MUT ZUR WENDE

Ansätze zu einer gesellschaftlichen Neuorientierung
 

Von Camille Schmid
 
Kritische Mitarbeiter: Werner Binder, Gil Ducommun, Franz Schnyder

 

Einleitung 

Wir leben in einer Zeit nie dagewesener Herausforderungen. In einer Zeit des großen Abenteuers!
Wir erfreuen uns eines Überflusses an Gütern und Dienstleistungen. Die meisten von uns. Immer noch. Wir können mit unserer materiellen Lebensausstattung ein reiches und anregendes Leben führen.
Andere können das nicht. Weltweit die große Mehrheit. Unzähligen fehlt das Lebensnotwendigste. Kann uns das gleichgültig lassen? In der «Einen Welt», wo die Verbindung in Wort und Bild von Kontinent zu Kontinent nur noch Sekunden dauert? Und sich schwarz und braun und gelb und weiß immer bunter mischen?
Noch aus einem anderen Grunde können wir uns diesen Überfluß in Wirklichkeit nicht leisten. Unser Planet ist nun einmal kein unerschöpflicher Rohstofflieferant und kein Abfallkübel ohne Boden. Daß wir diese Probleme im Griff hätten oder auch nur in den Griff bekommen könnten, wenn wir unsere Ansprüche nicht zurückschrauben, ist eine Illusion.
Wir werden das Abenteuer auch nicht bestehen, wenn wir uns gegenseitig kaputt machen. Wir sind doch nicht so naiv, zu glauben, die Verlierer werden tatenlos zu sehen, wie die Sieger die Welt unter sich aufteilen? Nachdem die Zeiten längst vorbei sind, da unser Planet in der Lage wäre, allen Erdenbewohnern einen Lebensstandard nach unserem Geschmack zu ermöglichen? Unsere hochvernetzte Zivilisation hat viel «effizientere» Ansatzpunkte für tödliche Angriffe als jene, die sich durch Superwaffen schützen lassen!
Anstatt schrill und schräg und hektisch und süchtig und aggressiv weiterzuhasten, sollten wir uns einmal überlegen, wer wir eigentlich sind und was wir eigentlich wollen - als Individuen und als Gesellschaft. Statt uns von «Marktkräften» auf Bahnen weiterhetzen zu lassen, die ins Nichts zu führen drohen, sollten wir Pfade suchen, die alle Erdenbewohner samt unseren Nachkommen in eine lebenswerte Zukunft führen. «Grenzenlos» können dabei nur unsere Erfindungsgabe, unsere Phantasie und unser Wille zur Solidarität sein.
Diese Publikation gehört zu denjenigen, die wenigstens einen Anfang machen wollen. Die neuen Wege zu finden, bedarf es der Zusammenarbeit vieler. Sie ist 1996 entstanden im Zusammenhang mit einer Eingabe zum Thema der Totalrevision der Schweizer Bundesverfassung, die uns Anlaß zu einer breiteren und tieferen Diskussion sein sollte als sie unser Parlament vorgesehen hat. Es ist an der Zeit, daß die wahrhaft Innovativen ihre Kräfte besser sammeln und zur Geltung bringen. Nehmen wir die Herausforderung an! Es ist keine leichte, aber eine lohnende und faszinierende Aufgabe.

Camille Schmid

Hinweis: Die in [eckige Klammern] gesetzten Zahlen sind Querverweise auf die Absatzziffern mit gleicher Thematik ( Beispiel [190] )
 

Wozu leben wir?

[l] Wir leben, um glücklich zu sein. Was aber ist «Glück»?
[2] Gelungene Selbstverwirklichung macht glücklich. (Augenblicke höchsten Glückes erfahren wir allerdings als Geschenk, nicht als Errungenschaft.) Wer aber ist dieses Selbst? Wer bin ich?
[3] Dieses Ich kann jedenfalls kein Insulanerdasein führen. Wir leben in Verbänden: in der Familie, in privaten Vereinigungen, Gemeinden, Kantonen, im Bundesstaat, in der Völkergemeinschaft. Ohne diese Verbände wären wir nicht überlebensfähig. Besonders nicht in unserer Zeit sich verdichtender Vernetzungen und Abhängigkeiten.
[4] Die Gemeinwesen schaffen Rahmenbedingungen für unsere Selbstverwirklichung. Sie können mehr oder weniger eingreifend sein. Im demokratisch strukturierten Gemeinwesen wirken wir an der Gestaltung dieser Rahmenbedingungen mit.
[5] Das Gemeinwesen muß ein «Menschenbild» haben: ein auf einen gemeinsamen Nenner gebrachtes Selbst - ein Kollektiv-Selbst gewissermaßen. Wie sonst soll das Gemeinwesen wissen, zu welcher Art Selbstverwirklichung Hilfe zu leisten ist? Das Menschenbild bestimmt auch, welchen Werten bei Interessenkonflikten der Vorzug gegeben werden soll: Es inspiriert eine Hierarchie der Werte. «Werte» sind in diesem Zusammenhang Interessen und Anliegen, denen die Gesellschaft ein Recht auf Erfüllung zubilligt. [70, 73, 113, 165]
[6] Hier zeigen sich die Grenzen des Pluralismus in der Gesellschaft. Das Zusammenleben wird chaotisch, wenn ein jeder nur seine Façon glücklich zu werden, bis zum letzten durchsetzen will.

Die staatliche Tätigkeit soll die Lebensqualität fördern
 
[7] Was ist «Lebensqualität? Wir könnten sie umschreiben als die Gesamtheit der Möglichkeiten, die sich im Hier und Jetzt unserem Selbstverwirklichungsstreben bieten. Soweit es sich dabei um die Ausstattung unseres Lebens mit materiellen Gütern und Dienstleistungen handelt, reden wir von «Lebensstandard».
[8] Wir erfreuen uns nicht nur im historischen, sondern auch im gegenwartsbezogenen Vergleich   etwa mit einem Armen der Dritten Welt - eines fürstlichen Lebensstandards.  Das gilt für breite Einkommensschichten.
[9] Ein hoher Lebensstandard kann der Selbstverwirklichung förderlich sein. Er bietet vielfältige Entfaltungshilfen. Ein unter das materielle Existenzminimum sinkender Lebensstandard dagegen läßt lebenswichtige Bedürfnisse und Fähigkeiten in der Alltagssorge um das Lebensnotwendigste verkümmern.
[10] Einen Verkümmerungseffekt kann auch eine Überschwemmung mit Gütern und Dienstleistungen haben. Herstellung und Konsum der Schwemme fordern ein Übermaß an Kraft und Zeit. Geistig seelische Grundbedürfnisse werden vor lauter Sorge um das Haben, um das «Noch mehr und noch besser» in hintere Ränge versetzt oder überhaupt verdrängt.

Unsere Gesellschaft ist weitergehend als je zuvor von ihrer Wirtschaftsordnung geprägt
 
[11] Die «Marktwirtschaft» in ihrer gegenwärtigen Form ist inzwischen weltbeherrschend geworden.
[12] An dieser Wirtschaftsordnung fallen folgende Wesenszüge auf:
[13] - Zunächst der hohe und weiterhin wachsende Standard der Technologie. Er ermöglicht eine Güterproduktion von ungeheuren Ausmaßen. Der Absatz dieses Massenausstoßes wird gewährleistet durch eine breite Streuung von Kaufkraft und durch eine allgegenwärtige Bedarfsweckungspropaganda. [195]
[14] - Die Weiterentwicklung der Technik beschleunigt sich ständig. Die neuen Produktionsmethoden und Produkte folgen sich immer rascher. Manches, was heute auf den Markt gelangt, ist auf den Zeichentischen der Konstrukteure bereits veraltet.
[15] - Ein Motor der sich beschleunigenden Weiterentwicklung ist das Höchstrenditenbedürfnis des wachsenden Kapitals. Vor allem aber ist es der Wettbewerb. Im Kampf aller gegen alle um den Absatz des Massenausstoßes haben nur jene Produzenten eine Überlebenschance, die billiger produzieren, teure menschliche Arbeitskraft einsparen, ein überlegenes Marketing haben und den Konkurrenten mit Innovationen bei der Produktion und den Produkten ständig um eine Nasenlänge voraus sind.
[ 16] - Die immer schneller laufende Innovation läßt das Bisherige immer kurzfristiger veralten.  Je geläufiger die Wegwerfgebärde, desto mehr Platz wird geschaffen für das ungestüm nachstoßende Neue.
[ 17] - Der Produktionsapparat ist bereits leistungsfähiger als es die Aufnahmefähigkeit der noch ausreichend zahlungsfähigen Abnehmer erlauben würde. Der Konkurrenzkampf verschärft sich. Die Kauffreudigkeit der Konsumenten muß ständig gesteigert werden, wenn es nicht wirtschaftliche Zusammenbrüche geben soll.
[18] - Die permanente Steigerung der Effizienz des Produktionsapparates setzt laufend Arbeitskräfte frei. Für sie müssen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, was den Ausstoß an Gütern und Dienstleistungen und damit die Absatz  und Konsumzwänge
weiter erhöht. Wo dieser Anstoß an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit der Märkte stößt, wird Arbeitslosigkeit unheilbar.
[19] Das immerwährende quantitative Wachstum ist in unseren Wirtschaftsstrukturen zum Systemzwang geworden. [183]
[20] Diese Art des Wirtschaftens sei «Wachstumskonkurrenzwirtschaft» genannt. Sie ist Marktwirtschaft. Aber nicht jede Marktwirtschaft ist Wachstumskonkurrenzwirtschaft. [178]
[21] Mit dieser Charakterisierung ist natürlich nicht die ganze Spannweite heutigen Wirtschaftens erfaßt. Aber es sind jene Züge herausgestellt, die nach wie vor dominierend sind in ihren Auswirkungen auf die ökologische und soziale Situation.

Wir müßten glücklich sein in Schlaraffia

[22] Glück ist nicht meßbar. Man kann lediglich Anzeichen dafür feststellen, daß «etwas nicht stimmt». Solcher Anzeichen sind nicht wenige. Man kann sie als Fluchtbewegungen aus der Gegenwart, auf dem Selbst deuten. Man kann sich auch so weit an sie gewöhnt haben, daß man sie als selbstverständlich, ah normal empfindet. Die Fragwürdigkeit dieser Sicht wächst allerdings mit der Häufung und der Intensität dieser Anzeichen. (Für den Nachdenklichen, den «Philosophen», ist, nebenbei gesagt, überhaupt nichts selbstverständlich.)
[23] Wer könnte das noch übersehen? Flucht in die Vergangenheit («Nostalgie»). Flucht in Illusionen (deren Produktion ist eine Wachstumsbranche). Flucht in die rastlose Bewegung. Flucht in den Geschwindigkeitsrausch. Flucht in die Arbeitswut. Flucht in die Sucht nach immer mehr und immer Neuem. Flucht in hochgejubelte Traumfiguren (die man einem offenbar belanglosen Selbst überstülpen kann). Flucht in Sensation und Nervenkitzel. Flucht in ohrenbetäubende Rhythmen. Flucht in die Süchte im engeren Sinne von der Pillen  bis zur Drogensucht. Und schließlich: Flucht in die schleichende oder abrupte Selbstzerstörung.
[24] Ist die beängstigende Ausbreitung der Drogensucht in unserer Gegenwart am Ende nur die Eisbergspitze einer süchtigen Gesellschaft?
[25] Wir erfahren unsere Umwelt, wir nehmen sie in unsere Innenwelt hinein, sie wird zu einem Teil unseres Selbst. Wo sie unserem innersten Wesen widerspricht, wo wir sie  bewußt oder unbewußt   ablehnen, wo sie uns ängstigt, entstehen spannungsgeladene Widersprüche zum Selbst. «Unbehagen» ist das Mindeste, was wir dabei verspüren.
[26] Die einen versuchen, die Außenwelt in ihren selbst widersprüchlichen Zügen zu verändern. Andere ziehen sich in ein Schneckenhaus zurück. Wieder andere (offensichtlich eine beträchtliche Zahl) weichen dem Konflikt aus   in Fluchtbewegungen hinein. Die Flucht führt nicht in die Lösung, sondern in die Sucht. Der Süchtige glaubt die anhaltende Enttäuschung über die Vergeblichkeit in einem Nochmehr einholen zu können.
[27] Zu unseren innersten Grundbedürfnissen gehört offenbar eine Antwort auf die Frage: Wozu das alles? Das Gefühl der Sinnlosigkeit gehört zu den schwersten Belastungen unserer Psyche. Sinnlos ist, was letztlich im Nichts endet. Was ist ein Leben ohne Hoffnung? In einer Außenwelt, die Hoffnungslosigkeit ausstrahlt, ist es schwer, den Lebensmut zu bewahren. [67]
[28] Die Gemeinwesen wirken an der Gestaltung wesentlicher Bereiche unserer Außenwelt mit. Sie sind mitverantwortlich für unsere Innenwelt. Mitverantwortlich für die Möglichkeit von Hoffnung.

