Texte zum Thema Gerechtigkeit

 
Humanistisches Werte-System - Versuch zu einer Neu-Orientierung. Grafik und erläuternder Text zu acht wesentlichen Werte-Begriffen.

Teure Beamte - träge Politiker - Pensionen ruinieren Staatshaushalt, Bericht PANORAMA NDR.

Brief zum Thema freier Zugang zu See-Ufern an PANORAMA NDR

Liste deutscher Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten - zusammengestellt vom Berliner Büro des American Jewish Committee.
 

 

Humanistisches Werte-System

Versuch zu einer Neu-Orientierung  
 

Menschlichkeit  >

braucht / ermöglicht                braucht / ermöglicht

          Freiheit                              Verbundenheit

 braucht / ermöglicht                                                           braucht / ermöglicht

Aufklärung                                     Frieden        

   braucht / ermöglicht                                                           braucht / ermöglicht

    Mündigkeit                            Gerechtigkeit

 braucht / ermöglicht                        braucht / ermöglicht

<  Demokratie  <

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Bei diesem Entwurf sollen sinnsuchende, bisher auseinanderstrebende Richtungen sowie alte Werte in einen neuen Zusammenhang gebracht werden, um sie wirksamer dem eigentlichen Ziel der Menschlichkeit dienen zu lassen. Diese geht offensichtlich immer mehr verloren.

Die oben gezeigte bildliche Darstellung des Humanistischen Werte-Systems zeigt einen Kreis von Grund-Werten, in welchem die wesentlichen, zusammengehörenden Aufgaben für eine humanistische Orientierung enthalten sind. Durch ihre Verbindung miteinander, und durch die Überordnung des höchsten Wertes Menschlichkeit wird einem Sichverlieren in untergeordneten Aufgabenbereichen vorgebeugt.

Humanismus

Bisher lediglich als schulische Bildungsrichtung und als Geschichtsepoche der Aufklärung verstanden, kann uns heute der Begriff des Humanismus in geradezu idealer Weise als eine allem anderen übergeordnete Orientierung dienen. Im Vergleich zu allen anderen Ideologien, die nicht das eigentliche Ziel, sondern den Weg oder den Wegbereiter im Namen tragen, ist das Ideal des Humanismus Weg und Ziel in einem. Dies wirkt einem Abweichen vom eigentlichen Ziel, das ja wohl bei allen Ideologien hauptsächlich in der Vervollkommnung der Menschlichkeit liegt, bereits vom Namen her entgegen. Darüber hinaus grenzt der, umfassend als Menschentum verstandene, Humanismus niemanden aus, sondern integriert alle Menschen unserer einen Welt.

Das Neue an diesem Humanistischen Werte-System ist die Anordnung alter, mehr oder weniger gebräuchlicher Wert-Begriffe zu einer Art Regelkreis. An der Spitze steht die Menschlichkeit. Wohlgemerkt nicht der Mensch als "Krone der Schöpfung", sondern allein seine guten Eigenschaften, sein positives Verhalten, seine verantwortliche Gesinnung als Ideal und Möglichkeit. Das Humanistische Werte-System stellt einen sich selbst steuernden "Regelkreis" dar, indem der Soll-Wert Menschlichkeit, der allen anderen Werten übergeordnet ist, zugleich aber auch den Ist-Wert bedeutet, denn Menschlichkeit enthält auch alle negativen Seiten des Menschen. Wichtigstes Steuer-Glied in diesem "Regelkreis" ist die Mündigkeit, gefolgt von der Aufklärung. Beide verhindern ein Sichverlieren in einem untergeordneten Werte-Bereich. Dies erschwert beispielsweise - besonders wichtig - den Mißbrauch der Freiheit, indem diese in den übergeordneten Wert der Menschlichkeit eingebunden wird.

