Die religiösen Wurzeln

der totalitären und der demokratischen Herrschaft
 

Immer wieder werden "deutsche Heiden" namentlich von "linken 68er-Ideologen" in die "rechte Ecke" gestellt oder gar als "Rechtsradikale" verunglimpft. Aus diesem Grunde ist es erforderlich, einmal die Frage nach den religiösen Wurzeln der totalitären Herrschaft einerseits und der freiheitlichen Demokratie andererseits zu stellen.

Wer den [deutschen] Nationalsozialismus bzw. den [italienischen, spanischen und österreichischen] Faschismus als "heidnisch" oder "unchristlich" bezeichnet, muß sich vorhalten lassen, daß sämtliche "Führer" dieser politischen Weltanschauung ausnahmslos römisch-katholische Christen waren: MUSSOLINI (1883-1945) in Italien, von HORTHY (1892-1957) in Ungarn, SALAZAR (1889-1970) in Portugal, FRANCO (1892-1975) in Spanien, DOLLFUSS (1892-1934) und SCHUSCHNIGG (1897-1977) in Österreich und ADOLF HITLER (1889-1945) in Deutschland.

Bis auf den heutigen Tag ist ferner das sog. Reichskonkordat aus dem Jahre 1933 in Deutschland [und auch in Österreich seit 1938!] immer noch gültig. "Durch die Unterzeichnung des Reichskonkordates ist der Nationalsozialismus in Deutschland von der katholischen Kirche [als erstem Staat überhaupt diplomatisch!, Anm. d. Red.] in der denkbar feierlichsten Weise anerkannt worden" 1. "Denn die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen" 2.

Aber auch der sich so "atheistisch" gebende Marxismus-Leninismus kann als totalitäre Herrschaftsform seine religiösen Wurzeln nicht verbergen. Der russische Soziologe FEDOR STEPUN 3 betrachtet die bolschewistische Revolution in Rußland als einen religiösen Vorgang. Das Wesen des Bolschewismus sei nicht im Kampf für eine neue soziale Welt zu suchen, sondern im Kampf gegen Gott, im Bestreben, Rußland und dann auch die ganze Welt dem Teufel auszuliefern. Und MICHAEL BAKUNIN 4 sagt: "Der Erzvater aller Revolutionäre ist der biblische Satan." FEDOR STEPUN entdeckte in MARX einen [religiös-]prophetischen Geist, der nicht nur ein neues Wirtschaftssystem anstrebte, sondern die Neugeburt des Menschen, für den die "klassenlose Gesellschaft" nur eine soziologische Umschreibung des "Reiches Gottes auf Erden", eine Art eschatologische Erwartung war. Und der 1933 aus Deutschland emigrierte US-amerikanische Soziologe HANS JONAS stellt zutreffend fest, daß in dem von ERNST BLOCH angestrebten "Paradies der Muße", in dem das Steckenpferd zum Beruf werden soll, mit dem Körper auch der Geist arbeitslos wird, also jegliche Spontaneität verloren geht. Im kommunistischen Paradies der "klassenlosen Gesellschaft" (ebenso im nationalsozialistischen Paradies der "reinrassigen Gesellschaft" und im christlichen Paradies der "Gottesherrschaft") werden neben der Menschenwürde nach HANS JONAS auch die Freiheit und das echte Menschentum verweigert 5.

Die religiösen Wurzeln der totalitären Herrschaft sind also nicht im Heidentum mit seiner Glaubensvielfalt zu suchen, sondern vielmehr im dogmatischen Christentum. Dagegen deutet bereits das griechische Wort "Demokratie" (wörtlich übersetzt: "Volksherrschaft" 6) auf einen heidnischen Ursprung hin. Schließlich waren die "alten Griechen" als "Worterfinder" keine Christen. Die altgriechische Demokratie umfaßte den Kleinraum (die Stadt) und Züge der Demokratie finden sich auch in der altgermanischen Verfassung.

Aber auch die "älteste Demokratie der Welt" ist eindeutig heidnischen, und zwar genauer: keltischen Ursprungs. Es handelt sich hierbei nämlich um das Ding (Thing) auf der Isle of Man (keltisch: Manin in der Sprache "Manx").

Wer also eine Verbindung zwischen Religion und Politik herstellen möchte, sollte beachten, daß die freiheitliche Demokratie aus der naturreligiösen Weltsicht des Heidentums ursprünglich entstanden ist. Das christliche Weltbild hingegen hat zur Ausformung von autoritären und totalitären Regimen ganz entscheidend beigetragen. "Deutsche Heiden" sind also glaubwürdigere Demokraten [und Humanisten und Tierschützer] als "Christen".