Wachstum der Unrast

[29] Dem Beobachter, der nicht alles Gegenwärtige für selbstverständlich nimmt, fällt ein Wachstum der Unrast auf. Alles muß immer noch schneller gehen, noch perfekter werden. Der Konkurrenzkampf wird unerbittlicher, der Leistungsdruck wächst, die Informationsfluten schwellen an, die Neuheiten der Anbieter jagen sich.
[30] Es ist, als ob wir allmählich zu einem Riesenschwarm gefräßiger Eintagsfliegen würden, von Ängsten gejagt, von Bedürfnis zu Bedürfnis gehetzt, konsumeuphorisiert auf  und abtanzend, ohne Sinn und Ziel, von Windmachern hin  und hergetrieben. [126, 148]
[31] Es ist, als ob wir daran gehindert werden sollten, zu uns selber zu kommen. Das ist das exakte Gegenteil von Lebensqualität. Denn Selbstverwirklichung beginnt damit, daß wir uns die Beschaffenheit unseres Selbst bewußt machen.
[32] Gewiß ist nicht allein die von der Öffentlichkeit gestaltete Außenwelt für unsere Selbstverwirklichungsmöglichkeiten verantwortlich. Die hängen auch mit unseren Veranlagungen, mit unseren persönlichen Lebensumständen und Schicksalen zusammen  und mit unserer Fantasie und Willensstärke, soweit sie das Gegebene zu unserem Vorteil zu nutzen vermögen. Nichtsdestoweniger hat besonders eine von Wohlstandsproblemen oder aber von Elend gekennzeichnete Außenwelt einen prägenden Einfluß auf unser Denken und Fühlen.
[33] Es mag allerdings Dickhäuter geben, die Störendes nicht an sich herankommen lassen. Zum Beispiel das Elend anderer. Wirkt das Verdrängte in ihrem Halbbewußtsein weiter? Vielleicht sollten sie sich auch überlegen, ob sie das Ausgesperrte nicht eines Tages einholen könnte. Möglicherweise recht handfest.

Die «Dritte» Welt
 
[34] Unser Planet ist zur «Einen Welt» zusammen-gewachsen. Sie wird   mindestens wirtschaftlich - beherrscht von den hochentwickelten Industriestaaten. Deren Vorstellungen über das Wesen, die Wege und Ziele des Menschen sind weltweit maßgebend geworden.
[35] Es gibt auf unserem Planeten riesige Gebiete, die wir als unterentwickelt betrachten und die wir zu uns emporentwickeln wollen (wir nennen sie herablassend «Entwicklungsländer», «Dritte Welt»). Der Erfolg ist weit herum ausgeblieben. Vielenorts weitet sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer noch aus.
Die wenigen, die es geschafft haben, sich uns anzunähern, sind auch flugs zu gefährlichen Konkurrenten auf dem Anbietermarkt geworden.
[36] Die Prognosen für die Zurückbleibenden sind bei genauerem Hinsehen schlecht. Diese Menschen haben nicht das Kapital und nicht das technische Know-how, um auf dem Weltmarkt, in den sie einbezogen sind, konkurrenzfähig zu sein. Manche sind durch ihre koloniale Vergangenheit daran gehindert worden, sich in einem freien Austausch von Ideen und Gütern weiterzuentwickeln. Wir haben einen gewaltigen Vorsprung, und mit unserem Fortschrittstempo lassen wir die Armen immer weiter hinter uns zurück.
[37] Möglicherweise ist auch ihre Personstruktur zu wenig auf jene Art Effizienz ausgerichtet, welche die Industrienationen an die Macht gebracht haben: ein vordergründiges, auf Naturbeherrschung ausgerichtetes Nützlichkeitsdenken, unermüdliche Arbeitskraft, hohes Organisationstalent, rechtsstaatliches Denken. Eine Bewertung dieser «Tugenden» muß zwiespältig ausfallen. Die Effizienz der Industrienationen mit ihrem unersättlichen Streben nach mehr Wissen, Besitz und Macht ist durch eine katastrophenträchtige Rücksichtslosigkeit gegenüber den Armen, den gemeinsamen Lebensgrundlagen und der Nachwelt gekennzeichnet.
[38] Die Armen wandern in Massen in die Schlaraffenländer aus. Das ist keine Lösung, weder für die Armen noch für die Einwanderungsländer. Die Unternehmungslust und die Ausbildung der Emigranten fehlen in der «Dritten» Welt. In der «Ersten» Welt aber verschärfen sich die ohnedies bestehenden sozialen und ökologischen Probleme. Ganz abgesehen von den psychischen Folgen der Entwurzelung der Auswanderer. (Leider nehmen wir auch die Möglichkeiten multikultureller Bereicherung durch Drittwelteinwanderer kaum wahr, wir sind bis zur Selbstprovinzialisierung auf die angelsächsische Welt fixiert.)
[39] Die Propaganda für unseren Lebensstil dringt bis in die letzte Urwaldhütte - und muß dort erst recht ein Gefühl von Inferiorität und Hoffnungslosigkeit ausbreiten. Was, wenn sich die Armen einmal voll bewußt werden, daß sie auf dem Weg, den wir ihnen vorleben, ewig die bedürftigen Verwandten in den elenden Hinterhöfen der Industriezivilisation bleiben werden? Glauben wir im Ernst, wir könnten unsere Luxuspaläste inmitten eines Meeres von Elendshütten immer noch höher auftürmen? Sollten wir uns nicht eines Kriegsrufes der Französischen Revolution erinnern: «Friede den Hütten, Krieg den Palästen»? Wie dieser Krieg in unserer hochempfindlichen Industriezivilisation aussehen könnte, wird uns schon bald täglich irgendwo vordemonstriert. Unsere Superkriegstechnik wird dagegen machtlos sein [134].
[40] Unsere Vorstellungen von der Entwicklung der «Dritten» Welt sind noch aus einem anderen Grunde illusionär. Wenn alle Erdenbewohner (gegenwärtig über 5,8 Milliarden) unseren Lebensstandard übernähmen, könnte das unser Planet ressourcenwirtschaftlich und ökologisch nicht einmal mehr kurzfristig verkraften. Ein friedliches Zusammenleben wird daher davon abhängen, ob wir den Drittweltbewohnern weiterhin den Eindruck vermitteln wollen, die Güter dieses Planeten seien in erster Linie für uns bestimmt
[41] Wenn unsere Wirtschaft Weltwirtschaft sein will, ist sie auch dafür verantwortlich, daß sich alle Menschen eine materielle Lebensausstattung beschaffen können, die für ein menschenwürdiges Dasein einigermaßen ausreicht. Die globalisierte Wachstumskonkurrenzwirtschaft wird dieses Ziel nie erreichen. Und die bisher begangenen Wege der «Entwicklungshilfe» haben vielenorts den Abstieg nicht aufzuhalten vermocht. Wir werden uns neue Wege des Zusammenlebens in der Einen Welt überlegen müssen.

Haben wir die Umweltschädigung im Griff?
 
[42] Zur Klärung hier verwendeter Begriffe: «Umwelt» ist eigentlich die gesamte Außenwelt um uns herum. «Umweltschutz» meint jedoch nur die Bewahrung der Außenwelt, soweit sie unsere natürlichen Lebensgrundlagen enthält. Dazu gehören die natürlichen Ressourcen und die ökologischen Zusammenhänge. «Umweltschädigung» ist die Beeinträchtigung dieser Lebensgrundlagen. Sie kann bis zu ihrer endgültigen Zerstörung gehen.
[43] Daß wir die Umweltschädigung im Griff hätten oder doch in absehbarer Zeit in den Griff bekommen könnten, ist eine weitere Illusion, der wir uns offenbar hingeben   sonst hätten wir längst die Konsequenzen ziehen müssen.
[44] Der neueste Bericht des World Watch Institute in Washington meldet eine weiterhin steigende Umweltschädigung - trotz aller lobenswerten Schutzbemühungen. Laut anderen amerikanischen Experten werden die natürlichen Ressourcen der Erde schon bald nur noch ausreichen, um Lebensqualität für maximal zwei Milliarden Menschen zu sichern.
Die Gründe dafür, daß sich die Folgen eines ständig wachsenden Güterumsatzes nicht bewältigen lassen, liegen auf der Hand:
[46] - Zahlreichen Schädigungsvorgängen kann man zum vornherein nicht mit Folgenbekämpfungsmaßnahmen beikommen, sondern nur durch Unterlassung: z.B. der Verarmung der Artenvielfalt, dem Leerplündern nicht erneuerbarer Energiequellen, dem Ausfischen der Meere, dem Abholzen der Tropenwälder, dem Auslaugen und der Verwüstung der Böden, der Banalisierung der Landschaften .
[47] - Manche Symptombekämpfungsmaßnahmen, die Erfolge zu vermelden haben, erfassen in Wirklichkeit nur einen Teil der Schädigungsvorgänge. Durch verschmutzte Luft fallendes Regenwasser und die Abläufe überdüngter Böden laufen nicht durch Kläranlagen. Und unzählige FCKW  und C02 Ausstöße können nicht durch Luftfilter geleitet werden.
[48] Die Entsorgungstechniken vermögen nur einen kleinen Teil der ungeheuerlichen Mengen an gasförmigen, flüssigen und festen Abfällen zu bewältigen.
Überdies bekommen sie wachsende Probleme mit der Entsorgung ihrer eigenen «Produkte» (z.B. Klärschlamm, Sondermüll).
[49]   Bei der raschen Weiterentwicklung von Produktionstechniken und der bei der Produktion verwendeten Materialien (besonders Chemikalien) vergeht in der Regel etliche Zeit, bis die Risiken erkannt werden (wenn es überhaupt so weit kommt). Inzwischen hat sich jeweils ein beträchtliches Schädigungspotential entfalten können  besonders nachdem das Erkennen der Risiken noch lange nicht deren Bekämpfung zu bedeuten pflegt.
[50]   Auch dem Recycling sind enge technische und wirtschaftliche (Rentabilität!) Grenzen gesetzt. Recyclingmaßnahmen können das Leerplündern der Rohstoffquellen nicht verhindern, sondern   in gewissen Bereichen   lediglich hinauszögern.
[51]   Sowohl Recycling als auch Symptombekämpfungsmaßnahmen verbrauchen ihrerseits Energie, Ressourcen und Umwelt. Überdies werden sie immer teurer, müssen aus Gewinnüberschüssen finanziert werden, die wiederum nur durch wachsende Umsätze erzielt werden können. Ein Teufelskreis.
[52] Unser Planet ist nun einmal weder ein unerschöpflicher Rohstofflieferant noch ein Abfallkübel ohne Boden.
[53] Sollte der Mensch jenes - einzigartige - Lebewesen sein, das fieberhaft an seiner Selbstzerstörung arbeitet? Das wäre dann die spektakuläre Gen Mutation des «modernen» Menschen! Jene amerikanischen Konstrukteure, die euphorisch prophezeien, daß der Mensch in absehbarer Zeit restlos von seine Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit weit übertreffenden Robotern werde verdrängt werden, bleiben in dieser Linie und sind dann nur die närrische Spitze des Wahn Sinns. Vielleicht werden ihnen andere Selbstmordprogramme zuvorkommen.
[54] Das Programm des immerwährenden quantitativen Wachstums ist die dümmste und gefährlichste Utopie aller Zeiten. Dumm, weil es elementarste Tatsachen mißachtet. Gefährlich, weil es nichts weniger als die schleichende Selbstzerstörung der Menschheit programmiert. Darüber kann auch ein eifrig inszenierter Umweltaktivismus nicht hinwegtäuschen.
[55] Dessen ungeachtet gilt das immer währende quantitative Wachstum (das «qualitative» hat sich in der Wirklichkeit längst als Feigenblatt erwiesen) als nach wie vor unangefochtenes und selbstverständliches Ziel von Wirtschaft und Politik. Bereits eine geringe Wachstumsverlangsamung genügt, um die Fahnen auf Halbmast sinken zu lassen. Es gibt sogar prominente Wirtschaftswissenschafter, die sich der Folgen offensichtlich bewußt sind und trotzdem ungerührt das Weiterhasten auf den herkömmlichen Wegen des totalen und universalen Konkurrenzkampfes empfehlen.
Die Welt der selbsternannten «Realisten» ist zutiefst irrational Man ist versucht, zu vermuten, es gehe hier um einen Ersatz für die verlorene Unendlichkeit. [185]

Energie

[56] Technik und Wirtschaft beeilen sich, möglichst jede menschliche Muskelregung durch Fremdenergieaufwand zu ersetzen. Vor dem Verkümmern der Muskeln bewahrt uns ein Großangebot an sinnreichen Fitneßmaschinerien, deren Energiepotential ins Leere läuft. Von informierter Seite wird ein globales Energieverbrauchswachstum von 45% bis zum Jahr 2010 prognostiziert, was eine Steigerung des CO, Ausstoßes um 48% bedeuten würde.
[57] Ein Westeuropäer verbraucht durchschnittlich fünfmal (ein Mensch in den USA zehnmal) mehr Energie als ein Drittweltbewohner. Wollten alle Staaten pro Kopf gleich viel Energie beanspruchen wie die Schweiz heute, hätte das auf einen Schlag eine Verdreifachung des globalen Energiebedarfs zur Folge.
[58] Daß die Grenzwerte für die wichtigsten Luftschadstoffe laufend überschritten werden, nehmen wir kaum mehr zur Kenntnis. Wir hören auch nicht hin, wenn zuständige Stellen warnen, daß man auf Stadtgebiet gezogene Früchte und Gemüse nicht essen soll, daß das Ausüben anstrengender Sportarten bei gewissen Wetterlagen nicht ratsam sei, daß man unbedeckte Haut nicht lange der Sonne aussetzen solle, daß in gewissen Weltgegenden der Hautkrebs in alarmierendem Ausmaß zunehme. Wir scheinen, wohlstandsverblendet, nicht einmal mehr zu realisieren, welche Ungeheuerlichkeiten da vor sich gehen.
[59] Läßt sich ein intaktes Gefühl von Lebensqualität nur noch durch Verdrängungen aufrecht erhalten?

