solchen Glücksfall nicht erleben. Sie gähnt Goethe an als eine Welt der Lehrlinge ohne Meister, und er erschauerte.

Nun drohte das Schicksal, Anhängsel der Maschine zu werden, nicht gerade zuerst den Goethes, auch nicht dem Menschen an sich, sondern einer bestimmten Menschenklasse: den Proletariern. Und daß sie an den Maschinen verstümmelt und verschlissen wurden, daran sind für Marx nicht primär die Maschinen schuld, sondern die Eigentumsverhältnisse. Sie sind es, die die vielen Mittellosen zwingen, sich als Bediener der Maschinen aufs armseligste den Lebensunterhalt zu verdienen, während sie den Eigentümern der Maschinen einen ganzen Berg von Produkten und enormen Reichtum aufhäufen. Marx' Konsequenz ist klar: Gegen dies Mißverhältnis hilft nicht humanistische Bildung, sondern nur Umsturz. Statt die Maschinen für die Profitinteressen einiger weniger zu bedienen, müssen die Arbeiter sie zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse selbst in Regie nehmen. So gesehen ist Marx Anti-Humanist. Was denn aus dem sich frei entfaltenden bürgerlichen Mitteleuropäer werde, wenn die industrielle Revolution sich durchsetzt, das waren für ihn Privilegiertensorgen. Die Vision einer zweiten Renaissance erachtete er als intellektuellen Fluchtversuch vor der sich unaufhaltsam ausdehnenden kapitalistischen Gesellschaft. Zu diesen Deserteuren wollte er nicht gehören.

Und doch war Marx als Schüler eines humanistischen Gymnasiums und Student der Humboldtschen Universität von seiner eigenen Bildungsgeschichte geprägt genug, um selbst noch über die proletarische Revolution eine humanistische Illusion zu pflegen. Wenn die Arbeiter sich zur »Expropriation der Expropriateure« zusammentäten, dann, so dachte er, würden sie von Anhängseln zu Gebietern der Maschinerie. Nicht von heute auf morgen, aber in kurzer Zeit würden sie gelernt haben, auch die schnaufenden und fauchenden Großgeräte nach ihrer Pfeife tanzen, im Dienst ihrer Bedürfnisse laufen zu lassen und sie mit gleicher Souveränität als Verlängerung ihrer Organe handhaben wie Handwerker und Bauern einst Hammer und Sichel.

In dieser Vorstellung schwingt viel Renaissancemensch mit, viel von der Zukunftstheorie eines Francis Bacon, der dank moderner Narurbeherrschungsmittel ein »gesegnetes Geschlecht von Heroen und Übermenschen« im Entstehen glaubte und dabei Handwerksbedingungen hochrechnete: Was für Kerle, die bald ganze Maschinen so handhaben würden wie die heutigen bloß Hammer und Amboß! Marx war durchaus von der Vorstellung beseelt, daß die siegreichen Proletarier diese Helden sein würden. Nicht Helden der Arbeit, wohl aber Helden der Arbeitsmittel und -bedingungen. Sie würden durch vereinte Kräfte und Wünsche »ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen«, wie es im dritten Band des Kapitals heißt, will sagen, die Maschinerie auch in dem Sinn beherrschen, daß sie den Arbeitstag drastisch verkürzen, die Maschinerie weiter automatisieren und sich so weit wie möglich von ihrem stumpfsinnigen Lauf dispensieren könnten, um jenseits davon den Kopf frei zu bekommen für die angenehmen Dinge dles Lebens. Denn "das wahre Reich der Freiheit", worin »die menschliche Kraftentwicklung sich als Selbstzweck gilt, beginnt erst »jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion" -- also auch jenseits und unbehelligt von der Maschine. Und sofern Marx sich dieses jenseits über gutes Essen und Trinken und viel freie Zeit für alle hinaus überhaupt konkret vorgestellt hat, so durchaus in den herkömmlichen Kategorien bürgerlicher Kultur. Endlich wäre für alle die Gelegenheit und Aufnahmefähigkeit da, um etwa Aischylos und Shakespeare zu genießen.