Dr.Mathias Weifert, Miltenberg

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1 Völkischer Beobachter, 24.07.1933.
2 Franz von Papen: Der 12. November 1933 und die deutschen Katholiken,in: Reich und Kirche, 1934, S. 7 f
3 Stepun, Fedor: Der Bolschewismus und die christliche Existenz, 1959.
4 Michael Bakunin, als Revolutionär in Rußland, Deutschland und Österreich zum Tode verurteilt.
5 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung, 1984, S. 342 ff.
6 demos: 1. Land, Gebiet, Gau. 2. Volk, Gemeinde; das gemeine Volk; Gemeindegut; Volksversammlung; Demokratie, Volksherrschaft.
laos: Volk (= Volks-, Menschenmenge); Kriegsvolk; Bundesvolk; Nation.

Europäische Kirchenfreie Rundschau (Österr.) 4/99

 

Hierzu ein Gästebuch-Eintrag:

Am 23. Jan 2004 schreibt
Helmut Zenz
<helmut.zenz (at) t-online.de>

Sehr geehrter Herr Rudolf Kuhr,

mit Erschrecken habe ich auf Ihren Seiten den Text "Die religiösen Wurzeln der totalitären und demokratischen Herrschaft von Dr. Mathias Weifert gelesen. Über eine Nähe der vorkonziliaren römisch-katholischen Kirche aufgrund ihrer monarchisch-ständischen Vorlieben zum Faschismus könnte man ja für bestimmte Gruppen noch diskutieren, aus dem "Katholisch-Sein" von faschistischen und nationalsozialistischen Diktatoren auf "katholische Wurzeln" des Faschismus und Nationalsozialismus zu schließen, ist dagegen absurd.

Die "vorbildhaften" ältesten Demokratien haben bekanntlich noch viele vom Wahl und Abstimmungsrecht ausgeschlossen und das Rechtssystem des Perikles gilt als "Diktatur der Mehrheit".
Die benannten Diktatoren mögen katholisch erzogen worden sein, auch katholisch sozialisiert, ihre "Berufungserlebnisse" entstammen aber eben gerade nicht der christlichen Welt, sondern der heidnischen. Und so verwundert es eben auch nicht, dass für nahezu alle diese Diktatoren gilt, die christliche, insbesondere auch die römisch-katholische Kirche zugunsten einer National-Religion zurückzudrängen, die dann im einzelnen noch Anleihen aus dem römisch-katholischen Kultus nimmt, die ohne Frage auch "Brückenbauer-Theologen" und ultrakonservative Gruppen für sich gewinnen konnte, aber mit Christentum insbesondere auch in seiner römisch-katholischen Ausprägung nichts mehr zu tun hatte.

Romano Guardini, ein katholischer Theologe, hat den Sündenfall Hitlers nachgewiesen durch die Auswechslung der christlichen Heilbringer- und Vorsehungsvorstellung durch eine heidnische (Der Heilbringer in Offenbarung, Mythos und Politik, 1945)

Hauptanliegen der Vordenker der "Neuen Rechten" (z.B. Thule-Seminar) ist wie schon bei den "Alten Rechten" (Rosenberg, Ludendorff, Deutsche Glaubensbewegung, etc.) gerade das Zurückdrängen des Christentums.

Das "Deutsche Heiden" glaubwürdigere Demokraten sind als Christen ist insofern infam, weil die eigentliche "germanische" Demokratievorstellung auf der Idee des Genossenschaftsstaates (vgl. Gierke) und des Rechtsstaates (vgl. Gneist) beruhen und sehr wohl mit dem Christentum vereinbar sind, während die identitären Demokratievorstellungen sich auf die deutsch-idealistischen Pantheisten um Hegel berufen und im Zuge ihrer "Materialisierung" zu den "wahren Volksdemokratien" des linkshegelianischen Marxismus-Leninismus-Stalinismus-Kommunismus und des rechtshegelianischen Faschismus-Nationalsozialismus und zu ihrer Legitimierung neue Mythen eingesetzt, die Linkshegelianer den Mythos des Atheismus, die Rechtshegelianer den Mythos des Polytheismus, beide mit totalitären Konsequenzen. Denn gerade durch diesen weltanschaulich-ideologischen Trick konnte es heißen: Der Führer, die (Einheits)Partei, die (Avantgarde)Bewegung hat immer Recht.

Helmut Zenz

 


 

Die Zweige geben Kunde von der Wurzel.

 
lesen Sie hierzu auch den Text 'Frieden, Demokratie und Religion'
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
1/2000
 


 
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Aktualisiert am 30.01.04