Das Auto


[60] Das Auto wäre eine wunderbare Erfindung gewesen. Alles ist eine Frage des Maßes.
[61] Das Explosionsmotorfahrzeug gehört heute zu den größten Luftverschmutzern, Energie  und Rohstoffverschwendern, Lärmverursachern und Landschaftszerstörern. Die Zahl der alljährlichen Verkehrsopfer (Tote und Schwerverletzte) erinnert an einen mittleren Bürgerkrieg.
[62] In der Schweiz sind rund vier Millionen Motorfahrzeuge im Verkehr; jährlich werden Wachstumsraten gemeldet (1994: 265'892 neue Personenwagen). Zukunftsprognosen rechnen weltweit mit mehr als einer Vervierfachung des jetzigen Personenwagenbestandes - von 500 Millionen auf 2,3 Milliarden bis zum Jahr 2030. Dann zumal werde der Autoverkehr rund 60 Milliarden Tonnen Erdöl verbrauchen  fast die Hälfte der derzeit bekannten Reserven.
[63] In der Schweiz muß die Öffentlichkeit für rund 1,7 Milliarden externer Kosten des Straßenverkehrs aufkommen; beim Schienenverkehr sind es nur 121 Millionen.
[64] Den «freien Wettbewerb zwischen Schiene und Strasse» hat die Schiene von allem Anfang an verloren. Selbst bei einer - in weiter Ferne liegenden - Internalisierung externer Kosten wird er nicht zu einer angemessenen Eindämmung des Motorfahrzeugverkehrs führen, solange die Fortbewegung auf der Strasse irrationale Hintergründe hat. Das Motorfahrzeug ist sowohl Fluchtvehikel als auch grenzenlose Individualmobilität, ist Distanz von der «Masse», ist Prestige und Power, ist persönlicher Sieg über Raum und Zeit.

Der Sieg - Sinn des Lebens?


[65] Im «freien Spiel der Kräfte» ist der Umgang mit dem Gegner «knallhart, schonungslos, gnadenlos». «Zuschlagen» findet sogar auf Schriftsteller Anwendung, die ein neues Buch geschrieben haben. Die Sprache des Krieges. Siegesmeldungen von Sportwettkämpfen füllen   neben Kriegsmeldungen  bereits die Frontseiten der Tageszeitungen. Das «Guinness Buch der Rekorde» erhält täglich Zuwachs. Es gibt kaum mehr eine menschliche Tätigkeit, mit der nicht Siege gefeiert werden wollen.
[66] Sollte der Sinn des Lebens im Siegen bestehen?
[67] Sinnlosigkeit heißt: ins Leere, ins Nichts gehend [27, 73, 113].
[68] «Sinn» ist also irgendwie zukunftsgerichtet eine Zukunft, die der Gegenwart Bedeutung verleiht. «Sinn» ist aber nicht mit «Ziel» identisch. Es gibt sinnlose Zielsetzungen. Sinnvoll werden sie erst, wenn sie von einem großen Zusammenhang her ihre Rechtfertigung erfahren. Das ist es wohl, was wir im Kopf haben, wenn wir von «Sinn» reden.
[69] C.G. Jung sah den Sinn des Lebens in der Verwirklichung des Selbst. Also wieder die Frage: Was macht das «Selbst» aus?
[70] Dieses ist eine politische Schrift. Von Veranlagungen, vom Unbewußten, von Archetypen, von prägenden persönlichen Lebensumständen kann hier nicht die Rede sein. Es geht um die Einflüsse der durch Politik gestalteten Außenwelt. Und es geht um das für die Politik maßgebende Menschenbild: Was ist der Mensch überhaupt, als Gattung [5]? Dann erst kommt die Frage: Wer bin ich, ich ganz persönlich?
[71] Die Formung des Menschenbildes beginnt mit der Frage: Welche Stellung hat der Mensch im Ganzen seiner Erfahrungswelt? Wie erfährt er sich in alledem, was er um sich herum wahrnimmt?
[72] Diese Auseinandersetzung mit der Außenwelt kann zu zwei gegensätzlichen Welterklärungsmodellen, Weltbildern, Menschenbildern führen. Werden sie folgerichtig gelebt, münden sie in verschiedengerichtete Verhaltensweisen aus.
[73] Die beiden Weltbilder sind jedoch nicht unbedingt geeignet, Individuen «einzuteilen». Deren Denk- und Verhaltensweisen sind oft nicht folgerichtig und demgemäß schwer durchschaubar. Philosophische und politische Systeme hingegen pflegen ihre Position deutlicher zu enthüllen: sie erheben den Anspruch, folgerichtig durchgedacht zu sein. Auch das Kollektiv-Selbst konkreter Gesellschaften [5, 67] zeigt oft mehr oder weniger deutliche Spuren des einen oder anderen Weltbildes. Nichtsdestoweniger kann man auch Individuen beobachten, an denen das Wirken eines Weltbildes besonders auffällt.

Das eine Welterklärungsmodell


[74] Es ist von der Erfahrung des großen Chaos in der Außenwelt geprägt. Wo man hinschaut: Fressen und Gefressenwerden, Ungerechtigkeit, Heimtücke, Gewalt. Das Ganze bleibt jede Erklärung schuldig. Was kann man anderes von einer durch Zufall entstandenen Welt erwarten? Der Mensch muß sich darin als ein ins Dasein geworfener fühlen. Wenn er seinem Leben eine Richtung geben will, muß er dessen Sinn selber kreieren. Die Selbstverwirklichung kommt dann gewissermaßen einer Selbsterschaffung gleich. Friedrich Dürrenmatt hat es so gesagt: «Das Sein braucht ja gar keinen Sinn zu haben. Der Mensch macht sich seinen Sinn selber. »
[75] Das ist das große Wort, das uns frei macht. Frei von allen Einbindungen in irgendeinen «Sinn», den uns das Ganze zuwiese. Frei zu einer Selbstverwirklichung ohne Rücksichtnahmen  auch ohne Rücksichtnahmen gegenüber den Nebenmenschen. Denn wo in einer sinnlosen Welt wäre das Gesetz zu beheimaten, das uns alle zu einem Miteinander in die Pflicht nähme? Die Lebenswege laufen beziehungslos neben einander her. Wo sie sich aber in die Quere kommen, gilt das «Recht» des Stärkeren in einem Kampf aller gegen alle.
[76] Die Welt ist der Steinbruch, aus dem sich das Individuum das Baumaterial für seine Selbstverwirklichung holt. Erschließung, Nutzbarmachung, Ausbeutung   so lauten die Stichworte, anwendbar auch gegenüber den anderen, den «Schwächeren» zumal.
[77] Bei Gelegenheit mag es ratsam sein, den Konflikt mit anderen Starken durch Vertrag beizulegen. Solcher Friede kann aber nur brüchig sein, denn wo wäre ein Grundsatz zu verankern, daß Verträge zu halten seien?
[78] Die Wissenschaft ist Hilfsmittel zur Eroberung und Nutzbarmachung der Welt. Die Rationalität, mit der sie die Welt erklärt und ergreift, ist der allein zulässige Erkenntnisweg. Was sie nicht zu klären vermag, existiert nicht. (Dem ist beispielsweise Gott zum Opfer gefallen. Oder alltäglicher: vermutete, aber «nicht nachgewiesene» Technisierungsfolgen sind unbeachtlich.)
[79] Dieses Weltbild hat eine Veranlagung zum Totalitären. Wenn das Ich absolut ist, sind ihm alle und alles total verfallen. Man braucht sich nur die entsprechende Machtfülle zu erringen. Da gibt es keine «Eigenrechte» der Nebenmenschen   und schon gar nicht der Dinge.
[80] Da ist allerdings noch der Tod: Die Selbsterschaffung aus dem Nichts zerplatzt ins Nichts zurück wie eine Seifenblase. Das hält nicht jeder aus. Schlußendliche Sinnlosigkeit wirkt bis in den Alltag zurück. Der Mensch scheint ein Bedürfnis nach Un- Endlichkeit zu haben. Wenn mancher Starke die Selbstverwirklichung zu denkmalträchtigen Türmen babylonischen Ausmaßes emportreibt: steht da wohl nicht die Verzweiflung über die Ungeheuerlichkeit des Todes dahinter? Eine andere Form der Verzweiflung ist die vorzeitige Vorwegnahme des Nichts durch schleichende oder abrupte Selbstzerstörung - wobei der Zerstörungstrieb auch wahllos auf andere Menschen und Dinge ausgreifen kann.
[81] Dieses Weltbild ist dasjenige einer zu Ende gedachten Autonomie des Menschen. Es könnte das «autozentrische» genannt werden.

Das andere Weltbild


[82] Die Chaoserfahrung ist nicht wegzuleugnen. Die Wirklichkeit stößt uns aber auch auf die Beobachtung, daß das Leben aus einem erstaunlichen, ja geradezu wunderbaren Zusammenklingen unendlich vielfältiger Naturvorgänge besteht. Und daß der Mensch sein Leben und Überleben nicht nur diesen Naturvorgängen verdankt, sondern auch mannigfaltigen zwischenmenschlichen Beziehungen   von der Familie bis zur Völkergemeinschaft. Sie alle entstehen und bestehen nicht aus der Zwietracht, aus dem Kampf aller gegen alle, sondern aus einer trotz aller Konflikte stets wiederhergestellten Eintracht. Des weiteren gibt es nicht nur Hass, Häßlichkeit und Tod, es gibt auch Mitgefühl, Gemeinsinn, Schönheit und Wiedergeburt.
[83] Dies ist die Erfahrung, an die sich das andere Weltbild hält. (Daß die Chaoserfahrung die endgültige sei, ist «nicht nachgewiesen».) Die Welt wird durch unendlich vielfältige Vernetzungen zu einem Ganzen. Die Ganzheit zeigt sich schon darin, daß punktuelles Zerreißen der Netze weltweite Auswirkungen haben kann. Das läßt beinahe eine Art Weltintelligenz vermuten. Auch sie ist natürlich nicht nachgewiesen, aber die Glaubwürdigkeit der Zufallsentstehung ist mit dem Fortschreiten der Entdeckungen im Abnehmen begriffen.
[84] Dieser Gedankengang findet eine Entsprechung in althergebrachten Weisheiten, wonach Kosmos und Welt und Mensch in ein großes Ordnungsgefüge eingebettet sind, das alle mit allen und alles mit allem zu einer Einheit vereint und dadurch miteinander in Beziehung setzt. Die Welt ist demgemäß als Sinn-Ganzes zu vermuten, das auch auf den Daseinssinn der Individualitäten ausstrahlt. Wenn sich der Mensch seinen Sinn selber erschaffen wollte, müßte er sich fragen lassen, wie er dazu komme, nachdem er zumindest seine Körperlichkeit nicht selber geschaffen hat. Ebensowenig wie die Umwelt, in die er hineingeboren wird, und die ihm deshalb nicht mit Haut und Haar zur Verfügung stehen kann.
[85] Allerdings können wir ohne Eingriffe in die Natur nicht existieren. Unser Existenzinteresse macht es aber keineswegs notwendig, daß wir in einem gigantomanen Selbstverwirklichungsrausch natürliche Lebensgrundlagen zerstören   zunächst vermeintlich die der anderen, in Wirklichkeit aber auch unsere eigenen.
[86] Alles ist eine Frage des Maßes. Das Maß liegt im Ganzen beschlossen. «Maßvoll» ist ein Verhalten, das sich in das vernetzte Ganze einzuordnen versucht. Das autozentrische Weltbild ist auf Maßlosigkeit hin angelegt: weil es kein Ganzes, kein Gemeinsames gibt, in das man sich einzuordnen hätte.
[87] Die Bewahrung des Maßes verlangt Behutsamkeit. Das Wort besagt es schon: Es geht darum, die Lebensgrundlagen zu bewahren. In diesem Postulat liegt auch eine Art «Eigenrecht» der Natur beschlossen. Wo wir die Zusammenhänge nicht durchschauen, ist es erst recht nicht angängig, sich als bedenkenloser Ausbeuter der Natur zu gebärden.
[88] Was nun die unvermeidbaren Konflikte zwischen den individuellen Selbstverwirklichungsbestrebungen anlangt, kann das Lösungsmodell nicht im «Recht des Stärkeren» bestehen. Die Kofliktslösungsnorm ist die Gerechtigkeit. Sie setzt den Willen voraus, auch den anderen zuzugestehen, was sie zu ihrer Selbstverwirklichung benötigen. Ihre Eigenexistenz, die sie schließlich nicht mir zu verdanken haben, ist zugleich ihr Eigenrecht.
[89] Das in der Natur zu beobachtende Fressen und Gefressenwerden kann nicht Modell menschlichen Verhaltens sein. Daraus, daß es   partiell   ein tierisches ist, läßt sich für den Menschen nichts ableiten. Im zwischenmenschlichen Verhältnis hat dieses «Gesetz» je und je zu ungeheuren Fluten von Ungerechtigkeit, Hass und Gewalttätigkeit geführt. Gerade damit wird ein wesentlicher Teil jenes Chaos verursacht, welches das autozentrische Weltbild zu seiner Rechtfertigung anführt Im übrigen meint Darwin's «survival of the fittest» nicht das Überleben der Stärksten, sondern der am besten Angepaßten.
[90] Keine maßvolle Selbstverwirklichung ist darauf angewiesen, andere «aufzufressen». (Das könnte sich ändern, wenn wir die Zerstörung der Lebensgrundlagen so weit treiben lassen, daß ein Überlebenskampf aller gegen alle ausbricht!) [135]
[91] Nennen wir das zweite Weltbild das «holozentrische». Das Zentrum ist nicht das Selbst, sondern das Ganze. Und vom Ganzen her hat das Selbst sein Eigenrecht.