Marx' Anti-Humanismus ist also bloß radikalisierter Humanismus. Das humanistische Ideal ist in seiner Sprache "das allseitig entwickelte Individuum". Nur daß das durch humanistische Bildung nicht zu erreichen ist, sondern allein durch die Selbstermächtigung der vereinigten Proletarier.

Wir haben heute gut reden: Mitte des l9. Jahrhunderts war keineswegs schon ausgemacht, wie weit es die Proletarier mit ihrer internationalen Vereinigung tatsächlich bringen würden. Eines allerdings wäre damals schon absehbar gewesen: daß die Maschinen, wenn sie einmal da sind, etwas haben, was ihnen niemand mehr nehmen kann: eine Eigengesetzlichkeit, die von jedem ihrer Benutzer ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, Wartung, Bedienung und Lenkung fordert. Ein durch Maschinen inthronisierter Homo faber, der dank ihrer Kraft als Herr über die Natur und sein eigenes Schicksal souverän schaltet, ist eine physische Unmöglichkeit, nicht nur etwas, was die Eigentumsordnung verhindert. So daß in dem Fluchtversuch der humanistischen Bildung vor der heraufziehenden Industrialisierung nicht nur der Rettungsversuch von Privilegien ist, sondern ein weitsichtiges Erschrecken vor etwas, was langfristig allen blüht, gleich welchen Standes und Geschlechts, etwas, was an die Selbstentfaltung selbst rühren werde.

Gleichgültig in welcher Gesellschaftsordnung, wenn man dem maschinellen Eigensinn den kleinen Finger gibt, wird er die ganze Hand nehmen. Er wird kein Jenseits zulassen. Deshalb ja hat Humboldt ein Universitätsmodell konstruiert, das sei unbehelligt von industriellen Zwängen humanistisch bilden soll, wie das Marxsche Reich der Freiheit unbehelligt vom Reich der Notwendigkeit bleiben soll. Vor der Revolution geht das nicht, sagt Marx. Aber auch danach, selbst wenn der glücklichste Fall ihres Gelingens eingetreten wäre, hätte die Maschinerie den vereinten Proletariern nicht den Gefallen getan, ihre Eigengesetzlichkeit aufzugeben und sich ihnen wie ein Faustkeil oder Messer in die Hand zu legen. Freilich, erst die kapitalistische Gesellschaft brachte die große Maschinerie herauf. Die Erfinder der Dampfmaschine etwa waren mehr an Produktivität und Profit orientiert als daran, etwas herzustellen, was allen Menschen die Mühsal bei der Beschaffung der Lebensmittel erleichtert. Aber ist die Dampfmaschine erst einmal da, ihre Eigengesetzlichkeit in Gang, dann beginnt sie einen Eigenlauf, der durch andere Produktionsverhältnisse allenfalls hätte umgelenkt und menschlicher Selbstentfaltung ungleich dienstbarer werden können, aber nicht mehr aufzuhalten war.

Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die Maschinerie das erzeugte, was Günther Anders "prometheische Scham" genannt hat: daß die Menschen als Macher - und dafür steht die von Marx so geschätzte Figur des Prometheus - durch das von ihnen Gemachte derart in den Schatten gestellt werden, daß sie sich davor zu schämen beginnen. Ihre Erzeugnisse können sich mit übermenschlicher Kraft und Geschwindigkeit bewegen oder rechnen, ohne Ermüdung produzieren, sie können sogar fliegen; die Menschen nicht. Was sind sie doch für armselige Geschöpfe verglichen mit ihren eigenen Geschöpfen. Und auch wenn man darauf pocht, daß Maschinen erfinden und Maschinen bedienen zwei Tätigkeiten mit höchst unterschiedlichem Kreativitätsgrad sind, weshalb die Erfinder und die Bediener gewöhnlich verschiedenen sozialen Klassen angehören, so sind im Laufe der Zeit vom Gefühl der persönlichen Nichtigkeit auch die Erfinder nicht verschont geblieben, zumal die mikroelektronische Umwälzung die Grenze zwischen Erfindern und Anwendern unscharf gemacht hat und selbst bei Software-Entwicklern bisweilen dahinsteht, ob sie eher programmieren oder programmiert werden.