Dieses Humanistische Werte-System ermöglicht persönliche Entfaltung durch individuelle, freie Schwerpunktsetzung und führt gleichzeitig in ganzheitlicher Linearität und Polarisierung entgegenwirkender Orientierung zu einem sinnerfüllenden gemeinschaftlichen Ziel, zur Menschlichkeit. Es kann deshalb als eine zukunftsweisende Alternative zu bisherigen idealistischen oder materialistischen Ideologien gesehen werden.

Nachfolgend einige Bemerkungen zu den verwendeten Begriffen.

Menschlichkeit

Mit dem Begriff Menschlichkeit ist hier ein höchster Wert menschlicher Orientierung, ist eine allem anderen übergeordnete Zielsetzung gemeint. Er ist die zeitgemäße Entschlüsselung und Konkretisierung des Gottes-Begriffs. Menschlichkeit steht hier zwar für eine positive Größe, sie schließt jedoch zugleich die Fähigkeit zu allen negativen menschlichen Eigenschaften mit ein. Menschlichkeit bildet hier nach dem dialektischen Prinzip die Synthese als Realität von der These des Ideals des edlen Menschen und der Antithese aller vorhandenen Anlagen des Menschen zum Bösen und findet im Begriff vom Humanismus als Menschentum einen bewußt positiven, ideellen Ausdruck. Menschlichkeit als höchster Wert mit dem darin enthaltenen Streben zur Verantwortung, zur Weisheit und Vervollkommnung und der gleichzeitig darin enthaltenen Anerkennung aller menschlichen Schwächen und Unfähigkeiten kann als Sinn menschlichen Lebens angesehen werden. Mensch werden, Mensch sein und Mensch bleiben als Teil der Natur wird so zum höchsten aller möglichen Ziele.

Verbundenheit

Die Fähigkeit zur Verbundenheit ist eine grundlegende Voraussetzung zur Menschlichkeit. Ohne die Verbundenheit zur Natur z.B. ist Menschlichkeit auf Dauer nicht möglich, ebensowenig wie Menschlichkeit ohne die Verbundenheit von Verstand und Gefühl. Der Begriff Verbundenheit wird derzeit noch wenig verwendet. Er enthält in seiner unscheinbaren Bezeichnung jedoch das Wesentliche dessen, was auch der anspruchsvolle Begriff Liebe enthält. In dem Begriff Verbundenheit ist auch das eigentliche Wesen von Religion enthalten. Er enthält das Streben nach Ganzheit, nach Heil und nach Frieden, ohne Gegensätzlichkeiten aufzuheben und überwindet so die mit der Polarisierung einher gehende dualistische Spaltung sowie den Extremismus.

Verbundenheit bedeutet mehr als nur Verbindung. Während Verbindung als eine gegebene, materielle, aus einer Situation zwangsläufig entstandene Beziehung zwischen Menschen und der Mitwelt angesehen werden kann, stellt Verbundenheit eine akzeptierte, ein bewußt gewähltes oder angestrebtes geistiges und gefühlsmäßiges Wahrnehmen einer Verbindung dar. Der Begriff der Verbundenheit kann auch die Stellung des menschlichen Individuums als Teil des Organismus der Gesellschaft beziehungsweise der Menschheit deutlicher werden lassen und so einem Zerfall der Gesellschaft entgegenwirken.