Das holozentrische Weltbild ist das der Religionen


[92] In ihrer Bildersprache bringen sie zum Ausdruck, daß der Kosmos auf einen Schöpfungsakt zurückgehe, daß das erschaffende Wesen eine Art Schöpfungsordnung grundgelegt habe, daß diese Schöpfungsordnung Verhaltensanleitungen enthalte, daß menschliches Tun und Lassen nicht ins Nichts auslaufe, sondern jenseits von Raum und Zeit - in der Transzendenz - eine letzte Erfüllung finde.
[93] Keines der historiographisch erforschten Völker ist ohne Religion ausgekommen. Man hat das als illusionären  Versuch erklärt, das menschliche Bedürfnis nach Überwindung von Raum und Zeit, nach Überwindung des Todes, nach Vollkommenheit, nach Unendlichkeit zu befriedigen. Die Frage ist da nur, wie diese Bedürfnisse in den «nackten Affen» hineingekommen sein sollen. «Jeder endliche Geist glaubt entweder an Gott oder an einen Götzen» (Max Scheler). Die Mystiker der Religionen sprechen von einem «göttlichen Funken» im Menschen. Und der Psychotherapeut C.G. Jung berichtet, daß sich dieser Funken im Innersten seiner Patienten vorgefunden habe; seine Unterdrückung habe sich als krankmachend erwiesen.

[94] Auch Mythen und Religionen vermögen indessen den Sinn des Ganzen nicht zu enträtseln, so sehr sie sich darum bemühen. Könnte der Mensch hier Klarheit gewinnen, wäre er dem erschaffenden Wesen gleich. Das Sinn-Ganze ist letztlich Geheimnis. Die «ganze Wahrheit» gibt es nicht für den Menschen. Es gibt nur Annäherungsversuche. Die ganze Wahrheit ist transzendent. Das muß den Menschen davor bewahren, sie für sich in Anspruch zu nehmen. Genauso wie ihn das Sinn-Ganze davon abhalten muß, seine Umwelt als ihm voll verfügbar zu betrachten. Das holozentrische Weltbild ist in seinem Wesen antitotalitär.
[95] Der Mensch ist das Wesen, das stets unterwegs ist und innerhalb von Raum und Zeit nie ankommt. Er ist in seiner Wesenheit transzendent.
[96] Wenn der Sinn des Ganzen letztlich Geheimnis ist: kann es dann noch Verhaltensmaximen hergeben? Im Bereich der jüdisch christlichen Weltanschauung hat der Schöpfergott die Sinngebung soweit enthüllt, als er die Ehrfurcht vor seiner Wesenheit an den Anfang eines Verhaltenscodexes gestellt hat, der infolge seiner Herkunft nur der dem Sinnganzen entsprechende sein kann. Sein Gesandter sodann, Jesus von Nazareth, hat das zweite Gebot ausdrücklich dem ersten, die Nächstenliebe der Gottesliebe gleichgesetzt (Mt. 22, 36 40). Mit dieser Identifikation offenbart sich die Liebe als Weltgrundgesetz, als Sinn der Welt, soweit uns seine Erkenntnis gegeben ist.
[97] Das zweite Gebot erweist sich als die Grundlage der Ethik des holozentrischen Weltbildes. Die Volksweisheit hat eine Kurzformel geprägt: [100]«Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu». Das entspricht durchaus einer auf Selbsterhaltung bedachten Vernunft.
[98] Das zweite Gebot führt jedoch darüber hinaus wenn auch zum Wort «Nächstenliebe» einiges anzumerken ist:
[99] - Das Ich, das Individuum, wird keineswegs aufgehoben. Aber es wird dem «Nächsten» gleichgesetzt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Das Zusammenleben unter dem Grundgesetz der «Nächstenliebe» ist eine heikle Gratwanderung zwischen der Durchsetzung eigener und der Anerkennung fremder Interessen - von Fall zu Fall, immer unter Abwägung der jeweils konkurrierenden Werte. Das Du wird in das Ich hereingenommen, wird zum Bestandteil des Selbst.

[100] - «Liebe» kann in diesem Zusammenhang nicht als spontan aufsteigendes Gefühl gemeint sein. Das könnte ja nicht Gegenstand eines Gebotes sein. Gemeint ist zunächst, daß wir den anderen voll als einen Mitmenschen gelten lassen sollen. Das kann sich auch abringen, wer dazu nicht besonders disponiert ist. Den anderen gelten lassen heißt allerdings bereits: sich ihm zu-neigen. Es ist ein Gefühl von Verbundenheit, das eine «emotionale» Komponente enthält. Sie muß zur Hilfsbereitschaft führen, wo Hilfe Not tut. Das ist es, was über die «Kurzformel» [97] hinausgeht. Im übrigen ist dieselbe für den Starken nur so lange vernünftig, als er nicht befürchten muß, einmal zu den Schwachen zu gehören und auf Rücksichtnahme angewiesen zu sein. Und um das zu verhindern, muß er rücksichtslos danach trachten, stark zu bleiben ... [132]
[101] - Der «Nächste» ist jener, dessen Lebensweg sich mit dem meinen kreuzt. Das sind in einer global vernetzten Welt auch geographisch weit entfernt Lebende. Zum Beispiel notleidende Drittweltbewohner.
[102] - Der «Nächste» schließt auch die Nachgeborenen ein. Das Sinnganze weitet den Menschen als physische Einheit zur Menschheit überhaupt aus.
[103] - Unsere Gegenwart läßt deutlicher denn je erkennen, daß unsere Zuneigung auch unseren natürlichen Lebensgrundlagen gelten muß. «Liebe zur Schöpfung» heißt das in einer religiösen Sprache. Darin ist auch der Gedanke beschlossen, daß wir kein letztendliches Verfügungsrecht haben können über die Seinsformen, die wir nicht geschaffen haben.
[104] Das Wort «Selbstverwirklichung» hat einen selbstischen Klang, der in unserer Gegenwart indessen durchaus positiv bewertet wird. Um Mißverständnisse zu vermeiden, soll im holozentrischen Kontext fortan von «Selbstwerdung» die Rede sein. Oder von «Selbstentfaltung».
[105] Des weiteren ist jetzt deutlich geworden, daß das holozentrische Weltbild auch das «solidarische» genannt werden könnte.
[106] Selbst Religionen unterliegen der Gefahr, in ein autozentrisches Denken abzugleiten. Dann nämlich, wenn sie behaupten, die «ganze Wahrheit» über Gott und die Welt zu kennen. Andersdenkende sind dann Unwissende, Ungläubige, Nichtgleichberechtigte, Häretiker, Feinde. Die Folgen sind bekannt.
[107] Die einzig legitime Beziehung unter den Religionen ist die des Gespräches.
«Gott» hat keine von ihnen gepachtet; er ist eine Chiffre für den oder die oder das große Unbekannte, dem sich die Religionen anzunähern versuchen.
Auch die Wahrheit von Offenbarungen überzeugt jene, die sie nicht selber geschaut haben, nur dann, wenn sie offenbar ist. Fruchtbar ist nur der Gedankenaustausch mit anderen über das unterwegs Gefundene. Nur mit dieser gegenseitigen Ermunterung und Befruchtung kann die Erleuchtung immer ganzheitlicher werden.

Die Wahl des Weltbildes
 
[108] Ein durchdachtes Weltbild als Grundlage der persönlichen Lebensführung ist wohl nicht die Regel. Zwischen egozentrischen und altruistischen Gefühlsaufwallungen ohne große Reflexion hin und her zu schwanken, dürfte weit verbreitet sein. Unsere Zeit verlangt aber, daß wir uns der Mühe unterziehen, uns die Folgen unseres Verhaltens bis in den Alltag hinein bewußt zu machen. Das wäre dann, was man «Verantwortung» nennt.

[109] Wir brauchen nicht in eine verkrampfte Gebots- und Verbotsmentalität zu verfallen. Wer sich ein solidarisches Weltbild wirklich zu eigen macht, läßt es mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Gelassenheit in sein Tun und Lassen einfließen. Wobei die Gelassenheit letztlich aus dem Bewußtsein kommt, daß wir, auf uns selber gestellt, nie eine völlig heile Welt zustandebringen werden, sondern nur eine mehr oder weniger große Annäherung.

[110] Die bewußte Wahl des Weltbildes beruht nicht auf Beweisführungen. Sie ist ein Glaubens-Entscheid. In einem Glaubensentscheid verdichtet sich persönliche Welterfahrung zu einer Überzeugung, die bis in den Alltag hinein zum Lebensentwurf wird.

[111] Das solidarische Weltbild ist nicht religions-gebunden. Es gibt «Atheisten», die ihm nachleben. Es gibt ein spontanes, unreflektiertes Lebensgefühl der Verbundenheit und der Verantwortung.

[112] Es gibt sogar eine überraschend einfache Testfrage: In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? In einer vom autozentrischen oder vom solidarischen Weltbild geprägten? Wobei die zweite Option allerdings eine höchstpersönliche Verpflichtung zur Solidarität mit sich bringt. Die «Wahrheit» ist hier nicht eine naturwissenschaftliche, sondern eine ethische, obwohl durchaus auch «experimentell» erhärtete.

Verfaßtheit und Verfassung

[113] Das Kollektiv-Selbst hat einen erheblichen Einfluß auf unser Verhalten. Es ist nicht gleichgültig, welches Weltbild darin [5, 67] dominiert.

[114] Was in den Industrienationen öffentlich gemeint und getan wird, d.h. was ihr Kollektiv-Selbst bildet, sieht in wesentlichen Bereichen auffallend nach einem autozentrischen Weltbild aus.

[115] Wir sind in eine Diskussion über die Revision der Bundesverfassung eingetreten. Die «Verfassung» einer Gesellschaft besteht aber nicht nur in einem Dokument, das die Grundrechte und die Organisation des Staates festlegt. Wir sollten die Diskussion auf die Frage der Verfaßtheit unserer Gesellschaft ausdehnen. Die Zeit ist reif dafür. Die Fragen und Fragwürdigkeiten, die weit über die gegenwärtig geltende Bundesverfassung hinausgehen, sind von existenzieller Aufdringlichkeit.

[116] Nur eine Auslegeordnung über die Verfaßtheit unserer Gesellschaft ermöglicht eine Antwort auf die Frage, was eigentlich in einer revidierten Verfassung festgeschrieben werden soll. Anders bleibt die Revision eine verlegene Kosmetik, die fundamentale Meinungsverschiedenheiten übertüncht. Eine Verfassungsdiskussion muß einen Grundkonsens darüber erarbeiten, welche Werte die Gesellschaft verwirklichen will und in welchem Verhältnis diese Werte zueinander im Grundsatz stehen sollen. Anders ist die Richtung, die unser Gemeinwesen in Zukunft einschlagen soll, nichts weiter als eine Machtfrage.

Menschenrechte


[117] Wenn sich die Selbstwerdung auf ein Gelingen hin bewegen soll, verlangt sie nach gewissen günstigen Rahmenbedingungen in der Außenwelt. Wo sich diese Rahmenbedingungen zu Rechtsansprüchen verdichten, reden wir von «Menschenrechten».

[118] Wir sind es von der autoritätskritischen Aufklärung her gewohnt, die Menschenrechte nur als Ansprüche gegenüber dem Gemeinwesen zu begreifen. Die entsprechenden Pflichten lägen dann nur auf seiten des Staates. Wir sollten uns aber bewußt machen, daß ein jeder von uns bis in den Alltag hinein zu jenen günstigen Rahmenbedingungen seinen Beitrag leisten muß. Es gibt keine Menschenrechte ohne Menschenpflichten   sowohl gegenüber dem Mitmenschen als auch gegenüber dem Gemeinwesen! [131]

[119] Es soll hier nur von jenen günstigen Rahmenbedingungen die Rede sein, auf die das Gemeinwesen Einfluß nehmen kann und die somit als eigentliche Menschenrechte ausgestaltet werden können.

[120] Der herkömmliche Katalog ist für die Gegenwart zu eng gefaßt. Er stammt aus einer Zeit, da man auf den Kampf gegen autoritäre Staatswesen fixiert war.

[121] Die «günstigen Rahmenbedingungen» bestehen darin, daß die politisch wirtschaftlichen Strukturen die lebenswichtigen Werte nicht behindern, sondern fördern. Als solche Werte müssen gelten:

Materielle Lebensgrundlagen


[122] Dazu gehören Nahrung, Schutz vor Witterung, körperliche Integrität, Gebrauchsgüter. Das zivilisatorische Niveau dieser Werte richtet sich nach der unmittelbaren Umwelt des Individuums. Man wird kaum sagen können, daß ein Buschmann in seinem Hier und Jetzt ein Menschenrecht auf ein Badezimmer habe. (Was das Ausmaß des Rechtsanspruches auf materielle Lebensausstattung in unserm Land anlangt, findet man im Notbedarf und in den Kompetenzstücken des Schuldbetreibungs-  und Konkursrechtes eine aufschlußreiche Ausformulierung.) [140]

[123] Unter den Titel «Nahrung, körperliche Integrität» fällt auch der Anspruch auf gesunde Nahrung, auf reine Luft, auf eine ausreichende Versorgung mit sauberem Wasser. Hierher gehört des weiteren, daß wir nicht ungenügend erforschten Risiken ausgesetzt werden, die auf eine erhebliche Schädigung der körperlichen Integrität von uns und unseren Nachkommen hinauslaufen könnten.