»Die Industrie ist das aufgeschlagne Buch der menschlichen Wesenskräfte", hatte der junge Marx gesagt. Es ist Zeit, diese Kraftentfaltung, die die menschlichen Produkte gigantisch groß und die menschlichen Individuen jämmerlich klein gemacht hat, als Falle des Humanismus zu begreifen. Warum denn galt den Visionären einer zweiten Renaissance Leonardo da Vinci als Prototyp des Renaissancemenschen und damit des Humanisten? Weil er eben nicht nur die Mona Lisa gemalt hat, sondern auch anatomische Zusammenhänge aufgedeckt, Laute gespielt, philosophisch reflektiert hat, Uhren, Automobile, Kanonen, Flugmaschinen komplizierte Brücken entworfen kurzum, den Tatbestand des homouniversale mustergültig erfüllt hat. Nun sind zwar seine technischen Erfindungen über das Stadium von Concept Art kaum hinausgediehen. Und doch sind es reine Visionen, die später in funktionierende technische Geräte umgesetzt wurden. Wo begabte und privilegierte Männer - und die sind gewöhnlich gemeint, wenn Humanisten von dem Menschen reden - ihr kreatives Potential vom Gängelband des christlichen Dogmas lösen und sich ungehemmt entwerfen, dann entwerfen sie - die große Industrie! Wenn die aber zur allgemeinen Lebensbedingung wird, dann ist Schluß mit den großen, sich selbst entfaltenden Menschen. Dann werden sie zu Rädchen in einem allseitig entwickelten Getriebe, und von ihrer Größe zeugen allenfalls noch die Finessen dieses Getriebes, aber nicht mehr sie selbst.

Das macht den Humanismus des 19. Jahrhunderts zu einer so paradoxen Bewegeng: Ihm graust vor dem Getriebe, in dem der Mensch nur noch Rädchen ist. Deshalb will er die zweite Renaissance. Aber die erste Renaissance hat gerade die industrielle Welt heraufbeschworen, gegen die sich das humanistische Bildungsprogramm sträubt. Eine zweite Renaissance wollen, heißt die Ursache wiederbeleben wollen, weil einem vor ihren Wirkungen graust; die erste Renaissance ohne deren Bewegungsgesetz wollen. Heute würde man sagen: ohne deren inneren Hang zum Systemischwerden. Das ist so etwa wie einen Körper ohne seine Schwerkraft wollen.

Das Zeitalter, worin die Menschen Gebieter über ihre Werkzeuge waren, ist unwiderruflich vorbei. Im Automaten hat das Werkzeug einen qualitativen Sprung getan. Die Alternative ist nicht mehr Anhängsel oder Herr der Maschinerie, sondern allenfalls Anhängsel oder Dompteur. Es kann nur noch darum gehen, sie zu menschlichen Gunsten zu modifizieren, zu zähmen, mit ihr zu jonglieren. Daß das eines Tages als ebensoweit ehrenrührig und unmenschlich empfunden werden könnte wie das Jonglieren auf Klaviertasten, lag für Herder, Humboldt, Goethe und die Ihren noch außerhalb des Vorstellbaren. Dazu war die Maschinerie noch nicht weit genug in den Alltag des gebildeten Bürgertums vorgedrungen. Und sie war auch noch nicht genügend intelligent. Und doch waren die bürgerlichen Humanisten bei all ihrer Abwehrhaltung in einem Punkt weitsichtiger als Marx: Dessen Traum von der neuen Herrschaft über die Maschinerie hatten sie schon abgetan, ehe er ihn bekam. Daher stellte sich ihnen die Alternative so: Entweder der Maschinerie erliegen oder sich jenseits von ihr frei entfalten. Und so imaginierten sie notgedrungen den freien Griechen und träumten dessen zweite Renaissance.