Frieden

Frieden bedeutet das Erkennen der Verbundenheit polarer Gegensätze, bedeutet das Anerkennen der Wirklichkeit, ohne auf deren Veränderung zu verzichten. Der Friede beginnt in uns selbst, im Erkennen und Anerkennen unserer eigenen Widersprüche in uns, im Annehmen von uns selbst mit unseren Stärken und Schwächen. Ohne inneren Frieden im einzelnen Menschen und als bewußtes Ideal ist auf Dauer kein Friede zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur möglich. Als Friede wird allgemein ein rechtlich geordneter Zustand innerhalb menschlicher Gemeinwesen bezeichnet. Friede ist demnach nicht allein die Abwesenheit von Krieg. Auch eine Diktatur kann einen friedlichen Eindruck machen. Eine rechtliche Ordnung allein garantiert noch keinen Frieden auf Dauer, wenn diese nicht auch gerecht ist. Wirklicher Friede bedeutet demzufolge menschenwürdiges Leben in einer Mitwelt, deren Streben auf Gerechtigkeit ausgerichtet ist.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit braucht und ermöglicht zugleich inneren und äußeren Frieden. Gerechtigkeit ist nicht naturgegeben. Die Ungerechtigkeit beginnt gewissermaßen bereits mit der Geburt. Niemand wurde gefragt, ob er auf die Welt kommen wollte. Niemand wurde gefragt, welchem Geschlecht er angehören will, welcher Hautfarbe, welchen Eltern, welcher Gesellschaftsschicht, welcher Nationalität. Auch in der Natur begegnet uns immer wieder - vom menschlichen Maßstab aus gesehen - Ungerechtigkeit, das Stärkere besiegt das Schwächere. Gerechtigkeit ist somit ein ethisches Ideal, ein menschliches Leitbild. Menschlichkeit im positiven Sinne ist ohne ein Streben nach Gerechtigkeit nicht möglich, es ist eine der wesentlichen ständigen Aufgaben des mündigen Menschen. Wirkliche Gerechtigkeit kann sich nicht an Gewohnheitsrechten, sondern nur an einem humanistischen Ideal orientieren und mit einer demokratischen Ordnung annähernd verwirklichen.

Demokratie

Demokratie bedeutet Herrschaft des Volkes, sie beruht auf Mehrheitsentscheidungen und muß Minderheiten und Schwache mit einbeziehen. Sie bietet die größten Möglichkeiten zur Gerechtigkeit. Wir haben derzeit zwar eine demokratische Verfassung, aber längst noch nicht die zu ihrer Verwirklichung dazugehörende Zahl sich mündig verhaltender Bürger und Politiker. Demokratie ist nicht nur Staatsform, sondern eine ständige Aufgabe und braucht deshalb mehr an Mündigkeit.

Mündigkeit

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für Demokratie ist Mündigkeit. Sie steht hier für mehr als nur für Volljährigkeit. Mündigkeit heißt, eine kritische Distanz nicht nur zu anderen zu haben, sondern vor allem auch zu sich selbst; für sich selbst voll- und für seine Mitwelt, bestehend aus Mensch und Natur, mitverantwortlich sein zu können und zu wollen. Mündigkeit bedeutet beispielsweise Kenntnis zu haben von der Zusammensetzung der eigenen Persönlichkeit aus den drei Bestandteilen Eltern-Ich (Über-Ich), Erwachsenen-Ich (Ich) und Kinder-Ich (Es), die jeweils mehr oder weniger in jedem von uns enthalten sind. Mündigkeit bedeutet beispielsweise auch Kenntnis von den verschiedenen Anteilen der Motivation unseres Handelns. Mündigkeit schließt das Bedürfnis nach bedingungsloser Aufklärung auf allen Gebieten ein.

Aufklärung

Laut Wörterbuch bedeutet Aufklärung eine europäische Geistesbewegung des 18.Jahrhunderts. Außer dieser geschichtlichen Bedeutung des Begriffs wird dieser heute im Bereich von Militär und Geheimdienst sowie für die theoretische Unterweisung von Kindern und Jugendlichen im Bereich der Sexualität verwendet. Heute wäre es sinnvoll und notwendig, mehr als bisher über die ökologischen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, über die Abhängigkeiten, Besitzverhältnisse und deren Mißbrauch und über die Motive menschlichen Handelns aufzuklären. Auch über die Bedeutung von Begriffen wäre Aufklärung erforderlich, denn Begriffe sind die Werkzeuge des Denkens und falsche Werkzeuge können keine guten Werke erzeugen. Religion und Philosophie beispielsweise sind Begriffe, die sehr oft nicht mehr für das angewendet werden, was sie eigentlich bedeuten; sie werden damit fast in ihr Gegenteil verkehrt. Ähnlich ist es mit den Begriffen Schule, Kultur und Vernunft. Die neueste Verfälschung geschieht mit dem Begriff der "Inneren Sicherheit", mit der lediglich die innerstaatliche gemeint ist.