[124) In weiten Bereichen der Dritten Welt erreicht die materielle Lebensausstattung nicht einmal ein existenzerhaltendes Minimalmaß. Wir werden uns im Sinne unserer Menschenpflichten überlegen müssen, wie weit wir, dafür mitverantwortlich sind. Und wie wir Hilfe leisten können, ohne daß die Armen in neue Abhängigkeiten hineingeraten und ihre kulturelle Identität noch vollends verlieren.

Arbeit


[125] Das Mitgestalten der Umwelt ist ein wesentliches Anliegen der Selbstwerdung. Für Millionen reduziert sich die Mitgestaltungsmöglichkeit in der Arbeitswelt auf die Funktion einer Maschinenbedienungsmaschine. Damit werden schöpferische Fähigkeiten brachgelegt. Frustrationsgefühle und Aggressionen liegen nahe.

[126] Wir werden den Stand der Produktionstechnik nicht zurückschrauben können. Aber wir werden die wachsenden zeitlichen Freiräume so zu gestalten haben, daß sie nicht einfach durch eine Ausweitung der Konsum-Vollbeschäftigungsprogramme [30,31] ausgefüllt werden, sondern vielfältige Anreize zur Entfaltung kreativer Fähigkeiten bieten.

[127] Die Arbeitsgelegenheiten müssen den Erwerb einer angemessenen Lebensausstattung ermöglichen [180]. Arbeitslosengelder können nur eine Überbrückungsfunktion haben; eine menschenwürdige Dauerlösung sind sie auf keinen Fall. Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, gesellschaftlich «unnütz», ausgegrenzt zu sein, ist niederschmetternd, bedeutet einen empfindlichen Verlust von Geborgenheit [144].

[128] Die Zeit, da Arbeitsplätze durch ein Wachstum von Produktion und Konsum geschaffen werden dürfen, ist in den Industriegesellschaften allerdings vorbei. Vorschläge, wie man es anders machen könnte, gibt es genug. Wirtschaft und Politik müßten sie nur endlich zur Kenntnis nehmen.

[129] Statt ältere Menschen immer noch früher auszugrenzen und zu bloßen Konsumenten zu machen (wofür die Wirtschaft auf die Dauer die nötigen Mittel gar nicht wird aufbringen können), sind Strukturen zu schaffen, in denen sie sich solange als möglich als «nützliche Glieder der Gesellschaft» fühlen können. Es ist schon deprimierend genug, wenn die explodierende Dynamik des «Fortschritts» jahrzehntelange Berufs- und Lebenserfahrung cool zum Alteisen wirft.

Freiheit


[130] ist der grundlegende Instrumentalwert der Selbstwerdung. Ohne persönliche Entfaltungsräume ist eine Selbstwerdung nicht möglich.

[131] Freiheit als Menschenrecht kann es nur geben, wenn ein jeder die Freiheit der anderen respektiert und sich für sie verantwortlich fühlt [118].Im autozentrischen Weltbild ist Freiheit als allen Menschen zukommendes Recht nicht begründbar. Freiheit kann dort nur das «Recht» des Stärkeren sein. Mindestens aber ein Ausleben dessen, was man als sein Selbst betrachtet, ohne Grenzen und ohne Rücksichten. (Ist die jüngste Reklamebeliebtheit des Wortes «grenzenlos» Zufall?).

[132] «Ohne Liebe [100] wird aus Freiheit Chaos» (Max Thürkauf).

Sicherheit


[133] Allgegenwärtige Kriminalität erweckt Gefühle des Ausgesetztseins. Die Einbruchs  und Raubkriminalität der Gegenwart, die uns immer dichter auf den Leib rückt, hat ihre Gründe zu einem guten Teil im Beschaffungsbedarf der Süchtigen und im enormen Gefälle zwischen Reich und Arm: Arme betrachten die Schlaraffenländer als Selbstbedienungsläden. Symptombekämpfung mit Sicherungsmechanismen, Versicherungen und Polizei ist notwendig, aber längst nicht ausreichend. Wir müssen die Ursachen angehen.

[134] Auch das Gefälle zwischen Arm und Reich. Dessen Verringerung ist geradezu ein Gebot der Selbsterhaltung. Statt dessen versuchen wir, uns gegen die von dorther drohende Revolutionsgefahr mit Mauern aus Bündnissen und Superwaffen abzusichern. Dabei ist die Waffe der Ohnmächtigen der Terror, gegen den unsere hochempfindliche Industriezivilisation letztlich machtlos ist. Die Anfänge zeichnen sich ab [39].

[135] Längerfristig liegt ein gewaltiges Sicherheitsrisiko auch in der fortschreitenden Ausplünderung der Ressourcen. Am Ende werden sie in einem Kampf aller gegen alle nur noch für die Stärksten verfügbar sein [90, 193].

Eigentum


[136] verschafft den ungestörten Gebrauch von Dingen, die zur materiellen Lebensausstattung gehören. Auch im Recht auf die Früchte der Arbeit liegt eine Rechtfertigung der Eigentumsgarantie.

[137] Eigentum als totale Verfügungsmacht aber ist ein autozentrisches Konzept. Es berücksichtigt nicht einmal die Tatsache, daß die Aneignung meist auch materielle Weile der Öffentlichkeit beansprucht, für die keine oder eine ungenügende Gegenleistung erbracht wird. Darüber hinaus enthält die Aneignung immer auch unverdiente Faktoren: günstige Veranlagung, freundliches Geschick (von ausbeuterischer oder gar illegaler Aneignung soll hier erst gar nicht die Rede sein).

[138] Eine gewisse Umverteilung an weniger Begünstigte ist nicht nur ein Gebot der Solidarität, sondern erst einmal eines der Gerechtigkeit. Daß damit nur die «Faulheit» begünstigt werde, ist in ihrer Verallgemeinerung eine faule Ausrede.

[139] Das Experiment einer totalen Nivellierung der materiellen Lebensausstattung vom Gleichheitspostulat her ist allerdings gescheitert und hat Millionen von Todesopfern gekostet. Das gehört nun einmal zur ganzheitlichen Realität.

[140] Auch beinhalten Menschenrechte nicht immer und überall dieselben Ansprüche, weil die Gestalt des Selbst raumzeitlich bedingte Variationen aufweist [122].

[141] Auch Eigentumsrechte unterliegen einer Güterabwägung. So gibt es kein unabdingbares Recht auf Grundeigentum, wo daraus eine unlösbare Kollision mit lebenswichtigen Anliegen des Gemeinwohls entstünde.

Geborgenheit


[142] meint das Gefühl, in einem Gefüge gehalten zu sein, mit dem man sich im Grossen und Ganzen identifizieren kann.

Dazu gehören

[143] - eine ausreichende materielle Lebensausstattung, insbesondere eine bergende Behausung;

[144] - einigermaßen intakte soziale Gemeinschaften: Familie, Freundschaften, private und öffentliche Vereinigungen   bis hin zur Völkergemeinschaft (wobei die letztgenannte als zu weit entfernte «Zwiebelschale» noch kaum ein Gefühl des Gehaltenseins vermitteln dürfte) [127];

[145] - eine daseinsfreundliche Umwelt;

[146] - eine geistige Beheimatung: ein Sichzurechtfinden in der Welt, eine Welterklärung, die Orientierungshilfe bietet.

[147] Die weltweite Gegenwart enthält allzu viele Faktoren der Entblößung von Geborgenheit. Einige Stichworte: Fehlen der elementarsten Lebensausstattung (besonders in der Dritten Welt). Wohnungsnot. Auflösung der Familie. Kampf und Sieg Mentalität statt friedlicher Gemeinschaft. Verunsicherung und Ängstigung durch wachsende Undurchsichtigkeit technischer, wirtschaftlicher, politischer Erscheinungen, Zusammenhänge, Risiken. Die Unwirtlichkeit der Renditenlandschaften, das hektische Weiterhasten in allen Bereichen, was es verunmöglicht, sich auch nur vorübergehend in einem Ordnungsgefüge zurechtzufinden. Der verbreitete Verlust religiöser Orientierungshilfen. (Die Religionen können ihre Rolle als echte Lebenshilfe nur weiterführen, wenn sie vom Bewußtseinsstand der Menschen von heute ausgehen; anders findet eine Massenabwanderung in Ersatzreligionen und Illusionen statt.)

Ruhe, Stille, Muße, Vielfalt, Poesie, Schönheit, Hoffnung


[148] Zeitdruck, allgegenwärtiger Lärm, das Freizeit Vollbeschäftigungsprogramm der Wirtschaft [30] sind keine Atmosphäre, in der Selbstbesinnung und Selbstfindung gedeihen.

[149] «In der Stille wird alles an Macht und Gewalt zurückgenommen» (Hans Saner).

[150] Die Vielfalt in Natur und Kultur regt unsere Neugierde an, bietet Anreize, das bisher Gedachte zu überdenken, weiterzudenken. Eintönige Vereinheitlichung stumpft ab, verbreitet Langeweile. Es wird bereits geraubt und gemordet aus Langeweile. Die Vielfalt des Konsumangebotes kann sie offenbar nicht vertreiben. Und Nervenkitzel ist kein Ersatz für Vielfalt.

[151] Was «Schönheit» ist, hat noch niemand ausleuchten können. Schönheit gehört zu jenen Erscheinungen, die über sich hinausweisen. Sie kann nur erfühlt, nicht definiert werden. Die Natur strömt Schönheit in überwältigender Fülle aus. Wer glaubt, der Schönheit Auschwitz entgegenhalten zu müssen, ist naturblind. In Auschwitz ist der (autozentrische) Mensch gescheitert, nicht die Schönheit. Wer die Schönheit verachtet, verachtet die Hoffnung.

[152] Die Kunst der Gegenwart feiert in ihren öffentlich anerkannten Produktionen wahre Orgien von innerer Leere, Disharmonie, Häßlichkeit, Hass, Niedertracht, Verzweiflung und Brutalität. Es geht nicht darum, Hass und Häßlichkeit aus der Kunst zu verbannen , sie gehören zur Ganzheit des Wirklichen. Die Nacht ohne jeden Lichtblick aber macht die Nacht zur Selbstverständlichkeit, zum Eigentlichen. Solche Kunst tötet die Hoffnung.

[153] Fühlen wir noch die Poesie einer Blume, eines Schmetterlings, einer Landschaft? Poesie ist der Duft einer verborgenen Wirklichkeit. Die Dichterin Gertrud Leutenegger hat angesichts der Banalisierung ihrer Kindheitslandschaft durch eine Autobahn geschrieben: «Sie haben das Unsichtbare erstickt. Das Unsichtbare in der Landschaft. Jenen kleinen Rest, der auf die Reise wollte, auf die andere Seite der Welt. Der lebendig geblieben wäre ... ».

[154] «Je schreckensvoller diese Welt (wie gerade heute), desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.» Dieser Ausspruch Paul Klees wäre angesichts der unhinterfragten Dominanz der Abstraktion im gegenwärtigen Kunstbetrieb jedenfalls einmal gründlich zu bedenken.

[155] Durchgeometrisierte Kunst ist der gewalttätige Versuch, den ganzen Reichtum der Wirklichkeit in «klare» Formen zu pressen. Die Architektur der Moderne ist schrecklich männlich. In der Natur gibt es nirgends reine Geometrie,

[156] Nur Unwohlbefinden auszubreiten, ist keine Kunst.

[157] In einer Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit kommt die Kraft, trotzdem auf eine heilere Welt hin zu leben, mehr denn je nur noch «von der anderen Seite» [153].

Ausbildung, Bildung, Information


[158] Ausbildung vermittelt jenes Sachwissen und jene Fertigkeiten, die wir im Erwerbsleben benötigen. Bildung soll uns befähigen, uns und unsere Umwelt besser zu verstehen. Dazu gehört heute eine möglichst umfassende Information. Anders ist Verantwortung, die sich dem Ganzen verpflichtet fühlt, nicht zu realisieren [166-174].

Mitwirkung am Gestalten der öffentlichen Angelegenheiten


[159] Ein Postulat, das sich aus der Freiheit zur Selbstentfaltung ergibt. Das Selbst gestaltet sich in die Außenwelt hinein, und die Außenwelt wirkt auf das Selbst zurück.

[160] Im Bereich politischer Gestaltungsmöglichkeiten hat sich das Mitwirkungsanliegen in der Form demokratischer Grundrechte konstituiert.

«Bei uns regiert das Volk» - eine Illusion


[161] Damit sollte der Eindruck vermittelt werden, der Mensch bewahre seine volle Autonomie auch im Verbund der organisierten Gesellschaft. Indessen werden nur die wahren Machtverhältnisse verschleiert. «Herrschaft bedeutet, die Gestaltung des Gemeinwesens von der Projektierung über die Formulierung der Rechtssätze bis in deren Ausführungen hinein in der Hand zu haben. Eine solche Aufgabe kann «das Volk» nur schon aus organisatorischen Gründen nicht bewältigen. Demokratie kann nicht «Volksherrschaft» sein. Und wenn schon, dann würde eine   heute in der Regel hauchdünne   Mehrheit über die demselben «Volk» angehörende Minderheit herrschen. Dies besonders dann, wenn Mehrheiten und Minderheiten in der Regel von immer denselben Kreisen und Denkweisen gebildet werden, so daß die Chance, das nächste Mal wieder zur Mehrheit zu gehören, gering ist. Abgesehen davon sind längst nicht alle, die den Gesetzen unterworfen sind, wahl-  und stimmberechtigt.