Aber was wäre die denn, wenn sie tatsächlich käme? Eine Wendung gegen die erste. Die Bewegung, die sich um den Begriff Humanismus formierte, ist ein Zurückschrecken vor der vollen Entfaltung der menschlichen Wesenskräfte, sobald sie systemisch wird, sobald sie nicht mehr die Züge Perikles', Aischylos' oder Leonardos zeigt, sondern die anonymen der großen Industrie. Dieser Humanismus versteht sich selbst als Einsatz für die volle Selbstentfaltung des Menschen - und ist auf der Flucht vor deren moderner industrieller Form. Das heißt, er mißversteht sich gründlich. Und dennoch handelt es sich um ein produktives Selbstmißverständnis. Der Begriff der vollen menschlichen Selbstentfaltung wendet sich darin gegen sich selbst. Er beginnt sich zu reflektieren. Nur merkt er nichts von seiner Selbstreflexion. Das macht eben sein Selbstmißverständnis aus, welches aufgeklärt gehört.

Voriges Jahr entstand viel Lärm um wenig, als Peter Sloterdijk in einem Vortrag "Regeln für den Menschenpark" über den Humanismus weitläufig wurde. Er definiert Humanismus erstens als Briefkultur - das ist so, wie wenn man sagt, die Zigarette sei der Filter -, legt ihn zweitens als Zähmungsversuch der Bestie Mensch aus - obwohl sein Hauptakzent nicht auf der zu unterdrückenden animalitas, sondern der zu entfaltenden humanitas liegt und zieht drittens daraus die Konsequenz: Im Zeitalter der elektronischen Medien ist die Schriftkultur am Ende, also der Humanismus, also sein Zähmungsprojekt und Züchtungsprojekt, während zugleich die Gentechnologie ein Feld voll ungleich gewaltigeren Zähmungsmöglichkeiten und Züchtungsmöglichkeiten eröffnet, vor deren die Augen zu verschließen keinen Sinn hat, wie auch Platon den Mut hatte, die Tätigkeit des wahren Staatsmannes, des Politikos, als das Zähmen, Selektieren und Verweben von Menschentieren zu einem sozialen Ganzen zu bestimmen.

Ein bemerkenswerter Beitrag zur Verdunkelung des I-lumanismusbegriffs. Der Humanismus sei am Ende? Welcher? Der des humanistischen Gymnasiums? Der sicher. Doch Sloterdijk meint mit Humanismus offenbar die humanitas selbst - als ob die alten Griechen und Römer, die Renaissanceitaliener und ihre Nachfolger sie wirklich gelebt, nicht nur symbolisiert hätten, als ob das Bild, das im 19. Jahrhundert von Weimar und Berlin aus von ihrem Leben entworfen wurde, ihr wirkliches Leben gewesen und diese Wirklichkeit nun vorbei sei. Solcher Abgesang auf den Humanismus hat einerseits selbst noch teil an der Suggestion einer guten alten Zeit, die es so nie gab. Andrerseits kippt er auch das mit aus, was in dieser alten Zeit, wie scheinhaft auch immer, zumindest zum Besseren wies. Er unterstellt: Da gibt es nichts mehr, woran anzuknüpfen wäre. Und so macht er einen Epochenschnitt wie alle die, die ihre Gegenwart als die große Zeitenwende überschätzen und sich als deren Seher und Künder. Das hat dann den Tenor: Zweieinhalb Jahrtausende gab's immerhin den Humanismus. Bis jetzt. Mit Mikroelektronik und Gentechnologie ist er unwiderruflich zu Ende, und mit ihm auch sein letzter Ausläufer: die kritische Theorie. Wir müssen uns etwas anderes überlegen. Zum Beispiel Blasen und Sphären.