Freiheit

Freiheit, vor allem innere, ist Voraussetzung für Aufklärung. Äußere Freiheit haben wir heute mehr als jemals zuvor in unserem Land. An innerer Freiheit aber fehlt es oftmals. Zu wenig werden Kinder zu sich selbst hingeführt, zu sehr dagegen durch direkte und indirekte Erziehung von sich weg, hin zu äußeren haltgebenden Werten, Autoritäten und Göttern. Deshalb sind zahllose Menschen innerlich unfrei. Innerlich zu wenig freie Erzieher verhindern so Selbstfindung, Selbständigkeit, Unabhängigkeit und begünstigen damit vielerlei Süchte nach materiellen und geistigen Drogen. Mangels innerer Sicherheit und Freiheit suchen viele ihren Halt einerseits im materiellen Wohlstand, der nie ganz befriedigt, andererseits in einer alten Ideologie mit einem Übervater, der immer Schutz bietet, ohne von seinem Schützling Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu verlangen.

Unser Streben darf nicht länger an erster Stelle Wirtschaftswachstum, Eroberung von Märkten unter der Schirmherrschaft einer imaginären Allmacht heißen, sondern Menschlichkeit, und dazu gehört Mündigkeit, und das bedeutet Arbeit am Menschen, Abschied von kindhaften Bindungen und unbewußten Identifikationen mit Allmachts-Symbolen, Beschränkung auf das Wesentliche, das Menschliche, Wachstum an Menschlichkeit, Orientierung an Humanismus und Natur.
 

Funktion des Werte-Systems

In dem dargestellten Kreis von Grund-Werten sind die wesentlichen, zusammengehörenden Aufgaben für eine humanistische Orientierung enthalten, durch ihre Verbindung miteinander wird einem Sichverlieren in untergeordneten Aufgabenbereichen vorgebeugt. Obwohl der Begriff Regelkreis allgemein in der Technik und mit exakten naturwissenschaftlichen Größen verwendet wird, läßt er sich entsprechend für den menschlichen Bereich verwenden. Der Begriff Menschlichkeit stellt zugleich sowohl den Ist-Wert, als auch den Soll-Wert dar. Der Ist-Wert besteht in dem derzeit bestehenden Zustand des einzelnen Menschen. Der Soll-Wert besteht in seinen humanistischen Idealen, die bekanntlich nie ganz erreicht werden können, die aber stets eine Richtung weisen. Der Regelkreis funktioniert in der Weise, daß sich ein mehr oder weniger mündiger Mensch, der sinnvoll leben möchte, selbständig anhand der in diesem Kreis enthaltenen Begriffe überprüfen kann, wo er derzeit steht und wo er sich hinbewegen will. Ein Einstieg ist überall möglich, Reihenfolge und Richtung sind frei, Querverbindungen möglich, weil alles mit allem in Zusammenhang steht und voneinander abhängt.

Vorrang hat lediglich Menschlichkeit als der allem übergeordnete Wert. Mündigkeit und Aufklärung dürften derzeit als nachgeordneten Werten größere Aufmerksamkeit zustehen, während äußere Freiheit heute in unserer Gesellschaft in einem großen, bisher nie dagewesenen Ausmaß vorhanden ist, so daß bezüglich dieses Wertes vermehrt nach der inneren Freiheit gefragt werden muß, und es muß vor allem gefragt werden: Freiheit wofür?!

Rudolf Kuhr

 

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra?
Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?

(F. Nietzsche, Zarathustra, Vom Wege des Schaffenden)

Sinn unseres Lebens ist die größtmögliche Entfaltung und
Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit in größtmöglicher
Harmonie und Verbundenheit zu unserer Mitwelt.

 
 

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in dem Handbuch 'Wachstum an Menschlichkeit - Humanismus als Grundlage' siehe Info.

 
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Humanistische AKTION

2/1995,4
 
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Aktualisiert am 25.08.05