[162] «Demokratie» als Postulat kann daher nur bedeuten, daß die politischen Mitwirkungsmöglichkeiten im je besonderen kulturellen Umfeld zu optimieren sind. Diese Mitwirkung, die den Gemeinschaftsgedanken voraussetzt (autozentrische «Mitwirkung» kann nur in Beherrschungsversuchen bestehen), vollzieht sich zunächst im Gespräch: in einem Gespräch, das alle an einem Problemlösungskonflikt beteiligten Werte und Interessen zu Wort kommen läßt. Und zwar ohne verbale Diskriminierung und Ausgrenzung («subversiv», «wirtschaftsfeindlich» und dergleichen mehr). Selbst bei politischen Willensäußerungen, die quer zur «öffentlichen Meinung» liegen, täte man besser daran, sie nach ihren Hintergründen abzufragen, statt sie kurzerhand ins Reich des Bösen zu verweisen. Es könnten dahinter an sich lebenswichtige und daher berechtigte Bedürfnisse wirken, die durch ihre Unterdrückung auf schiefe Bahnen abgedrängt wurden. (Der Kurzschluß zum Reich des Bösen rührt allerdings oft daher, daß die Vorherrschenden ihnen unbequeme Bedürfnisse nicht wahrhaben wollen.)

[163] Nicht jedes Gespräch führt zu einer Kompromißlösung. Eine solche setzt voraus, daß jeder Gesprächsteilnehmer auch die Anliegen der anderen in seine eigenen Lösungsvorschläge einbaut. Wenn aber keine Einigung erzielt wird: Wer macht jene Lösung zum Gesetz, die dem Gemeinwohl, dem «größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl», am besten dient? Es gibt die Möglichkeit, einen Schiedsrichter oder einen «Rat der Weisen» entscheiden zu lassen. Als demokratisch gilt aber nur der Mehrheitsentscheid durch das «Volk» selber oder seine Repräsentanten.

[164] Man muß ein schlechtes Gewissen dabei haben. Ideal wäre die Weiterführung des Gesprächs, bis eine Einigung erzielt ist (wie das bei gewissen afrikanischen Stämmen praktiziert worden sein soll). Das läßt sich im Umfeld unserer zivilisatorischen Verhältnisse nicht durchführen. Wenn der Mehrheitsentscheid dem Gemeinwohl dienen soll, muß also von den am Entscheid Beteiligten dieselbe Grundeinstellung verlangt werden, die auch zum Kompromiß führen kann. Anders bleibt nur die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit übrig. Und die demokratische Willensbildung ist nur ein Kampf aller gegen alle, in welchem es zu siegen gilt. Dann sind auch polarisierende Kampfmethoden bis an den äußersten Rand des Legalen durchaus legitim. (Das heißt nicht, daß die politische Diskussion nicht gepfeffert sein dürfte. Aber Pfeffer ist nicht mit Gift zu verwechseln.)

[165] Offenbar werden die Früchte solcher «demokratischer» Willensbildung doch nicht als befriedigend empfunden. Es erschallt der Ruf nach «Führung». Dahinter kann auch mehr stehen als einfach der Versuch, in Richtung Alleinherrschaft vorzudringen (beispielsweise durch eine einseitig zusammengesetzte Regierung). Dann aber ist Führung nur möglich, wenn ein Minimalkonsens darüber besteht, was als wertvoll zu gelten hat und welchen Rang diese Werte einnehmen [5]. Anders muß jeder Führungsversuch im Kampf aller gegen alle aufgerieben werden. Was dann wiederum totalitäre Tendenzen, «endlich Ordnung zu schaffen», auf den Plan rufen könnte.

Anforderungen an die Information in der Demokratie


[166] Wer Probleme umsichtig und weitsichtig im Sinne des Gemeinwohls lösen will, muß über die einschlägigen Fakten und Zusammenhänge informiert sein [158]. Eigentlich müßte er mit dem gesamten Wissensstand seiner Gegenwart vertraut sein. Das ist praktisch unmöglich, weshalb wir uns mit einer Optimierung begnügen müssen.

[167] An Angeboten ist kein Mangel. Die Information ergießt sich in weiterhin anschwellenden Fluten über uns. Die Meldungen und Kommentare jagen sich, widersprechen sich, werden vom Nachdrängenden zugedeckt, lassen den Bürger, der keine eigenen Überprüfungsmöglichkeiten hat, rat  und damit tatenlos.

[168] In einem Gemeinwesen, das seine Entscheide unter bestmöglicher Mitwirkung seiner Bürger fällen will, muß die Information folgenden Anforderungen genügen:

[169] - Sie muß aus Quellen kommen, die nicht durch Eigeninteressen getrübt sind. Wo sie aus solchen Quellen stammt, muß das deutlich erkennbar sein.

[170] - Sie muß dem neuesten Stand des Wissens entsprechen. Aufklärung ist auch gefordert, wo das Wissen kontrovers, unvollständig oder gar fehlend ist. Das gilt besonders für das Wissen um die Risiken, die ein bestimmter Lösungsvorschlag mit sich bringt.

[171] - Gegensätzliche Standpunkte, deren vordergründige Begründung und hintergründige Interessenbedingtheit müssen klar herausgestellt werden.

[172] - Demokratische Information muß übersichtlich gestaltet, mit einem vernünftigen Zeitaufwand zu bewältigen und auch breiteren Schichten verständlich sein.

[173] Das Fernsehen mit seiner Kombination von Bild, Ton und Wort wäre ein ideales Informationsmedium gewesen. Indessen wird auch das öffentliche Fernsehen - nach dem «Vorbild» des privaten - immer weitergehend dazu mißbraucht, das Publikum während der besten Sendezeiten mit einer grellen, lärmigen und hektischen Mixtur aus Wettkampfspektakeln, Jubeltrubelheiterkeit, Action, Krimis, Terror und Horror freizeitfüllend an der Oberfläche zu halten.

[174] Die Finanzierung durch Werbegelder fordere hohe Einschaltquoten, so lautet das Argument. Welches Publikum wünscht sich unsere Wirtschaft eigentlich? Und wenn sie ein auf die Verdummung zusteuerndes Publikum will, hat dann das demokratische Gemeinwesen nicht erst recht die Aufgabe, ein informiertes Publikum zu wollen? Man muß dieses Publikum nun einmal ansprechen, wo es sich befindet: im Lehnstuhl vor dem Fernsehen. Es gibt ein vorzüglich gemachtes, informatives und dabei keineswegs langweiliges Fernsehen; das beweisen einige allerdings immer seltener werdende und spät nachts ausgestrahlte Sendungen. (Nebenbei: Offenbar bemerken wir die Unverschämtheit der staatlich approbierten Manipulation durch Unterbrecherwerbung gar nicht mehr.)

Lassen sich alle Probleme durch «mehr Markt» lösen?


[175] Die Wirtschaft einer freien Gesellschaft ist Marktwirtschaft. Indessen vermitteln gewisse vorherrschende Wirtschaftstheoretiker und  -praktiker mit ihrer unermüdlichen Antistaat Propaganda den Eindruck, als bestünde Marktwirtschaft darin, daß sich das Gemeinwesen aus dem «freien Spiel der Kräfte» heraushält.

[176] Markt als Ort friedlichen Güteraustausches steht im Gegensatz zur Güteraneignung durch Gewalt. Eine auch nur einigermaßen entwickelte Marktwirtschaft kann überhaupt nur entstehen und Bestand haben, wenn eine Regelungsmacht einige elementare Vorbedingungen, eine Markt Friedensordnung schafft (Münzwesen, Vertragsrecht, Streitschlichtung usw.). Es liegt auf der Hand, daß das «freie Spiel der Kräfte» in Wirklichkeit ein Kampf aller gegen alle ist, in welchem unausweichlich die Stärkeren und Stärksten obsiegen. Daß die Erfahrung das bestätigt, läßt ein unverstellter   insbesondere ein global ausgeweiteter   Blick deutlich genug erkennen. Von einer auch nur einigermaßen gerechten Güterverteilung, einer Hauptaufgabe einer «gesunden Wirtschaft», sind wir weit entfernt. Das blinde Vertrauen in «Marktmechanismen», die mit unsichtbarer Hand alles ins Lot bringen sollen, dürfte nun doch gründlich erschüttert und als Illusion, als Ausdruck eines mechanistischen Weltbildes erkannt sein. Im übrigen hat schon Adam Smith, Hauptbezugsperson der neoliberalen Theoretiker, auf die Unerläßlichkeit ethischen Verhaltens der Wirtschaftsubjekte hingewiesen. Wo allerdings der Eigennutz heiliggesprochen wird, muß ein solcher Appell ungehört verhallen.

[177] Es soll hier nicht einer «Regulierungswut» das Wort geredet werden. Je wilder aber sich der Eigennutz gebärdet, desto drängender wird der Regulierungsbedarf, wenn das Gemeinwohl überhaupt noch ein Anliegen sein soll. (Man braucht sich nicht zu wundern, wenn sogar wieder totalitäre Gelüste aufkommen, wie beispielsweise der Ruf nach einer «Ökodiktatur».)

Gefährliche Defizite


[178] Wir können nicht mehr daran vorbeisehen, daß die Wachstumskonkurrenzwirtschaft der Gegenwart [11-20] insbesondere in ihrer globalisierten Form, gefährliche Defizite aufweist:

[179] - sie führt zu einer wachsenden Ausgrenzung Arbeitsuchender: Drittweltbewohner, nicht ausreichend «Effiziente», durch Automatisierung überzählig Gewordene, nicht ausreichend Dynamische und Neuerungsfreudige (hierher gehören ohne Ansehen der Person die Senioren, aber auch Manager, die im hektischen Konkurrenzkampf ebenfalls zu einer Art Wegwerfprodukt geworden sind).

[180] Eine gesunde Wirtschaft verschafft allen Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen die Möglichkeit, sich mit ihrem Einsatz mindestens eine elementare materielle Lebensausstattung zu erwerben [127]. Und überläßt sie nicht der öffentlichen und privaten Fürsorge oder gar der Verelendung. Sogar in Europa sind als Globalisierungsfolge bereits ganze Landstriche der Verarmung ausgesetzt. Die globale Wachstumskonkurrenzwirtschaft ist von ihren Strukturen her unfähig, eine der vornehmsten Aufgaben der Wirtschaft zu erfüllen, nämlich eine den menschlichen Grundbedürfnissen aller Wirtschaftssubjekte einigennassen angemessene Güterverteilung zu gewährleisten.

[181] Gerade auch wegen der Fürsorgeverpflichtungen der Gemeinwesen müsse die Wirtschaft weiterwachsen, heißt es. Diese Rechnung wird wahrscheinlich nicht aufgehen. Dafür wird das rasche Wachstum der Ausgrenzungen und das Schwinden der öffentlichen Mittel im internationalen Konkurrenzkampf um die niedrigsten Abgaben sorgen.

[182] - Die Jagd nach den günstigsten Rahmenbedingungen geht rund um den Globus. Den Verlierern bleiben aufgelassene Industriewüsten und verarmende Bewohner.

[183] - Die Wachstumskonkurrenzwirtschaft ist von ihren Strukturen her unfähig, die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen zu gewährleisten [13-19]. Sie ist die Perversion der «Ökonomie», des haushälterischen Umganges mit den Gütern dieser Erde nämlich. (Nur nebenbei: Sogenannte marktwirtschaftliche Schutzmaßnahmen sind in Wirklichkeit vom Staat eingerichtet; «marktwirtschaftlich» sind sie nur insofern, als sie an den Eigennutz appellieren.)

[184] Eine «gesunde Wirtschaft» kann im Zeitalter einer höchst effizienten Ausbeutungstechnologie nur noch eine Kreislaufwirtschaft sein, bei welcher die Schonung der Ressourcen und der ökologischen Vernetzungen optimiert sind.

[185] «Wachstum» [52,54,55] hört sich wegen seines biologischen Anklanges sympathisch und zuversichtlich an. Das Wirtschaftswachstum der Gegenwart hat aber mit dem biologischen Wachstum nichts gemein. Es vollzieht sich nicht in einem Kreislauf von Werden und Vergehen. Es ist vielmehr eine wahnwitzige Anhäufung toter Materie, die in immer unlösbarere Versorgungs-  und Entsorgungsprobleme hineinläuft.

[186] Quantitatives Wachstum ist nur noch dort vonnöten, wo die Not regiert. Ausgerechnet dort aber wachsen weit herum nur die Hoffnungslosigkeit und die Auslandkonten der «Eliten».

[187] - Die Wachstumskonkurrenzwirtschaft befaßt sich nur mit gemeinnützigen Aufgaben, soweit ihre Erfüllung eine Rendite abwirft. Alles übrige überläßt sie den Gemeinwesen oder uneigennützigen Privaten.

[188] - Der globale Konkurrenzkampf führt zur wachsenden Machtkonzentration bei den «Effizientesten». Dabei entziehen sich die internationalen Großunternehmen zusehends öffentlicher Kontrolle, weil sie Regulierungsgelüste von Nationalstaaten mit angedrohter oder wahr gemachter Auswanderung unterlaufen können. Die Souveränität der Nationalstaaten nimmt rapide ab (und die Wut darüber, die sich in Neonationalismen auslebt, nimmt rapide zu). Die Völkergemeinschaft wiederum ist zu uneinig und zu schwach, um eine wirksame Machtkontrolle auszuüben. [194, 237]

[189] - Mit ihren zentral gesteuerten, global-aggressiven Konsumangeboten droht die Wachstumskonkurrenzwirtschaft allmählich den ganzen Planeten mit einem grauen zivilisatorisch kulturellen Einheitsbrei zuzudecken [150] - mit dem «American way of life» als Einheitsnorm.