Das Problem ist jedoch nicht das Ende des Humanismus, sondern sein blinder Selbstlauf. Der Skandal ist, daß elektronische Medien und Gentechnologie selbst noch in die Geschichte des Humanismus gehören. Sie markieren den fortgeschrittensten Stand der Entfaltung der menschlichen Wesenskräfte. Diese Kräfte reichen inzwischen so weit, daß sie ihre eigene Quelle, das genetische Material des Menschen, selbst gestalten, reproduzieren, zurichten können und damit auf die vorläufige Spitze treiben, was ein Prototyp des Renaissancehumanismus, Pico della Mirandola, in seiner berühmten Rede "Über die Würde der Menschen" so ausdrückte: »Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenem Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche. Welch übergroße Freigebigkeit des Vatergottes, welch übergroßes und bewundernswertes Glück des Menschen, dem gegeben ist zu haben, was er wünscht, und zu sein, was er zu sein verlangt.«

Dies übergroße Humanistenglück droht beim gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte eher die Haare zu sträuben. Die volle Selbstentfaltung aller menschlichen Kräfte ist nicht mehr zu wünschen, sondern nur noch zu bremsen. Bremsen ist vielleicht, wie Walter Benjamin argwöhnte, die einzig mögliche Form von sozialer Revolution. »Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.« Bremsen ist eine negative Tätigkeit. Sie mag vor dem Unfall retten, aber sie führt nicht weiter. Doch Bremsen im Kontext von lenken ist eine durchaus positive Tätigkeit. Es gibt kein Umlenken ohne Bremsen. Es gibt kein Humanum ohne Wendung des Humanismus gegen sein eigenes Bewegungsgesetz: die systemisch werdende Entfaltung menschlicher Wesenskräfte. Diese Wendung haben die Humanisten um Goethe und Humboldt bereits vollzogen - nur unbewußt. Sie bewußt vollziehen heißt, umsichtig bremsen lernen: sich einüben in etwas, was man Dialektik des Humanismus nennen könnte. Voraussetzung dafür ist, daß man zu unterscheiden weiß zwischen dem Bild humanistischer Lebensweise, das sich Bildungsbürger gemacht haben, und dem humanen Impuls darin.

Das Humanum gibt es nicht als Besitz, sondern nur als Impuls. Der humane Impuls ist das, was den Humanismus im doppelten Sinne aufbringt: sowohl sein Stimulus als auch die Bremse gegen sein Bewegungsgesetz. Man könnte auch sagen: das Nichtidentische im Humanismus. Und seine humanitas besteht zunächst einmal darin, seine animalitas nicht zu verleugnen. Was den Menschen rundum gut täte, täte es auch den Tieren: daß Schmerz aufhört und Lust bleibt. Kultur ist in dem Maße human, wie sie um das animalisch Gute gravitiert und spürbar macht, daß Selbstentfaltung nicht unter allen Umständen Inbegriff menschlichen Glücks ist, sondern es lediglich unter bestimmten historischen Umständen bedeuten kann. Wie sehr diese Umstände im Wandel sind, zeigt das Heraufkommen der Gentechnologie exemplarisch an. In ihrem Licht gewinnt jene kleine Dialektik des Humanismus, die Adorno in den Minima Moralia unter dem Titel sur l`eau aufgezeichnet hat, eine neue, bestürzende Aktualität.

»Auf die Frage nach dem Ziel der emanzipierten Gesellschaft erhält man Antworten wie die Erfüllung der menschlichen Möglichkeiten oder den Reichtum des Lebens. So illegitim die unvermeidliche Frage, so unvermeidlich das Abstoßende, Auftrumpfende der Antwort ... Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll. Alles andere setzt für einen Zustand, der nach menschlichen Bedürfnissen zu bestimmen wäre, ein menschliches Verhalten an, das am Modell der Produktion als Selbstzweck gebildet ist. Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bete, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, >sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung< könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden.«

MERKUR  Klett-Verlag Nr. 619, 2000

 

Humanismus ist ein Denken und Handeln,
das sich an der Würde des Menschen
orientiert und dem Ziel menschenwürdiger
Lebensverhältnisse dient.

 
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Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
11/2000
 


 
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Aktualisiert am 08.07.02