[190] Es gibt eine Horrorvision, wonach in absehbarer Zeit einige Multis weltweit bestimmen, wie man zu arbeiten, was man zu konsumieren, wie man sich zu vergnügen, was man von seinem Selbst, was man von Gott und der Welt zu halten hat.

[191] - Eine Wirtschaft, die ständig in der Angst vor Konkurrenznachteilen und vor dem Verlust von Arbeitsplätzen lebt, hat es immer wieder zu verhindern gewußt, daß auf krasse Menschenrechtsverletzungen wirkkräftig reagiert wurde. Wenn die europäische Kultur irgendwo einen weltweiten Verdienst verbuchen könnte, dann wäre es die Ausbreitung eines Bildes vom Menschen, das ihm eine unantastbare Würde zuerkennt.

[192] - Waffenexporte in Krisen- oder gar Kampfgebiete mit der Begründung der Arbeitsplatzbeschaffung verursachen Millionen von Toten und Verstümmelten. Sie befähigen auch dort zu Massenschlächtereien, wo man sonst noch mit Pfeil und Bogen umginge. Eine Wirtschaft, die in solchen Exporten einen «Sachzwang» sieht, muß als geradezu pervers bezeichnet werden.

[193] - Die Sicherheitsrisiken, für welche diese Wirtschaft mitverantwortlich ist, wurden schon erwähnt [133-135].

[194] - Der Zwang zur permanenten Effizienzsteigerung und die Tendenz zur Machtkonzentration beeinträchtigt die Mitwirkungsrechte. Auf Unternehmensebene glaubt man sie sich aus Konkurrenzfähigkeitsgründen nicht leisten zu können. Auf staatlicher Ebene verlangt man effiziente Entscheidungsmechanismen im Dienste der Wirtschaft. Abgesehen davon sind die Bereiche demokratischer Gestaltungsmöglichkeiten im Nationalstaat und seinen nachgeordneten Gemeinwesen ohnedies im Schwinden begriffen [188].

[195] - Die Wachstumskonkurrenzwirtschaft ist auf permanentes Anspruchswachstum angewiesen. Es wird mit einem milliardenverschlingenden Propagandaapparat angeheizt [13,16,17,174]. Eine Selbstbescheidung der Anspruchsgesellschaft wird immer schwieriger. Selbst bescheidene Einkommenskürzungen werden mit Massendemonstrationen beantwortet.

[196] - Die Maschine hat versprochen, uns von «knechtischer» Arbeit zu befreien und uns für Höheres frei zu machen. In die Hände der Wachstumskonkurrenzwirtschaft gelangt, reißt sie uns in einen immer wilder sich drehenden Strudel von Produktion und Konsum hinein. Zum «Höheren» gehörte in erster Linie die Beschäftigung mit der Frage: Wer bin ich eigentlich? Was brauche ich wirklich zu meiner Selbstwerdung? Was ist der Sinn meines Tuns, meines Lebens? Bin ich nicht wesentlich mehr als nur eine Kreuzung zwischen einem Maximalproduzenten und einem Maximalkonsumenten?

[197] Wollen mir eine «gesunde» Wirtschaft in einer kranken Gesellschaft?

[198] Die Wachstumskonkurrenzwirtschaft hat sich zu einer weltumspannenden Maschinerie gigantischen Ausmaßes ausgewachsen. Deren Mechanismen werden dem reformwilligen Bürger fleißig als eine Art höherer Gewalt vorgehalten, gegen die anzugehen aussichtslos sei. Aber diese Wirtschaft ist keine Naturgewalt, sondern Menschenwerk. Sollten wir, die wir zu den Sternen greifen, außerstande sein, ihr eine menschenwürdige und menschenfreundliche Richtung zu geben?

[199] In unseren Wirtschaftsstrukturen soll eine freie Selbstwerdung in einem freien Spiel der Kräfte möglich sein. Die Eigeninitiative soll nicht erstickt werden. An den Früchten seiner Arbeit soll man sich erfreuen können. Aber «das Freisetzen von Marktkräften alleine führt zum Chaos, es führt zu einem darwinistischen Ausleseprozeß, der im wesentlichen nach dem Faustrecht sich vollzieht». (Kurt Biedenkopf, im Hinblick auf die Rezeption der Marktwirtschaft in den Oststaaten).

[200] Ein Ausmerzungskampf aller gegen alle ist kein Spiel mehr. Und ein Wettbewerb, bei dem es Elende und Tote gibt, verdient diesen Namen nicht. Spiel kann nur Spiel bleiben, solange es sich an Spielregeln hält, die den Wettbewerb innerhalb jener Grenzen hält, welche allen Mitspielern (einschließlich der Natur und der späteren Generationen) ihre Eigenrechte gewährleistet.

[201] Aber Regeln haben keine Konjunktur. Mehr Freiheit, weniger Staat, Deregulierung, Privatisierung   so lauten die Parolen. Und wenn schon, dann nur Regulierungen durch freie Vertragsschlüsse. Eine vertragliche Regulierung aber, die einen echten Interessenausgleich enthält, setzt voraus, daß die Trümpfe ungefähr gleichmäßig verteilt sind - wovon wir besonders im internationalen Verhältnis und im Bereich der Umweltbewahrung weit entfernt sind.

[202] Die Gegenwart verheißt keine Aussichten auf effiziente Spielregeln. Ein freiwilliger Fortschritt zur Vernunft aber ist auf seiten der Produzenten, unter denen es immerhin zahlreiche Einsichtige gibt, durch eben jene Zwangsmechanismen der Wachstumskonkurrenzwirtschaft erschwert. Optimistisch Gestimmte weisen zwar darauf hin, daß die Wirtschaft durch ökonomische und ökologische Notwendigkeiten gewissermaßen von selber in die richtigen Bahnen geleitet werde. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus. Überdies ist die Frage, ob sich der Wandel noch rechtzeitig und radikal genug vollziehen würde.

Die Hoffnung liegt - vorderhand - in einer Reform von unten


[203] Sie beginnt ganz einfach damit, daß mir uns darauf besinnen, was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Und nur das verbrauchen und gebrauchen, was in eine Wirtschaft hineinpaßt, die sich weitestmöglich auf eine Kreislaufwirtschaft zu bewegt. Die Verlängerung dieser Alltagsreform in die Politik hinein geschieht dadurch, daß wir in Wahlen und Abstimmungen die reformwilligen Kräfte unterstützen.

[204] Ohne Verzichte wird es nicht abgehen. Frei ist nur, wer verzichten kann. Es werden Verzichte auf den Überfluß sein, auf das also, was eine als ganzheitlich aufgefaßte Selbstwerdung als unnötig und als mit ökologischen und sozialen Postulaten unvereinbar erkennt.

[205] Ein lustfeindliches Programm? Besteht Lust nur darin, in überquellenden Shoppingcenters die Einkaufswagen turmhoch zu füllen? Oder auf dem "heißen Stuhl" in einem einzigen Tag über eine ganze Serie von Pässen zu heulen?

[206] Gemäß einem nachdenklichen Mann unserer Zeit (Dietmar Mieth) heißt Lust, «unser Leben in gesteigerter Intensität wahrzunehmen». Je mehr sich das Leben in Gegenstände verwandle, um so weniger sei es lustvoll zu erfahren.

[207] Lustvoll ist auch der Biß in das Süßsaftige eines Apfels (ohne Giftverdacht). Der Sprung in ein klares Gewässer. Das Mitschwingen mit einer poetischen Landschaft. Ein fröhliches Fest mit Freunden. Ein gelungenes Werk. Ein Erfolgserlebnis des Mitwirkenden. Die Entdeckerfreude des Nachdenklichen. Die Mitfreude des Hilfeleistenden.

[208] Für ein solches «neues Wohlstandsmodell» (Ernst U. von Weizsäcker) muß man der Fantasie alle Macht wünschen.

[209] Das sei ein elitäres Programm? Eine solche Behauptung läßt sich so lange nicht überprüfen, als eine allgegenwärtige Propaganda den «breiten Schichten» unermüdlich einhämmert, Lust sei mit Maximalkonsum identisch.

[210] Eine Reform von unten räumt der Wirtschaft genügend Zeit ein, ihre Strukturen den Anforderungen an eine gesunde Wirtschaft anzupassen. Dabei wird sie ihre Innovationsfähigkeit fruchtbringender unter Beweis stellen können als durch Anheizen der Anspruchsinflation. Und sie wird besser motivierte Mitarbeiter finden.

[211 ] Als «gesund» kann nur noch eine Wirtschaft gelten, deren Weiterentwicklung eine nachhaltige ist, d.h. deren Subjekte - ob Manager oder Techniker oder Konsumenten  sich für eine gerechte Güterverteilung und die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen ebenso verantwortlich fühlen wie für das Funktionieren einer Wirtschaft, die uns eine angemessene materielle Lebensausstattung ermöglicht.

Die Frauen


[212] Beobachtet man die Politik, welche ihre überwiegende Mehrheit bisher gemacht hat, neigt man zur Annahme, daß sie eine besondere Veranlagung zu einem solidarischen Weltbild haben. Auch die Männer sollten sich indessen nicht scheuen, neben ihrem besitzergreifenden Draufgängertum «weibliche» Züge in sich zu entdecken und zum Tragen kommen zu lassen: Einfühlungsvermögen, Verständnisbereitschaft, Behutsamkeit, unschematisches, intuitives Denken, erfindungsreiche Phantasie, Zuneigung.

[213] Braucht unsere Gesellschaft doppelt so viele Männer?

Zum erstenmal in der Geschichte ist Ethik eine Überlebensfrage


[214] Eine Ethik, die nicht fragt, was sie hier und jetzt nütze. Eine Ethik, welche die Lebensrechte der Mitwelt und der Nachwelt zum eigenen Anliegen macht. Eine Ethik, die bei unumgänglichen Eingriffen in die Mitwelt ganzheitliche Umsicht und Behutsamkeit walten läßt.

[215] Die Natur hat Überlebensgesetze, die eine maßlose Expansion verhindern. Kein Uwe reißt ganze Antilopenherden. Der Mensch hat sich von diesen Gesetzen «befreit». Ihn bewahrt angesichts seiner gegenwärtigen und weiterhin wachsenden Machtmittel nur noch eine Ethik der Solidarität vor der Selbstzerstörung.

[216] Zwangsnormen, selbst wenn sie zustande kämen, sind kein Ersatz. Man kann nicht hinter jeden einen Polizisten stellen. Rechtsnormen können nur dort gelten, wo sie weitgehend freiwillig befolgt werden.

[217] Die Ethik der Solidarität ist lebensfreundlich. Warum soll Leben überhaupt sein? Die Immanenz, das Leben selber, kann darauf keine Antwort geben. Diese Ethik kann ihre Rechtfertigung nur in der Transzendenz haben.

[218] Es wird vielenorts und vielfältig mit Sachkenntnis, Verzichtbereitschaft, Phantasie und uneigennützigem Einsatz an einer Richtungsänderung gearbeitet. Das Wirken der Gemeinwesen hingegen beschränkt sich weitgehend auf umweltfreundliche Ermahnungen und Symptombekämpfungsmaßnahmen. Das ist wenigstens etwas, aber es ist längst nicht genug. Das Gemeinwesen formt zu einem guten (oder schlechten) Teil das Kollektiv-Selbst.

[219] Für die Gemeinwesen (Bund, Kantone, Gemeinden) ist Wachstumskonkurrenzwirtschaft nach wie vor eine Selbstverständlichkeit. Die Politik hat dafür zu sorgen, daß wir überall möglichst die besten Plätze besetzen. Die Auswirkungen dieses Kampfgetümmels sind tabu; jedenfalls werden die Zusammenhänge nicht klargestellt. Die Folgen werden bekämpft wie Krankheiten, deren Ursachen unbekannt sind, und auch das nur in selektiver Weise. Und an die Tatsache, daß unsere Siege immer auf Kosten anderer gehen, wird kein Gedanke verschwendet.

Ein Manifest reinster Wachstumskonkurrenzwirtschaft


[220] Die anfangs 1996 erschienene Publikation «Mut zum Aufbruch» gab Anlaß zu heftigen Diskussionen. Die Lebensansprüche der «Ineffizienten» und die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen waren nicht einmal ein Randthema. Die Frage war nur, wie wir im internationalen Konkurrenzkampf die vordersten Plätze behalten könnten und wer allenfalls dafür den Gürtel enger schnallen müsse. Die  globalisierte Wachstumskonkurrenzwirtschaft blieb unangetastet, als wäre sie eine höhere Gewalt: unabänderlich, alles beherrschend, total.

Bei der Lektüre dieser Programmschrift drängen sich vorweg einige Fragen und Antithesen auf:


[221] - In die «Globalisierung» werden - nebst den alten Industriestaaten - immer nur Lateinamerika und Asien als hoffnungsfrohe Abnehmer und Anbieter einbezogen. Von Afrika ist nirgends die Rede. Liegt Afrika nicht auf unserem Globus? Kann eine «Weltwirtschaft» einfach einen ganzen Kontinent ausgrenzen?

[222] - Wahrscheinlich ist nicht einmal die Grundversorgung der einheimischen Bevölkerung mit einer nach heutiger Auffassung ausreichenden materiellen Lebensausstattung für die ganze Lebenszeit gewährleistet. Eine entsprechend breite Streuung der Arbeitseinkommen wird der internationale Arbeitskostenkonkurrenzdruck verhindern. Und das Postulat der Steuersenkung (wiederum aus Gründen der internationalen Konkurrenzfähigkeit) verhindert, daß der Staat über genügende Mittel verfügt, um die Einkommenslücken zu füllen. Eine ausreichende private Altersvorsorge aber setzt ein ausreichendes Arbeitseinkommen voraus, aus dem die Prämien bestritten werden können. Dazu kommt, daß die postulierte Verlagerung von direkten zu indirekten Steuern eine zusätzliche Reduktion der mittleren und unteren Realeinkommen zur Folge hätte.

[223] - Der geforderte Abbau der «Regelungsdichte des Arbeitsgesetzes» und die Unterwanderung der Organisationsstrukturen der Arbeitnehmer durch die staatsfreie «Vertragsfreiheit der Sozialpartner» (S.71) wird die Arbeitnehmer zu Einzelkämpfern gegen die Arbeitgeberschaft machen. Welche Chancen sie dabei haben werden, kann man sich angesichts des internationalen Konkurrenzdruckes mit seinen Kostensenkungszwängen, der Verlagerung der Massenproduktion ins Ausland und der postulierten Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitskräfte leicht vorstellen.

[224] - Eine Senkung der Realeinkommen bei breiten Schichten würde einen empfindlichen Kaufkraftverlust mit sich bringen. Was sagen jene mittleren und kleinen Unternehmer dazu, die hauptsächlich auf dem Binnenmarkt operieren und sich nicht als Zulieferer eines «Großen» über Wasser halten können?

[225] - Die im Gang befindlichen und sich beschleunigenden Entwicklungen (Globalisierung, Informationsgesellschaft), die wir durch ein völlig kritikloses Mit- und Voraushasten fördern sollen, werden einen Wachstumsschub bewirken, «wie wir ihn noch nie erlebt haben» (S.77). Die ökologischen Folgen bleiben vollständig ausgeklammert. Das Wort «nachhaltig» findet sich zwar einigemal, aber nur als schmückendes Beiwort ohne jede Thematisierung dieses existenzwichtigen Problems. Die Postulate der Deregulierung und der Steuersenkung lassen sogar befürchten, daß dem Staat nicht einmal mehr die gesetzlichen Handhaben und die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen werden, um ausreichend griffige Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und der Ressourcen durchzuführen.

[226] - Das Postulat einer totalen Internalisierung der Straßenverkehrskosten (S. 52f.) ist begrüßenswert. Nicht zu überzeugen vermag dasjenige einer totalen Privatisierung des öffentlichen Verkehrs. Wie wollen Privatunternehmer die durch die Umsteige Verweigerung des Verkehrspublikums verursachten Defizite beseitigen, nachdem diese Verweigerung kaum mehr auf mangeln de Serviceleistungen des öffentlichen Verkehrs zurückzuführen ist? Und woher soll der «schlanke» Staat die Mittel nehmen, um die «Versorgung abgelegener Gebiete» (S. 52) sicherzustellen?

[227] - Die postulierte Forschungs-  und Ausbildungspolitik, die völlig auf Wirtschaftsförderung ausgerichtet ist, wird dazu führen, daß für geilstes-  und umweltwissenschaftliche Lehre und Forschung und damit für die Bereitstellung umfassender Bildung und Orientierungshilfe kaum mehr ausreichende Geldmittel erhältlich gemacht werden können. Dasselbe gilt für die Kulturförderung, bei der es ebenfalls um geistige Lebenshilfe geht.

[228] - Die Vollprivatisierung der Informationsmedien (einschließlich Fernsehen, S. 50) überläßt auch die Information vollständig den «Marktkräften».

[229] - Diesen «Marktkräften» soll praktisch unsere gesamte Lebensgestaltung überlassen werden: unser Arbeitsleben, unser Freizeitleben, unsere Ausbildung, unsere Information, die Gestalt unserer Umwelt und unserer materiellen Lebens-Ausstattung, unsere Zukunftsaussichten und die unserer Nachkommen. Wer aber sind die maß-gebenden «Marktkräfte»? Keineswegs «wir alle»! Vielmehr die draufgängerischen Macher, die Marktleader, die Besitzer der Informations- und Propaganda-Apparate, die Opinionleader kurz: die Mächtigen im Wirtschaftsgeschehen. Sie alle agieren unter dem Gesetz der Maximierung des Eigennutzes, wenn sie nicht aus dem Markt geworfen werden wollen. Und sie alle entziehen sich der demokroatischen Kontrolle des Nachtwächterstaates, den sie nach ihren radikalen Entstaatlichungsplänen noch übriglassen.

Eine zukunftsfähige Wirtschaft


[230] Wir werden unserer Wirtschaft nicht von heute auf morgen eine völlig andere Richtung geben können. Aber die Gemeinwesen sollten endlich davon abkommen, das immerwährende Wachstum und die Erhaltung unserer Wohlstands-Privilegien als das Staatsziel Nummer Eins hinzustellen, dem alles andere unterzuordnen ist. Sie sollten wenigstens vorerst einmal in aller Deutlichkeit auf die damit verbundenen Probleme aufmerksam machen.

[231] Das bedeutet beispielsweise, daß das Bildungswesen nicht nur Ausbildungswesen sein darf, sondern uns auch befähigen muß, über unsere planetare Lebenssituation Klarheit zu gewinnen.

[232] Das bedeutet des weiteren, daß die Gemeinwesen Forschungsprojekte unterstützen und bekanntmachen sollen, die sich Gedanken darüber machen, wie eine menschenfreundliche und zukunftsfähige Wirtschaftsordnung aussehen könnte. Darüber gibt es zwar schon eine Menge Literatur, aber die vorherrschende Politik kümmert sich kaum darum. Es gilt, diese Riesenarbeit auch politisch fruchtbar zu machen. Ohne vernetzte Zukunftsperspektiven fühlt sich der Reformwillige mit seinen Alltagsbemühungen bald einmal in die Vereinzelung getrieben.

[233] Hierher gehört auch die wirksame Unterstützung der Entwicklung von Produkten und Prozessen im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens. Der marktmächtige und finanzkräftige Teil der Wirtschaft widmet solchen technologischen Alternativen noch immer nur ein sehr laues Interesse (was hinter streng verschlossenen Türen geschieht und nicht in die Konsumpropaganda eingespeist wird, trägt zur Wende nichts bei).

[234] Das Wissen um die Welt und ihre Zusammenhänge, die Erweiterung unseres Welt-Bewußtseins also, ist ein urmenschlicher Trieb. Die Forschung wird sich nicht reglementieren lassen. Immerhin können staatliche Gesetze zur Festigung eines Bewußtseins der Verantwortung bei Forschem und ihren Auftraggebern beitragen.

[235] Auch die Information der Konsumenten bedarf der staatlichen Förderung. Für eine Reform von unten müssen sie die Fakten kennen, die sie befähigen, ein Produkt unter den Aspekten seiner Umweltverträglichkeit und einer global gerechten Güterverteilung zu beurteilen. Die Informationswaffen der Konsumentenorganisationen sind unvergleichlich viel kürzer als diejenigen der finanzkräftigen Produzenten.

[236] Es darf auch einmal daran erinnert werden, daß staatliche Regelungen in einer Demokratie kein obrigkeitliches Diktat sind, sondern ein Konsens der Bürger darüber, wie man es in Zukunft in einem bestimmten Problembereich halten wolle. Das Sperrfeuer gegen den «Staat» und «staatliche Bevormundung» läßt ein merkwürdiges Demokratie- und Gemeinschaftsverständnis vermuten. (Ohne dabei übersehen zu wollen, daß ein Staat, der für alle da sein will, den Stärkeren immer ein Dorn im Auge sein muß.) Lassen wir doch die ideologischen Grabenkämpfe endlich hinter uns und prüfen wir von Fall zu Fall im Sinne des Gemeinwohls, wo Freiheit und wo Bindung sein soll.

[237] Daß die Einflußmöglichkeiten der - global gesehen - lokalen Gemeinwesen im Schwinden begriffen sind, läßt sich allerdings nicht leugnen [188]. Hier bleibt zunächst der dezidierte Einsatz für die notwendigen Regelungen auf internationaler Ebene. Sodann aber ist für jeden Problembereich gesondert sorgfältig zu prüfen, wie groß unser Spielraum in Wirklichkeit ist und welche Nachteile wir gegebenenfalls im Interesse des Lebens nun einmal in Kauf nehmen müssen.

[238] Überhaupt wächst es sich allmählich zur lebensbedrohenden Groteske aus, daß wir uns angesichts der enormen kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede auf diesem Planeten mit Haut und Haar der Chimäre einer internationalen Konkurrenzwirtschaft ausliefern. Das planetare Gemeinwohl, d.h. ein erfülltes Leben für alle Erdenbewohner, wird unausweichlich zu einer starken Regionalisierung führen. Auch dafür werden sich unsere Gemeinwesen stark machen müssen. Dann werden auch wieder überschaubarere Verhältnisse und weitergehende Mitwirkungsmöglichkeiten einkehren.

Den Gemeinwesen der Industriestaaten geht das Geld aus


[239] Eine weitere Groteske angesichts des ungeheuren Privatüberflusses! Wir werden uns auf eine Prioritätsordnung für die Ausgaben einigen müssen. Ob dabei im Hinblick auf die Frage, was wirklich auf dem Spiel steht, Positionen wie Straßenbau und Militär weiterhin einen so hohen Rang werden einnehmen können, wird ernsthaft zu überlegen sein. Im übrigen werden wir uns klar machen müssen, daß es die Ausgrenzungsmechanismen unserer Wirtschaft sind, welche die Sozialausgaben ansteigen lassen, und daß der Kampf gegen ausreichende Einnahmen unter der Fahne eben jener Globalisierung geführt wird, auf der in großen Lettern die Fragen stehen: Wo sind die niedrigsten Steuern? Wo die weitmaschigsten Umwelt- und Arbeitsschutzvorschriften? Wo die tiefsten Löhne?
[240] Für manche Aufgaben der Gemeinwesen werden vermehrt unentgeltliche Arbeitsleistungen herangezogen und die «sozialen Netze» gefördert werden müssen.

Unser Land hat Identitätsschwierigkeiten


[241] Die Auswege wären naheliegend. Warum führen wir nicht unsere Geschichte weiter?
[242] Sie hat uns Strukturen beschert, die Einheit in der Vielheit ermöglichen. Es gibt Stimmen in der Welt, die finden, wir hätten hier etwas anzubieten, nach solchen Strukturmodellen bestehe ein Bedürfnis. Unser Angebot kann nicht darin bestehen, daß wir uns überall heraushalten, wo über die regionale und globale Zukunft verbindlich verhandelt wird   ausgenommen dort, wo unmittelbare Vorteile auf der Hand liegen.
[243] Zwei herausragende Wesenszüge unserer politischen Tradition sind die Selbstbescheidung und die Solidarität. Was das in unserer Zeit konkret bedeuten müßte, dürfte inzwischen klar geworden sein. Diese Vergangenheit bedarf keiner "Bewältigung", sondern einer Aktualisierung. Warum findet unser Land eine "Marktnische" nicht auch darin, sich in der entschiedenen Förderung nachhaltiger Techniken und im Entwerfen von praktikablen Modellen und Visionen für eine zukunftsfähige nationale und internationale Gesellschaft hervorzutun?
[244] Wir brauchen indessen nicht auf große wirtschaftlichpolitische Reformprojekte und Umwälzungen zu warten. Jedes gute Wort, jede Bereitschaft zur Verständigung und Hilfeleistung, jedes fortschrittliche Konsumverhalten, jeder noch so bescheidene Einsatz für eine Wende zum Besseren ist ein Zeichen der Hoffnung, das sich fortpflanzt.

 

 
Wer weiterlebt wie bisher, hat nicht begriffen, was droht;
- es nur intellektuell zu denken, bedeutet nicht,
es auch in die Wirklichkeit seines Lebens aufzunehmen.

Karl Jaspers, Philosoph 1883-1969

*

"... während sich die meisten Menschen in hybrider Weise als frei betrachten, sind wir doch in der neuronalen Sklaverei von Indoktrinationen gefesselt, Objekt für ausbeuterische Gehirnwäschen, Lust suchend auf Befehl anderer. ... Es besteht sehr wenig Hoffnung, die Mängel unserer Gesellschaft rasch zu beseitigen, wenn nicht jeder einzelne seine eigenen Motive, seine Lebensweise und seine gesellschaftsorientierte Mitarbeit einer gründlichen Kritik unterzieht. Selbsterkenntnis ist (jedoch R.K.), wenn sie offen und ehrlich geschieht, eines der stärksten Mittel um Unlust hervorzurufen. Solange diese Selbsterkenntnis nicht als Mittel eingesetzt wird, die Lebensweise zu ändern, was an sich bereits lustvoll ist, kann sich niemand als "reif" betrachten, weder in geistiger noch in sozialen noch in neurophysiologischer Hinsicht. ..."

Aus 'Campbell: Der Irrtum mit der Seele' (Originaltitel 'The Pleasure Areas' -  Buchbesprechung: www.humanistische-aktion.de/seele.htm )


Bearbeitung für das Internet: Rudolf Kuhr





Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
5/2004
 

 
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www.humanistische-aktion.de/wende2.htm

Aktualisiert am 21.10.04 RK